Peter Altenberg

Peter Altenberg 1907
Beschriftung „Meiner heißgeliebten Schwester! Peter Altenberg“

Peter Altenberg (* 9. März 1859 in Wien; † 8. Jänner 1919 ebenda; eigentlich Richard Engländer) war ein österreichischer Schriftsteller, der besonders für seine impressionistischen Prosaskizzen bekannt wurde. Er zählt zu den Wiener Originalen. Zunehmend kritisch diskutiert werden Altenbergs pädophile Neigungen, die er in seinen Texten und einer Sammlung von Porträtfotografien junger Frauen und Mädchen offen zur Schau gestellt hat.

Leben

Richard Engländer war Sohn von Moritz Engländer, einem jüdischen Kaufmann, und seiner Gattin Pauline, geb. Schweinburg. Sein Pseudonym wählte er nach der 13-jährigen Bertha Lecher, die Engländer in Altenberg an der Donau kennenlernte und die von ihren Brüdern „Peter“ gerufen wurde. Er studierte erst Jus, dann Medizin, brach die Studien aber ab und nahm eine Buchhändlerlehre bei der Hofbuchhandlung Julius Weise in Stuttgart auf. Diese brach er ebenso ab wie einen erneuten Versuch des Jus-Studiums. 1895 verfasste er erste literarische Arbeiten, durch den Kontakt mit Karl Kraus kam es ab 1896 zu Veröffentlichungen (Skizzenband Wie ich es sehe). Im März bzw. April 1900 trat er „aus der israelitischen Religionsgemeinschaft“ aus, blieb dann zehn Jahre konfessionslos und ließ sich schließlich im Jahr 1910 in der Karlskirche taufen. Sein Taufpate war der Architekt Adolf Loos. Altenberg, der nach einer kurzen Zeit in München wieder nach Wien zurückgekehrt war, war dort schon zu Lebzeiten eine stadtbekannte Figur, um die sich Legenden rankten. 1904 riet er Marie Langs achtzehnjährigem Sohn Heinz, der sich an ihn gewandt hatte, weil seine Geliebte Lina Loos ihre gemeinsame Affäre beendet hatte, er solle sich umbringen, was dieser dann tat. Arthur Schnitzler verarbeitete den Vorfall in dem unvollendet gebliebenen „P.A.-Stück“ Das Wort.

Nach einigen fehlgeschlagenen Versuchen, ein normales Berufsleben zu beginnen, attestierte ihm ein Arzt wegen einer „Überempfindlichkeit des Nervensystems“ die Unfähigkeit, einen Beruf auszuüben. Seither führte er das Leben eines Bohemiens und verbrachte die meiste Zeit in Kaffeehäusern.

Trotz Erfolges blieb Altenberg von Spenden abhängig, zu denen seine Freunde – darunter Karl Kraus und Adolf Loos – aufriefen. Seine letzten sechs Lebensjahre wohnte er in einem Zimmer im Graben-Hotel in der Dorotheergasse im Stadtzentrum. Nachdem er in den letzten zehn Lebensjahren häufig in Alkoholentzugs- und Nervenheilanstalten gewesen war, starb er an den Folgen einer Lungenentzündung am 8. Jänner 1919 in der III. Medizinischen Klinik (siehe: Franz Chvostek junior) des Wiener Allgemeinen Krankenhauses. Er wurde am 11. Jänner 1919 auf dem Wiener Zentralfriedhof in einem später von der Stadtverwaltung ehrenhalber gewidmeten Grab bestattet (Gruppe 0, Reihe 1, Nummer 84). Karl Kraus schloss seine Grabrede mit den Worten: „Wehe der Nachkommenschaft, die Dich verkennt!“

Nähe zur Pädophilie

Bild eines Mädchens, das sich das Strumpfband richtet, von Peter Altenberg beschriftet: „Mein tiefstes Ideal“ (1917)
Beschriftung einer Gemäldereproduktion von Boleslaw von Szankowski durch Altenberg: „Geliebtes Kind, noch ist alles Göttliche in Dir – – – wie ein feiner träumerischer Dichter blickst Du – – – und die Welt ist Dir schön und räthselvoll – – –. Kannst Du nicht eines sanften Todes, wie an Influenza oder Lugenentzündung, dahinschlafen, um nie zu erwachen zu den Entsetzlichkeiten, die kommen müssen für Eine, die so blickt hienieden – – – ?!?!“
Fotopostkarte von Altenberg und zwei kleinen Mädchen im Wald

In der Forschungsliteratur wird Altenbergs Neigung zu jungen Mädchen wiederholt offen benannt. Andrew Barker schreibt von „seinem offen zur Schau getragenen Gefallen an jungen Mädchen“ und von „Altenbergs schamlose[r] Leidenschaft für knabenhafte Mädchen“. Für Barker und Leo A. Lensing ist er ein „ewiger Anbeter von pubertären Mädchen mit ‚Gazellenbeinen‘“. Evelyne Polt-Heinzl hat 2008 erstmals und 2011 in einer Wiener Vorlesung umfangreich auf die „bedenkliche Neigung zur Pädophilie“ hingewiesen und kritisierte, dass „in der Forschung Altenbergs problematische Nähe zum Kindesmissbrauch ein Tabu oder zumindest eine Quanité négligeable“ darstelle. Im Nachlass von Peter Altenberg finden sich mehrere Aktbilder junger Mädchen. In seinem Zimmer im Graben-Hotel hingen „zahlreiche Photos halbwüchsiger Mädchen“. Weitere Bilder von Mädchen finden sich in seinen Postkartenalben. Heinz Lunzer zitiert Altenberg:

„Ihr teuflisch Normalen, ich mache Euch endlich mein Geständnis, seit meinem 17. Lebensjahre bis zu meinem 59.: Wirklich, begeistert, tief gerührt, kann ich nur ein vollkommen zartes, unbeschreiblich anmutiges, besonderes, apartes Kind unter 14 Jahren anbeten! Da ist es selbstlose Religiosität! Begeisterung, die kein irdischer Wunsch zerstört!!! Peter 1917“

– Peter Altenberg: Extracte des Lebens

Und auch:

„Siehe, schon knospen dir die Brüste---. Ah, melde mir den Tag, die Nacht, da die Natur zum Weib dich macht! Dann will ich Abschied nehmen von einer Liebe, die dem „lebendigen Kunstwerk“ galt!“

– Peter Altenberg: Les Seins, ML 66

Oliver Pfohlmann schrieb in der Neuen Zürcher Zeitung: „Die schamlose Begeisterung, mit der Altenberg in seinen Skizzen und Briefen seiner Pädophilie freien Lauf lässt und stolz berichtet, wie er eine auf seinem Schoss sitzende Siebenjährige auf den Mund geküsst habe, verschlägt einem schlicht die Sprache.“

Werk

Porträtiert von Gustav Jagerspacher 1909
Grabstätte von Peter Altenberg

Das Werk Peter Altenbergs besteht ausschließlich aus kurzen Prosatexten, die meistens als Prosaskizzen oder Prosagedichte kategorisiert werden. Es handelt sich dabei um Momentaufnahmen eines Gelegenheitskünstlers – flüchtige Eindrücke und Begegnungen sowie zufällig mitgehörte Gespräche, die das gesellschaftliche Leben der Wiener Moderne als sogenannte Kaffeehausliteratur skizzieren.

Altenberg selbst beschrieb den Prozess der Entstehung dieser Texte in einem Brief an Arthur Schnitzler folgendermaßen:

„Wie schreibe ich denn?!
Ganz frei, ganz ohne Bedenken. Nie weiß ich mein Thema vorher, nie denke ich nach. Ich nehme Papier und schreibe. Sogar den Titel schreibe ich so hin und hoffe, es wird sich schon etwas machen, was mit dem Titel in Zusammenhang steht.
Man muß sich auf sich verlassen, sich nicht Gewalt anthun, sich entsetzlich frei ausleben lassen, hinfliegen –. Was dabei herauskommt, ist sicher das was wirklich u. tief in mir war. Kommt nichts heraus, so war eben nichts wirklich und tief darin und das macht dann auch nichts.“

Die Kunst Peter Altenbergs besteht darin, mit wenigen „literarischen Pinselstrichen“ und teilweise „zwischen den Zeilen“ ein ganzes Netz von Beziehungen anzudeuten. Dabei versucht er nicht, das Leben auf einen Nenner zu bringen, sondern zeigt es in seiner oft widersprüchlichen Vielfalt. Eine wichtige Rolle in den Skizzen spielen sinnliche Eindrücke wie Farben und Gerüche. Altenberg gilt als einer der wichtigsten Vertreter des Impressionismus.

Manche der kurzen Texte sind für die Bühne geeignet. Die nur zwei Buchseiten umfassende Szene „Masken“ für neun Sprecherinnen und deren Chor widmete Altenberg dem Architekten Josef Hoffmann; sie wurde 1907 im Kabarett Fledermaus aufgeführt, die Entwürfe für Bühnenbild und Kostüme stammten von Carl Otto Czeschka. Der mit Altenberg befreundete Schriftsteller Egon Friedell, der sich auch als Kabarettist und Conférencier betätigte, trug immer wieder auch Texte von Altenberg vor. Teile aus Friedells Gesprächen mit Altenberg erschienen später als Anekdoten, wobei Friedell die alleinige Autorenschaft beanspruchte. Friedell gab auch Das Altenbergbuch mit Texten von Altenberg, Hugo von Hofmannsthal, Alfred Polgar u. a. sowie Korrespondenzen von, an und über Altenberg heraus.

Einige von Altenbergs Texten wurden von Alban Berg und Hanns Eisler vertont.

Das Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek erwarb 2024 einen bedeutenden Teilnachlass von Peter Altenberg.

Wirkung

Figur Peter Altenbergs im Café Central, Wien

Im Jahr 1929 wurde in Wien in Döbling (19. Gemeindebezirk) die Peter-Altenberg-Gasse nach ihm benannt.

Im Wiener Café Central wurde er als lebensgroße, an einem Kaffeehaustisch sitzende Figur aufgestellt. (Die Figur wurde einst für die Wiener Festwochen angefertigt.) Im Büro des Wiener Bürgermeisters befindet sich eine ähnliche Figur: Peter Altenberg liest Zeitung.

Werke

Vertonungen

Literatur (umgekehrt chronologisch)

Commons: Peter Altenberg – Sammlung von Bildern
Wikiquote: Peter Altenberg – Zitate
Wikisource: Peter Altenberg – Quellen und Volltexte

Anmerkungen

  1. ↑ Unter anderem von Dezember 1910 bis September 1911 im Sanatorium Dr. E(mil) Fries für Nerven- und Gemüthskranke in (siehe:) Inzersdorf bei Wien.

Einzelnachweise

  1. 1 2 Peter Altenberg gestorben. An den Folgen der Lungenentzündung. In: Neues Wiener Journal, 9. Jänner 1919, S. 5 (online bei ANNO).
  2. ↑ Geburtsbuch. Abgerufen am 19. Oktober 2016.
  3. ↑ Heinz Lunzer, Victoria Lunzer-Talos: Peter Altenberg – Extracte des Lebens. Einem Schriftsteller auf der Spur. Residenz, Salzburg 2003, ISBN 3-7017-1320-0, S. 33.
  4. ↑ juridicum.univie.ac.at Jus-Studium Wien; abgerufen am 25. November 2016.
  5. ↑ L. U.: Peter Altenberg – gestorben. In: Wiener Allgemeine Zeitung, 6 Uhr-Blatt, Nr. 12213/1919, 8. Jänner 1919, S. 2, oben rechts (online bei ANNO).
  6. ↑ Hedwig Abraham (Red.): Peter Altenberg. In: viennatouristguide.at, abgerufen am 23. Juli 2014.
  7. ↑ Andrew Barker: Telegrammstil der Seele. Peter Altenberg – Eine Biographie. Böhlau, Wien/Köln/Weimar 1998, ISBN 3-205-98846-9, S. 21.
  8. ↑ Barker: Telegrammstil der Seele. 1998, S. 144.
  9. ↑ Andrew Barker, Leo A. Lensing: Peter Altenberg: Rezept die Welt zu sehen. Braumüller, Wien 1995, ISBN 3-7003-1022-6, S. 13.
  10. ↑ Evelyn Polt-Heinzl: „Elf ! Was macht es?!?“ Wo Peter Altenbergs Obsessionen für kleine Mädchen problematische Züge annehmen, wird das kollektive Forscherauge zugedrückt. Und das ist - leider, leider - auch beim Band "Semmering 1912" nicht viel anders. In: Die Presse. 27. April 2008, abgerufen am 8. Juli 2026.
  11. ↑ Evelyne Polt-Heinzl: Peter Altenberg und die zeitgenössische Bildproduktion. Mythen, Legenden und blinde Flecke. In: Peter Altenberg – prophetischer Asket mit bedenklichen Neigungen. Picus, Wien 2011, S. 56.
  12. ↑ Nachlass von Peter Altenberg, Sammlung von Mädchenakten. In: Katalog der Österreichischen Nationalbibliothek. Abgerufen am 29. Juni 2026.
  13. ↑ Heinz Lunzer: Peter Altenberg: Mein äußerstes Ideal. 1, Auflage. Christian Brandstätter, Wien / München 1987, ISBN 3-85447-258-7, S. 28.
  14. ↑ Heinz Lunzer, Victoria Lunzer-Tálos: Peter Altenberg. Extracte des Lebens. Einem Schriftsteller auf der Spur. Salzburg: Residenz-Verlag 2003, S. 204.
  15. ↑ Extracte des Lebens, w.o., S. 204
  16. ↑ Oliver Pfohlmann: «Eine schöne Anbetung, das – –!» 19. Februar 2010, abgerufen am 29. Juni 2026.
  17. ↑ Peter Altenberg: Erinnerungskult trotz pädophiler Neigung. Abgerufen am 29. Juni 2026 (österreichisches Deutsch).
  18. ↑ Peter Altenberg an Arthur Schnitzler, [12. 7. 1894?]. In: Arthur Schnitzler: Briefwechsel mit Autorinnen und Autoren. Martin Anton Müller mit Gerd-Hermann Susen, Laura Untner und Selma Jahnke, 12. Juli 1894, abgerufen am 28. Mai 2026.
  19. ↑ Peter Altenberg: Märchen des Lebens, S. 197 ff.
  20. ↑ Michael Buhrs, Barbara Lesák, Thomas Trabisch: Fledermaus Kabarett 1907 bis 1913. Das Gesamtkunstwerk der Wiener Werkstätte. Österreichisches Theatermuseum 1907, S. 175 (Abbildungen).
  21. ↑ Das Altenbergbuch. Herausgegeben von Egon Friedell. Verlag der Graphischen Wiener Werkstätte, Leipzig / Wien 1922, siehe Inhaltsverzeichnis, S. 419 ff. (Textarchiv – Internet Archive).
  22. ↑ Nationalbibliothek erwirbt Teilnachlass von Peter Altenberg. 13. Mai 2024, abgerufen am 11. Oktober 2024.
  23. ↑ Diese Kunst hängt in den Politikerbüros orf.at, 17. März 2018, abgerufen am 18. März 2018.
Personendaten
NAME Altenberg, Peter
ALTERNATIVNAMEN Engländer, Richard (Geburtsname)
KURZBESCHREIBUNG österreichischer Schriftsteller
GEBURTSDATUM 9. März 1859
GEBURTSORT Wien
STERBEDATUM 8. Januar 1919
STERBEORT Wien