
Philippe Sands, KC (geboren 17. Oktober 1960 in London) ist ein britisch-französischer Jurist, Schriftsteller, Professor für Rechtswissenschaften und Direktor des Zentrums für internationale Gerichte (Centre on International Courts and Tribunals) am University College London. Er arbeitet als Barrister in der Rechtsanwaltskanzlei 11 King’s Bench Walk.
2026 wurde ihm der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels zugesprochen.
Als Experte des Völkerrechts tritt Sands als Anwalt vor vielen internationalen Gerichten auf, einschließlich des Internationalen Gerichtshofs in Den Haag, dem Internationalen Seegerichtshof, dem Europäischen Gerichtshof, dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte und dem Internationalen Strafgerichtshof. Außerdem gehört er den Richtergremien des Internationalen Zentrums zur Beilegung von Investitionsstreitigkeiten (ICSID) und des Internationalen Sportgerichtshofes (CAS) an.
Sands setzt sich für eine Verankerung des Ökozids im internationalen Strafrecht ein, um einzelne Personen für schwere Umweltschäden verantwortlich machen zu können.
Philippe Sands wurde am 17. Oktober 1960 in London geboren. Seine Mutter Ruth überlebte den Holocaust: Als Kleinkind wurde sie von der christlichen Missionarin Elsie Tilney aus Wien gebracht und anschließend mehrere Jahre lang von katholischen Familien in Frankreich versteckt. Seinem Großvater Leon Buchholz gelang 1938 nach dem Anschluss Österreichs die Flucht, seine Wiener Urgroßmutter Amalia Buchholz wurde 1942 in Treblinka Opfer des Holocaust. Sands besuchte die University College School im Stadtteil Hampstead und studierte Jura am Corpus Christi College in Cambridge. Er erhielt seinen Bachelor of Arts in Rechtswissenschaften 1982 und absolvierte einen LLM Studiengang im Folgejahr, den er mit „first class honours“ abschloss. Danach verbrachte Sands ein Jahr als Gastwissenschaftler an der Harvard Law School.
Heute lebt Sands im Norden Londons zusammen mit seiner Frau, Natalia Schiffrin, und drei Kindern. Seine Frau ist eine Tochter des verstorbenen Verlegers André Schiffrin.
In einem Interview mit dem Guardian sagte Sands: „Ich will als das Individuum ‚Philippe Sands‘ wahrgenommen werden, nicht als ‚Philippe Sands der Brite‘, ‚Londoner‘ oder ‚Jude‘.“
Am 11. Oktober 2026, bei seiner Dankesrede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, fordert er eine offene Debatte über mögliche Völkerrechtsverbrechen im Gazastreifen. Er sagte: „Doch zu Israel, zum Gazastreifen und zum Westjordanland ist das deutsche Schweigen bis heute laut. Deutschland kennt sich aus mit ethnischer Säuberung. Warum also das Schweigen?“
Von 1984 bis 1988 arbeitete Sands als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am St. Catherine’s College in Cambridge und am Cambridge University Research Centre for International Law (heute Lauterpacht Centre for International Law). Er bekleidete außerdem akademische Ämter am King’s College London (1988–1993) und SOAS (1993–2001). Er war Professor für Rechtswissenschaften an der New York University Law School (1993–2001) und hielt Gastprofessuren an der Universität Paris I Sorbonne, der University of Melbourne, dem Graduate Institute of International and Developments Studies, der Indiana University Bloomington, der University of Toronto, der Boston College Law School und der Universität Lwiw.
2019 wurde Sands als Samuel and Judith Pisar Visiting Professor of Law an die Harvard Law School berufen. Er war Mitbegründer des Zentrums für Internationales Umweltrecht (Centre for International Environmental Law, 1989) und des Projektes über internationale Gerichte (Project on International Courts and Tribunals, 1997).
Seine Beschäftigung mit dem internationalen Umweltrecht begann nach der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl 1986 mit einer Arbeit über grenzüberschreitende Umweltverschmutzung. Er wirkte zudem am Aufbau der Alliance of Small Island States mit, die die Interessen besonders vom Klimawandel bedrohter Inselstaaten in internationalen Verhandlungen vertritt.
East West Street: On the Origins of Genocide and Crimes against Humanity (2016), das seine Familiengeschichte mit der Entstehung der Rechtsbegriffe Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verbindet, wurde in mehr als 30 Sprachen übersetzt. Sein 2025 erschienenes Buch 38 Londres Street: On Impunity, Pinochet in England and a Nazi in Patagonia befasst sich mit Augusto Pinochet, dem ehemaligen SS-Offizier Walther Rauff und der Frage politischer und strafrechtlicher Straflosigkeit.

Sands trat 1985 der Anwaltschaft von England und Wales bei. Im Jahr 2000 war er eines der Gründungsmitglieder von Matrix Chambers und 2003 wurde er zum Queen’s Counsel ernannt. 2009 wurde Sands zum Bencher am Middle Temple gewählt.
Sands hat als Rechtsbeistand an zahlreichen internationalen Fällen gearbeitet, die eine weite Spanne von Rechtsgebieten umfassen, einschließlich:
Sands ist als Jurist in mehr als zwei Dutzend Fällen vor dem Internationalen Gerichtshof aufgetreten, unter anderem in der Nuclear Weapons Advisory Opinion (für die Salomonen), im Verfahren Georgia v. Russia (für Georgien), in Whaling in the Antarctic (für Australien), in Legal Consequences of the Separation of the Chagos Archipelago from Mauritius in 1965 sowie in Application of the Convention on the Prevention and Punishment of the Crime of Genocide (für Gambia). Des Weiteren wurde Sands als Rechtsbeistand in schiedsgerichtlichen zwischenstaatlichen Streitigkeiten berufen, einschließlich des Schiedsgerichtsverfahrens in Chagos Marine Protected Area (für Mauritius) und der Streitigkeit zwischen den Philippinen und China über Hoheitsrechte im Südchinesischen Meer (für die Philippinen).
Bei den öffentlichen Anhörungen des Internationalen Gerichtshofs zu den rechtlichen Folgen der israelischen Politik in den besetzten palästinensischen Gebieten argumentierte Sands 2024 für das Recht auf Selbstbestimmung und palästinensische Staatlichkeit. Im Januar 2026 vertrat er Gambia in der Hauptsacheverhandlung gegen Myanmar, in der Gambia Myanmar Völkermord an den Rohingya vorwirft. Sands war außerdem führender externer Rechtsberater in der Kampagne um die Rückgabe des Chagos-Archipels an Mauritius. Er spielte zudem eine wichtige Rolle bei der Einrichtung eines Sondertribunals für das Verbrechen der Aggression gegen die Ukraine.
Bevor er den Ruf zum Richter am Internationalen Zentrum zur Beilegung von Investitionsstreitigkeiten folgte (seit 2007), hat Sands in zahlreichen Investitionsstreitigkeitsfällen als Anwalt gearbeitet (einschließlich Tradex, Waste Management und Vivendi). Heute arbeitet Sands als Schiedsrichter in Investitions- und Sportstreitigkeiten.
Sands war an dem Verfahren um den 1998 in London festgenommenen früheren chilenischen Diktator Augusto Pinochet beteiligt und argumentierte gegen dessen Anspruch auf Immunität für internationale Verbrechen. Pinochets Festnahme galt als ein Wendepunkt für das Prinzip der universellen Jurisdiktion, da erstmals ein ehemaliges Staatsoberhaupt auf ausländischem Boden auf dieser Grundlage festgenommen wurde.
2005 verursachte Sands’ Buch Lawless World eine fachliche und öffentliche Debatte im Vereinigten Königreich über die Legalität des Irak-Krieges 2003. Das Buch umfasst eine Reihe von Themen, unter anderem auch das Strafverfahren gegen den früheren chilenischen Präsidenten Pinochet in London, die Gründung des Internationalen Strafgerichtshofes, den Krieg gegen Terror und die Erbauung und Inbetriebnahme des Gefangenencamps in Guantanamo Bay. In der zweiten Auflage von Lawless World (2006) deckte Sands auf, dass der damalige Premierminister des Vereinigten Königreiches Tony Blair US-Präsident George W. Bush Unterstützung der US-amerikanischen Pläne in den Irak einzufallen zusagte, ohne zuvor rechtlichen Rat zur Rechtmäßigkeit eines solchen Vorhabens einbezogen zu haben. Sands enthüllte ein Memorandum, das auf den 31. Januar 2003 datiert war, das ein zweistündiges Treffen zwischen Blair und Bush dokumentierte, währenddessen Bush die Möglichkeit ansprach, Saddam Husseins Streitkräfte zum Abschuss einer Lockheed U-2 zu verleiten, wodurch der Irak UN Sicherheitsratsresolutionen gebrochen hätte. Das Memorandum deckte auf, dass Blair Bush gegenüber seine Unterstützung zu einer solchen Kriegsführung zugesagt hatte. Dies steht im Widerspruch zu Blairs Erklärung vom 25. Februar 2003 im Britischen Parlament. Nach Sands’ Ansicht gab es keine völkerrechtliche Grundlage, auf welche die Militärintervention im Irak 2003 gestützt werden könnte.
Sands’ Buch Torture Team (2008) erklärt die Rolle von führenden Juristen in der Regierung Bush bezüglich der Autorisierung von Folter (einschließlich sogenannter „erweiterter Fragetechniken“ in Guantanamo Bay). Im Anschluss an die Veröffentlichung dieses Buches wurde Sands von dem britischen und dem niederländischen Parlament sowie dem US-Abgeordnetenhaus und dem US-Senat dazu eingeladen, mündliche und schriftliche Beweise darzulegen.
Von 2010 bis 2012 war Sands als Beauftragter der britischen Regierungskommission über eine Menschenrechtscharta tätig. Der Kommissionsreport wurde im Dezember 2012 veröffentlicht. Sands und die Baronin Kennedy stimmten nicht mit der Mehrheit überein und ihr Dissens („In Defence of Rights“) wurde in der London Review of Books veröffentlicht.
Sands und Kennedy äußerten Bedenken, dass die Unterstützung für eine britische Menschenrechtscharta von dem Wunsch des Vereinigten Königreichs geleitet war, aus der Europäischen Menschenrechtskonvention auszutreten. In einem Artikel, der in der englischen Zeitung The Guardian im Mai 2015 veröffentlicht wurde, schrieb Sands, dass eine britische Menschenrechtscharta einige Menschen innerhalb des Vereinigten Königreiches mit mehr Rechten als andere ausstatten könnte, was wiederum „unvereinbar mit dem Wesen grundlegender Menschenrechte sei, wonach jeder Mensch ein Minimum an Rechten innehat“.
Am 17. September 2015 gab Sands eine öffentliche Vorlesung am obersten Gericht des Vereinigten Königreiches unter dem Titel „Climate Change and the Rule of Law: Adjudicating the Future in International Law“. Er äußerte die Ansicht, dass die Entscheidung eines internationalen Gerichts wie des Internationalen Gerichtshofes helfen könnte, den wissenschaftlichen Disput über den Klimawandel beizulegen, da ein solches Urteil verbindlich und rechtlich verfügend wäre.
Im Dezember 2015 entwarf Sands mit zwei Kollegen von Matrix Chambers ein Rechtsgutachten zu der Legalität von Waffenexporten aus dem Vereinigten Königreich nach Saudi-Arabien für Amnesty International, Oxfam und Saferworld. Das Gutachten folgerte, dass die Regierung des Vereinigten Königreiches durch die Autorisierung von Waffentransfers nach Saudi-Arabien ihre Verpflichtungen unter dem Arms Trade Treaty, dem Gemeinsamen Standpunkt der Europäischen Union für Waffenexporte und der UK’s Consolidated Criteria on Arms Exports, bricht.
Am 16. April 2018 schrieb Sands an einem Artikel für die Times mit, in dem er argumentierte, dass sich das Vereinigte Königreich hinsichtlich der Raketenangriffe auf Syrien 2018 auf keine bestehende rechtliche Grundlage berufen könne.
Sands ist zusammen mit der senegalesischen Juristin Dior Fall Sow Co-Vorsitzender des 2020 von der „Stop Ecocide Foundation“ ins Leben gerufenen zwölfköpfigen internationalen Expertengremiums, das eine rechtliche Definition des Ökozids als eigenständiges internationales Verbrechen erarbeitete und dessen Aufnahme als fünftes Kernverbrechen neben den vier bestehenden Tatbeständen Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Kriegsverbrechen und Verbrechen der Aggression in das Römische Statut des Internationalen Strafgerichtshofs anstrebt. Im Juni 2021 veröffentlichte das Gremium den Entwurf für eine entsprechende Ergänzung.
Sands lehnt eine Rangordnung zwischen Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und anderen internationalen Kernverbrechen ab; beim Völkermord hebt er insbesondere die zusätzliche Schwierigkeit hervor, einen besonderen Vernichtungsvorsatz nachzuweisen.
Sands ist Mitwirkender für die Financial Times und The Guardian sowie gelegentlicher Mitwirkender für die London Review of Books und Vanity Fair. Darüber hinaus kommentiert Sands regelmäßig aktuelle Fälle und Fragen des Völkerrechts auf Programmen wie dem BBC, Sky News, CNN, Al Jazeera sowie in nationalen Radio- und Fernsehstationen weltweit.
Seine schriftlichen Werke bildeten die Grundlage für drei aufgeführte Produktionen, die den öffentlichen und historischen Einfluss des Völkerrechts erforschen:
Sands’ Buch East West Street: On the Origins of Genocide and Crimes against Humanity (2016) wurde in mehr als 30 Sprachen übersetzt. Es war die Grundlage für die Dokumentation What Our Fathers Did: A Nazi Legacy. Der Film wurde unter der Regie von David Evans gedreht und feierte im April 2015 beim Tribeca Film Festival Premiere. Die Dokumentation wurde in den USA am 6. November 2015 und im Vereinigten Königreich am 20. November 2015 veröffentlicht.
Sands schrieb das Skript und erscheint selbst in dem Film, an der Seite der Söhne zweier prominenter nationalsozialistischen Amtsträger unter Hitler: Niklas Frank (der Sohn von Hans Frank, Generalgouverneur im besetzten Polen) und Horst von Wächter (der Sohn von Otto Wächter, Gouverneur von Krakau in Polen und Galizien in der Ukraine). Die Dokumentation, welche die Beziehung der beiden Söhne zu ihren Vätern untersucht, gewann den Yad Vashem Chairman’s Award auf dem Jerusalem Film Festival und wurde als „Bester Dokumentarfilm“ auf dem Stockholm Film Festival und für den Evening Standard British Film Awards nominiert.
2018 schrieb Sands die Dokumentation Intrigue: The Ratline über das Verschwinden des Nazis Otto Wächter, welche er im BBC Radio 4 vorstellte. In der Dokumentation erforscht Sands die sogenannten „Rattenlinien“, über die ehemalige Nazis der Justiz entflohen. 2020 veröffentlichte er ein Buch über dieses Thema.
The Last Colony (2022) knüpft an Sands’ juristische Arbeit zum Chagos-Archipel an und behandelt die Vertreibung der Bewohner des Archipels sowie den Streit um die britische Herrschaft über die Inseln. Sands verstand das Buch als eine Form literarischer Interessenvertretung, nachdem die britische Regierung das Gutachten des Internationalen Gerichtshofs von 2019 zunächst zurückgewiesen hatte; zwei Monate nach Erscheinen des Buches änderte die Regierung ihre Haltung, wobei Sands selbst keinen ursächlichen Zusammenhang mit seinem Buch beanspruchte.
Mit 38 Londres Street (2025) kehrte Sands zum Fall Pinochet zurück und verknüpfte ihn mit der Geschichte des nach Chile geflohenen SS-Offiziers Walther Rauff; der Titel verweist auf ein Gebäude in Santiago de Chile, das während der Pinochet-Diktatur als geheimes Folterzentrum diente. Im Oktober 2026 arbeitete Sands an The Fifth Crime, einem Buch über seine rund 40-jährige Beschäftigung mit internationalem Umweltrecht und die Bestrebungen, Ökozid als fünftes internationales Kernverbrechen zu verankern. Parallel arbeitete er am vierten und abschließenden Band seines „Lwiw-Quartetts“, der die Einrichtung des Sondertribunals zum Verbrechen der Aggression gegen die Ukraine mit der Ermordung der ukrainischen Schriftstellerin Victoria Amelina verbinden soll.
Im Jahr 2019 veröffentlichte Sands eine Einleitung zu Franz Kafkas Der Prozess.
Sands erklärte 2026, seine Arbeit als Schriftsteller habe seinen Blick auf Formen von Wahrheit, Gerechtigkeit und Versöhnung erweitert; in bestimmten Fällen könne ein herausragendes literarisches Werk langfristig mehr zur Aufarbeitung beitragen als ein einzelnes Urteil eines internationalen Gerichts.
Für einige Jahre war Sands Vorstandsmitglied des Tricycle Theatre. Von 2018 bis 2023 war Sands Präsident von English PEN; von 2018 bis 2024 gehörte er dem Vorstand des Hay Festival of Arts and Literature an. Dort interviewte er unter anderem Julian Assange (2011); Vanessa Redgrave (2011); Keir Starmer (2013); John Le Carré (2013); Lord Justice Leveson (2014) und Tippi Hedren (2016).
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Sands, Philippe |
| ALTERNATIVNAMEN | Sands, Philippe Joseph |
| KURZBESCHREIBUNG | britischer Jurist und Autor |
| GEBURTSDATUM | 17. Oktober 1960 |
| GEBURTSORT | London |