Reiner Protsch

Reiner Rudolf Robert Protsch (* 14. Januar 1939 in Berlin) ist ein ehemaliger deutscher Anthropologe. Er war seit 1973 als Professor am Institut der Anthropologie und Humangenetik für Biologen an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main tätig, bevor er nach Unterschlagungs- und Betrugsvorwürfen im April 2004 zunächst vom Dienst suspendiert wurde und im Februar 2005 aus der Universität ausscheiden musste. 2009 wurde er aufgrund mehrerer Straftaten zu einer Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt. Mit gefälschten Datierungen von Fossilien und archäologischen Knochenfunden hatte er einen der größten Wissenschaftsskandale in Deutschland ausgelöst.

Biografie

Reiner Protsch kam nach dem Zweiten Weltkrieg mit seinen Eltern von Berlin nach Heidelberg. Er leistete seinen Wehrdienst bei der Luftwaffe ab und ging anschließend in die USA, wo er zunächst eine militärische Karriere anstrebte. Nach Aussage seines Bruders wurde Protsch aber unehrenhaft entlassen. Er begann dann an der University of California, Los Angeles ein Studium der Anthropologie. Dabei lernte er den Nobelpreisträger Willard Libby kennen, was für Protschs akademische Karriere sehr förderlich war und ihm eine Berufung an die Universität Frankfurt einbrachte.

Als Professor für Anthropologie besaß Protsch aufgrund seiner Ausbildung in den USA nach außen hin zunächst einen guten Ruf als Paläoanthropologe und publizierte zahlreiche sensationelle Datierungen von Knochenfunden, beispielsweise vermeintlicher Neandertalerschädel, die er in die Altsteinzeit datierte, angeblich mittels eigener Analysen (Radiokarbonmethode). In der anthropologischen und archäologischen Fachliteratur wurde seine Arbeit von einigen Autoren jedoch von Beginn an scharf und beständig als fehlerhaft und unglaubwürdig kritisiert.

Klaus-Dieter Thomann, Medizinhistoriker der Universität Mainz und Orthopäde in Frankfurt, erhob gegen Protsch auch den Vorwurf, im Jahr 2001 Akten der nationalsozialistischen Rassenhygieneforschung von Otmar von Verschuer und Josef Mengele, die seit 1935 am damaligen Institut für Erbbiologie und Rassenhygiene wirkten, vernichtet und deren Existenz zuvor bestritten zu haben. Teile dieses Aktenbestands wurden jedoch im Jahr 2004 außerhalb seines Instituts wieder aufgefunden.

Name

Protsch, der 1991 seinen Namen offiziell in Protsch von Zieten änderte, behauptet, vom Reitergeneral Hans Joachim von Zieten abzustammen. Dies wird nicht nur von der eigenen Familie bestritten und ist nach Angaben seines älteren Bruders, Dieter Protsch, als frei erfunden anzusehen. Als Autor wurde Protsch dennoch als „R. Graf Protsch von Zieten“ gelistet.

Universitätskarriere

Protsch wurde 1973 auf den C4-Lehrstuhl für Anthropologie in Frankfurt am Main berufen, obwohl er kein Abitur hatte und nicht habilitiert war. Eigenen Angaben zufolge hatte Protsch zahlreiche akademische Grade erworben, darunter 1973 einen Ph.D. von der University of California, Los Angeles (UCLA; Titel der Arbeit: The dating of Upper Pleistocene sub-Saharan fossil hominids and their place in human evolution: with morphological and archaeological implications). Im gleichen Jahr war er eigenen Angaben zufolge aufgrund seiner bis dahin verfassten Publikationen angeblich kumulativ habilitiert worden. Externe Gutachten, die im Kontext des Berufungsverfahrens auf verdächtige Ungereimtheiten im Lebenslauf hinwiesen, wurden ignoriert.

Bei Reiner Protsch hat unter anderem Axel von Berg im Jahr 2004 promoviert.

Chronik des Wissenschaftsskandals (in Auswahl)

Gerichtsverfahren gegen Protsch

Am 22. Juli 2006 berichtete die FAZ unter Berufung auf die Frankfurter Staatsanwaltschaft, Protsch werde wegen Urkundenfälschung, Untreue, Unterschlagung, versuchten Betrugs und Verstößen gegen den Artenschutz angeklagt. Protsch habe sich beispielsweise im Jahr 2001 von der Frankfurter Universität eine Spendenquittung über 300.000 Mark für eine Fossilien-Sammlung ausstellen lassen, die angeblich aus seinem eigenen Besitz stammte, tatsächlich aber einem Hamburger Paläontologen gehörte, der die Sammlung der Universität Frankfurt als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt hatte. In diesem Zusammenhang habe Protsch auch gefälschte Expertisen eingereicht. Protsch habe ferner aus wertvollen Büchern der Universitätsbibliothek deren Eigentumsnachweise entfernt und seinen eigenen Stempel hineingesetzt.

Als Urkundenfälschung bewertet wurde von der Staatsanwaltschaft auch, dass Protsch die Registriernummern auf Schimpansenschädeln ausfräsen und die dazugehörigen Karteikarten von zwei wissenschaftlichen Mitarbeitern durch sein eigenes Signum „RPvZ“ ersetzen ließ. Die Schädel gehören zur einzigartigen sogenannten PAN-Sammlung von 278 in Afrika zusammengetragenen Exemplaren, die bereits in den 1950er- und 60er-Jahren für das Frankfurter Institut erworben worden waren. Protsch habe diese Sammlung als sein Eigentum ausgegeben und im Jahr 2002 unter Vorlage gefälschter Kaufbescheinigungen für 70.000 Dollar einem US-Kollegen angeboten. Dieser versuchte Verkauf, der nach dem deutschen Artenschutzgesetz genehmigungspflichtig gewesen wäre, hatte seinerzeit erste Nachforschungen gegen Protsch zur Folge.

Am 17. Juni 2009 wurde gegen Protsch vor dem Frankfurter Landgericht der Prozess unter anderem wegen Urkundenfälschung, Unterschlagung, versuchten Betrugs, Untreue und eines Verstoßes gegen das Bundesnaturschutzgesetz eröffnet. Insgesamt wurden Protsch 17 Straftaten zur Last gelegt. Aufgrund einer Absprache mit dem Gericht, das ihm zusicherte, ihn im Falle eines Geständnisses nur zu einer Freiheitsstrafe auf Bewährung zu verurteilen, räumte Protsch über einen seiner drei Verteidiger alle Punkte der Anklage ein.

Die FAZ schrieb, die strafrechtlich relevanten Vorwürfe der Staatsanwaltschaft „verstärken das Bild eines zutiefst unehrlichen Menschen“. Der Vorsitzende Richter sprach in der Urteilsbegründung von einer „narzisstischen Persönlichkeit“, der psychiatrische Sachverständige Norbert Leygraf zuvor von einer „deutlich narzisstisch-histrionische[n] Persönlichkeitsakzentuierung“, deren Ursprung er in der schwierigen Kindheit des Angeklagten begründet sah, schloss aber eine Störung im Sinne einer Schuldminderung aus.

Schriften (Auswahl)

Literarische Verarbeitung

Der Roman Schädelfall – Ein Frankfurter Universitätsskandal erschien 2018 und widmete sich den Ereignissen kurz vor der Suspendierung von Protsch, dessen Fall die Grundlage für den Roman bildet. Der Autor „Davidson Black“ hält seine Identität geheim (Der Name ist ein Pseudonym nach dem kanadischen Anthropologen Davidson Black, 1884–1934). Das Buch wurde von Verlagsseite als „Mischung aus Enthüllungs- und Wissenschaftsroman“ bezeichnet und enthält viele bisher noch nicht bekannt gewordene Hintergrundinformationen. Es wird deshalb allgemein angenommen, dass es sich eigentlich nicht um einen Roman handelt, sondern um einen Bericht eines Insiders, der nur die Namen der handelnden Personen ausgewechselt hat.

Belege

  1. ↑ Heinrich Zankl: Unterschlagene Schädel – Anthropologe mit krimineller Energie. In: Wissenschaft im Kreuzverhör. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2012, S. 67–73. ISBN 978-3-534-23771-5
  2. ↑ Ben-Yehuda, Nachman; Oliver-Lumerman, Amalya: Fraud and Misconduct in Research: Detection, Investigation, and Organizational Response. University of Michigan Press, Ann Arbor 2017, S. 16. ISBN 978-0-472-13055-9.
  3. ↑ Sándor Bökönyi, Robert J. Braidwood und Charles A. Reed: Earliest Animal Domestication Dated? In: Science. Band 182, Nr. 4117, 1973, S. 1161, doi:10.1126/science.182.4117.1161, Volltext.
  4. ↑ Friedrich B. Naber: Das Ende des Ofnet-Problems? In: Quartär. Band 25, 1974, S. 73–84., Volltext.
  5. ↑ Fall Protsch: Verbleib von NS-Dokumenten geklärt. Taskforce des Präsidenten legt Bericht vor. (PDF; 1,9 MB) (Memento vom 17. März 2007 im Internet Archive) Im Original publiziert in: Uni-Report, Universität Frankfurt am Main, 17. November 2004, S. 1–2.
  6. ↑ Dieter H. B. Protsch: Be All You Can Be. From a Hitler Youth in WWII to a US Army Green Beret. An Immigrant's Memoirs. Trafford, 2004, ISBN 1-4120-3674-7.
  7. ↑ Dieter Leopold, Bernd Brinkmann: Identifikation unbekannter Toter – Interdisziplinäre Methodik, forensische Osteologie. Hrsg.: Steffen Berg, Bernd Brinkmann. Schmidt-Römhild, 1998, ISBN 978-3-7950-0629-7.
  8. 1 2 3 Der Professor, an dem nichts stimmt. Von Gisela Friedrichsen. Auf: spiegel.de vom 19. Juni 2009.
  9. ↑ Universität Frankfurt am Main, Institut der Anthropologie und Humangenetik: Prof. Dr. Dr. Reiner Protsch von Zieten. (Memento vom 3. Februar 2004 im Internet Archive) Ehemalige Webseite, im Original publiziert auf bio.uni-frankfurt.de.
  10. ↑ zitiert in Karl W. Butzer, Glynn Llywelyn Isaac (Hrsg.): After the Australopithecines. Mouton, The Hague 1975, S. 898 (books.google.de).
  11. ↑ Karl W. Beinhauer, Günther A. Wagner (Hrsg.): Schichten von Mauer – 85 Jahre Homo erectus heidelbergensis. Edition Braus, Mannheim 1992, S. 192.
  12. 1 2 3 4 5 6 7 8 Zusammenfassung des Berichts der Kommission zum Umgang mit wissenschaftlichem Fehlverhalten. Anhang zur Pressemitteilung der Universität Frankfurt Nr. 038 vom 17. Februar 2005
  13. ↑ M.J. Mehlman: Archaic Homo sapiens at Lake Eyasi, Tanzania: Recent misrepresentations. In: Journal of Human Evolution. Band 13, Nr. 6, 1984, S. 487–501, doi:10.1016/S0047-2484(84)80003-2
  14. ↑ Grundsätze der Johann Wolfgang Goethe-Universität zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis. Auf: uni-frankfurt.de vom 18. Mai 2005, zuletzt abgerufen am 6. Juni 2022.
  15. ↑ Günter Bräuer: Der Stirnbefund von Hahnöfersand – und einige Aspekte zur Neandertaler-Problematik. In: Hammaburg. Neue Folge 6 (1981–1983), 1984, ISSN 0173-0886, S. 15–28.
  16. ↑ Thomas Terberger, Martin Street, Günter Bräuer: Der menschliche Schädelrest aus der Elbe bei Hahnöfersand und seine Bedeutung für die Steinzeit Norddeutschlands. In: Archäologisches Korrespondenzblatt. Band 31, Nr. 4, 2001, ISSN 0342-734X, S. 521–526.
  17. ↑ Eintrag Binshof, Speyer in Bernard Wood (Hrsg.): Wiley-Blackwell Encyclopedia of Human Evolution. 2 Bände. Wiley-Blackwell, Chichester u. a. 2011, ISBN 978-1-4051-5510-6.
  18. 1 2 3 4 Hintergrund: Die Chronologie des Falls Protsch. Pressemitteilung der Universität Frankfurt Nr. 039 vom 17. Februar 2005.
  19. ↑ Mogelei im Knochenkeller. Von Matthias Schulz. In: Der Spiegel. Nr. 42/2004, zuletzt online abgerufen am 6. Juni 2022.
  20. 1 2 Fall Protsch: Konsequenzen gefordert. Pressemitteilung der Universität Frankfurt Nr. 038 vom 17. Februar 2005.
  21. ↑ Fall Protsch: Präsidium zieht Konsequenzen. Pressemitteilung der Universität Frankfurt Nr. 037 vom 17. Februar 2005.
  22. ↑ Fälschungsskandal in Frankfurt. Von Gudula Geuther. Auf: deutschlandfunk.de vom 18. Februar 2005.
  23. 1 2 Überführung eines Hochstaplers: Bewährung für Protsch von Zieten. (Memento vom 16. Januar 2015 im Internet Archive). Von Thomas Kirn. Im Original publiziert auf faz.net vom 20. Juni 2009.
  24. ↑ Der Professor und die falschen Schädel. Reiner Protsch soll Goethe-Uni betrogen haben und steht ab heute vor Gericht. In: Frankfurter Neue Presse, 17. Juni 2009, Lokales.
  25. ↑ Professor räumt Fälschungen ein. Auf: hr-online.de, 17. Juni 2009. (Link erloschen)
  26. ↑ Prozess um Frankfurter Affensammlung: Der Knochenfälscher. Auf: fr.de von 17. Juni 2009.
  27. ↑ Anklage gegen Anthropologen: Professor als Fälscher und Betrüger. (Memento vom 19. Mai 2015 im Internet Archive). Von Thomas Kirn. Im Original publiziert auf faz.net vom 21. Juli 2006.
  28. 1 2 Schädelfälscher zu Bewährungsstrafe verurteilt. In: Spiegel Online. 19. Juni 2009 (spiegel.de).
  29. ↑ jzenthoefer. (4. November 2024). Uni Frankfurt am Main informiert zum Fälscherfall Reiner Protsch (selbsternannt „von Zieten“). Archivalia. Abgerufen am 5. November 2024 von doi:10.58079/12lzs
  30. ↑ Davidson Black: Schädelfall: ein Frankfurter Universitäts-Skandal. MainBook, Frankfurt am Main 2018, ISBN 978-3-947612-01-7.
  31. ↑ Frankfurter Neue Presse: Wie aus einem Frankfurter Hochstapler eine Buchfigur wurde, 21. Juli 2018, abgerufen am 4. August 2022
  32. ↑ Laborjournal: Falscher Fuffziger, Buchbesprechung vom 6. Dezember 2018.