Pingpu-Völker

Jäger in Muzha, Taipeh, 1871

Als Pingpu-Völker („Flachlandvölker“, chinesisch: 平埔族 Píngpǔzú; taiwanisch: Pêⁿ-po͘-cho̍k) werden in Taiwan die Ureinwohnervölker bezeichnet, deren ursprüngliches Siedlungsgebiet in den nördlichen, westlichen und südlichen Ebenen der Insel Taiwan lag. Infolge jahrhundertelanger Einwanderung von Han-Chinesen wurden diese Völker aus ihren angestammten Gebieten verdrängt. Ihre Kultur und Sprache oder gar die Völker selbst sind zum Teil verschwunden oder in der Mehrheitsbevölkerung der Han-Taiwaner aufgegangen. Dennoch existieren bis heute einige Pingpu-Völker, die um den Erhalt ihrer Identität und um Anerkennung bestrebt sind. Seit 2016 werden sie offiziell als eine Unterkategorie der indigenen Völker Taiwans anerkannt.

Geschichte

Ein taiwanischer Ureinwohner, von Caspar Schmalkalden um 1650

Wie alle indigenen Völker Taiwans gehören auch die Pingpu-Völker zu den austronesischen Völkern. Erste umfassende Beschreibungen taiwanischer Ureinwohner gehen auf die Zeit der niederländischen Kolonisierung Südtaiwans zurück. Niederländische Missionare begannen mit der Verschriftlichung einiger Ureinwohnersprachen wie z. B. der Sprache der Siraya. Diese Aufzeichnungen sind wichtige und zuweilen auch die einzigen Quellen zur Erforschung oder Rekonstruktion mancher Sprachen. Die Pingpu-Völker betrieben Landwirtschaft, Jagd und Fischfang. Schwerpunkt ihrer Religion war zumeist die Ahnenverehrung, viele ihrer Gemeinschaften waren matrilinear organisiert.

Die an geografischen Kriterien orientierte Einteilung in "Pingpuzu (平埔族, Flachlandvölker)" und "Gaoshanzu (高山族, Bergvölker)" stammt aus der Zeit der chinesischen Qing-Herrschaft (1683–1895). Daneben wurden die indigenen Völker je nach ihrem vermeintlichen Zivilisierungsgrad in "Shoufan (熟番, zivilisierte Ureinwohner)" und "Shengfan (生番, unzivilisierte Ureinwohner) unterschieden. Da die Pingpu-Völker weitaus früher und intensiver mit der chinesischen Kultur in Kontakt kamen als die Völker der abgelegenen Berge, fielen sie fast völlig unter die Kategorie Shoufan. Die Größe der Pingpu-Bevölkerung vor der Ankunft fremder Kolonisatoren ist schwer zu schätzen. Das taiwanische Komitee für indigene Völker spricht von 40–60.000 Menschen, doch angesichts niederländischer Aufzeichnungen, die von Siraya-Dörfern mit bis zu 1.500 Einwohnern berichten, könnte die Zahl viel höher gewesen sein. Andrade (2008) geht zur Zeit der Ankunft der Niederländer für ganz Taiwan von einer Einwohnerzahl von 100.000 aus.

Frau mit Kind in Muzha, Taipeh, 1871

Während der japanischen Kolonialzeit (1895–1945) wurde die Unterscheidung in Shoufan (japanisch: Jukuban) und Shengfan (Seiban) übernommen. Die indigenen Völker Taiwans wurden erstmals ethnographisch erforscht. Die heutige Einteilung der Völker folgt weitgehend immer noch der damaligen Klassifizierung durch japanische Ethnographen, mit Modifikationen, die im Lauf der Zeit vorgenommen wurden und immer noch werden.

Während der japanischen Herrschaft wurden auch die ersten modernen Volkszählungen auf Taiwan durchgeführt und dabei die Zahl der „zivilisierten Ureinwohner“ nach Verwaltungseinheit ermittelt. Im Jahr 1905 wurden 46.432 Menschen dieser Bevölkerungsgruppe gezählt, 1935 waren es 57.812. Die Erhebungen ergaben zudem erstmals ein genaueres Bild der geographischen Verteilung der Pingpu-Völker. Diese Daten sind bis heute von Bedeutung, weil die Kuomintang-Regierung zu Beginn ihrer Kontrolle über Taiwan im Jahr 1945 den Status der „zivilisierten Ureinwohner“ abschaffte und damit keine Bestimmung ihrer Zahl und Siedlungsgebiete mehr vorgenommen wurde. Der behördliche Nachweis der Abstammung von einem Pingpu-Volk ist heute oft nur durch Rückgriff auf die japanischen Register möglich.

Die jahrhundertelange Einwanderung chinesischer Siedler führte zur weitgehenden Sinisierung der Pingpu-Völker oder zur Abwanderung in andere Siedlungsgebiete. Um Konflikte zwischen Siedlern und Ureinwohnern zu vermeiden, aber auch um letztere zu schützen, wurden einige Völker sowohl von den chinesischen als auch den japanischen Behörden zur Übersiedlung ins zentraltaiwanische Puli ermutigt. Aus diesem Grund ist Puli heute ein Siedlungszentrum verschiedener, vor allem kleinerer Pingpu-Völker.

Bedeutende Pingpu-Völker

Ureinwohnervölker (Pingpu und Gaoshan) und ihre ursprünglichen Siedlungsgebiete

Obwohl die Einteilung der Pingpu-Völker je nach Wissenschaftler variiert und ihre Abgrenzung voneinander manchmal schwer ist, werden heute im Wesentlichen folgende Völker unterscheiden:

Pas-ta'ai-Fest (Saisiyat)
Anfang des Matthäus-Evangeliums niederländisch-Siraya (Taivoan)-englisch

Heutige Situation

Kavalan-Frauen

Im Zuge der Demokratisierung Taiwans Ende des 20. Jahrhunderts fanden eine Abkehr von der jahrzehntelang durch die Kuomintang-Diktatur betriebenen Sinisierungspolitik und eine Rückbesinnung auf die lokale Geschichte und Kultur Taiwans statt. Indigene Völker erfahren heute mehr Wertschätzung und mehr und mehr Taiwaner besinnen sich mit Stolz auf ihre indigene Herkunft und Identität. Dies ist für Angehörige der Pingpu-Völker schwerer als für die ehemals als Bergvölker bezeichneten Ureinwohner im Osten Taiwans, da Erstere im Lauf der Jahrhunderte viel stärker von der han-taiwanischen Mehrheitsgesellschaft assimiliert wurden. Zudem ist die (freiwillige) Registrierung als Angehöriger eines Pingpu-Volks erst seit 2016 möglich, als diese Völker offiziell als Unterkategorie der indigenen Völker Taiwans anerkannt wurden. Diese Gründe führen dazu, dass unter den 16 offiziell anerkannten Ureinwohnervölkern Taiwans mit den Kevalan und Saisiyat nur zwei Pingpu-Völker sind (Stand 2024) und die Zahl der Angehörigen aller Pingpu-Völker immer noch schwer festzumachen ist. Schätzungen reichen in der Regel von mehreren zehntausend über etwa 200.000 bis hin zu über 500.000 Menschen.

Taiwanische Bürger können sich als Ureinwohner registrieren lassen, wenn sie ihre Abstammung nachweisen können. Im Fall der Pingpu-Völker geschieht das häufig unter Rückgriff auf die letzten amtlichen Registrierungen von Angehörigen dieser Völker während der japanischen Kolonialzeit. Die Renaissance von Identität, Kultur und Sprache der Pingpu-Völker ist ein dynamischer Prozess.

Literatur

Commons: Pingpu-Völker – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. ↑ Pan (2016)
  2. ↑ Das Schriftzeichen 番 (fan) bezeichnet ursprünglich nicht-chinesische Völker, wird manchmal mit "Fremde", "Barbaren" oder "Ausländer" übersetzt. Im taiwanischen Kontext sind Ureinwohner gemeint.
  3. ↑ Kang, Peter (2003): A Brief Note on the Possible Factors Contributing to the Large Village Size of the Siraya in the Early Seventeenth Century. In Leonard Blusse (ed.): Around and About Formosa. Taipei: SMC Publishing, 111–127
  4. ↑ Komitee der indigenen Völker Taiwans
  5. ↑ Tung Chen-kuo (Liberty Times Net, 30. September 2013): Rückkehr nach Wugangquan, um die Ahnen zu ehren. Die Hoanya unterzeichnen ein Familienbündnis. Original: 佟振國(自由時報):重返五港泉祭祖 洪安雅族簽會親盟文, abgerufen am 30. November 2024
  6. ↑ Chen I-Chen (20. November 2019): Falsch benannt: Nicht Hoanya, sondern Lloa und Arikun. Original: 陳以箴: 錯置的名字:(x 洪雅Hoanya x) 羅亞Lloa、阿立昆Arikun (abgerufen am 6. September 2024)
  7. ↑ Die Papora von Shalu feiern ihr Ahnenfest, führen ihre Kultur fort. Original: 原住民族文化事業基金會 (2. September 2016): 沙鹿拍瀑拉族舉辦祖靈祭 延續文化 (abgerufen am 6. September 2024)
  8. ↑ Han Cheung (Taipei Times, 22. November 2020): Taiwan in Time: The ceremony that endured the times (abgerufen am 7. September 2024)
  9. ↑ Pan (2016)
  10. ↑ Lin Shang-zuo (17. August 2017): "Wahrscheinlich werden sich über 550.000 Angehörige von Pingpu-Völkern registrieren lassen". Komitee für indigene Völker: Bürger können im Einwohnermeldeamt die Haushaltsregister ihrer Vorfahren einsehen. Original: 林上祚: 「註記平埔族人數可能超過55萬人」原民會:民眾可向戶政機關調閱祖父輩戶口名簿 (abgerufen am 8. September 2024)