Peter Flora (* 3. März 1944 in Innsbruck, Tirol, Österreich) ist ein österreichischer Soziologe, der bis zu seiner Pensionierung im Frühjahr 2009 als Professor an der Universität Mannheim lehrte. Er ist der Sohn des Karikaturisten Paul Flora.
Peter Flora absolvierte Grundschule und Gymnasium in Innsbruck. Mit 21 Jahren nahm er an den Universitäten Tübingen, Berlin und Konstanz das Studium der Soziologie, Politischen Wissenschaft und Statistik auf (1965 bis 1969), das er 1969 (25 Jahre alt) mit dem Konstanzer Magisterexamen abschloss. Seine Magisterarbeit behandelte das Thema Vorschläge zur Bestimmung des Begriffs und zur Untersuchung des Phänomens „Konservatismus“.
Seine Assistentenzeit von 1969 bis 1973 absolvierte er an den Universitäten Frankfurt am Main sowie Mannheim bei Wolfgang Zapf, mit dem zusammen er das QUAM-Projekt (Quantitatives Modell der Modernisierung) durchführte. Auf der Basis der in diesem Projekt gesammelten Daten promovierte er 1972 an der Universität Konstanz über das Thema, das ihn ebenso wie seinen Doktorvater Wolfgang Zapf lange Jahre beschäftigen sollte: die Modernisierungsforschung. Die Dissertation erschien 1974 und 1975 in zwei Bänden beim Westdeutschen Verlag.
Als Wolfgang Zapf 1972 einen Ruf auf den Lehrstuhl für Soziologie III der Universität Mannheim annahm, wechselte Peter Flora mit ihm als Assistent nach Mannheim. Zusammen beantragten beide das Projekt über Historical Indicators of the Western European Democracies (HIWED), das von der VolkswagenStiftung gefördert wurde. Dieses Projekt mündete in eine größere Zahl von Vorträgen, Zeitschriften- und Buchbeiträgen, die Arbeitspapierreihe der HIWED-Reports, zwei Dissertationen und schließlich das zweibändige Datenhandbuch State, Economy, and Society in Western Europe 1815–1975, erschienen 1983 und 1987.
Bereits drei Jahre nach der Promotion habilitierte sich Peter Flora 1976 (32-jährig) an der Universität Mannheim mit einer Arbeit über Modernisierung und die Entwicklung der europäischen Wohlfahrtsstaaten. Gutachter waren Wolfgang Zapf und M. Rainer Lepsius.
Noch im selben Jahr 1976 erhielt Peter Flora eine C3-Professor für Soziologie am Forschungsinstitut für Soziologie der Universität zu Köln, wo er bis 1979 lehrte und forschte. Auf das HIWED-Projekt folgte ein von der VolkswagenStiftung gefördertes Projekt zur Errichtung des sogenannten West Europa Daten Archivs (WEDA). Ziel war die Produktion eines historischen Datenhandbuchs über Westeuropa vor dem Hintergrund der Theorie Stein Rokkans und einer Reihe von datengestützten Analysen zur Modernisierung westeuropäischer Gesellschaften, welche die Ideen Rokkans aufgreifen und weiterentwickeln sollten.
Schon im HIWED-Projekt spielte die Analyse sozialstaatlicher Umverteilungsprozesse eine zentrale Rolle. Nach Floras Berufung an das Europäisches Hochschulinstitut (European University Institute) in Florenz (Italien) 1979 rückte der Ausbau der westeuropäischen Wohlfahrtsstaaten nach dem Zweiten Weltkrieg in den Vordergrund eines großen komparativen Forschungsprojekts mit dem Titel Growth to Limits: The Western European Welfare States Since World War II. Mit der bewussten Umkehrung des Titels des berühmten Buches Limits to Growth von Donella H. Meadows und Dennis L. Meadows aus dem Jahre 1972 war nicht nur ein publikumswirksamer Aufhänger gefunden, sondern auch die zentrale Hypothese des Projekts formuliert: Mit der Erweiterung des Katalogs der vom Wohlfahrtsstaat abgesicherten Lebensrisiken und der umfassenden Einbeziehung fast aller Bevölkerungsgruppen in die sozialstaatlichen Programme hat der Wohlfahrtsstaat die obere Grenze seiner Ausdehnung erreicht und mündet in eine Phase der Konsolidierung. Zu Floras wichtigstem Mitarbeiter in dem mit Hilfe zahlreicher Doktoranden aus den Mitgliedsländern der Europäischen Union durchgeführten Projekt zählte in Florenz insbesondere Jens Alber, der mit ihm schon im HIWED-Projekt zusammengearbeitet hatte.
1982 folgte Peter Flora einem Ruf der Fakultät für Sozialwissenschaften an der Universität Mannheim, um dort die Nachfolge von M. Rainer Lepsius anzutreten. In seinen Lehrveranstaltungen vertrat er überwiegend die Makrosoziologie und den europäischen Vergleich. Zu seinen zentralen Leistungen zählt aber insbesondere die Institutionenbildung mit dem Aufbau des Mannheimer Zentrums für Sozialwissenschaften.
Flora strebte an, der komparativen Makrosoziologie auf der Basis amtlicher Statistiken eine ähnlich systematische Grundlage zu schaffen, wie sie die vergleichende Umfrageforschung in Gestalt diverser Archive und Summer Schools besaß. Seine Vision war die Errichtung eines Zentrums, das der europäisch-vergleichenden Datenerhebung und -aufbereitung eine dauerhafte Grundlage geben würde. So erarbeitete er federführend den Antrag auf Errichtung des Mannheimer Zentrums für Sozialwissenschaften, welches mit Mitteln der Landesregierung Baden-Württemberg seit 1989 aufgebaut wurde. Von 1989 bis 1993 fungierte Flora als Gründungsdirektor des heutigen Mannheimer Zentrums für Europäische Sozialforschung (MZES) und leistete hier die entscheidende Aufbauarbeit. Schwerpunkte der Organisation betrafen den Aufbau einer Europabibliothek, der EDV-Abteilung und des Europadatenarchivs. Von 1996 bis 1998 bekleidete er in einer zweiten Amtsperiode noch einmal das Amt des Direktors. Das Westeuropa-Datenarchiv (WEDA), später in Forschungsarchiv Eurodata umbenannt, wurde als Infrastrukturabteilung Teil des MZES. In diesem Archiv sollten die Zeitreihendatensammlungen aus dem HIWED- und Growth to Limits-Projekt dokumentiert und fortgeschrieben werden. Gleichzeitig sollte das Archiv Forschungsprojekte am MZES unterstützen. Das Archiv publizierte von 1995 bis 2002/03 einen eigenen Eurodata-Newsletter.
Floras Ziel war die dauerhafte Institutionalisierung einer Sozialstaatsbeobachtung (im Sinne der Sozialberichterstattung). Hierzu waren eine Reihe von Projekten über den westeuropäischen Wohlfahrtsstaat geplant, wie: Fortsetzung des Growth to Limits-Projekts, der Wohlfahrtsstaat verschiedener Sozialkategorien wie der Landwirte (Elmar Rieger), der öffentlichen Bediensteten (Franz Rothenbacher) etc. Ferner wurden vergleichende Projekte beantragt und durchgeführt für ausgewählte Arten sozialstaatlicher Aktivitäten wie Alter und Alterssicherung (Jürgen Kohl) und Familie und Familienpolitik (Peter Flora, Alfred Kahn, Sheila Kamerman). Schließlich sollten die Datenbestände in Form eines Europäischen Sozialatlas auch regionalisiert werden.
Zu Floras frühen Zielen gehörte die Herausgabe der Schriften seines Vorbilds, des allzu früh verstorbenen Norwegers Stein Rokkan. Nachdem das Projekt einer Gesamtausgabe sämtlicher Schriften Rokkans fallen gelassen wurde, weil sich die diversen Publikationen z. T. nicht unbeträchtlich überschnitten, machte er sich mit Unterstützung seiner Kollegen Stein Kuhnle und Derek Urwin daran, aus den vorhandenen Rokkanschen Schriften die systematische Essenz dessen europäisch-vergleichender Analysen zu rekonstruieren und im Sinne einer Theorie der europäischen Staaten- und Nationenbildung zu bündeln. Hierzu wurden zunächst alle Publikationen Rokkans gesammelt und eingescannt (heute das Stein Rokkan-Archiv), um daraus ein zusammenfassendes Buch zu erstellen (State Formation, Nation-Building, and Mass Politics in Europe: The Theory of Stein Rokkan. Based on his collected works. Edited by Peter Flora, 1999). Dieses Werk wurde zunächst in englischer Sprache veröffentlicht und dann von Elisabeth Fix ins Deutsche und von Daniele Caramani ins Italienische übersetzt. Die deutsche Taschenbuchausgabe bei Suhrkamp erzielte einen hohen Absatz.
In der Lehre widmete sich Peter Flora als Vertreter der Makrosoziologie und der historischen Soziologie insbesondere der komparativen Analyse europäischer Gesellschaften mit dem Schwergewicht auf der historisch-genetischen Analyse. Einzelne Lehrveranstaltungen trugen Titel wie: Sozialstrukturanalyse Europas, Staaten- und Nationenbildung, oder der Europäische Wohlfahrtsstaat.
Die Liste der von Peter Flora angeregten oder von ihm selbst (mit Mitarbeitern) durchgeführten Forschungsprojekte ist lang.
Peter Flora hat im Lauf seiner langen Karriere eine Vielzahl von Meetings und Tagungen organisiert. Eine der für das MZES bedeutendsten war die von ihm organisierte Konferenz The New Europe des Committee on Political Sociology der IPSA und ISA vom 21. bis 23. Februar 1991 am MZES in Mannheim.
An dieser Konferenz nahmen teil: Peter Flora, Shmuel N. Eisenstadt, Juan Linz, Erik Allardt, Richard Rose, Seymour Martin Lipset, Mattei Dogan, Philippe C. Schmitter, Bernd Schulte, Peter Graf von Kielmansegg, Klaus von Beyme, Stein Ugelvik Larsen, Wlodzimierz Wesolowski, M. Rainer Lepsius, Stein Kuhnle, Wolfgang Streeck, Max Kaase, Franz Urban Pappi, Hans-Dieter Klingemann.
Von 1979 bis 1982 war Peter Flora Herausgeber der Zeitschrift für Soziologie.
Von 1987 bis 1993 bekleidete er das Amt eines Chairman des Committee on Political Sociology der International Political Science Association (IPSA) und der International Sociological Association (ISA).
Seit 1999 ist Peter Flora Mitglied der Academia Europaea.
Peter Flora zählt zu den Vätern der Renaissance der komparativen historischen Soziologie auf der Basis von Makrodaten. In Deutschland hat er entscheidend dazu beigetragen, dass die deutsche Soziologie von der Beschäftigung mit der eigenen Nation in den siebziger Jahren zu einer komparativen und europäischen Perspektive fand. Dem systematischen Gesellschaftsvergleich in historischer Perspektive hat er mit seinen Schriften, mit seinem Wirken in Ämtern der Profession und als akademischer Lehrer sowie mit seiner Pionierrolle bei der Gründung des Mannheimer Zentrums für Europäische Sozialforschung entscheidende Impulse gegeben.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Flora, Peter |
| KURZBESCHREIBUNG | österreichischer Hochschullehrer, Forscher und Autor |
| GEBURTSDATUM | 3. März 1944 |
| GEBURTSORT | Innsbruck, Österreich |