Orthorexia nervosa

Der Ausdruck Orthorexia nervosa bzw. Orthorexie ist der vorgeschlagene Name für das Krankheitsbild einer Essstörung, bei der die übermäßige Beschäftigung mit der Qualität der Lebensmittel aufgrund selbst auferlegter Regeln zu psychischen und physischen Beeinträchtigungen führen kann.

Die Bezeichnung Orthorexie wird in den Medien verwendet, um auszudrücken, dass ein bestimmtes Ernährungsverhalten – meist, indem es einem gesellschaftlichen Trend entspricht – als krankhaft eingestuft wird (Pathologisierung).

Orthorexia nervosa ist nicht in der ICD-11 und dem DSM-5 gelistet. Ihr Status als potentielles Krankheitsbild wird in Fachliteratur und populärwissenschaftlicher Literatur kontrovers diskutiert.

Begriffsgeschichte

Der Begriff Orthorexie (von griechisch ὀρθός orthós „richtig“ und ὄρεξις órexis „Begierde“, „Appetit“) wurde erstmals vom US-amerikanischen Arzt Steven Bratman im Oktober 1997 in Anlehnung an die Bezeichnung Anorexia nervosa geprägt.

Bratmans Artikel erschien im „Yoga Journal“ unter dem Titel „Geständnisse einen Gesundheitsjunkies“. Bratman, der jahrelang spezielle Diäten sowohl bei sich selbst als auch bei seinen Patienten praktiziert hatte, habe bei sich und vielen Gleichgesinnten krankhafte Muster im Umgang mit dem Thema Essen entdeckt. Problematisch seien vor allem Ernährungsphilosophien mit stark ideologischer Komponente, die ihren Anhängern beispielsweise den Schutz vor Krankheiten aller Art versprechen.

Bratman sah Veganismus als „eine Erfindung von Leuten, die in westlichen Gesellschaften lebten und zu viel Zeit hatten“. Der Veganismus sei unlogisch, „da sich Tiere auf der ganzen Welt dazu hingeben, sich gegenseitig zu essen“. Durch die „arrogante Verletzung dieses Naturgesetzes“ könne eine vegane Ernährung Menschen unglücklich machen. Für Bratmans Behauptungen gibt es keine wissenschaftlichen Belege, große Metastudien belegen hingegen positive gesundheitliche Auswirkungen durch eine vegane Ernährung. Ebenso wurde in Studien, anders als von Bratman behauptet, eine allgemein positivere Stimmung und ein geringeres Stresslevel bei veganer Ernährung festgestellt.

Diskussion um ein mögliches Krankheitsbild

Orthorexie wird als eine ausgeprägte Fixierung auf die Auswahl von „gesundem“ und der Vermeidung von „ungesundem“ Essen verstanden. Ob es sich dabei um eine Krankheit oder lediglich um einen „aufwendigen“ Lebensstil handelt, wird daran gemessen werden müssen, zu wie viel Leidensdruck dieses Verhalten führt. Dies ist für eine Anerkennung als Krankheit ausschlaggebend.

Orthorektisches Verhalten könnte andererseits als Bewältigungsstrategie für eine zu Grunde liegende schwerere Essstörung im Sinne einer „Ausstiegsdroge“ gesehen werden. Nach dieser Auffassung würde mit der Feststellung einer Orthorexia nervosa lediglich ein Befund erhoben und der Diagnose „schwerere Essstörung“ zugeordnet.

Auch für den Fall einer eigenständigen Erkrankung existiert noch kein anerkanntes System zur Diagnose der Orthorexie. Es wird diskutiert, ob zu einer Diagnose der Orthorexie auch die Präsenz zwanghafter Persönlichkeitszüge notwendig sein könnten. Der fließende Übergang von normal zu krankhaft hat viel mit dem Konzept der Persönlichkeitsstörungen gemein.

Während die Anorexia nervosa eine quantitative Essstörung ist, wird die Orthorexie als eine qualitative Essstörung beschrieben. Nach Barthels beträgt die Prävalenz in der Gesamtbevölkerung ein bis zwei Prozent.

Vorschlag diagnostischer Kriterien

Bratman hält es für möglich, dass die Orthorexie ein Krankheitsbild im Bereich der vermeidend-restriktiven Essstörung ist. Er schlug 2016 folgende diagnostische Kriterien vor:

Kriterium A: Zwanghafte Beschäftigung mit „gesunder Nahrung“, Fokussierung auf Fragen der Qualität und Zusammensetzung des Essens (zwei oder mehr der folgenden Punkte müssen erfüllt sein):

Kriterium B: Die zwanghafte Beschäftigung führt zu wenigstens einem dieser Probleme:

Kriterium C: Die Störung ist nicht nur eine Zuspitzung von Symptomen einer anderen Störung, wie Zwangsstörung, Schizophrenie oder einer anderen psychotischen Störung.

Kriterium D: Das Verhalten wird nicht durch ein strenges Beachten von traditionellen religiösen Essensvorschriften erklärt, oder wenn die Beschäftigung mit speziellen Essensvorschriften aufgrund ärztlich diagnostizierter Nahrungsmittelallergien oder anderen Krankheiten, die eine spezifische Diät erfordern, ausgelöst wird.

Kultureller Hintergrund

Viele Betroffene basieren ihre Überzeugungen bzgl. optimaler Ernährung auf gesellschaftliche Ernährungstrends wie z. B. Steinzeiternährung. Deren Befürworter führen meist auch Gesundheitsargumente an, obwohl es an wissenschaftlichen Studien zur behaupteten positiven Wirkung fehlt. Ursächlich für die Verbreitung dieser Trends ist aber nicht nur der Wunsch nach gesunder Ernährung, sondern auch Selbstdarstellung und Individualisierung.

TV-Beiträge

Literatur

Einzelnachweise

  1. ↑ Mira Fricke: Wenn gesunde Ernährung ungesund wird. Aachener Zeitung, abgerufen am 23. März 2026.
  2. 1 2 Orthorexie: Sinnvoll oder pathologisch? Deutscher Ärzteverlag GmbH, Redaktion Deutsches Ärzteblatt, 9. Januar 2014, abgerufen am 22. März 2026.
  3. ↑ Marius Koch: Gesundheitsbewusst oder schon krank durch strenge Ernährungsregeln: Wie lässt sich Orthorexie erkennen? Norddeutscher Rundfunk, abgerufen am 22. März 2026.
  4. ↑ Der ursprüngliche Aufsatz über Orthorexie, im Oktober 1997 im Yoga Journal veröffentlicht. (Seite nicht mehr abrufbar, festgestellt im August 2023. Suche im Internet Archive)
  5. ↑ Active Interest Media Inc: Yoga Journal. Active Interest Media, Inc., Oktober 1997 (englisch, eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  6. ↑ Steven Bratman, David Knight: Health food junkies : overcoming the obsession with healthful eating. Broadway Books, New York 2000, ISBN 0-7679-0630-6, S. 235–236 (englisch, Online [abgerufen am 7. Februar 2023]).
  7. ↑ Wai-Kit Tow: The green plate effect: Systematic review and meta-analyses of vegan diets and metabolic health in adults- findings from randomized controlled trials. Trends in Food Science & Technology, Nr. 164. Elsevier, Oktober 2025, S. 105227 (englisch).
  8. ↑ Stoilović Slađana, Miletić Jelisaveta, Branković Marija: Are vegans happy? The relationship between meat consumption, mood, personality traits and life satisfaction. Hrsg.: Filozofski fakultet Univerziteta u Beogradu. Proceedings of the XXX Scientific Conference Empirical Studies in Psychology. Belgrad 2024, ISBN 978-86-6427-284-1 (englisch).
  9. ↑ Katharina Hauer: Orthorexia nervosa bei österreichischen Diätassistentinnen. Dissertation. Innsbruck 2005. (online) (Seite nicht mehr abrufbar, festgestellt im August 2023. Suche im Internet Archive)
  10. ↑ L. M. Donini, D. Marsili, M. P. Graziani, M. Imbriale, C. Cannella: Orthorexia nervosa: validation of a diagnosis questionnaire. In: Eat Weight Disord. 2005 Jun
  11. ↑ L. M. Donini, D. Marsili, M. P. Graziani, M. Imbriale, C. Cannella: Orthorexia nervosa: a preliminary study with a proposal for diagnosis and an attempt to measure the dimension of the phenomenon. In: Eat Weight Disord. 2004 Jun
  12. ↑ Ryan M. Moroze, Thomas M. Dunn, J. Craig Holland, Joel Yager, Philippe Weintraub: Microthinking About Micronutrients: A Case of Transition From Obsessions About Healthy Eating to Near-Fatal “Orthorexia Nervosa” and Proposed Diagnostic Criteria. In: Academy of Psychosomatic Medicine (Hrsg.): Psychosomatics. Band 56, Nr. 4. Elsevier, 2015, S. 397–403, doi:10.1016/j.psym.2014.03.003 (englisch, Manuskript auf Academia.edu).
  13. ↑ Lars Weisbrod: Ego, achtsam gekaut. In: Die Zeit, Nr. 6/2016
  14. ↑ Food Report 2016. Zukunftsinstitut