
Als Pingpu-Völker („Flachlandvölker“, chinesisch: 平埔族 Píngpǔzú; taiwanisch: Pêⁿ-po͘-cho̍k) werden in Taiwan die Ureinwohnervölker bezeichnet, deren ursprüngliches Siedlungsgebiet in den nördlichen, westlichen und südlichen Ebenen der Insel Taiwan lag. Infolge jahrhundertelanger Einwanderung von Han-Chinesen wurden diese Völker aus ihren angestammten Gebieten verdrängt. Ihre Kultur und Sprache oder gar die Völker selbst sind zum Teil verschwunden oder in der Mehrheitsbevölkerung der Han-Taiwaner aufgegangen. Dennoch existieren bis heute einige Pingpu-Völker, die um den Erhalt ihrer Identität und um Anerkennung bestrebt sind. Seit 2016 werden sie offiziell als eine Unterkategorie der indigenen Völker Taiwans anerkannt.

Wie alle indigenen Völker Taiwans gehören auch die Pingpu-Völker zu den austronesischen Völkern. Erste umfassende Beschreibungen taiwanischer Ureinwohner gehen auf die Zeit der niederländischen Kolonisierung Südtaiwans zurück. Niederländische Missionare begannen mit der Verschriftlichung einiger Ureinwohnersprachen wie z. B. der Sprache der Siraya. Diese Aufzeichnungen sind wichtige und zuweilen auch die einzigen Quellen zur Erforschung oder Rekonstruktion mancher Sprachen. Die Pingpu-Völker betrieben Landwirtschaft, Jagd und Fischfang. Schwerpunkt ihrer Religion war zumeist die Ahnenverehrung, viele ihrer Gemeinschaften waren matrilinear organisiert.
Die an geografischen Kriterien orientierte Einteilung in "Pingpuzu (平埔族, Flachlandvölker)" und "Gaoshanzu (高山族, Bergvölker)" stammt aus der Zeit der chinesischen Qing-Herrschaft (1683–1895). Daneben wurden die indigenen Völker je nach ihrem vermeintlichen Zivilisierungsgrad in "Shoufan (熟番, zivilisierte Ureinwohner)" und "Shengfan (生番, unzivilisierte Ureinwohner) unterschieden. Da die Pingpu-Völker weitaus früher und intensiver mit der chinesischen Kultur in Kontakt kamen als die Völker der abgelegenen Berge, fielen sie fast völlig unter die Kategorie Shoufan. Die Größe der Pingpu-Bevölkerung vor der Ankunft fremder Kolonisatoren ist schwer zu schätzen. Das taiwanische Komitee für indigene Völker spricht von 40–60.000 Menschen, doch angesichts niederländischer Aufzeichnungen, die von Siraya-Dörfern mit bis zu 1.500 Einwohnern berichten, könnte die Zahl viel höher gewesen sein. Andrade (2008) geht zur Zeit der Ankunft der Niederländer für ganz Taiwan von einer Einwohnerzahl von 100.000 aus.

Während der japanischen Kolonialzeit (1895–1945) wurde die Unterscheidung in Shoufan (japanisch: Jukuban) und Shengfan (Seiban) übernommen. Die indigenen Völker Taiwans wurden erstmals ethnographisch erforscht. Die heutige Einteilung der Völker folgt weitgehend immer noch der damaligen Klassifizierung durch japanische Ethnographen, mit Modifikationen, die im Lauf der Zeit vorgenommen wurden und immer noch werden.
Während der japanischen Herrschaft wurden auch die ersten modernen Volkszählungen auf Taiwan durchgeführt und dabei die Zahl der „zivilisierten Ureinwohner“ nach Verwaltungseinheit ermittelt. Im Jahr 1905 wurden 46.432 Menschen dieser Bevölkerungsgruppe gezählt, 1935 waren es 57.812. Die Erhebungen ergaben zudem erstmals ein genaueres Bild der geographischen Verteilung der Pingpu-Völker. Diese Daten sind bis heute von Bedeutung, weil die Kuomintang-Regierung zu Beginn ihrer Kontrolle über Taiwan im Jahr 1945 den Status der „zivilisierten Ureinwohner“ abschaffte und damit keine Bestimmung ihrer Zahl und Siedlungsgebiete mehr vorgenommen wurde. Der behördliche Nachweis der Abstammung von einem Pingpu-Volk ist heute oft nur durch Rückgriff auf die japanischen Register möglich.
Die jahrhundertelange Einwanderung chinesischer Siedler führte zur weitgehenden Sinisierung der Pingpu-Völker oder zur Abwanderung in andere Siedlungsgebiete. Um Konflikte zwischen Siedlern und Ureinwohnern zu vermeiden, aber auch um letztere zu schützen, wurden einige Völker sowohl von den chinesischen als auch den japanischen Behörden zur Übersiedlung ins zentraltaiwanische Puli ermutigt. Aus diesem Grund ist Puli heute ein Siedlungszentrum verschiedener, vor allem kleinerer Pingpu-Völker.

Obwohl die Einteilung der Pingpu-Völker je nach Wissenschaftler variiert und ihre Abgrenzung voneinander manchmal schwer ist, werden heute im Wesentlichen folgende Völker unterscheiden:



Im Zuge der Demokratisierung Taiwans Ende des 20. Jahrhunderts fanden eine Abkehr von der jahrzehntelang durch die Kuomintang-Diktatur betriebenen Sinisierungspolitik und eine Rückbesinnung auf die lokale Geschichte und Kultur Taiwans statt. Indigene Völker erfahren heute mehr Wertschätzung und mehr und mehr Taiwaner besinnen sich mit Stolz auf ihre indigene Herkunft und Identität. Dies ist für Angehörige der Pingpu-Völker schwerer als für die ehemals als Bergvölker bezeichneten Ureinwohner im Osten Taiwans, da Erstere im Lauf der Jahrhunderte viel stärker von der han-taiwanischen Mehrheitsgesellschaft assimiliert wurden. Zudem ist die (freiwillige) Registrierung als Angehöriger eines Pingpu-Volks erst seit 2016 möglich, als diese Völker offiziell als Unterkategorie der indigenen Völker Taiwans anerkannt wurden. Diese Gründe führen dazu, dass unter den 16 offiziell anerkannten Ureinwohnervölkern Taiwans mit den Kevalan und Saisiyat nur zwei Pingpu-Völker sind (Stand 2024) und die Zahl der Angehörigen aller Pingpu-Völker immer noch schwer festzumachen ist. Schätzungen reichen in der Regel von mehreren zehntausend über etwa 200.000 bis hin zu über 500.000 Menschen.
Taiwanische Bürger können sich als Ureinwohner registrieren lassen, wenn sie ihre Abstammung nachweisen können. Im Fall der Pingpu-Völker geschieht das häufig unter Rückgriff auf die letzten amtlichen Registrierungen von Angehörigen dieser Völker während der japanischen Kolonialzeit. Die Renaissance von Identität, Kultur und Sprache der Pingpu-Völker ist ein dynamischer Prozess.