| Werkdaten | |
|---|---|
| Originaltitel: | Ormisda |
Titelblatt des Librettos, London 1730 | |
| Form: | Opera seria |
| Originalsprache: | Italienisch |
| Musik: | Giuseppe Maria Orlandini, Johann Adolf Hasse, Leonardo Vinci u. a., Bearbeitung: Georg Friedrich Händel (?) |
| Libretto: | nach Apostolo Zeno: Ormisda (1721) |
| Uraufführung: | 4. April 1730 |
| Ort der Uraufführung: | King’s Theatre, Haymarket, London |
| Ort und Zeit der Handlung: | Tauri in Persien, um 628 |
| Personen | |
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Ormisda (HWV A3) ist ein Dramma per musica in drei Akten und ein 1730 in London von Georg Friedrich Händel aufgeführtes Pasticcio. Es ist im Händel-Werke-Verzeichnis gelistet, doch ist eine Beteiligung Händels am Arrangement der Musik nicht gesichert. Die Arien stammen von Giuseppe Maria Orlandini, Johann Adolph Hasse und anderen italienischen Komponisten.
Ormisda gehört zu den Werken, die Händel in der ersten Spielzeit der sogenannten „zweiten Akademie“ mit dem neuen Sänger-Ensemble zur Aufführung brachte, das er selber auf seiner vorangehenden Italienreise zusammengestellt hatte.
Autorschaft und Entstehung des Pasticcios sind Gegenstand von Vermutungen und Spekulation. Relativ einig ist man sich darin, dass Händel als Komponist der Rezitative – die bei einem Pasticcio normalerweise vom Arrangeur neu komponiert wurden – aus stilistischen Gründen ausscheidet.
Reinhard Strohm meinte, das Pasticcio sei von Händel und einem Bearbeiter in London arrangiert worden, wobei er die Rezitative und vier Arien aus Giuseppe Maria Orlandinis Vertonung desselben Librettos von 1722 übernommen habe – alle vier besagten Arien wurden 1730 von Händels neuem primo uomo, dem berühmten Kastraten Bernacchi, gesungen, und waren auch ursprünglich für ihn komponiert.
Roberts wies jedoch darauf hin, dass die Texte der Londoner Version von 1730 stark gekürzt und überarbeitet seien und auch die erhaltenen Direktionspartituren „keine Spuren“ von Händels Hand zeigen. Daher vertrat er die These, dass Ormisda, ähnlich wie zuvor das Pasticcio L’Elpidia (UA: London 1725), schon ca. 1725–26 von Owen Swiney, einem „Agenten“ der Royal Academy, in Venedig fertig erworben und dann nach London gesandt worden sein könnte; dort habe man es erst wesentlich später in stark veränderter Form und mit vielen aktuelleren Einlege-Arien aufgeführt. Als möglichen Londoner Arrangeur bzw. Bearbeiter nannte Roberts den Impresario (und Händels Kollegen) Heidegger, der früher in der Tat bereits Pasticci zusammengestellt hatte. Beide Thesen sind jedoch dokumentarisch nicht belegt.
Wie auch immer: Ormisda wurde am 4. April 1730 am King’s Theatre zum ersten Mal unter Händels Leitung aufgeführt, mit der folgenden Besetzung:
Im Gegensatz zu Händels neuesten Opern Lotario (Dezember 1729) und Partenope (Februar 1730) hatte Ormisda großen Erfolg und kam bis zum Ende der Saison im Juni 1730 auf vierzehn Vorstellungen. Am 21. April gab es eine Benefizvorstellung für Anna Maria Strada, wobei zahlreiche Arien durch andere ersetzt wurden.
Das Pasticcio wurde in der nächsten Spielzeit zwischen dem 28. November und dem 8. Dezember 1730 für fünf Aufführungen wiederaufgenommen. diesmal mit Senesino als Cosroe und Giovanni Commano als Erismeno. Auch dabei gab es wieder Änderungen: Drei zuvor von Bernacchi gesungene Arien wurden durch neuere Arien aus Orlandinis Adelaide (Venedig 1729) ersetzt, die auch ursprünglich für Senesino komponiert waren.
Der Musikverleger John Walsh veröffentlichte kurz nach der Premiere elf (oder zwölf ?) „favourite songs“ aus Ormisda.
Das Libretto ist eine Adaption des Ormisda von Apostolo Zeno, welcher zuerst mit Musik von Antonio Caldara im November 1721 in Wien aufgeführt worden war. Als Vorlage für das Londoner Textbuch gilt die von Giuseppe Maria Orlandini für das Teatro Malvezzi in Bologna komponierte revidierte Fassung (UA: Mai 1722), in der die Partie des Cosroe von Bernacchi gesungen wurde, der dieselbe Rolle 1729–30 auch im Londoner Pasticcio übernahm.
Die Rezitative wurden für London wie immer stark gekürzt. Der Text-Bearbeiter ist nicht bekannt, aber man vermutet Giacomo Rossi.
Nach Arthur Ludwig Stiefel ist Zenos Libretto „eine Verschmelzung von Jean Rotrous Cosroès (1649) und Pierre Corneilles Nicomède (1650). … Während er Rotrou mehr die Fabel verdankt, schließt er sich in der Behandlung derselben, namentlich in dem versöhnenden Ausgang, entschieden Corneille an, der mit der melodramatischen Färbung seines Nicomède stark für eine Oper vorgearbeitet hatte“. Im „Argomento“ zu Ormisda nannte Zeno die beiden französischen Dichter jedoch nicht, sondern ließ „vielmehr durchblicken, dass er aus den Quellen selbst geschöpft habe“.
Die Handlung der Oper basiert auf Begebenheiten um den persischen Großkönig Chosrau II. (590 bis 628), seine Frau Schirin und deren Sohn Mardanschah. In verschiedenen historischen Quellen wie dem Chronicon Paschale aus dem 7. Jahrhundert wird berichtet, dass Chosrau seinen erstgeborenen Sohn Kavadh II. Siroe aus einer früheren Ehe übergehen und stattdessen Mardanschah zu seinem Nachfolger machen wollte, und deshalb von Siroe abgesetzt wurde. Die Liebesgeschichte von Chosrau und Schirin wurde auch literarisch verarbeitet, u. a. in dem Epos Chosrau und Schirin des persischen Dichters Nezāmi und in den Märchen aus Tausendundeiner Nacht.
Zeno hat die bereits in beiden französischen Vorlagen nicht übereinstimmenden Namen der Personen verändert, was „zu einiger Verwirrung beim Vergleich der Handlungsabläufe mit der Historie“ führen kann. Die Figuren in Rotrous Cosroès (links) und historischen Personen (in Klammern) entsprechen folgenden Figuren in Zenos Libretto (rechts):
König Ormisda hat zwei Söhne, Cosroe und Arsace. Jener ist der Sohn seiner ersten Frau, letzterer der Sohn der zweiten Gemahlin Palmira. Diese, ein ehrgeiziges, ränkesüchtiges Weib, wünscht mit Umgehung des Thronerben Cosroe die Krone für ihren Sohn Arsace und verfolgt ihren Stiefsohn in jeder erdenklichen Weise. Die beiden Prinzen lieben sich aber, und selbst der Umstand, dass sie beide in eine und dieselbe Schöne, in Artenice, die jugendliche Königin Armeniens, verliebt sind, vermag sie nicht zu entzweien. Der Vater dieser Fürstin hatte bei seinem Tode die Bedingung aufgestellt, dass Artenice ihre Hand dem Thronerben Persiens reichen müsse. Sie liebt zwar Arsace, ist aber auch bereit, Cosroe zu heiraten, falls dieser den Thron besteigt. Das sucht Palmira indes um jeden Preis zu hintertreiben. Cosroe, siegreich in einem Kriege gegen Pontos, kehrt ohne Erlaubnis des Vaters zur Hauptstadt Persiens, Tauri, zurück und erzürnt dadurch den alten König. Palmira sucht daraus Kapital zu schlagen und hetzt den schwachen Monarchen gegen den Sohn auf. Cosroe will dem Befehle seines Vaters nachkommen und ins Lager zurückkehren, verlangt aber, dass Artenice, deren Hand er als der Thronerbe beansprucht, ihm dahin folge. Dem widersetzt sich Palmira, und Ormisda, in Zärtlichkeit für den Sohn und Liebe zur Gattin hin und her schwankend, ist unfähig, einen Entschluss zu fassen. Arsace inzwischen will edelmütig auf Artenices Hand verzichten, damit die Geliebte den Thron besteigen könne. Die Fürstin weigert sich jedoch, das Opfer anzunehmen. Sie entfernt sich, als sie Cosroe kommen sieht. Dieser Prinz erklärt seinem Bruder, wie leid es ihm tue, das schöne Band zwischen ihm und Artenice zerreißen zu müssen. Da erscheint Palmira und verspricht Thron und die Geliebte ihrem Arsace. Voll Ehrerbietung, aber mit Entschiedenheit widerspricht Cosroe der Stiefmutter. Aber diese flammt auf und droht ihm. Diese Szene wird durch Ormisda unterbrochen, der Aufklärung von Arsace verlangt. Dieser weigert sich aber zu sprechen, denn er kann den Bruder nicht verteidigen, ohne die Mutter anzuklagen. Cosroe beteuert indes seine Unschuld, und der König glaubt ihm.
Palmira hat den Satrapen Erismeno ganz für sich gewonnen und ihn bewogen, sich Cosroe angeblich in meuchlerischer Absicht zu nähern und ihm dann zu verraten, er sei von ihr dazu angestiftet worden. Erismeno befolgt den Befehl, und Cosroe verzeiht dem Satrapen unter der Bedingung, dass er seine Aussage vor dem Könige wiederhole.
Ormisda und sein ganzer Hof bringen dem Götzen Mitra ein Opfer dar, dann legt der König die Krone auf den Altar und fordert Artenice auf, einen seiner beiden Söhne zum Gemahl zu wählen, damit dieser zugleich König von Persien werde. Diese Lösung der brennenden Frage dünkte dem Könige die beste zu sein. Aber Artenice weigert sich, eine Wahl zu treffen, und um nicht fernerhin Ursache eines Zwistes zwischen Vater und Sohn, Bruder und Bruder zu sein, beschließt sie, nach Armenien zurückzukehren und dort den ihr bestimmten Gemahl zu erwarten. Nach dem Weggang der Fürstin entsteht erneuter Zwist zwischen den Beteiligten. Cosroe, um die Stiefmutter empfindlich zu treffen, fordert Erismeno auf, zu sprechen, aber der Verräter, anstatt die Königin des Mordanschlags gegen den Stiefsohn anzuklagen, beschuldigt umgekehrt Cosroe, dass er ihn zum Mord an Palmira gedrängt habe. Vergebens verteidigt sich der fälschlich Angeklagte, Ormisda glaubt ihm nicht und lässt ihn von der Wache abführen.
Kaum ist Cosroe weggegangen, so bestürmt Palmira den schwachen König, dass er zu ihrer und ihres Sohnes Sicherheit Arsace zum Könige krönen lasse, und Ormisda erteilt den Auftrag, die Perser und Armenier zu versammeln, denn noch heute werde Arsace den Thron Persiens und die Hand Artenices erhalten. Artenice freut sich zuerst, dass sie Arsace und den Thron endlich erhalte, doch schließlich gewinnt der Edelmut die Oberhand: Sie hält Cosroe für unschuldig und bewegt Arsace, für den Bruder einzutreten. Arsace hat bald Gelegenheit, sich selbst von der Unschuld des Cosroe zu überzeugen, denn er belauscht das Gespräch zwischen seiner Mutter und Erismeno. Gleich will er das Gehörte dem Vater mitteilen, doch die Rücksicht auf die schuldige Mutter verbietet es. Er schwört dieser sogar zu, die Sache geheim zu halten und nichts gegen Erismeno zu unternehmen. Doch nimmt er sich vor, Cosroe unter allen Umständen zu retten.
Ormisda möchte dem Sohn das Leben retten. Er lässt ihn kommen und versucht ihn zu überreden, Palmira um Verzeihung zu bitten. Er solle dann den Thron Persiens erhalten, nur müsse er Artenice und Armenien an Arsace abtreten. Diese Vorschläge weist Cosroe entschieden von sich und kehrt lieber in den Kerker zurück. Da meldet Erismeno plötzlich, dass das Heer aufgewiegelt wurde, um Cosroe zu befreien. Ormisda ist außer sich vor Wut und sagt, dass Cosroe nun sterben müsse. Inzwischen bemüht sich Arsace eifrig, die Begnadigung des Bruders von dem schwankenden Vater zu erwirken. Der alte König bewilligt sie endlich, doch nur unter der Bedingung, dass Cosroe auf Artenice verzichte. Arsace, mit einem geheimen Schlüssel zum Gefängnis ausgerüstet, begibt sich in Begleitung Artenices dahin. Dort war mittlerweile Erismeno mit der Wache erschienen, und das Paar kommt noch rechtzeitig, um jenem sein Mordopfer zu entreißen. Cosroe weigert sich aber auch jetzt noch, Artenice zu entsagen. Gleichwohl und trotz Erismenos Einspruch setzt der edelmütige Arsace den Bruder in Freiheit.
Das Blatt hat sich gewendet: Cosroe steht an der Spitze des Heeres, Ormisda, Palmira und Arsace sind seine Gefangenen. Cosroe lässt erst die Königin vor seinem Richterstuhl erscheinen. Palmira ist ungebeugt im Unglück und weigert sich, Cosroe um Gnade anzuflehen. Auch Ormisda, der hierauf vor seinem Sohn erscheint, schwingt sich nicht zur Höhe väterlicher Majestät auf.
Erismeno ist vom Volke bzw. den Soldaten ermordet worden; zum Bedauern des Prinzen Cosroe ist derjenige Mund verstummt, der seine Unschuld hatte bezeugen können. Aber Artenice hat die letzten Worte des Sterbenden gehört, die die Wahrheit enthüllen. Sie ist im Begriffe, die Königin anzuklagen, doch Cosroe unterbricht sie. Er kniet vor dem Vater nieder und erklärt, er wolle in den Kerker zurückkehren, Ormisda möge den Soldaten und ihren Führern verzeihen, dass sie sich aus Mitleid für ihn zur Empörung hinreißen ließen. Aber Ormisda, besiegt vom Edelmut des Sohnes, erklärt ihn zum König und Gatten Artenices. Cosroe lässt sich aber an Edelmut nicht übertreffen. Er tritt Artenice und Armenien an den Bruder ab. Das Entzücken und die Bewunderung der Anwesenden über die edle Tat des Prinzen teilt auch Palmira: sie entsagt ihrem Hasse und will künftighin Cosroe auch als ihren Sohn ansehen.
Hauptquelle der Musik zu Ormisda ist die Direktionspartitur, die in der British Library in London aufbewahrt wird (MS 31551). Sie enthält zwei Ouvertüren: die erste ist eine Sinfonia von Leonardo Vinci, deren erster Satz aus dessen Oper Gismondo (Rom 1727) und der zweite aus einem seiner Oratorien stammt; diese Sinfonia wurde später durch eine Ouvertüre ersetzt, die in der überlieferten Cembalopartitur Francesco Bartolomeo Conti zugeschrieben ist („Ouverture del Sr Conti“).
Wer die Rezitative komponierte, ist nicht bekannt: Während Strohm meinte, sie könnten aus Giuseppe Maria Orlandinis Vertonung des Ormisda (Bologna 1722) stammen, glaubte Roberts, sie seien neu komponiert – aber jedenfalls nicht von Händel (siehe oben).
Die meisten Arien, bis auf sieben, konnten durch Reinhard Strohm identifiziert werden. Auffälligerweise stammen alle vier Arien des Cosroe – und anscheinend nur diese – aus Orlandinis Ormisda, was darauf hindeuten könnte, dass die Entstehung des Pasticcios irgendwie mit dem primo uomo Bernacchi zusammenhängt oder durch ihn angeregt wurde, da diese Partie ursprünglich für ihn komponiert war. Auch zwei weitere Arien (anderer Figuren) waren von Orlandini, und zwar aus dessen Opern Antigona (1727) und Lucio Papirio (1718).
Auch die Altistin Antonia Merighi als Palmira sang fünf Arien, die ursprünglich alle für sie komponiert wurden, jedoch aus anderen Opern verschiedener Komponisten, und zwar von Orlandini, Vinci, Johann Adolph Hasse und Giovanni Antonio Giay. Darüber hinaus, und abgesehen von den anonymen Stücken, sind noch Arien von Nicola Porpora, Andrea Stefano Fiorè und Domenico Sarro enthalten.
In der Benefizvorstellung für die prima donna Anna Maria Strada am 21. April wurden zehn Arien und der Schlusschor und (laut Roberts) vielleicht auch die Ouvertüre durch andere Nummern ersetzt. Bis dahin noch nicht vertretene Komponisten später eingelegter Ersatzarien waren Leonardo Leo und Geminiano Giacomelli.
Abgesehen von der neuen (anonymen) Aria finale „Agitata dal vento“ für die Strada und dem Schlusschor wurden die meisten dieser Änderungen bei der Wiederaufnahme in der folgenden Saison wieder rückgängig gemacht. Doch da nun Senesino als neuer primo uomo mitwirkte, wurden für ihn drei der vier für Bernacchi komponierten und von diesem gesungenen Arien aus Orlandinis Ormisda gestrichen und durch Arien aus Orlandinis Adelaide ersetzt. Diese gehörten zu Senesinos Repertoire und waren ursprünglich für ihn komponiert: Er hatte sie 1729 in der Uraufführungssaison dieser Oper in Venedig gesungen, mit Händel im Publikum.
Zwei Oboen, zwei Trompeten, Streicher, Basso continuo (Violoncello, Erzlaute oder Theorbe, zwei Cembali).
Die überzeugte Händel-Anhängerin Mrs. Pendarves war von Ormisda schwer enttäuscht:
“Operas are dying, to my great mortification. Yesterday I was at the rehearsal of a new one; it is composed of several songs out of Italian operas; but it is very heavy to Mr. Handel's.”
„Opern liegen im Sterben, zu meinem großen Leidwesen. Gestern war ich bei der Probe von einer neuen; sie ist aus mehreren Arien aus italienischen Opern zusammengesetzt; ist aber im Vergleich zu Mr. Händels sehr grob.“