Die Polesier Operation (russisch: Полесская операция, auch Operation in den Polesier Sümpfen oder deutsch: Schlacht um Kowel oder Kesselschlacht von Kowel) war eine Angriffsoperation der Roten Armee im Zweiten Weltkrieg, die von der 2. Weißrussischen Front als ein Teil der Dnepr-Karpaten-Operation durchgeführt wurde. Die sowjetischen Truppen konnten erhebliche Geländegewinne erzielen, aber ihr Ziel, die Eroberung vom Verkehrsknotenpunkt Kovel, gelang nicht. Kowel hatte in der damaligen Lage überragende strategische Bedeutung. Kowel lag am südwestlichen Ende der Prypjatsümpfe, Europas größtes Sumpfgebiet, mit 90.000 km² Fläche. Um die Prypjatsümpfe zu umgehen, musste Kowel erobert werden, um nach Nordwesten in Richtung Brest Litovsk einzuschwenken zu können.
Der erfolgreiche Verlauf der Rowno-Luzker Operation schuf nicht nur günstige Bedingungen für die Truppen der 1. Ukrainischen Front, gegen die Flanke der Heeresgruppe Süd in Richtung Tschernowitz vorzugehen, sondern auch für die Entwicklung einer Offensive gegen Kowel und weiter nach Brest in den Rücken der Heeresgruppe Mitte. Um diese Offensive durchzuführen, beschloss die Stawka, eine neue Front zu bilden. Diese wurde als 2. Weißrussische Front bezeichnet, die bisherige Weißrussische Front geteilt und in „1. Weißrussische Front Armeegeneral Konstantin Rokossowski“ umbenannt. Die 2. Weißrussische Front lag damit zwischen der 1. Weißrussischen und der 1. Ukrainischen Front.
Am Anfang der Operation war nicht die gesamte 2. Weißrussische Front bei der Offensive involviert. Von den 25 Divisionen waren nur 13 am Angriff beteiligt. Weitere Kräfte traten erst im Zuge der Operation ein, 3 Divisionen und 3 Panzerregimenter waren aber bis zum Ende der Operation nicht rechtzeitig verfügbar. An der Polesier Operation waren insgesamt folgende Großverbände beteiligt:
Die deutschen Truppen, die am Anfang der Operation der 2. Weißrussischen Front gegenüberstanden, waren folgende: Zwischen Pinsk und Kobryn am linken Flügel der 2. Armee (Heeresgruppe Mitte), 7. Infanterie-Division und „Gruppe Hähnle“ und „Gruppe Agricola“ (1 Kavallerie-Regiment und 6 Infanterie-Bataillone).
Teile der 4. Panzerarmee (Heeresgruppe Süd), 213. Sicherungs-Division, SS-Panzer-Abteilung 5 (Mühlenkamp) und andere Einheiten. Außerdem waren auch Reste der 5. SS-Division "Wiking" unter SS-General Gille im Einsatz, die dem Korsun-Schewtschenkower Kessel entkommen waren. Nach der Kesselschlacht von Tscherkassy wurde die Division wieder verstärkt und gehörte zunächst zur Heeresgruppe Süd. Ein Teil der Division befand sich in Kowel, die Masse nördlich davon. Unmittelbar im Rücken der deutschen Verteidigung befanden sich auch fünf ungarische Divisionen (1., 9., 12., 19. und 23. Division).
Am 28. März wurde das XXXXII. Armeekorps von der Heeresgruppe Süd zur Heeresgruppe Mitte überstellt (5. SS-Panzer-Division „Wiking“, ungarische 19. Division sowie die 131. Infanterie-Division aus der OKW-Reserve). Ende März bis Anfang April wurden gegen die 2. Weißrussische Front zusätzlich folgende Kräfte herangezogen: 4. und 5. Panzer-Division, 131., 211., 253. Infanterie- und 5. Jäger-Division, Korpsabteilung Е (Kampfgruppen 251., 137. und 86. Infanterie-Division und Teile der 1. Ski-Brigade), dazu die 190., 270., 904., 1005. und 1007. Sturmgeschütz-Brigade.
Die Operation begann am 15. März 1944; die sowjetische 47. Armee führte den Hauptstoß auf Kowel, die 70. Armee ging nördlich davon in Richtung auf Kamin-Kaschyrskyj vor. Am 16. März folgten unterstützende Angriffe der 61. Armee, die das südliche Ufer des Pripjats besetzen sollte. Am 18. März hatte der sowjetische Vormarsch nach 30 bis 40 km Kowel erreicht. Kowel wurde eingeschlossen und es kam zu einer 21 Tage dauernden Kesselschlacht. In Kowel wurden sehr verschiedene Einheiten eingeschlossen, darunter das 177. Regiment der 213. Division, das 17. Polizei-Regiment, das 12. Eisenbahn-Bataillon, Teile der 19. und 9. ungarischen Division und die 5. SS-Panzer-Division „Wiking“. Die Anzahl der Soldaten wird sehr unterschiedlich angegeben, sie geht von 4.500 bis etwa 6.500 bis 8.500 Mann. Eingeschlossen waren auch 500 Angehörige der Deutschen Reichsbahn, auch weil Kowel seit Ende 1941 zu einem stark frequentierten Knoten für Fronturlauberzüge aus dem Südosten ausgebaut wurde. Die Befestigung von Kowel war von der Wehrmacht zuvor stark ausgebaut worden. Bereits am 8. März 1944 hatte Adolf Hitler Kowel per Führerbefehl mit 28 anderen Städten an der Ostfront zum „Festen Platz“ bestimmt. Diese Festen Plätze mussten auf jeden Fall verteidigt werden und daher war ein Rückzug ausgeschlossen. Hitler ernannte SS-Gruppenführer Herbert Otto Gille am 12. März persönlich zum Kommandanten des Kessels. Gille erhielt den Befehl, Kowel um jeden Preis zu halten. Am 16. März 1944 ließ sich Gille mit einer Fieseler Storch nach Kowel einfliegen, um die dortigen Truppen selbst zu befehligen. Gille ließ Stellungen ausbauen und auch Panzergräben ausheben. Die Soldaten und auch die Eisenbahner im Panzernahkampf ausbilden. Die Eingeschlossenen konnten nur aus der Luft versorgt werden. Da es keinen Flugplatz gab, musste die 430 eingesetzten Flugzeuge der Luftwaffe den Nachschub abwerfen. Dabei kam es immer wieder zu Fehlabwürfen, die bei der Roten Armee landeten. Die deutsche Verteidigung Kowels war gut organisiert. Außerdem wurden vom Kommandeur der 47. Armee schwere Fehler gemacht, der Sturm auf Kowel war schlecht organisiert und verlustreich für die Angreifer. Der Kommandeur der 47. Armee, General Polenow, wurde deswegen nach der Operation abberufen.
Das Kommando der deutschen 2. Armee (Generaloberst Weiß) erkannte schnell, dass die Kowel-Gruppe ohne Verstärkung dennoch nicht in der Lage war, auf Dauer standzuhalten. Ein starker deutscher Gegenangriff wurde organisiert. Mit der aus dem Raum Brest am 21. März beginnenden Gegenoffensive wurde das Generalkommando des LVI. Panzerkorps (General der Infanterie Hoßbach) beauftragt. Aus dem Bereich der Heeresgruppe Mitte waren dazu im März und April 1944 zugeführt: vier Infanterie-, zwei Jäger- und zwei Panzer-Divisionen. Die 4. Panzer-Division unter General von Saucken nahm beim Entsatz die führende Rolle ein. Außerhalb des Kessels verfügte die sowjetische 47. Armee am 23. März über drei Schützendivisionen am 1. April bereits über sechs Schützendivisionen. Am 23. März begann der Aufmarsch der deutschen Entsatzgruppe; diese wurde Anfang April verstärkt und war mit acht Divisionen, darunter drei Panzerdivisionen, entlang der Chaussee Ljuboml-Kowel aufmarschiert. Am 30. März stieß Obersturmführer Karl Nicolussi-Leck mit 7 Panzern des Typs „Panther“ der SS-Wiking-Division und 50 Mann der 131. Infanterie-Division in den Kessel vor. Diese Panzer und Soldaten sorgten mit dafür, dass der Kessel gehalten werden konnte. Außerdem eroberte die Wehrmacht in der Region kurzfristig die Luftherrschaft. Am 4. April gelang es, Kowel zu entsetzen, damit war die Operation abgeschlossen. 2.000 Verwundete und alle Kettenfahrzeuge konnten geborgen werden.
Aus Propagandagründen wurde die Befreiung der Garnison von Kowel vom OKW zu einem großen Sieg aufgebläht, obwohl dies im Vergleich zu den Geländeverlusten der Heeresgruppe Süd im März 1944 nur ein kleiner Erfolg war. Der Wehrmachtbericht hatte zwar ab dem 18. März ständig von der Schlacht berichtet, aber verschwiegen, dass in Kowel deutsche Truppe eingeschlossen waren. Man teilte nur mit „erbitterte Kämpfe im Gange“, „bei Kowel stehen unsere Truppen weiterhin in schweren Abwehrkampf“ oder „die Besatzung von Kowel wies mehrere feindliche Angriffe ab“. Erst am Tag nach dem Entsatz der Stadt kam die Meldung „Die seit dem 17. April eingeschlossene Besatzung der Stadt Kowel hat unter Führung des SS-Gruppenführers und Generalleutnant der Waffen-SS Gille dem wochenlangen Ansturm weit überlegender feindlicher Kräfte mit beispielhafter Tapferkeit stand gehalten.“
Die Polesier Operation hatte den sowjetischen Truppen mit relativ begrenzten Verlusten großen territorialen Gewinn gebracht. Die Rote Armee stieß auf einer etwa 100 km breiten Front bis zu 50 km Tiefe vor. Das geplante Ziel der Operation Kowel zu erobern wurde von der 2. Weißrussischen Front aber nicht erreicht. Nach sowjetischen Angaben verloren die deutschen Truppen in der Polesier Operation mehr als 10.000 Mann (Tote und Vermisste). Die Garnison von Kowel verlor nach deutschen Angaben 3.220 Mann, darunter 738 Tote, 348 Vermisste und 2.134 Verwundete. Die 2. Weißrussische Front beklagte 2.761 Tote und 8.371 Verwundete. Die Durchführung der Operation trug zum Erfolg der Offensive der 1. Ukrainischen Front auf Czernowitz bei. Die Polesier Operation war dabei die kleinste der 10 Operationen der Dnepr-Karpaten-Operation. Nach der Operation beschloss die Stawka, in der Ukraine eine Kampfpause einzulegen, um die Operation Bagration gegen die Heeresgruppe Mitte vorzubereiten. Die 2. Weißrussische Front wurde wieder aufgelöst und ihre Truppen an die 1. Weißrussische Front übertragen.
Auf Seiten der Deutschen galten die Kämpfe um Kowel als strategischer Erfolg. Es war die letzte Kesselschlacht an der Ostfront, in der Wehrmacht erfolgreich, die eingeschlossenen Truppen entsetzten konnte. Der Erfolg bestärkte Hitler im Glauben an den Erfolg der „Festen Plätze“ und war nun Präzedenzfall für die weitere Taktik. Karl-Heinz Frieser schlussfolgert zu Hitler: „Die Chimäre der ‚festen Plätze‘ bestimmte von nun an sein starres Defensivdenken - mit fatalen Folgen, wie in darauffolgenden Sommer die sowjetische Offensive gegen die Heeresgruppe Mitte zeigen sollte.“ Später im Sommer 1944 war dieses operative Verhalten, unbedingtes halten „Fester Plätze“, ein Hauptgrund für den völligen Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte bei der Operation Bagration. Allein 12 bis 13 deutsche Divisionen wurden bei dem Versuch, die „Festen Plätze“ zu halten, innerhalb weniger Tage eingeschlossen und aufgerieben.
Die Stadt Kowel konnte erst am 6. Juli 1944 vom 129. Schützenkorps (Generalmajor Michail Borissowitsch Anaschkin) und vom 125. Schützenkorps (Generalmajor Iwan Kusmitsch Kuzmin) der 47. Armee befreit werden.