Peter Grotzer

Peter Grotzer oder Pierre Grotzer (* 15. Juni 1933 in Ravensburg; † 17. Oktober 1992 in Zürich) war ein Schweizer Literaturwissenschaftler, Hochschullehrer und Übersetzer.

Leben

Grotzer studierte Romanistik in Zürich, Pisa und Paris. 1961 promovierte er bei Georges Poulet in Zürich mit einer Arbeit über Gabriel Marcel. Danach war er von 1961 bis 1968 Gymnasiallehrer für Französisch und Italienisch an der Oberrealschule Zürich. 1969 wurde er Assistent von Paul de Man am neugegründeten Seminar für Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Zürich. Neben seiner Unterrichtstätigkeit war er u. a. mit dem Aufbau der Seminarbibliothek betraut. Später wurde er zum Oberassistenten befördert und übernahm in dieser Funktion die administrativen Aufgaben des Seminars. 1976 habilitierte er sich mit einer Arbeit über Albert Béguin, die 1977 in zwei Bänden erschien. Für dieses Werk verlieh ihm der Kanton Zürich 1977 eine Ehrengabe. Bis 1984 lehrte er neben der Oberassistenz als Privatdozent, dann als Titularprofessor für Neuere Französische Literatur und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Zürich. 1982 nahm er eine Vertretungsprofessur an der Universität Lausanne (Lehrstuhl Manfred Gsteiger) wahr. Er organisierte Kolloquien und Ringvorlesungen und publizierte regelmässig Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung.

Er war Mitgründer und von 1983 bis 1987 Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft und von 1980 bis zu seinem Tod Vorsitzender des Literarischen Clubs Zürich, der Lesungen und Gespräche mit zeitgenössischen Autorinnen und Autoren organisiert.

Grotzer starb im Oktober 1992 nach kurzer, schwerer Krankheit im Alter von 59 Jahren.

Werk

Grotzer interessierte sich in seiner Forschung vor allem für Texte (literarische, philosophische, literaturtheoretische), in denen religiöse Themen zur Sprache kamen: Gabriel Marcel, Georges Bernanos, Albert Béguin. Daneben erarbeitete er eine umfangreiche Studie zur Darstellung von Jugendlichen in der Literatur, die von den Jugendunruhen der 1980er Jahre angeregt war.

Seine grösste Leistung ist es, Schriften und Dokumente der ersten Generation der sogenannten Genfer Schule der Literaturkritik gesammelt, bibliographiert und editiert sowie deren Gedanken im deutschsprachigen Raum bekannt gemacht zu haben. Der Methode seines Lehrers Georges Poulet hat er mehrere Aufsätze und Artikel gewidmet. Dessen Werk Métamorphoses du cercle und weitere Texte hat er gemeinsam mit seiner Ehefrau ins Deutsche übersetzt sowie dessen später vielzitierten Briefwechsel mit Marcel Raymond herausgegeben. Besonders intensiv hat er sich um das Werk von Albert Béguin bemüht. Diesem widmete er nicht nur seine Habilitationsschrift, gemeinsam mit seiner Frau baute er ein Archiv auf, erstellte eine Bibliographie und gab eine Auswahl von dessen Schriften auf Deutsch und Französisch heraus. 1974 kuratierte er in der Zentralbibliothek Zürich auch eine Ausstellung. Er wurde gar als «intellektueller Sachwalter» Béguins bezeichnet.

Neben der Forschung nahm die Vermittlung der Literatur und der Literaturwissenschaft an ein breites Publikum einen grossen Raum in Grotzers Schaffen ein. Er publizierte Artikel in Zeitungen und Zeitschriften, organisierte Lesungen und Vorträge inner- und ausserhalb der Universität und betätigte sich als Brückenbauer zwischen Schule und Universität. Er war mit Schriftstellerinnen und Schriftstellern persönlich bekannt, u. a. mit Charles Racine, und trat in einigen Fällen auch als deren Förderer in Erscheinung. Egon Ammann bezeichnete ihn als «klugen, aufmerksamen und hilfsbereiten Parteigänger der Schriftsteller».

Publikationen (Auswahl)

Monographien

Herausgeberschaft

Übersetzungen

Edition

Aufsätze (Auswahl)

Literatur

Einzelnachweise

  1. ↑ Andrea Weibel: Peter Grotzer. In: Historisches Lexikon der Schweiz. (2006).
  2. ↑ Aus den Verhandlungen des Regierungsrates. Lehrerwahlen. In: Neue Zürcher Nachrichten. 4. August 1961, 3. Blatt, S. 180 (Digitalisat).
  3. ↑ Sandro Zanetti: Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft (AVL). Die Zürcher Komparatistik und ihre Beziehungen zum Romanischen Seminar. In: Richard Trachsler (Hrsg.): RoSe 125. Histoire du / Storia del Istorgia dal / Historia del Romanisches Seminar der Universität Zürich (1894–2019). Chronos, Zürich 2019, S. 213.
  4. ↑ Sandro Zanetti: Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft (AVL). Die Zürcher Komparatistik und ihre Beziehungen zum Romanischen Seminar. In: Richard Trachsler (Hrsg.): RoSe 125. Histoire du / Storia del Istorgia dal / Historia del Romanisches Seminar der Universität Zürich (1894–2019). Chronos, Zürich 2019, S. 210.
  5. ↑ Martin Neuenschwander: Kulturelle Auszeichnungen des Kantons für das Jahr 1977. In: Neue Zürcher Zeitung. 17./18. Dezember 1977, S. 43 (Digitalisat).
  6. 1 2 Manfred Gsteiger: Abschied von Peter Grotzer. In: Colloquium Helveticum. Nr. 16, 1992, S. 7 (online).
  7. 1 2 3 4 5 Hans-Jost Frey: Nekrolog Professor Dr. Peter Grotzer. In: Jahresbericht der Universität Zürich 1992/93. S. 167.
  8. ↑ Elisabeth Binder: Der Vermittlung verpflichtet. Zum Tod des Komparatisten Peter Grotzer. In: Neue Zürcher Zeitung, S. 29. (Digitalisat)
  9. ↑ Gudrun Racine: «Ich schritt auf den Fingerspitzen». Nachwort. In: Charles Racine: Lichtbruch/Bris de lumière. Gedichte Französisch und Deutsch. Übersetzt von Felix Philipp Ingold. Hrsg. von Gudrun Racine. Limmat, Zürich 2019, S. 188.
  10. ↑ Egon Ammann: Je n’ai pas de moi / Ich habe kein Ich. Eine Grabrede zu Charles Racine, 14. Februar 1995. In: Ingrid Sonntag, Marie-Luise Flammersfeld (Hrsg.): «Einem Stern folgen, nur dieses …» Egon Ammann und sein Verlag. Wallstein, Göttingen 2022, S. 272–275.
Personendaten
NAME Grotzer, Peter
ALTERNATIVNAMEN Grotzer, Pierre; Grotzer, Peter Johann E. (vollständiger Name)
KURZBESCHREIBUNG Schweizer Literaturwissenschaftler und Übersetzer
GEBURTSDATUM 15. Juni 1933
GEBURTSORT Ravensburg
STERBEDATUM 17. Oktober 1992
STERBEORT Zürich