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Das Push-Pull-Modell der Migration stellt den Kern der ökonomisch motivierten Migrationstheorie dar, die Everett S. Lee (1917–2007) in den 1960er Jahren aufstellte. Die Theorie geht davon aus, dass Menschen aus einem ursprünglichen Gebiet „weggedrückt“ werden (engl.: „to push“, „drücken“) und/oder von einem anderen Gebiet „angezogen“ (engl.: „to pull“, „ziehen“) werden. Die Theorie wurde sowohl auf nationale als auch auf internationale Wanderung angewandt. Lees Arbeit (1966) basiert auf dem Prinzip des „ökonomischen Rationalismus“; sie wurde von anderen Autoren aufgegriffen und weiterentwickelt. Lee geht davon aus, dass aufgrund der natürlichen Trägheit und Risikoscheu ein Übergewicht an begünstigenden Faktoren noch nicht zwangsläufig zur Migration führt.
Die Push-Pull-Theorie wird von Migrationsexperten als überholt gewertet.
Push-Faktoren
Push-Faktoren werden auch Migrationsdruck oder „Fluchtursachen“ genannt. Sie verursachen eine freiwillige oder erzwungene „Ausreise“ individueller Gruppen oder der Bevölkerung (Emigration) aus ihren Heimatländern (Primärmigration) oder ihren „Aufenthaltsländern“ (Sekundärmigration). Ein Zusammenspiel von mehreren Faktoren ist ausschlaggebend für eine qualifizierte Emigration (als qualifizierte Emigration wird ein – nicht bloß vorübergehender – Trend zur Emigration bezeichnet).
hohe Sozialleistungen – der Zusammenhang wurde in einer Studie dreier Wissenschaftler der Universität Princeton für Dänemark nachgewiesen; allerdings wurde etwa vom Migrationsexperten der OECD kritisiert, dass im Betrachtungszeitraum auch die Aufenthaltsregeln für Migranten verschärft wurden und damit der Effekt der Kürzung der Sozialleistungen „verwaschen“ sei. Auch zwei österreichische Ökonomen konnten im Jahr 2020 einen positiven Effekt bei der Wahl des Aufenthaltsortes bereits Geflüchteter nachweisen.
soziale Netzwerke – Migranten suchen Länder auf, in denen sie Kontakte und Anknüpfungspunkte haben oder erhoffen. Schlepper und Schleuser beeinflussen die Entscheidung von Migranten ebenso wie Mundpropaganda während der Migration.
Politik
günstige Einwanderungsgesetze / Möglichkeit des Familiennachzugs
Die wissenschaftliche Diskussion „umfasst aktuelle soziologische, ökonomische und politikwissenschaftliche Studien sowie politischen Analysen, die das Konzept der Push- und Pull-Faktoren nutzen, weiterentwickeln oder ablehnen.“ Dem Wissenschaftlichen Dienst des Bundestages zufolge ist es „zumindest fraglich, inwiefern sich der konkrete Einfluss einzelner, isoliert betrachteter Faktoren auf das Migrationsgeschehen exakt bestimmen lässt.“ Statt Push- und Pull-Faktoren zu isolieren, wird versucht, das komplexe Zusammenspiel unterschiedlichster Gründe der Migration in den Blick zu nehmen.
Christof Parnreiter kritisiert einen „rückschauenden Reduktionismus“, bei dem post hoc nach plausiblen Push- oder Pull-Faktoren gesucht wird (Bestätigungsfehler). Die politische Beliebtheit der Push-Pull-Theorie sieht Kirsten Hoesch insbesondere in der Einfachheit und Suggestivität des Modells begründet. Sie gilt unter Migrationsexperten als überholt. So bezeichnete der Direktor des Deutschen Zentrums für Integrations- und MigrationsforschungFrank Kalter die Push-Pull-Theorie als „eine vage Idee, mehr nicht“.
Kontext und Grenzen der Modellbildung
Mit einem Modell der Subjective Expected Utility (SEU) wurde versucht, verschiedene theoretische Ansätze zur Erklärung von Migration zu integrieren. Gegen dieses und andere Modelle wird der Einwand erhoben, dass von einer egoistischen Orientierung von Individuen ausgegangen werde und komplexe soziale Zusammenhänge nicht berücksichtigt werden. Als Beispiel wird angeführt, es sei empirisch bestätigt, dass Wanderungsentscheidungen von Ehepaaren bezüglich der beruflichen Karriere der Ehefrau oft suboptimal ausfallen.
↑Everett S. Lee (1966): A Theory of Migration. In: Demography, Band 3, Nr. 1, 1966, S. 47–57, doi:10.2307/2060063, JSTOR:2060063
↑Moravek, Claudia (2006): „The Grass is Always Greener on the Other Side of the Hill“. Motive und Hoffnungen von auswanderungswilligen Deutschen, Magisterarbeit, — (Memento vom 16. August 2017 im Internet Archive), S. 9
↑Petrus Han: Soziologie der Migration. Erklärungsmodelle, Fakten, Politische Konsequenzen, Perspektiven. 2. Auflage, Lucius & Lucius, Stuttgart 2005, ISBN 3-8282-0306-X (Textauszug auf uzh.ch) hier S. 14–16
↑Klaus J. Bade:Von Unworten zu Untaten. Kulturängste, Populismus und politische Feindbilder in der deutschen Migrations- und Asyldiskussion zwischen ›Gastarbeiterfrage‹ und ›Flüchtlingskrise‹. In: Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (Hrsg.): 25 Jahre IMIS: Jubiläumsveranstaltung am 29. Mai 2015. Osnabrück Februar 2016, S.37–171, hier S.149 (uni-osnabrueck.de[PDF; abgerufen am 6.Dezember 2021]).
↑Kirsten Hoesch: Migration und Integration. Eine Einführung, Wiesbaden, S.79, sowie Frank Kalter: Theorien der Migration. in: Ulrich Müller/Bernhard Nauck/Andreas Dieckmann (Hrsg.): Handbuch der Demokragphie 1. Modelle und Methoden. Berlin u.a. 2000, S.438–475, hier S.447.