Pyritz südöstlich von Stettin auf einer Landkarte von 1905Rathaus
Die Stadt liegt in Hinterpommern, im Zentralsüden Pommerns, nahe der alten Grenze zu Brandenburg, und gehört zum Einzugsgebiet von Stettin, das 48 Kilometer nordnordwestlich entfernt liegt. Weitere Nachbarstädte sind Stargard (Stargard in Pommern) im Nordosten und Gorzów Wielkopolski (Landsberg an der Warthe) im Süden.
Die Stadt ist von drei Seiten von Feuchtgebieten umgeben.
Geschichte
Pyritz auf der Lubinschen Karte von 1618.Pyritzer Marktplatz um 1890.Kirche Mariä Himmelfahrt, bis 1945 evangelischKirche der Schmerzensreichen MuttergottesEhemalige Heilig-Geist-Kapelle, jetzt MuseumBahner Tor (Brama Banska) im Süden der BefestigungsanlageStettiner Tor (Brama Szczecińska)Teil der mittelalterlichen StadtmauerTeil der Wehrmauer und der Eulenturm (Baszta Sowia) im Norden der BefestigungsanlageÜbersicht über die noch erhaltenen Teile der BefestigungsanlageHl. Quelle – Hl.-Otto-von-Bamberg-Brunnen
Am Ort soll eine wendische Burg aus der Zeit von Wartislaw I. bestanden haben. Diese Burg lag außerhalb der späteren Stadt. Nahe der Burg lag eine wendischen Siedlung – „parvus vicus“ –, aus der sich später das Dorf Altstadt entwickelte. Auf Bischof Otto von Bamberg beruht die erste geschichtliche Erwähnung von Pyritz. Im Jahre 1125 taufte dieser dort die ersten Pommern. Die neue Stadt wurde planmäßig etwa in Form eines Dreiecks angelegt und war schon 1253 durch einen Wehrgraben geschützt. Die Lage nahe der Neumark, die den Brandenburger Kurfürsten gehörte, führte zu häufigen Einfällen, Eroberungszügen und Besitzansprüchen der Brandenburger Herzöge.
Die älteste Kirche in Pyritz war bereits 1250 vorhanden, 1256 wurde das Augustinerinnenkloster und 1281 das Franziskanerkloster erwähnt. 1263 wurde Pyritz das Magdeburger Stadtrecht verliehen. Durch den Vertrag von Pyritz vom 26. März 1493, mit dem Pommern das Erbfolgerecht Brandenburgs anerkennen musste, rückte die Stadt in das Licht überregionalen Interesses. Ein großer Brand zerstörte 1496 beinahe die ganze Stadt, eine ähnliche Katastrophe ereignete sich genau hundert Jahre später, und noch einmal wurde Pyritz 1634 während des Dreißigjährigen Krieges Opfer einer Feuersbrunst. Zur Mitte des 18. Jahrhunderts wurden Teile der Befestigungsanlagen, die bereits um 1300 bestanden (siehe unten), beseitigt und durch Bepflanzungen, aus denen sich später Promenaden entwickelten, ersetzt.
Ab 1848 war Pyritz Sitz des Landratsamtes für den Landkreis Pyritz. Mit der Befestigung der Chausseen nach Stettin 1850 und nach Küstrin 1856 und dem Eisenbahnanschluss 1882 nahm auch Pyritz Anteil am wirtschaftlichen Aufschwung dieser Epoche. 1863 ging eine Gasanstalt in Betrieb, 1898 wurde ein Schlachthof errichtet und 1900 entstand ein zunächst privat betriebenes Wasserwerk, das 1913 an die Stadt verkauft wurde.
Um 1910 hatte Pyritz zwei evangelische Kirchen (darunter die große, von 1851 bis 1853 restaurierte Moritzkirche), eine katholische Kirche, eine Synagoge, ein Gymnasium, ein evangelisches Lehrerseminar, ein Fräuleinstift, ein Amtsgericht und war Industriestandort.
Im Jahr 1925 wurden 9069 Einwohner gezählt, die auf 2648 Haushaltungen verteilt waren. Anfang der 1930er Jahre hatte die Gemarkung der Stadtgemeinde Pyritz einen Flächeninhalt von 30,9 km². Innerhalb der Gemeindegrenzen standen zusammen 826 bewohnte Wohnhäuser an sechs verschiedenen Wohnplätzen:
Augustenhof
Gädtkes Ziegelei
Karlshof
Pyritz
Wasserwerk
Ziegelei Klaustein
Die wachsende Bedeutung der Stadt ließ sich an den ständig steigenden Einwohnerzahlen ablesen: Während 1830 nur 4100 Einwohner in der Stadt lebten, waren es hundert Jahre später rund 9000 Einwohner, und zur letzten Erhebung im Jahre 1936 wurde eine Einwohnerzahl von 10.800 genannt. Bis 1945 gehörte die Stadt Pyritz zum Landkreis Pyritz im Regierungsbezirk Stettin der Provinz Pommern.
Im Zweiten Weltkrieg verlief Ende Januar 1945 die deutsch-sowjetische Kriegsfront bei Pyritz, wo heftige Kämpfe stattfanden. Ende Februar 1945 eroberte die Rote Armee das größtenteils zerstörte Pyritz. Anschließend wurde der Ort als PyrzyceTeil Polens. Die Einwohner wurden vertrieben und an ihrer Stelle Polen angesiedelt.
Aufgrund der starken Zerstörungen wurde der Verwaltungssitz des Powiat Pyrzycki, der als Verwaltungseinheit den Kreis Pyritz ersetzte, zunächst nach Lipiany verlegt und kehrte erst 1950 nach der Räumung der Kriegstrümmer und den ersten Wiederaufbaumaßnahmen nach Pyrzyce zurück. In der ehemaligen Altstadt wurden in den 1950er und 1960er Jahren Wohnblöcke errichtet. An historischen Gebäuden wiederaufgebaut wurden das Rathaus, die nun katholische Hauptkirche und die Heiliggeistkapelle. Außerdem wurde die teilweise beschädigte oder zerstörte nördliche Stadtmauer wieder hergestellt. In den folgenden Jahrzehnten kam es zur Stadterweiterung durch Einfamilienhaussiedlungen rund um das Stadtzentrum. Auch die städtische Infrastruktur wurde ausgebaut. 1989 wurde eine neue Kläranlage in Betrieb genommen, 1996 ein Geothermiekraftwerk.
Demographie
Bevölkerungsentwicklung bis 1945
Jahr
Einwohner
Anmerkungen
1740
2095
1782
2122
davon 77 Juden
1791
2323
davon 72 Juden
1794
2325
davon 72 Juden
1812
2855
davon 18 Katholiken und 20 Juden
1816
3126
davon 28 Katholiken und 80 Juden
1831
4151
davon 31 Katholiken und 203 Juden
1843
4704
davon 42 Katholiken und 203 Juden
1852
5795
davon 30 Katholiken und 213 Juden
1861
6501
davon 23 Katholiken und 209 Juden
1875
7442
1880
8123
1890
8247
davon 79 Katholiken und 263 Juden
1905
≈ 8600
meist Evangelische
1910
8676
am 1. Dezember
1925
9085
davon 8655 Protestanten, 130 Katholiken und 88 Juden
1933
10.084
davon 9739 Evangelische, 178 Katholiken und 87 Juden
1939
11.287
davon 10.515 Evangelische, 270 Katholiken und 27 Juden
Kirchspiel
Die bis 1945 hier lebenden Stadtbewohner waren weitaus mehrheitlich evangelischer Konfession. Die Evangelischen gehörten zum evangelischen Kirchspiel Pyritz. Um 1900 stand die Oberpfarre unter dem Patronat des Königs, das Diakonat unter dem Patronat des Magistrats der Stadt Pyritz. Der Bestand an Kirchenbüchern reichte bis 1634 zurück.
Das katholische Kirchspiel war in Pyritz. Das Standesamt befand sich in Pyritz.
Die seit 1945 und Vertreibung der einheimischen Stadtbewohner anwesende polnische Bevölkerung gehört größtenteils der Römisch-katholischen Kirche in Polen an.
Sehenswürdigkeiten
Bis zu ihrer Zerstörung während der Kämpfe im Jahre 1945 hatte die Stadt Pyritz wegen ihres bis dahin erhalten gebliebenen historischen Stadtbildes den Beinamen „Pommersches Rothenburg“ (nach Rothenburg ob der Tauber). Die Stadt war von Wehrmauern mit Wehrtürmen umgeben, von denen noch einige heute erhalten sind. Es handelt sich hierbei um Backsteinbauten mit einem Fundament aus Feldsteinen. Diese Stadtbefestigung wurde in vier Etappen erbaut:
bis 1301: Errichtung des Mauerrings mit Wachtürmen und Pforten
Mitte 14. Jh.: Umbau von zwei Pforten zu Toren, und drei Wachtürmen zu Wehrtürmen
15. Jh.: Bau von drei weiteren Wehrtürmen, Maueraufbau
16. Jh.: Ausbau der Befestigungen, Abschluss der Arbeiten
Die Befestigung hatte im Endausbau eine Länge von 2250 Metern und bestand aus der Wehrmauer mit einer Höhe zwischen sieben und neun Metern, zwei Toren, 44 Wachtürmen, acht überhängende Wachtürme und sechs Wehrtürmen. Zur Befestigung gehörte auch eine Doppelwallanlage und bis zu 25 Meter breite Festungsgräben die aus vier künstlichen Seen über Schleusenanlagen geflutet werden konnten.
Der Stadtbrand von 1634 ist in der Hammey, einem Stadttor in Form eines Gattertores, ausgebrochen. Die Hammey wurde anschließend wohl nicht wieder aufgebaut; jedenfalls fehlt sie in dem Stadtplan von 1723. Die heute noch erhaltenen Teile der Anlage sind (von Norden im Uhrzeigersinn): Stettiner Tor (Brama Szczecińska), Trinkerturm (Baszta Pijacka), Dornröschenturm (Baszta Śpiącej Królewny), Mönchsturm (Baszta Mnisza), Bahner Tor (Brama Bańska), Reste der mittelalterlichen Stadtmauer, Pulverturm (Baszta Prochowa), Eisturm (Baszta Lodowa) und Eulenturm (Baszta Sowia). Viele der Bauten wurden im Zweiten Weltkrieg beschädigt oder zerstört, durch umfangreiche Sanierungen konnten die Befestigungsanlagen erhalten werden.
Die bis 1945 evangelische Kirche Mariä Himmelfahrt ist die katholischePfarrkirche der Pfarrei St. Otto in Pyrzyce. Sie wurde im gotischen Stil in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts errichtet, später umgebaut und erweitert auf drei Schiffe, einem fünfeckigen Chor und einem quadratischen Turm. Im 15. Jahrhundert wurden ein Chorumgang zum Presbyterium und Kapellen neben dem Turm gebaut, 1739 ein neuer Turm auf der Ostseite errichtet. 1945 wurde die Kirche zerstört und von 1958 bis 1966 wieder aufgebaut.
Die Kirche der Schmerzensreichen Muttergottes ist die älteste Kirche der Stadt. Sie wurde 1260 als Klosterkirche der Augustinerinnen aus Backstein erbaut. Im 16. Jahrhundert wurde sie durch einen Brand zerstört und verfiel langsam. Ende des Jahrhunderts wurde sie wieder aufgebaut und war im 17. Jahrhundert wieder völlig verfallen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde das Gebäude renoviert und erweitert. Am Ende des Zweiten Weltkriegs niedergebrannt, wurde sie von 1989 bis 1991 wieder aufgebaut. Am 31. Dezember 1986 wurde die Kirche eine neue Pfarrei gegründet.
Die ehemalige Kapelle des Heiligen Geistes wurde Ende des 13. Jahrhunderts als Krankenhauskapelle aus Granitwürfeln erbaut und zu Beginn des 15. Jahrhunderts umgebaut, weitere Umbauten erfolgten im 18. und 19. Jahrhundert. 1945 wurde das Gebäude zerstört. Von 1967 bis 1969 wurde die Kapelle für die Bedürfnisse der öffentlichen Bibliothek umgebaut. An der Nordfassade sind unter anderem das Portal im Stil der Gotik und einige Details erhalten geblieben, so ein Fries aus Rosetten und Reliefs mit Tiersilhouetten. Seit August 2013 wird die Kapelle durch das Museum von Pyrzyce genutzt.
Blasonierung: „In Silber ein von zwei Zinnentürmen beseitetes, offenes, blaues Stadttor, über dem der rote Greif schreitend schwebt, im Torbogen schwebt eine rote Rose mit goldenem Butzen.“
Das Hauptsiegel ist nur aus unsicherer Zeichnung bekannt. Das Secretvm Bvrgensivm in Piriz des 14. Jahrhunderts ist dadurch merkwürdig, dass vier Türme, vom Unterrande fächerförmig, also schief stehend aufsteigen, von denen die drei ersten Zinnen zeigen, der linke Eckturm aber spitzbedacht ist, über den vorderen drei schreitet der Greif. Die Rose, die das Münzzeichen war, fehlt diesem Siegel noch, erscheint aber seit dem mit 1543 datierten Siegel stets im Tore.
Georg Meyer-Steglitz (1868–1929), deutscher Bildhauer, Bruder des Bildhauers Martin Meyer-Pyritz
Martin Meyer-Pyritz (1870–1942), deutscher Bildhauer, wurde wegen seiner gelungenen Tierplastiken als ‚Tiermeyer‘ bekannt, Bruder des Bildhauers Georg Meyer-Steglitz
Emil Gesche (1871–1966), deutscher Kaufmann und Honorarkonsul auf Madeira
Ernst Schlütter (1884–1960), deutscher Jurist und Ministerialbeamter
Robert Grabow (1885–1945), deutscher Politiker (DNVP), Oberbürgermeister von Rostock
Robert Sennecke (1885–1940), deutscher Pressefotograf und Marathonläufer
Siegfried Marseille (1887–1944), deutscher Generalmajor und Kommandeur einer Standort-Kommandantur
Otto Eckert (1891–1940), deutscher evangelischer Geistlicher, führendes Mitglied der Deutschen Christen
Kurt Schulze (1894–1942), deutscher Widerstandskämpfer (Rote Kapelle)
Karl Eckert (1895–nach 1935), deutscher Theologe und Politiker (NSDAP), MdL
Robert Schulz (1900–1974), deutscher Politiker (NSDAP) und SS-Brigadeführer
Weitere Persönlichkeiten, die mit der Stadt in Verbindung stehen
Eugen Lasch (1870–1911), deutscher Musiker und Komponist, von 1904 bis 1911 Lehrer, Organist der Mauritiuskirche und städtischer Musikdirektor
Arnold Koeppen (1875–1940), deutscher Lehrer und Schriftsteller, von 1903 bis 1930 Konrektor des Lyzeums
Literatur
Pyritz, Kreisstadt, in der Ebene Pyritzer Weizacker, Regierungsbezirk Steetin, Provinz Pommern. In: Meyers Gazetteer, mit Eintrag aus Meyers Orts- und Verkehrslexikon, Ausgabe 1912, sowie einer historischen Landkarte der Umgebung von Stuchow (meyersgaz.org).
Immanuel Meyer-Pyritz: Pyritz – das Antlitz der siebenhundertjährigen Stadt. In: Baltische Studien, N.F., Band 49, Hamburg 1962/63, S. 133–140 (Volltext)
↑Immanuel Meyer-Pyritz:Pyritz: das Antlitz der siebenhundertjährigen Stadt. In: Baltische Studien. Neue Folge 49.
12Pyritz, Kreisstadt, in der Ebene Pyritzer Weizacker, Regierungsbezirk Steetin, Provinz Pommern. In: Meyers Gazetteer, mit Eintrag aus Meyers Orts- und Verkehrslexikon, Ausgabe 1912, sowie einer historischen Landkarte der Umgebung von Stuchow (meyersgaz.org).
↑Christian Friedrich Wutstrack (Hrsg.): kurze historisch-geographisch-statistische Beschreibung des königlich-preußischen Herzogtums Vor- und Hinterpommern. Stettin 1793, Übersichtstabelle auf S. 736.
12345Michael Rademacher:Landkreis Pyritz.Online-Material zur Dissertation, Osnabrück 2006.In:eirenicon.com.Abgerufen am 1.Januar 1900
↑F. Sendke: Verzeichniss der evangelischen Pfarrstellen, Kirchen und Kapellen, der Kirchenpatrone, sowie der der im Amt befindlichen evangelischen Geistlichen, Druck von F. Hessenland, Stettin 1900, S. 77 (Google Books).
↑Martin Wehrmann: Die Kirchenbücher in Pommern, in: Baltische Studien, Band 42, Stettin 1892, S. 201–280, insbesondere S. 252 (Google Books).
↑Hans-Jürgen Daunicht: Das Geheimnis der Pyritzer Hammey. In: Pommern. Zeitschrift für Kultur und Geschichte, 2/2011, S. 8–9; ISSN0032-4167.
↑Erich Keyser: Deutsches Städtebuch – Handbuch städtischer Geschichte. Band I: Nordostdeutschland. W. Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1939, S. 215–217.