Raymond Queneau

Porträt von Raymond Queneau von Jean-Max Albert

Raymond Queneau (* 21. Februar 1903 in Le Havre; † 25. Oktober 1976 in Neuilly-sur-Seine bei Paris) war ein französischer Dichter und Schriftsteller. Sein bekanntestes Werk ist der Roman Zazie dans le métro.

Leben und Schaffen

Nach seinem Baccalauréat in Le Havre ging Queneau 1920 nach Paris, wo er an der Sorbonne und an der École pratique des hautes études Philosophie- und Mathematikkurse belegte. Während seines Studiums kam Queneau mit dem Surrealismus in Kontakt. Nach seiner Rückkehr vom Militärdienst in Algerien und Marokko (1925–1927) bildete er mit den Surrealisten André Breton, Marcel Duhamel, Jacques Prévert, Georges Sadoul und Yves Tanguy die Groupe de la rue du Château, an deren Aktivitäten er teilnahm, bis er sich 1929 mit André Breton überwarf. 1930 trat er dem Cercle communiste démocratique (CCD) bei, der die von Boris Souvarine geführte Zeitschrift La Critique sociale herausgab. Im CCD engagierte er sich u. a. mit Michel Leiris und Georges Bataille bei antifaschistischen Aktionen.

1933 debütierte Queneau mit dem Roman Le Chiendent (deutsch: Der Hundszahn), für den er – als erster Laureat – mit dem „Prix des Deux Magots“ ausgezeichnet wurde. 1938 wurde Queneau Verlagslektor und Übersetzer bei Éditions Gallimard. Zu Kriegsbeginn 1939 nur kurzzeitig mobilisiert, verbrachte Queneau den größten Teil der deutschen Okkupation mit seiner Familie im Limousin. Nach Kriegsende lernte er Boris Vian kennen und nahm ihn im Juli 1945 für Gallimard unter Vertrag. Vian wiederum regte Queneau dazu an, unter Pseudonym einen Unterhaltungsroman zu schreiben, um mehr zu verdienen. 1947 veröffentlichte er unter seinem Pseudonym Sally Mara den Roman On est toujours trop bon avec les femmes (deutsch: Man ist immer zu gut zu den Frauen), der 1971 unter gleichem Namen von Michel Boisrond verfilmt wurde.

1947 erschien sein vielbeachtetes Buch Exercices de Style (deutsch: Stilübungen), in dem er eine Anekdote aus dem „Autobus S“ neunundneunzigmal erzählt und sie dabei in zahlreichen Genres und Stilen, sowie in französischen Dialekten, Soziolekten, bis hin zur Lautschrift variiert. Queneau, der sich für Mathematik sowie deren Anwendung im literarischen Schreiben sehr interessierte, war ab 1948 Mitglied der Société Mathématique de France. Im Jahr 1950 wurde er ins Collège de ’Pataphysique aufgenommen. Die von Alfred Jarrys Ideen inspirierte Künstlergruppe erhob ihn dabei in den Ehrenrang eines Satrapen. Von 1951 bis zu seinem Tod hatte Queneau einen Sitz in der Académie Goncourt inne, die alljährlich den besten französischsprachigen Roman mit dem Prix Goncourt ehrt.

Aus einem gemeinsamen Interesse an Science-Fiction gründete er 1951 mit Boris Vian den Club des Savanturiers, aus dem fünf Jahre später der Cercle du Future hervorging, dessen Präsident Queneau wurde. 1952 regte Jean-Paul Sartre den Komponisten Joseph Kosma dazu an, Queneaus Gedicht Si tu t'imagines zu vertonen. Das 1950 von Juliette Gréco veröffentlichte Chanson zählt zu deren erfolgreichsten Titeln. 1952 war Queneau Jury-Mitglied bei den 5. Internationalen Filmfestspielen von Cannes. Im selben Jahr wurde er in die Académie de l’humour français aufgenommen. Ab 1954 arbeitete Queneau bei Gallimard als Direktor der Encyclopédie de la Pléiade. Mit seinem 1959 erschienenen Roman Zazie dans le métro (deutsch: Zazie in der Metro), der die Abenteuer einer „Provinzgöre“ in Paris beschreibt, wurde er berühmt. Das Buch erhielt den Grand prix de l'humour noir Xavier-Forneret und wurde im Folgejahr von Louis Malle verfilmt (deutscher Titel: Zazie).

1960 gründete Queneau zusammen mit François Le Lionnais die Künstlerbewegung OuLiPo, der u. a. auch die Schriftsteller Georges Perec und Italo Calvino angehörten. Sein bekanntestes oulipotisches Werk ist der Gedichtband Cent mille milliards de poèmes (deutsch: Hunderttausend Milliarden Gedichte) aus dem Jahr 1961. Sein surrealistischer Roman Les Fleurs bleues (deutsch: Die blauen Blumen) von 1965 wurde ein weiterer Publikumserfolg. Darin variierte Queneau den Schmetterlingstraum von Tschuang-tse: Der Roman handelt von zwei Personen, die zu unterschiedlichen Zeiten an unterschiedlichen Orten in den Träumen des jeweils anderen zu leben scheinen.

Nach dem Tod seiner Frau Janine im Jahr 1972 zog sich Queneau zeitweilig von allen literarischen Aktivitäten zurück. Er erkrankte an Lungenkrebs und wurde nach seinem Tod am 25. Oktober 1976 auf dem Friedhof von Juvisy-sur-Orge beigesetzt.

Werke (Auswahl)

Romane

Unter Pseudonym

  • Sally Mara, On est toujours trop bon avec les femmes (Roman), Éditions du Scorpion, 1947; Gallimard, 1971 – dt.: „Man ist immer zu gut zu den Frauen“, Karlsruhe, Stahlberg 1964.
  • Sally Mara, Journal intime (Bildungsroman), Éditions du Scorpion, Paris 1950 – dt.: „Intimes Tagebuch der Sally Mara“, Stahlberg, Karlsruhe 1963 und Zweitausendeins, Frankfurt 1979.
  • Sally plus intime, zuerst in: Raymond Queneau, Les Œuvres complètes de Sally Mara (1962).

Kurzprosa und Erzählungen

Lyrik

Cent mille milliards de poèmes: Durch die freie Kombination der physisch getrennten Zeilen ergeben sich de facto 1014 Gedichtvarianten. Laut der von Queneau im Vorwort angestellten Berechnungen bräuchte man 190.258.751 Jahre, um alle zu lesen.

Essays und Sachartikel

Briefwechsel, Gespräche und Tagebücher

Theaterstücke

Herausgeberschaft

Als Übersetzer aus dem Englischen

Filmographie

Diskografie

Literatur

Anmerkungen

  1. ↑ Sally Mara war angeblich eine irische Schriftstellerin. Unter diesem Pseudonym veröffentlichte Queneau zwei „erotische, schwarzhumorige, satirische“ Pulp-Fiction-Romane, die in Irland in der Zeit vom Osteraufstand 1916 bis 1937 angesiedelt sind. Journal intime erhielt 1950 den Prix Claire-Belon. Ab 1962 erschienen die Neuauflagen dieser Titel sowie das bislang unveröffentlichte „Sally plus intime“ unter Queneaus bürgerlichem Namen u. a. in Les Œuvres complètes de Sally Mara (1962). In: James Patrick Gosling, Raymond Queneau's Dubliners : Bewildered by Excess of Love, Cambridge Scholars Publisher, 2019, ISBN 978-1-5275-3712-5 (S. 1–9 und 27) sowie: Anonym, „Sally Mara, romancière irlandaise, enlève le prix Claire Belon“, in: L'Aurore, Paris 22. März 1950 (S. 5).
  2. ↑ Der Ehrenrang Satrape du Collège de 'Pataphysique macht laut den Statuten des Collèges die „Dankbarkeit der ’Pataphysik“ deutlich. Unter: „Titre II : De la Hièrachie des Optimates II“ (Article 6.3), in: Collège de 'Pataphysique, Statuts du Collège, Paris: 1949, auf: fatrazie.com (2012), abgerufen am 8. Februar 2025 (französisch).
  3. ↑ Seine Vizepräsidenten waren Boris Vian, Gaston Bouthoul und François Le Lionnais. In: Lapprand, V comme Vian (S. 159).
  4. ↑ Auf der B-Seite der Single war der Titel Rue Des Blancs Manteaux mit einem Text von Jean-Paul Sartre.
  5. ↑ Queneau war seit 1928 mit Janine verheiratet gewesen. Janine Kahn (1903–1972) war die Schwiegertochter von André Breton. Das Ehepaar hatte einen Sohn, den späteren Maler und Herausgeber Jean-Marie Queneau (1934–2022). In: Conreur, Raymond Queneau …, auf: radiofrance.fr (22. Januar 2016).
  6. ↑ Queneaus Werke wurden größtenteils von der in Paris ansässigen Éditions Gallimard herausgegeben. Wenn nachfolgend kein Verlag angegeben ist, stammen die französischen Erstauflagen seiner eigenen Werke von ebenda.
  7. ↑ Queneaus Werke wurden größtenteils von Eugen Helmlé ins Deutsche übersetzt. Wenn nachfolgend kein Übersetzer angegeben ist, stammt die deutsche Fassung i. d. R. von ihm.
  8. ↑ Der Roman war vorgeblich von Michael Presle übersetzt – auch dies ein Pseudonym von Queneau. Dieser doppelte „Deckmantel“ war als Witz gedacht, aber auch dem seinerzeit „obszönen Inhalt“ geschuldet. In: We Always Treat Women Too Well by Raymond Queneau. Translated from French by Barbara Wright, auf: ndbooks.com (2025)
  9. ↑ Die Lektüre von Exercices de Style ist wegen der Sprach- und Lautspiele im französischen Original zu empfehlen, wenngleich die deutsche Übersetzung von Ludwig Harig und Eugen Helmlé als geistig ebenbürtig gilt. Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel wurden für ihre Neuübersetzung von 2016 mit dem Straelener Übersetzerpreis der Kunststiftung NRW 2017 ausgezeichnet. In: Rebekka Kricheldorf, Straelener Übersetzerpreis an Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel, auf: zsue.de (2017), aufgerufen am 8. Februar 2025.
  10. ↑ In Chêne et chien leitet Queneau seinen Familiennamen aus dem Normannischen her: Der Wortstamm quen verweise auf „quesne“ oder „quenne“, was Eiche bedeute, „quenot“ wiederum kleiner Hund. Der Titel zeige an, dass er nominell gleichzeitig beides sei. Ein Hund taucht u. a. auch in den Titeln Le Chiendent (1933) und Chien à la mandoline (1958) auf. In: Raymond Queneau (1903–1976) : écrivain cynique et poète « chien de son temps », auf: queneau.fr (2007–2020), abgerufen am 10. Februar 2025 (französisch).
Commons: Raymond Queneau – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. 1 2 3 4 Gérard Conreur, Raymond Queneau : Fous Littéraires, Le Chiendent et Cent Mille Milliards de poèmes..., auf: radiofrance.fr (22. Januar 2016), abgerufen am 8. Februar 2025 (französisch).
  2. ↑ Raymond Queneau : Biographie de l'auteur, auf: lepetitlitteraire.fr (2025), abgerufen am 12. Februar 2025 (französisch).
  3. 1 2 3 OuLiPo, Raymond Queneau, auf: oulipo.net (2017), abgerufen am 8. Februar 2025 (französisch).
  4. 1 2 3 Marine Pohu, Raymond Queneau : biographie de l'auteur des Exercices de style, auf: linternaute.fr (28. März 2020), abgerufen am 8. Februar 2025 (französisch).
  5. ↑ Daniela Tononi, Littérature et savoir. De la flaubertologie quenienne à l’invention du roman in: Flaubert palimpseste. Revue critique et génétiqué, 2022/27, auf: journals.openedition.org (2022), abgerufen am: 10. Februar 2025 (französisch)
  6. ↑ Rachel Galvin, News of War: Civilian Poetry 1936–1945, Oxford University Press, 2017, ISBN 978-0-19-062392-0 (S. 209–210).
  7. ↑ Michel Leiris, Die Lust am Zusehen. Texte über Künstler des 20. Jahrhunderts, Frankfurt und Paris: Qumran Verlag, 1981 (S. 78)
  8. ↑ Le Prix des Deux Magots, auf: lesdeuxmagots.fr (2024), abgerufen am 8. Februar 2025 (französisch, englisch).
  9. ↑ Librairie Le Feu Follet, Boris, 1945 : naissance et essence d'un écrivain, auf: edition-originale.com (9. Februar 1924), abgerufen am: 10. Februar 2025 (französisch)
  10. 1 2 Félicie Dubois, Raymond Queneau 1903–1976 II auf: (8 Februar 2022), abgerufen am: 10. Februar 2025 (französisch)
  11. ↑ Raymond Queneau: En savoir plus, auf: radiofrance.fr (2024), abgerufen am 8. Februar 2025 (französisch).
  12. ↑ Histoire du Collège de Pataphysique, auf: fatrazie.com (1997), abgerufen am 8. Februar 2025 (französisch). Das dort angegebene gruppeneigene Datum „17 gueules 77“ entspricht dem 11. Februar 1950.
  13. ↑ Académie Goncourt, Les 10 couverts: Sixième couvert, auf: academiegoncourt.com (2024), abgerufen am 8. Februar 2025 (französisch).
  14. ↑ Marc Lapprand, V comme Vian, Presses de l'Université Laval, 2006, ISBN 978-2-7637-8403-8 (S. 159).
  15. ↑ Juliette Greco* – Si Tu T'Imagines, auf: discogs.com (2025), abgerufen am 8. Februar 2025 (französisch).
  16. ↑ Chanson-Legende Juliette Gréco ist tot, auf: rp-online.de (23. September 2020), abgerufen am 8. Februar 2025 (französisch).
  17. ↑ Pierre Maury, Quenau: Ses Journaux, "L'humour est une tentative pour decaper grands sentiments de leur conderie", un florilege de citations, auf: lesoir.be (31. Dezember 1996), abgerufen am: 10. Februar 2025 (französisch)
  18. ↑ Gérard Conreur, Raymond Queneau : Fous Littéraires, Le Chiendent et Cent Mille Milliards de poèmes..., auf: radiofrance.fr (22. Januar 2016), abgerufen am 8. Februar 2025 (französisch).
Personendaten
NAME Queneau, Raymond
ALTERNATIVNAMEN Mara, Sally; Presle, Michael
KURZBESCHREIBUNG französischer Dichter und Schriftsteller
GEBURTSDATUM 21. Februar 1903
GEBURTSORT Le Havre
STERBEDATUM 25. Oktober 1976
STERBEORT Neuilly, Département Hauts-de-Seine, Frankreich