„Candidatus Parvarchaeum“ ist eine Kandidaten-Gattung von Archaeen im ReichNanobdellati (früher DPANN).
Es gibt derzeit (Mitte Dezember 2025) keine kultivierbaren Vertreter der Gattung.
Beschreibung
Die Mitglieder (Kandidaten) der Gattung „Ca. Parvarchaeum“ sind Beispiele für die „Mikrobielle dunkle Materie“ – in natürlichen Umgebungen identifizierte, bislang nicht kultivierten Mikroorganismen. Die Metagenomik hat in neuerer Zeit den Zugang zu Genomen dieser Mikroben ermöglicht, doch gibt es noch Wissenslücken – insbesondere bei Archaeen, die relativ selten vorkommen und in extremen Umgebungen leben. Die Mitglieder dieser Kandidatengattung sind Beispiele für ultrakleine Zellen mit einem Durchmesser von weniger als 500nm, deren Abstammungslinien nahe der Grenze zwischen Thermoproteati (früher „Crenarchaea“) und Methanobacteriati (früher „Euryarchaea“) verzweigen und in einer Vielzahl von sauren Ökosystemen nachgewiesen wurden.
Im Jahr 2010 veröffentlichten Brell J. Baker, Jillian F. Banfieldetal. die nahezu vollständige Genome von drei Abstammungslinien, die ursprünglich provisorisch pauschal als ARMAN (Archaeal Richmond Mine Acidophilic Nanoorganisms) bezeichnet wurden, und aus Umweltproben und einem Biofilmfiltrat stammten.
Die Gene zweier dieser Linien gehören zu den kleinsten bis dato beschriebenen.
Für bis zu 45% der 2010 sequenzierten Gene konnte keine (zu diesem Zeitpunkt) bekannte biologische Funktion abgeleitet werden, und nicht mehr als 63% der vorhergesagten Proteine konnten einer damals aktuell überarbeiteten Gruppe orthologer Archaeen-Cluster zugeordnet werden.
Einige zentrale Stoffwechselgene kommen in Thermoproteati („Crenarchaeota“) häufiger vor als in Methanobacteriati („Euryarchaeota“ sensu lato). Bis zu 21% der Gene weisen die höchste Sequenzidentität mit bakteriellen(!) Genen auf, und 12 gehören sogar zu orthologen Clustern, die zuvor ausschließlich bei Bakterien bekannt waren.
Ein kleiner Teil der ausgeführten Rekonstruktionen per 3D-Kryoelektronentomographie zeigte deutlich die Durchdringung der ARMAN-Zellwand und der zytoplasmatischen Membranen durch „Ausstülpungen“ (englischprotuberances), die von Zellen der Archaeen-Ordnung Thermoplasmatales als eine artenübergreifende Interaktion ausgingen.
Weiter gibt es einzigartige interne röhrenförmige Strukturen (Organellen)
Dies alles und die vielen Gene, die zuvor nur mit Thermoproteati („Crenarchaeota“) oder Bakterien in Verbindung gebracht wurden, deuten auf eine umfangreiche einzigartige Physiologie in diesen Nanobdellati- oder DPANN-Organismen hin, und damit dass sie sich etwa zu der Zeit verzweigten, als sich auch die Abstammungslinien der Thermoproteati („Crenarchaeota“) und Methanobacteriati („Euryarchaeota“) voneinander trennten.
Gattung „CandidatusAcidifodinimicrobium“ Luo et al. 2020(N,G) – in der NCBI-Taxonomie in eigener Familie „Ca. Acidifodinimicrobiaceae“ Luo et al. 2020(N) innerhalb von „Ca. Parvarchaeota“ syn. „Ca. Parvarchaeales“ im Reich Nanobdellati [DPANN]
Gattung „CandidatusParvarchaeum“ Bakeret al. 2010(L,N,G) – in der NCBI-Taxonomie ist die Kandidatengattung innerhalb der Nanobdellati ohne nähere Zuweisung Mitglied eines eigenen PhylumsCa. Parvarchaeota
Art „Ca.Parvarchaeum acidiphilum“ Bakeret al. 2010(L,N) (Typusart(L))
Spezies Ca. Parvarchaeum sp. isolate BE2012_37_19(N) – in der GTDB als Spezies 1-14-0-10-34-76 sp020724955 in der Familie f__GW2011-AR1 der Ordnung Pacearchaeales klassifiziert
Stamm BE2012_37_19(N,G) – Fundort: Beatrix mine (BE) im Gebiet (englischdistrict) von Welkom, Südafrika(N,G)
Gattung „CandidatusRehaiarchaeum“ Rao et al. 2023 – in der NCBI-Taxonomie ohne nähere Zuordnung innerhalb von „Ca. Parvarchaeota“ syn. „Ca. Parvarchaeales“ im Reich Nanobdellati [DPANN]
Weitere Gattungen mit provisorischen Namen(G), bzw. in der NCBI-Taxonomie weitere Spezies ohne nähere Zuordnung in „Ca. Parvarchaeota“ syn. „Ca. Parvarchaeales“
Wo nicht anders angegeben ist der erste Stamm (bzw. das erste MAG) Typusstamm (englischtype strain) für die jeweilige Spezies.
Verbreitung
Abgesehen von der ursprünglichen Fundstelle Richmond Mine am Iron Mountain im Norden Kaliforniens stammen mit Ausnahme einiger unsicherer Kandidaten alle Funde (Gensequenzen) zu „Ca. Parvarchaeum“ von Minen in China, s.o. (was aber nicht notwendig die tatsächliche Verbreitung der Gattung widerspiegeln muss). Eine breitere Verteilung scheint es zudem in der näheren Verwandtschaft der Gattung zu geben.
Der vorgeschlagene Gattungsname Parvarchaeum ist neulateinisch und zusammengesetzt aus lat. parvus‚klein‘ und neulat. archaeum von altgriechischἀρχαῖονarkhaîon, deutsch ‚archaisch‘, ‚alt‘; es bedeutet also ‚kleine Archaeen‘ oder eine alte, archaische Lebensform kleiner Organismen.
Das Art-Epithetonacidiphilum ist neulateinisch von lateinischacidum‚Säure‘ und altgriechischφίλος/φῐ́λονphílos/phĭ́lon, deutsch ‚Freund‘, ‚freundlich‘, bedeutet also einen ‚Säurefreund‘ oder säureliebenden Organismus.
Das Art-Epitheton paracidiphilum stammt von der altgriechischen Präposition παράpará, deutsch ‚neben‘ und acidiphilum und bezeichnet eine Spezies neben, ähnlich oder phylogenetisch nahe P. acidiphilum.
Das Art-Epitheton tengchongense ist neulateinisch mit der Bedeutung ‚von Tengchong‘ (chinesisch騰衝/腾冲, PinyinTéngchōng) oder ‚zu Tengchong gehörig‘.
Einzelnachweise
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Olga V. Golyshina, Stepan V. Toshchakov, Kira S. Makarova, Sergey N. Gavrilov, Aleksei A. Korzhenkov, Violetta La Cono, Erika Arcadi, Taras Y. Nechitaylo, Manuel Ferrer, Ilya V. Kublanov, Yuri I. Wolf, Michail M. Yakimov, Peter N. Golyshin: ‘ARMAN’ archaea depend on association with euryarchaeal host in culture and in situ. In: Nature Communications, Band 8, Nr.60, 5. Juli 2017; doi:10.1038/s41467-017-00104-7, PMID 28680072, PMC5498576(freier Volltext).
↑Christian Rinke, Serene Low, Ben J. Woodcroft, Jean-Baptiste Raina, Adam Skarshewski, Xuyen H. Le, Margaret K. Butler, Roman Stocker, Justin Seymour, Gene W. Tyson, Philip Hugenholtz: Validation of picogram- and femtogram-input DNA libraries for microscale metagenomics. In: PeerJ, Band 4,22. September 2016, doi:10.7717/peerj.2486, PDF (englisch). Siehe insbes. Fig.6.
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Brett J. Baker, Luis R. Comolli, Gregory J. Dick, Loren J. Hauser, Doug Hyatt, Brian D. Dill, Miriam L. Land, Nathan C. Verberkmoes, Robert L. Hettich, Jillian F. Banfield: Enigmatic, ultrasmall, uncultivated Archaea. In: PNAS, Band 107, Nr.19, 11. Mai 2010, S.8806-8811; doi:10.1073/pnas.0914470107, PMC2889320(freier Volltext), PMID 20421484, Epub 26. April 2010 (englisch).
↑
Luis R. Comolli, Brett J. Baker, Kenneth H. Downing, Cristina E. Siegerist, Jillian F. Banfield: Three-dimensional analysis of the structure and ecology of a novel, ultra-small archaeon. In: The ISME Journal, Band 3, Nr.2, Februar 2009, S.159–167; doi:10.1038/ismej.2008.99, PMID 18946497, Epub 23, Oktober 2008 (englisch).