Philhellenismus

Der 1830 bis 1842 in Bayern nach dem Vorbild des Parthenon in Athen erbaute „Ruhmestempel“ Walhalla ist ein architektonisches Beispiel für Ludwigs I. Philhellenismus.

Als Philhellenismus (deutsch: „Freundschaft zum Griechentum“) wird die Einstellung von Personen bezeichnet, die sich für das Griechentum einsetzen oder sich geistig mit Griechenland verbunden fühlen. Als Philhellenen bezeichneten sich so chronologisch entfernte Personen wie der römische Dichter Seneca und der Kaiser Hadrian oder der amerikanisch-französische Regisseur Jules Dassin. Namhafte Vertreter aller Kunstsparten und renommierte Wissenschaftler im 20. und 21. Jahrhundert bekennen sich philhellenisch (siehe „Bekannte Philhellenen“). Häufig wird mit dem Begriff die Bewegung der Philhellenen bezeichnet.

Die Bewegung der Philhellenen

Die Bewegung der Philhellenen war eine neuhumanistische geistige Strömung, die in den 1820er Jahren ihre Anhängerschaft in Europa und sogar in Nordamerika fand. Ideengeschichtlich war der Philhellenismus wie die deutsche Polenschwärmerei eine Gegenbewegung zur Restauration. Ein Zentrum war Genf.

Bei den Philhellenen handelte es sich meist um junge Männer von aristokratischer Herkunft und klassischer Bildung, die sich als Vertreter und Bewahrer einer großen antiken Zivilisation betrachteten und sich entsprechend dazu berufen fühlten, den Nachkommen der antiken Hellenen im Kampf um die Unabhängigkeit gegen das Osmanische Reich zu helfen. Viele von ihnen schlossen sich im Zuge der griechischen Revolution sogar den Truppen an und nahmen an Kämpfen teil wie Lord Byron.

Viele Philhellenen waren mit Auslandsgriechen befreundet oder entwickelten im Kontakt mit Griechen ein reges Interesse für das Griechentum im Allgemeinen.

An den kulturellen Auswirkungen des Philhellenismus wurde auch heftige Kritik geübt, so bereits von Friedrich Paulsen, der sich erfolgreich für die Stärkung des neusprachlichen Gymnasiums einsetzte. Ein grundlegendes Werk ist Eliza Marian Butlers The Tyranny of Greece over Germany. Butler hat die Bedeutung des deutschen Philhellenismus für den englischen Sprachraum beschrieben und verbreitet. Das Buch selbst wurde 1935 in Deutschland vernichtend rezensiert und eine Übersetzung verboten. Butler wurde auch nach 1945 mit ihren germanistischen Arbeiten in Deutschland kaum rezipiert. Eine Erweiterung auf die außen- und kulturpolitische Rolle stammt unter anderem von Suzanne L. Marchand.

Geschichte

Im August 1821, die Revolution dauerte bereits vier Monate, wurde in Bern die erste philhellenische Organisation gegründet. Im deutschen Raum war München zu einer Metropole des Philhellenismus geworden. Hier leitete Professor Franz Xaver von Baader eine bedeutende philhellenische Gesellschaft. Sein Kollege, der bayerische Philologe und Prinzessinnenerzieher Friedrich Wilhelm von Thiersch, befürwortete die Gründung einer „Deutschen Legion“, die Hellas unterstützen sollte. Am 1. August 1821 veröffentlichte Prof. Krug seinen „Ausruf an die deutschen Mitbürger zur Bildung von Hülfsvereinen für Griechenland“ und bereits zwei Tage später kam es zur Gründung des ersten Vereins mit 100 Mitgliedern in Stuttgart. Dieser war fortan der wichtigste Verein, es wurden weitere Vereine und Ableger in großen Städten gegründet. Jean-Gabriel Eynard stellte den Kontakt zur griechischen Regierung her. Viele Vereinsmitglieder lernten Neugriechisch oder organisierten „Expeditionen“ nach Griechenland. Die Bewegung fand sogar in den höchsten Regierungskreisen Anhänger. So unterstützte sie beispielsweise der bayerische König Ludwig I. durch beträchtliche Geldspenden, was sich zumindest indirekt später auch zugunsten der Wahl seines Sohnes Otto zum König von Griechenland auswirkte. Auch die Schreibweise des Landesnamens Bayern mit „y“ geht auf eine Anordnung Königs Ludwigs I. vom 20. Oktober 1825 zurück, mit der die ursprüngliche Schreibweise „Baiern“ abgelöst wurde. Der Ersatz von „i“ durch das „griechische ypsilon“ war der noch heute signifikante Ausdruck für des Königs Philhellenismus.

Als mächtigster politischer Widersacher dieser und anderer Unabhängigkeitsbewegungen galt der österreichische Staatskanzler, Fürst von Metternich. Die Philhellenen wiederum bekämpften erbittert die Thesen über die Griechen als gräzisierte Slawen des Historikers Jakob Philipp Fallmerayer, der wiederum in den Philhellenen weltfremde romantische Schwärmer sah.

Phänomene

Phänomene des Philhellenismus waren die Gräzisierung von Nachnamen, die Wahl griechischer Vornamen aber auch von Ortsnamen und Namen von Gesellschaften. Beispielsweise wurde nach dem griechischen Bürgerkrieg die amerikanische Stadt Woodruff’s Grove in Ypsilanti (Michigan) umbenannt, nach Dimitrios Ypsilantis.

Philhellenische Gesellschaften

Bekannte Philhellenen

Ankunft Lord Byrons in Griechenland und Empfang durch die Revolutionäre, 1823
Bekannte Philhellenen, die am griechischen Aufstand von 1821 teilnahmen, Nationales Historisches Museum von Athen, Griechenland

Literatur

Historische Darstellungen

Philhellenismus in der Literatur

Einzelnachweise

  1. ↑ Christoph König (Hrsg.), unter Mitarbeit von Birgit Wägenbaur u. a.: Internationales Germanistenlexikon 1800–1950. Band 1: A–G. de Gruyter, Berlin/New York 2003, ISBN 3-11-015485-4, S. 304.
  2. ↑ The Silence of the Girls. London: Hamish Hamilton und Penguin Books, 2018 / Die Stille der Frauen, Lago, München, 2020, ISBN 978-3-95761-195-6. Eine Neuerzählung des Mythos vom trojanischen Krieg.
  3. ↑ Costanza Casati, "Klytämnestra" (Roman), München 2023 (Goldmann). ISBN 978-3-442-31699-1
  4. ↑ Tad Crawford, On Wine-Dark Seas: A Novel of Odysseus and His Fatherless Son Telemachus (English Edition). Herausgeber: Skyhorse (3. Januar 2023).
  5. ↑ Paul Delvaux beherrschte die altgriechische Sprache und war bereits in seiner Jugend der altgriechischen Kultur so tief verbunden, dass sein künstlerisches Schaffen dadurch entscheidend geprägt wurde. Zahlreiche Bilder von ihm zeugen von dieser Verehrung der griechischen Kultur.
  6. ↑ Drama "Sappho" (1950)
  7. ↑ Mythos. Was uns die Götter heute sagen. Aufbau-Verlag, Berlin 2018, ISBN 978-3-351-03731-4 (britisches Englisch: Mythos. A Retelling of the Myths of Ancient Greece. Übersetzt von Matthias Frings).
  8. ↑ Helden. Die klassischen Sagen der Antike neu erzählt. Berlin 2020, ISBN 978-3-7466-3732-7 (britisches Englisch: Heroes. The myths of the Ancient Greek heroes retold. Übersetzt von Matthias Frings).
  9. ↑ Troja. Von Göttern und Menschen, Liebe und Hass. Berlin 2022, ISBN 978-3-351-03927-1 (britisches Englisch: Troy. Our Greatest Story Retold. Übersetzt von Matthias Frings).
  10. ↑ Louise Glück, die 2020 für ihr Lebenswerk mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde, beschäftigte sich in ihren Gedichten schon früh mit altgriechischen Mythen als Thema ihres literarischen Schaffens: mit Achill ("The Triumph of Achilles", 1985), mit Homers Odyssee (1996). Ihr Gedichtband „Averno“ (2006) handelt von Demeter und ihrer Tochter Persephone, die von Hades als Braut in die Unterwelt entführt wird.
  11. ↑ POETS Radio. Irene Gavala, Exclusive interview | Matthias Laurenz Graeff | Ζωγραφίζοντας., 2018
  12. ↑ Matthias Laurenz Gräff, NEOS Repräsentant für Griechenland im Interview – Hephaestus Wien
  13. ↑ Mehrere Romane über griechische Mythologie
  14. ↑ Opern (mit Libretti auf der Grundlage von Texten altgriechischer Autoren): "Die Bassariden", "Phaedra"
  15. ↑ Die Autorin bevorzugt Stoffe der griechischen Mythologie. Romane (auch in deutscher Übersetzung erschienen): "Daughters of Sparta", ISBN 978-1529333695; "The Shadow of Perseus", ISBN 978-1529333701
  16. ↑ Eberhard Rondholz: Griechenland. Ein Länderporträt. Ch. Links Verlag, Berlin 2012, S. 23
  17. ↑ guest: American Philhellenes and the Greek Revolution of 1821. In: GreekReporter.com. 23. März 2022, abgerufen am 7. Dezember 2022 (amerikanisches Englisch).
  18. ↑ Philip Chrysopoulos: The Friendship Between Thomas Jefferson and Adamantios Korais. In: GreekReporter.com. 21. März 2022, abgerufen am 7. Dezember 2022 (amerikanisches Englisch).
  19. ↑ Walter Jens, Das Testament des Odysseus. Neske, Pfullingen 1957, DNB 452195799 (neueste Ausgabe von Volk & Welt, Ost-Berlin 1984, DNB 840736231). Walter Jens, Ilias und Odyssee. Nacherzählt. O. Maier, Ravensburg 1958, DNB 452195616 (neueste, 16. Auflage 1996, ISBN 3-473-35503-8).
  20. ↑ "Die Argonauten" (2012; Drama). Die preisgekrönte österreichische Schriftstellerin Vea Kaiser studierte klassische und deutsche Philologie mit Schwerpunkt Altgriechisch an der Universität Wien. Ihre Leidenschaft für das Altgriechische fließt in ihre literarischen Werke ein, die sich häufig auf antike Motive, Mythen und wissenschaftliche Aspekte stützen.
  21. ↑ Homerforscher, der sich selbst als Philhellene bezeichnet.
  22. ↑ Penelope, Opera semiseria (1954); Medea-Monolog, Kantate für Sopran, Frauenchor und grosses Orchester (1989); Freispruch für Medea, Oper (1992)
  23. ↑ Zwei Romane über griechische Mythologie
  24. ↑ Übersetzer altgriechischer und neugriechischer Literatur. Viele Jahre lang Präsident der Deutsch-Griechischen Gesellschaft Wiesbaden/Mainz e. V.
  25. ↑ Werke: - Götterinseln der Ägäis. (1981) 2005. ISBN 3-89086-866-5 - Medea, ein Monolog. (1988) 1998. ISBN 3-89086-949-1 - Penelope, eine Erfahrung. 2000. ISBN 3-87365-323-0 - Rhodos, erinnert. 2007. ISBN 3-89086-557-7
  26. ↑ Die Autorin ist bekannt für ihre Nacherzählungen griechischer Mythologie.
  27. ↑ Bakchen, nach Euripides. Hanser, München 1999, ISBN 3-446-19811-3
    Homers Heimat. Der Kampf um Troia und seine realen Hintergründe. Hanser, München 2008, ISBN 978-3-446-23023-1
    Ilias. Neu übertragen von Raoul Schrott. Hanser, München 2008, ISBN 978-3-446-23046-0
  28. ↑ AKTUELLES (Neue Werke) / NEWS (New works) / PREVIEW-VORSCHAU (Memento vom 12. Mai 2019 im Internet Archive), auf sorgrose.de
  29. ↑ Werkreihe auf der Grundlage von Texten der altgriechischen Autoren Homer, Sappho, Sophokles, Euripides (siehe Videos im Youtube-Kanal der Komponistin auf YouTube)
  30. ↑ In diesem Interview spricht die Komponistin über die philhellenischen Intensionen ihrer künstlerischen Arbeit: https://uni-tuebingen.de/alumni/aus-dem-netzwerk/newsfullview-ausdemnetzwerk/article/alumni-spotlight-interview-komponistin-margarete-sorg-rose/
  31. ↑ Ulrich Tadday: Richard Strauss. Der griechische Germane. In: edition text+kritik (Hrsg.): Musik-Konzepte. 1. Auflage. Band IX/2005, Nr. 129/130. edition text+kritik, München 2005, ISBN 978-3-88377-809-9.
  32. ↑ „Fifty Days at Iliam“ (1978), eine Serie von zehn Gemälden, die auf Alexander Popes Übersetzung von Homers „Ilias“ aus dem 18. Jahrhundert basiert.
  33. ↑ Catherine Webb veröffentlichte unter dem Pseudonym "Claire North" drei Romane, die sich auf Homers "Odyssee" beziehen: "Ithaca", "House of Odysseus", "The Last Song of Penelope".