Rathaus Fritzlar

Rathaus Fritzlar
Rathaus Fritzlar, Blick von Südwesten

Rathaus Fritzlar, Blick von Südwesten

Daten
Ort Fritzlar
Baustil Romanik und Gotik
Baujahr ab 11. Jahrhundert
Koordinaten 51° 7′ 52,5″ N, 9° 16′ 25,5″ OKoordinaten: 51° 7′ 52,5″ N, 9° 16′ 25,5″ O
Rathaus Fritzlar (Hessen)
Rathaus Fritzlar (Hessen)

Das Rathaus der Stadt Fritzlar im nordhessischen Schwalm-Eder-Kreis ist ein Kulturdenkmal und das älteste noch heute als solches genutzte Amtshaus in Deutschland. Es wurde im Jahre 1109 erstmals urkundlich erwähnt, als Amtshaus des mainzischen Vogts.

Das Gebäude

Der Grundriss des Baus ist ein 32 m langes und 12 m breites Rechteck, das in seiner Nordhälfte leicht nach Westen geknickt ist. Das Haus ist dreistöckig und vollständig unterkellert. Auf dem Kellergeschoss mit seinem stattlichen Tonnengewölbe stehen zwei steinerne Geschosse, und darüber befinden sich ein verschiefertes Fachwerkgeschoss und ein an den Giebelseiten ebenfalls verschiefertes Dachgeschoss unter dem mit Schiefer gedeckten Satteldach. Das Mauerwerk an der Westseite stammt teilweise noch vom romanischen Vorgängerbau aus dem 11. Jahrhundert und ist von vier Maßwerkfenstern aus dem 14. Jahrhundert durchbrochen. An der Nordseite befinden sich ein repräsentatives gotisches Portal und zwei frühgotische Maßwerkfenster. Am südlichen Teil der Westseite steht ein Nachbau der mittelalterlichen Gerichtslaube mit Kupferdach auf gebeilten Stützen. An der dem Dom zugewandten Südseite führt eine zweiseitige Freitreppe zu einem Spitzbogen-Portal im ersten Obergeschoss; über dem Portal befindet sich ein 1441 gestiftetes Steinrelief des St. Martin, dem Schutzheiligen der Stadt. Rechts und links des Portals ist jeweils ein gotisches Maßwerkfenster. Am First und den beiden unteren Ecken des Südgiebels befinden sich drei kleine, oktogonale Ziertürmchen, Nachbildungen der Türmchen aus dem 15. Jahrhundert. An der Ostseite steht die ehemalige „Kurie am Rathaus“, die 1962/64 dem Rathaus als Erweiterungsbau angeschlossen und modernisiert wurde; dort sind seitdem Heizung, Stadtkasse, Einwohnermeldeamt und Trauzimmer untergebracht.

Geschichte

Das Gebäude wurde 1109 als praetorium erstmals urkundlich erwähnt. Es war das Amthaus des Mainzer Vogts, der dort Amtsgeschäfte ausführte und Gericht hielt. Die Vogteigewalt geriet im 12. Jahrhundert als Mainzer Lehen an die Ludowinger Landgrafen von Thüringen, und im Jahre 1231 schenkte Konrad von Thüringen, Statthalter der Ludowinger in Hessen, das Haus dem Kloster Berich, das es an das Kloster Haina verkaufte. 1266 mietete es der Fritzlarer Kaufmann und Schultheiß Hartmut Swineouge zu lebenslangem Besitz. 1274 kaufte die Stadt das Haus und begann, es als Rathaus zu nutzen. Ein großer Raum im Obergeschoss war der Ratssaal, wo auch das Obergericht tagte. Das Erdgeschoss bestand aus einer großen Halle, die genutzt wurde für Bürgerfeste und als Ausstellungs- und Verkaufsraum für die örtlichen Kaufleute. Das Niedergericht tagte in der Gerichtslaube an der Westseite des Baus; diese war durch einen Durchbruch mit flachem Torbogen mit dem Erdgeschoss verbunden.

Im Norden grenzte das Rathaus an den damals noch sehr breiten Marktplatz. Nachdem dieser in der Zeit um die Wende zum 13. Jahrhundert durch Parzellierung und Bebauung seiner Südseite verkleinert worden war, wurde das Rathaus um die Mitte des 14. Jahrhunderts mit leichtem Knick, und in gotischem Stil, nach Norden erheblich erweitert und somit wieder an den verkleinerten Marktplatz angeschlossen. Dabei entstanden das Portal und die beiden Fenster in der Nordseite.

Ein Brand verursachte nach 1423 (wahrscheinlich 1435) schwere Beschädigungen am Haus, das daraufhin erneut repariert wurde. Das vom damaligen Bürgermeister Johann Katzmann gestiftete Martinsrelief wurde 1441 über der Freitreppe im Süden angebracht, nachdem die Renovierung abgeschlossen war. Der langgezogene Bau war nahezu völlig unterkellert und mit einem Satteldach gedeckt. Keller, Erdgeschoss und erstes Obergeschoss waren aus Stein gemauert. Das zweite Obergeschoss bestand aus sehr schmuckvollem Fachwerk und war am Südgiebel mit drei oktogonalen Türmchen verziert. An der Südseite, zum Dom hin, führte die zweiseitige Freitreppe zum gotischen Portal im ersten Obergeschoss, mit dem Martinsrelief über dem Portal. Die beiden rundbogigen Tore an der Westseite waren zugemauert. Die Gerichtslaube gab es nicht mehr; auch das Niedergericht wurde nun im Hausinneren gehalten. Unter der Freitreppe befand sich eine kleine Gefängnis- oder Ausnüchterungszelle, unmittelbar neben einer großen und einer kleinen Weinstube im Südwesten des Erdgeschosses. Der Keller war in zwei große Lagerräume unterteilt, wo u. a. auch Wein gelagert wurde. Das Erdgeschoss beherbergte u. a. die Stadtwaage und Feuerlöschgerät. Im ersten Obergeschoss lagen im Süden rechts die sogenannte „Kleine Audienz“ und links die „Parthiestube“, ein Aufenthaltsraum für streitende Parteien. Dahinter befand sich ein großer Raum, in dem die Bürgerschaft Bekanntmachungen des Rats empfing. Im Nordwesten lag die Geschossstube (Steuerzimmer), wo auch das Stadtarchiv verwahrt wurde. In der Südwestecke gab es wohl noch ein Gefängnis. Im zweiten Obergeschoss, dem Fachwerkaufbau, befand sich, neben vier kleineren Räumen, die „Große Audienz“, d. h. der Ratssaal, der auch als Tagungsort des Hohen Gerichts diente. Der Dachboden darüber war Lagerraum.

St. Martins-Relief am Rathaus, der Bettler rechts unten, der Stifter Johann Katzmann links unten

So blieb es bis zum Dreißigjährigen Krieg, als der Bau durch Brandschatzung schwer beschädigt wurde. 1674 wurden das das Fachwerkgeschoss, das Dach und die Türmchen durchgreifend erneuert; dabei wurde die bisherige gotische Konstruktion durch eine barocke ersetzt. Im Siebenjährigen Krieg wurden Teile des Hauses als Lazarett genutzt. 1778 und 1779 wurden notdürftige Reparaturen am sich zunehmend verschlechternden Bauzustand vorgenommen.

1828 beschloss der Rat der schwer verschuldeten Stadt, das Haus abzubrechen. Der Abbruch erfolgte jedoch erst 1839, und nur in Teilen, denn der steinerne Unterbau blieb als Ruine bestehen. Zehn Jahre später, 1849, beschloss der Stadtrat den Wiederaufbau. 1852 war das Haus wieder bezugsfertig, obgleich mit wesentlich bescheidenerem Aussehen, und die Stadtverwaltung, zuvor hauptsächlich im Hochzeitshaus untergebracht, konnte wieder einziehen. Mit dem schmucken gotischen Rathaus des 15. Jahrhunderts hatte es architektonisch praktisch nichts mehr gemein. Das Fachwerkobergeschoss und die Freitreppe waren verschwunden, das Martinsrelief wurde erst 1874 wieder aufgefunden und dann an der Westseite in die Mauer eingesetzt. Nur die Grund- und Außenmauern der beiden unteren Geschosse waren geblieben. Gedeckt war der Bau nun von einem einfachen Mansarddach.

Rathaus 2007, noch ohne die drei Türmchen

In diesem wenig repräsentativen Zustand blieb das Rathaus bis 1962. Dann wurde es in den Jahren 1962–1964, unter der Leitung des ehemaligen hessischen Landeskonservators Friedrich Bleibaum, nach historischem Vorbild umgebaut, nun wieder mit dem historischen Satteldach, aber ohne die drei Ecktürmchen am Südgiebel, die von der Denkmalpflege nicht genehmigt wurden. Auch musste das Fachwerkobergeschoss verschiefert werden.

Trotz mehrfacher Bemühungen von Bürgern und Stadtverwaltung in der Folgezeit wurde erst 2009, dem Jahr der 900-Jahr-Feier des Amtshauses, die Genehmigung zum Wiederaufbau der drei Türmchen erteilt, und noch im selben Jahr wurden sie errichtet.

Fußnoten

  1. ↑ In der Zeit von 1066 bis 1079 waren Stift, Amt, Pfalz und Stadt Fritzlar schrittweise durch Schenkungen von Kaiser Heinrich IV. aus königlichem Besitz in das Eigentum der Mainzer Erzbischöfe übergegangen.
  2. ↑ Bürgermeister von 1428 bis 1468.

Literatur

Commons: Rathaus Fritzlar – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien