

Piae Cantiones oder mit ausführlicherem Titel: Piae Cantiones ecclesiasticae et scholasticae veterum episcoporum (Fromme Kirchen- und Schullieder der alten Bischöfe) ist eine schwedisch-finnische Sammlung von Kirchen- und Schulgesängen, die im 16. Jahrhundert von dem aus Finnland stammenden Rostocker Studenten Theodoricus Petri Ruutha herausgegeben wurde. Sie erschien zuerst 1582 in Greifswald auf Latein, 1616 in einer finnischen Ausgabe, 1625 in einer von Daniel Friderici erweiterten zweiten Auflage in Rostock und wurde in Finnland bis zum Ende des 19. Jahrhunderts immer wieder neu aufgelegt. Im 19. Jahrhundert kam ein Exemplar der Erstausgabe nach Großbritannien und löste eine eigene Wirkungsgeschichte aus. Besonders die Weihnachtslieder werden noch heute gesungen.
Die Erstausgabe von 1582 enthält 74 Gesänge, die sich auf elf Gruppen verteilen:
Dem Weihnachtsteil vorangestellt ist ein neulateinisches Gedicht Carmen gratulatorium in natalem Savatoris Domini nostri Jesu Christi von Heinrich Husanus.
Die Sammlung enthält in Weißer Mensuralnotation notiert sowohl einstimmige als auch mehrstimmige Lieder. Von den 74 Liedern sind 12 mehrstimmig gesetzt: 7 für zwei Stimmen, 3 für drei Stimmen und 2 für vier Stimmen. Die Stimmen der mehrstimmigen Stücke sind allerdings nicht in moderner Partituranordnung untereinander notiert, sondern vielmehr einzeln hintereinander.
Die Herkunft der Texte und Melodien ist vielfältig und nur für etwas über die Hälfte der Gesänge geklärt: Neben vor allem schwedisch-finnischen Liedgut gibt es Einflüsse aus Norddeutschland und Dänemark, so dass Folke Bohlin feststellen konnte: „Die Piae Cantiones sind zum Teil ein Zeugnis für die kulturelle Zusammengehörigkeit des Ostseeraums“.
Zur Zeit der Veröffentlichung gab es im Königreich Schweden, zu dem Finnland damals gehörte, strikte Zensurgesetze. Die Forschung vermutet, dass es sich bei dem im Titel erwähnten, aber nicht genannten Kirchen- und Schulmann aus Turku, der die Texte korrigiert habe, um Jacobus Finno handelt, der 1567 ebenfalls in Rostock studiert hatte. Die meisten Korrekturen geschahen in der Absicht, mittelalterliche marianische Gesänge im Sinne der Reformation mehr auf Christus zu beziehen. Durch ein fast mechanisches Ersetzen führte das jedoch zu eigenartigen Ergebnissen und entstellte den Text, so bei Ave maris stella, divinitatis cella.
Das Vorwort der ersten Ausgabe ist am 23. Mai 1582 in Rostock unterzeichnet. Die Sammlung widmete Ruutha Christiano Horn, libero baroni ab Aminna: Krister Klasson Horn (1554–1612) auf Åminne bei Halikko in Westfinnland, Sohn des schwedischen Admirals und Seehelden Klas Kristersson Horn (1520–1566). Er war schon als junger Mann für seine humanistische Gelehrsamkeit bekannt und besaß eine große Bibliothek. Krister Horn wird den Druck finanziert haben. Später unterstützte er Sigismund III. Wasa gegen Karl IX. und fiel dafür, ebenso wie Ruutha, in Ungnade.
Es ist anzunehmen, dass die Sammlung eigentlich in Rostock gedruckt werden sollte, die Arbeit aber aus drucktechnischen Gründen an Augustin Ferber d. Älteren (bl. 1575–1619) in Greifswald vergeben wurde. Ferber war bis 1580 in Rostock ansässig. Von der Erstausgabe sind mit Stand von 2005 22 Exemplare bekannt, davon 15 in schwedischen, 5 in finnischen sowie 2 in Bibliotheken außerhalb Skandinaviens. 2017 wurde ein Exemplar bei einer Auktion in Stockholm angeboten.
1612 erschien in Helsinki eine finnische Übersetzung, die keinerlei Hinweise auf Ruutha enthielt.
1625 gaben die Brüder und Neffen Ruuthas eine Neuausgabe in Auftrag, die in Rostock erschien. Sie wurde von Heinricus Martini Fattabur und Matthias Jacobäus (Tolia) herausgegeben. Beide hatten in Rostock studiert; Fattabur war jetzt Rektor und Jacobäus Lehrer an der Domschule in Wiborg. Dem Vorwort folgte ein Widmungsgedicht von Johannes Simonius, dem Senior der philosophischen Fakultät in Rostock. Der Kantor der Rostocker Marienkirche Daniel Friderici schuf teilweise neue mehrstimmige Sätze. Samuel Cröell und Johannes Henrici, zwei aus Wiborg stammende Studenten, hatten den Kontakt zu ihm hergestellt. Die Neuauflage enthält 16 Neuaufnahmen, darunter Grates nunc omnes und Psallite unigenito und hat insgesamt 90 Stücke.
Der britische Diplomat George John Robert Gordon, der von 1843 bis 1854 in Stockholm tätig war, stand der anglokatholischen Erneuerungsbewegung der Kirche von England nahe. In seiner Zeit in Stockholm schrieb er von 1847 bis 1853 regelmäßig Artikel für das Magazin The Ecclesiologist, in denen er das liturgische Leben und Kirchen der lutherischen Kirche von Schweden beschrieb und diese als vorbildlich für eine liturgische und spirituelle Erneuerung der anglikanischen Kirche darstellte.
Vermutlich in Stockholm erwarb Gordon ein Exemplar der Erstauflage von 1582. Zu den Vorbesitzern zählte der Komponist Pehr Frigel (1750–1842). 1853 stellte er es John Mason Neale zur Verfügung und begründete damit eine ganz eigene Wirkungsgeschichte der Sammlung in Großbritannien. Neale nutzte gemeinsam mit dem Komponisten Thomas Helmore Text und Melodien daraus für zwei Publikationen. Zuerst erschienen 1853 zwölf Carols for Christmas-tide bei Novello in London. Die Melodien stammten alle aus Piae Cantiones; die Texte waren entweder mehr oder minder freie Übertragungen. Für Good King Wenceslas nahm Helmore die Melodie des Frühlingsliedes Tempus adest floridum. Im Jahr darauf folgte eine Sammlung von zwölf Carols for Easter-tide. Besonders die Weihnachtslieder erlangten schnell eine große Popularität und gelangten in viele englischsprachige Gesangbücher. Für das Weihnachtslied Of the Father’s love begotten, einer Übertragung Neales nach Venantius Fortunatus, nutzte Helmore die Melodie von Divinum mysterium, einem eucharistischen Hymnus.
Helmore gab das Exemplar vor seinem Tod 1890 weiter an den anglikanischen Priester und Hymnologen George Ratcliffe Woodward (1848–1934). Woodward veröffentlichte 1910 für die Plainsong & Medieval Music Society eine neue Ausgabe der Piae Cantiones. Dabei versuchte er, die Änderungen Finnos rückgängig zu machen und den originalen Wortlaut der marianischen Gesänge wiederherzustellen.
Über die Society kam das Exemplar der Erstausgabe an die British Library.
Durch neuere Ausgaben und Arrangements, z. B. in den 100 Carols for Choirs (Hundert Weihnachts- und Kirchenlieder für Chöre) von David Willcocks und John Rutter bei der Oxford University Press herausgegeben, sind die Weihnachtslieder aus den Piae Cantiones nach wie vor verbreitet. Viele der darin enthaltenen Werke sind ein fester Bestandteil des Festival of Nine Lessons and Carols in der King’s College Chapel in Cambridge, eines traditionellen Gottesdienstes, der jedes Jahr am Heiligen Abend stattfindet und von der BBC im Hörfunk übertragen wird.