Paul F. Knitter

Paul F. Knitter (Juni 2007)

Paul Francis Knitter (* 25. Februar 1939 in Chicago) ist ein US-amerikanischer katholischer Theologe und Religionswissenschaftler und ehemaliger geweihter Priester. Derzeit lehrt er als Professor für Theologie, Weltreligionen und Kulturen auf dem renommierten „Paul-Tillich-Lehrstuhl“ am Union Theological Seminary in the City of New York. Er gilt, neben anderen etwa John Hick, als Vertreter einer ‚Pluralistischen Religionstheologie‘.

Ausbildung und Tätigkeit

Knitter stammt aus einer tief gläubigen Chicagoer Arbeiterfamilie. Sein Vater war Paul Lewis Knitter (27. Juli 1915 – 9. Dezember 1995) aus Illinois und seine Mutter Rose Georgiana (12. März 1914 – 31. Mai 1980) war eine geborene Dolezal (auch Doležal). Er besuchte dort die School Sisters of St. Francis bevor er zur High School wechselte. In Summit (Illinois) wurde er an der St. Joseph Summit PreSchool-8th Grade unterrichtet, um dann an das Divine Word Seminary, East Troy (Wisconsin) zu wechseln. Nach der High School und nach zwei Jahren Noviziat trat er im Jahre 1958 der Societas Verbi Divini (SVD) bei, um Missionar zu werden.

Im September 1962 wurde er zum Studium nach Rom beordert. Im Oktober, nachdem er dort angekommen war, eröffnete Papst Johannes XXIII. das Zweite Vatikanische Konzil und damit die bedeutende ‚Reformkonferenz‘ in der katholischen Kirche. Nach einem Studium der Theologie an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom (Lizentiat 1966) ging er nach Münster, um bei Karl Rahner zu promovieren. Nach einem halben Jahr machte er die Entdeckung, dass ein anderer Doktorand gerade in Rom eine Dissertation über das gleiche Thema veröffentlicht hatte. Er unterbrach sein Vorhaben und ging zu Carl Heinz Ratschow nach Marburg um über die protestantischen Religionstheologien, so insbesondere von Paul Althaus zu promovieren. Knitter schloss seine Studien dann mit einem Doktorat der Evangelischen Theologie an der Universität Marburg (1972) ab. Titel seiner Dissertationsschrift Towards a Protestant Theology of Religions. Zeitweise war er als Assistent von Rudolf Bultmann tätig.

Er war der erste römisch-katholische Theologe, der zur theologischen Promotion an der Universität Marburg zugelassen worden war. Ein Freund aus seiner Marburger Studienzeit ist der evangelische Theologe Bernd Jaspert, der Herausgeber seines Buches Horizonte der Befreiung.

Seit 1972 lehrte er als Professor am Catholic Theological Union in Chicago. Seit 1975 war er Professor für Systematische Theologie und Religionswissenschaften an der Xavier University in Cincinnati, Ohio. Zuvor legte er, im gleichen Jahr, sein Priesteramt nieder. Knitter war im Jahre 1966 in Rom zum Priester geweiht worden.

1984 unterzeichnete Knitter die Kampagne A Catholic Statement on Pluralism and Abortion.

Er ist seit dem 31. Dezember 1982 mit Catherine (Cathy) Mary Cornell verheiratet, der er sein Buch No other name? widmete, das auch ins Deutsche übersetzt wurde. Beide haben zwei Kinder, John und Moira Knitter.

Von 1986 bis 2004 war er Mitglied des Verwaltungsrates von CRISPAZ („Christians for Peace in El Salvador“, „Christen für den Frieden in El Salvador“). Er gilt als einer der weltweit führenden christlichen Vertreter des Dialogs der Religionen und seit Erscheinen seines Buchs Without Buddha I Could Not Be a Christian (2009) auch als Proponent der „religiösen Zweisprachigkeit“ (Dual Belonging).

Werk

Die zentrale Erkenntnis in den pluralistischen Religionstheologien ist die Beobachtung, dass es nicht nur das Christentum, sondern mehrere weitere Religionen gibt. Knitters Religionstheologie richtete sich auf einen theozentrischen Gott hin aus, sie bezeichnete Gott als bereits in sich selbst pluralistisch, da trinitarisch. Jesu Christi einzigartige heilshafte Rolle reinterpretierte er so, dass sie sich als wahrhaft, aber eben nicht einzigartig verstehen ließe. Aus christlicher Perspektive kann, nach Knitter, die Entwicklung von einem Ekklesiozentrismus zum Christozentrismus und zu einem Theozentrismus entwickelt werden. Wenn der theozentrische Ansatz als Grundlage für eine ‚Theologie der Religionen‘ aus christlicher Perspektive diene. Eine christozentrische Haltung ohne Theozentrik würde leicht zu einer Idolatrie, in der nicht nur die christliche Offenbarung Schaden nähme, sondern auch der Offenbarungen, die in anderen Religionen auffindbar seien. Jesus von Nazareth selbst habe seine Botschaft theozentrisch gesehen. Eine Tradition, die es wieder aufzugreifen und weiterzuführen gelte.

In seiner Arbeit „Introducing Theologies of Religions“ (2002) beschreibt er die philosophischen Ausgangspunkte, um die verschiedene Theologien der Religionen nebeneinander zu betrachten. So sieht er die Schöpfung als Vielfalt oder Pluralität an und breitet diesen Gedanken insofern weiter aus, dass die Menschen auf diese Weise auch Weltanschauungen und Religiosität betrachten können; als eine geschaffene Vielfalt, in der die Menschen sich in ihrem eigenen Glauben auch auf das beziehen können, was andere denken. Knitter beschreibt hierzu in dem Werk vier wichtige religiöse theologische Modelle. Die Grundlagen für diese Modelle lieferte John Hick und dessen Schüler Alan Race:

Die pluralistische Position nimmt eine ‚relative Wahrheit‘ vielen Religionen an, aber keine von ihnen besitze die endgültige Wahrheit. Das Fazit, die Religionen oder religiösen Systeme können voneinander lernen.

Das Sprechen über Gott, das religiöse Narrativ, sei immer ein symbolisches Reden. Dabei ist sein Anliegen die ‚Reich-Gottes-Predigt‘ und die ‚Solidarität Gottes‘ mit den Leidenden, den armen und geschundenen Menschen, sie stehen für Knitter im Fokus seines theologischen Forschens. Deshalb sei theologisch auch „eine am Reich Gottes orientierte Christologie“ zu konzipieren.

Für Knitter, und er folgt hierbei der Auffassung seines guten Freundes Aloysius Pieris, ist der besondere oder einzigartige Beitrag, den die Christen zum Dialog mit anderen Religionen leisten können, dass Jesus Gottes Verteidigungspakt mit den Armen sei, so Pieris, oder wie Knitter formulierte:

„Das Christentum ist eine Religion, die ihre Anhänger und alle anderen Religionen daran erinnert, dass Gott zu kennen heißt, sich um die Opfer in unserer Welt zu sorgen und darum, dass wir Versöhnung zwischen Opfern und Tätern stiften müssen.“

– Paul F. Knitter: Ohne Buddha wäre ich kein Christ. Herder, Freiburg 2012, S. 208–209, Tagebucheintragung vom 1. Juni 2003.

Während Knitter, stärker ein praktisch-religionsdialogische Anliegen artikuliert, ist der Ansatz, den John Hick verfolgt, mehr der der theoretisch-religionsphilosophische Deutung zur Religionspluralität.

Selbstverständnis des Christentums

Für Knitter geht es darum, Jesus nachzufolgen, und nicht darum, ihn zu verherrlichen. So rückt die Person Jesu aus dem Fokus der Aufmerksamkeit hin zu seinen Verkündigungen eines Reich Gottes, dies sei, so die Interpretation Knitters, genau das Ansinnen Jesu selbst gewesen. Damit gestaltet er eine ‚am Reich Gottes orientierte Christologie‘.

Position der Römisch-katholischen Kirche zur pluralistischen Religionstheorie

Knitter gilt seit den 1980er Jahren als ein führender Vertreter des religiösen Pluralismus und wurde dafür auch von Kardinal Joseph Ratzinger, der ihm Relativismus vorwarf, scharf kritisiert. In konservativen katholischen Kreisen wird auch wiederholt darauf hingewiesen, dass Knitter das Priesteramt aufgegeben und geheiratet hat, und somit unterstellt, dass er als Theologe nicht mehr wirklich qualifiziert wäre.

Am 6. August 2000 veröffentlichte die Päpstliche Kongregation für die Glaubenslehre eine Erklärung mit dem Titel Dominus Iesus: „Über die Einzigkeit und Heilsuniversalität Jesu Christi und der Kirche“. In dieser Erklärung werden die gläubigen Christen der römisch-katholischen Kirche vor Ansichten gewarnt, welche die Einzigkeit und Heilsuniversalität Jesu Christi bestreiten. Schon zum Ende der Einleitung wird auf ‚relativistische Theorien‘ hingewiesen, die den religiösen Pluralismus nicht nur de facto, sondern auch de iure und damit prinzipiell rechtfertigen wollen. Diese Theorien seien problematisch, weil in ihnen und durch sie grundlegende Wahrheiten des christlichen Glaubens ihre Geltung zu verlören. Die Schrift intendiert die Verurteilung des religiösen Pluralismus sowie einiger Formen eines aufgeschlossenen Inklusivismus. Mit Dominus Iesus konnte die römisch-katholische Kirche mit Strafmaßnahmen und Untersuchungen gegen mehrere Pluralisten vorgehen.

Werke (Auswahl)

Deutsche Übersetzungen

Literatur

Dokumentationen

Einzelnachweise

  1. ↑ The Burke Library at Union Theological Seminary, Columbia University in the City of New York, Union Theological Seminary Archives 1, Paul F. Knitter Papers, 1962–2012 ( auf library.columbia.edu)
  2. ↑ 2020 Peoplelegacy.com
  3. ↑ Paul Francis Knitter. Theologian university professor, Prabook, biografische Daten
  4. ↑ siehe auch Sisters of St. Francis
  5. ↑ The Vocation of an Interreligious Theologian: My Retrospective on 40 Years in Dialogue. Gedung Sekolah Pascasarjana UGM, Floors 3-4 Jl. Teknika Utara, Pogung, Yogyakarta
  6. ↑ M 3 Paul Knitter: Ein Theologe entwickelt sich vom „Exklusivist“ zum „Pluralist“. In: Harmjan Dam: Exklusiv, Inklusiv, Plural: Wo stehe ich selbst? hier S. 4–5
  7. ↑ Reinhold Bernhardt: Ende des Dialogs?: die Begegnung der Religionen und ihre theologische Reflexion. Bd. 2 Beiträge zu einer Theologie der Religionen, Theologischer Verlag Zürich, Zürich 2005, ISBN 978-3-29017-391-3, S. 181–182 ( auf books.google.de)
  8. ↑ Union Theological Seminary in the City of New York, Paul F. Knitter, Paul Tillich Professor of Theology, World Religions and Culture.
  9. ↑ Ulrich Dehn: Einleitung: Der (inter-)religiöse Dialog und die Theologie der Religionen. In: Ulrich Dehn, Ulrike Caspar-Seeger, Freya Bernstorff (Hrsg.): Handbuch Theologie der Religionen Texte zur religiösen Vielfalt und zum interreligiösen Dialog. Herder, Freiburg im Breisgau 2017, ISBN 978-3-451-37695-5, S. 11–27 ( Textauszug auf theologische-buchhandlung.de) hier S. 20
  10. ↑ Perry Schmidt-Leukel: Wahrheit in Vielheit. Vom religiösen Pluralismus zur interreligiösen Theologie. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2019, ISBN 978-3-579-08249-3, S. 54
  11. ↑ siehe auch Ekklesiologie
  12. ↑ siehe auch Christozentrik
  13. ↑ Paul F. Knitter: Ein Gott - viele Religionen Gegen den Absolutheitsanspruch des Christentums. Kösel Verlag, München 1988, ISBN 3-46-6202-95-7, S. 108.
  14. ↑ Ulrich Dehn: Einleitung: Der (inter-)religiöse Dialog und die Theologie der Religionen. In: Ulrich Dehn, Ulrike Caspar-Seeger, Freya Bernstorff (Hrsg.): Handbuch Theologie der Religionen Texte zur religiösen Vielfalt und zum interreligiösen Dialog. Herder, Freiburg im Breisgau 2017, ISBN 978-3-451-37695-5, S. 11–27 ( Textauszug auf theologische-buchhandlung.de) hier S. 21 f.
  15. ↑ Paul F. Knitter: Introducing Theologies of Religions. Orbis Books, Maryknoll NY 2002 ISBN 978-1-57075-419-7
  16. ↑ Ulrich Dehn, Ulrike Caspar-Seeger, Freya Bernstorff (Hrsg.): Handbuch Theologie der Religionen. Herder, Freiburg 2017, ISBN 978-3-451-37695-5, S. 21–22
  17. ↑ Peter C. Phan: Der interkulturelle und interreligiöse Dialog eine Herausforderung für die christliche Mission. Georgetown University ( auf ccfmc.net) hier S. 10
  18. ↑ Simone Sinn: Religiöser Pluralismus im Werden: Religionspolitische Kontroversen und theologische Perspektiven von Christen und Muslimen in Indonesien. Bd. 8 Dogmatik in der Moderne, Mohr Siebeck, Tübingen 2014, ISBN 978-3-16152-756-2, S. 13.
  19. ↑ zur Analyse und Präzisierung siehe Perry Schmidt-Leukel: Zur Einteilung religionstheologischer Standpunkte. In: Ulrich Dehn, Ulrike Caspar-Seeger, Freya Bernstorff (Hrsg.): Handbuch Theologie der Religionen Texte zur religiösen Vielfalt und zum interreligiösen Dialog. Herder, Freiburg im Breisgau 2017, ISBN 978-3-451-37695-5, S. 255–260
  20. ↑ Paul F. Knitter: Ohne Buddha wäre ich kein Christ. Herder, Freiburg/Basel/Wien 2012, ISBN 978-3-451-30278-7, S. 172
  21. ↑ Georg Plasger: Viele Religionen - Ein Gott? Das eine Evangelium und die pluralistischen Religionstheologien. Siegen 2011 ( auf reformiert-info.de)
  22. ↑ Paul F. Knitter: Apologie einer pluralistischen Theologie und Christologie. In: Hans-Gerd Schwandt (Hrsg.): Pluralistische Theologie der Religionen. Eine kritische Sichtung. Otto Lembeck, Frankfurt am Main 1998, ISBN 978-3-87476-331-8, S. 75-95; 91
  23. ↑ Reinhold Bernhardt: Literaturbericht »Theologie der Religionen«. Theologische Rundschau, Band 72 (2007), S. 1–35 ( auf core.ac.uk)
  24. ↑ Paul F. Knitter: Apologie einer pluralistischen Theologie und Christologie. In: Hans-Gerd Schwandt (Hrsg.): Pluralistische Theologie der Religionen. Eine kritische Sichtung. Otto Lembeck, Frankfurt am Main 1998, ISBN 978-3-874-76-331-8, S. 75–95; 91.
  25. ↑ Archivierte Kopie (Memento vom 14. Februar 2005 im Internet Archive)
  26. ↑ Der Glaube an den dreieinen Gott. Eine Handreichung der Glaubenskommission der Deutschen Bischofskonferenz zur Trinitätstheologie. Die deutschen Bischöfe, Nr. 83. Herausgegeben vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz. Bonn Mai 2006 ( auf www.dbk.de) hier S. 38
  27. ↑ KONGREGATION FÜR DIE GLAUBENSLEHRE ERKLÄRUNG "DOMINUS IESUS" ÜBER DIE EINZIGKEIT UND DIE HEILSUNIVERSALITÄT JESU CHRISTI UND DER KIRCHE. ( auf vatican.va)
  28. ↑ Perry Schmidt-Leukel: Wahrheit in Vielfalt. Vom religiösen Pluralismus zur interreligiösen Theologie. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2019, ISBN 978-3-579-08249-3, S. 55.
Personendaten
NAME Knitter, Paul F.
ALTERNATIVNAMEN Paul Francis Knitter (vollständiger Name)
KURZBESCHREIBUNG US-amerikanischer katholischer Theologe, Religionswissenschaftler, ehemaliger römisch-katholischer Geistlicher und Hochschullehrer
GEBURTSDATUM 25. Februar 1939
GEBURTSORT Chicago