Übersichtsarbeit

Eine Übersichtsarbeit oder Review ist eine wissenschaftliche Arbeit, in welcher für ein definiertes Themengebiet die wissenschaftlichen Publikationen der vergangenen Jahre aufgearbeitet, zusammengefasst und kritisch bewertet wird. Grundlage jedes Reviews ist die bereits publizierte Fachliteratur, die mittels Datenbanken und Bibliotheksrecherchen erfasst wird. Ein Review kann unterschiedlich ausfallen; sie reichen von einem unsystematischen, narrativen Vorgehen bis zu einem systematischen, in welcher der Ein- und Ausschluss der Literatur und die Daten-Extraktion aufgrund einer vorher definierten Prozedur erfolgt.

Letztlich beginnt jede auch noch so kleine Forschungsarbeit mit einem kurzen Review, welches im Abschnitt „Einleitung“ der betreffenden Publikation erscheint. Der Wissenschaftler belegt anhand dieses Kurz-Reviews, dass die von ihm bearbeitete Forschungsfrage relevant ist und dass sie eine Wissenslücke füllt.

Reviews können insbesondere bei quantitativen Angaben durch eine Metaanalyse ergänzt werden. Reviews verfolgen verschiedene Absichten, unter anderem:

Systematische Übersichtsarbeiten weisen die höchste Beweiskraft aller wissenschaftlichen Arbeiten auf (siehe Evidenzgrad), da die Verfasser zu den ursprünglichen Artikeln keinen persönlichen Bezug haben (Interessenkonflikt). Außerdem liegt der Zweck eines Reviews gerade darin, ältere Facharbeiten kritisch zu würdigen.

Typen von Reviews

Erstellung eines Reviews

Durch den technischen Fortschritt wurde es deutlich erleichtert, Übersichtsarbeiten zu erstellen. Dies liegt vor allem an den Datenbanken, in welchen veröffentlichte wissenschaftliche Arbeiten registriert und über Suchbegriffe aufzufinden sind. Früher mussten von Hand verschiedene Kataloge durchgesehen werden, wie Bibliothekskataloge, Bibliografien, Mikrofilme und die gedruckte jährliche Auflistung aller Artikel, die in der jeweiligen Zeitschrift erschienen sind.

Für Übersichtsarbeiten wesentlich sind eine klare Definition der Thematik und die Erstellung von Relevanzkriterien für die Fachartikel. Daraus folgt eine Auswahl der zu benutzenden Datenbanken und Kataloge (Web of Science, Embase, Google Scholar, Scopus, PubMed, …) und gegebenenfalls eine nachvollziehbare Beschränkung auf bestimmte Zeiträume (z. B. „Literatur der letzten 20 Jahre“). Es ist zu klären, inwiefern sogenannte graue Literatur (Diplomarbeiten, sonstige unveröffentlichte Arbeiten auf Hochschulniveau) einzubeziehen ist.

Die Suchergebnisse müssen gefiltert werden, da nicht alle Studien für das gewählte Thema relevant sind. Üblich ist ein mehrstufiges Verfahren:

  1. Durchlesen der Titel aller Artikel
  2. falls die Arbeit im ersten Schritt nicht sicher ausgeschlossen werden kann: Abstract durchlesen
  3. falls in Schritt 2 als relevant empfunden: ganze Arbeit durchlesen
  4. Extraktion der relevanten Angaben und Daten

Ist eine Arbeit schließlich als relevant bewertet worden, kann ihr Literaturverzeichnis nach weiterer einschlägiger Literatur durchsucht werden (sogenannte Schneeball-Technik). Je nach Fragestellung kann die als relevant identifizierte Literatur schließlich nach qualitativen Maßstäben gewichtet werden, um methodisch mangelhafte Studien auszuschließen. Im Gesundheitsbereich geschieht dies etwa nach den Richtlinien der GRADE Working Group.

Außerdem muss der Publikationsbias ermittelt werden, da nicht alle Forschungsarbeiten veröffentlicht werden, während aber die Übersichtsarbeit ein vollständiges Bild aller Forschungsarbeiten vermitteln soll. Ebenso sollte das Ein- und Ausschließen der Arbeiten und die Datenextraktion von mehreren Mitarbeitern doppelt und unabhängig voneinander erfolgen, um zu verhindern, dass relevante Arbeiten fälschlicherweise ausgeschlossen werden, oder Daten falsch ausgelesen werden.

Übersichtsarbeiten nach Wissenschaftsgebieten (Auswahl)

Hervorzuheben ist hier Annual Reviews, ein Verlag, welcher für mehr als 40 Wissenschaftsgebiete Übersichtsarbeiten veröffentlicht.

Chemie

Beispiele für Zeitschriften, die Zusammenfassungen über größere Arbeitsgebiete veröffentlichen, sind Accounts of Chemical Research, Angewandte Chemie, Chemical Reviews, Chemical Society Reviews, Synlett, Synthesis, Tetrahedron und Uspechi Chimii / Russian Chemical Reviews. In einigen dieser Zeitschriften erscheinen parallel auch Originalarbeiten.

Medizin

In der evidenzbasierten Medizin werden systematischen Übersichtsarbeiten randomisierter kontrollierter Studien (RCTs) die höchste Beweiskraft für den Nachweis einer therapeutischen Wirksamkeit zugeschrieben. Der größte Herausgeber systematischer Übersichtsarbeiten in der Medizin ist Cochrane.

Physik

In der Physik gibt es eine Vielzahl von Zeitschriften zur Veröffentlichung von Übersichtsarbeiten. Reviews of Modern Physics ist dabei eine der ältesten und angesehensten Zeitschriften.

Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

Systematische Literaturanalysen haben erst spät eine weite Verbreitung in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften gefunden und stellen inzwischen eine etablierte Methode dar. Durach et al. haben methodische Schritte vorgestellt, die in diesen Wissenschaften hilfreich bei der Durchführung einer systematischen Literaturanalyse sein können.

Wikipedia-Artikel als Reviews?

Studien zum Wissenstransfer in der Chemie wiesen nach, dass Änderungen in einschlägigen Artikeln der Wikipedia Aktualisierungen in zahlreichen wissenschaftlichen Zeitschriften nach sich ziehen und vielfach von fachkundigen Autoren als eine Art Sammlung relevanter Literatur verwendet werden. Damit nähmen manche Wikipedia-Artikel eine quasi äquivalente Rolle zu akademischen Reviews ein.

Literatur

Einzelnachweise

  1. 1 2 Khalid S. Khan, Regina Kunz: Systematische Übersichten und Meta-Analysen: Ein Handbuch für Ärzte in Klinik und Praxis sowie Experten im Gesundheitswesen. Springer, Berlin 2004, ISBN 3-540-43936-6.
  2. ↑ Danielle Pollocka, Catrin Evans, Romy Menghao Jiac, Lyndsay Alexander, Dawid Pieper, Erica Brandâo de Moraes, Micah D.J. Peters, Andrea C. Tricco, Hanan Khalil, Christina M. Godfrey, Ashrita Saran, Fiona Campbell, Zachary Munn: How to: Scoping review. In: Journal of Clinical Epidemiology. 18. Oktober 2024, doi:10.1016/j.jclinepi.2024.111572 (englisch).
  3. ↑ gradeworkinggroup.org
  4. ↑ Heinz G. O. Becker u. a.: Organikum. 23. Auflage. Wiley-VCH Verlag, Weinheim 2009, ISBN 978-3-527-32292-3, S. 132.
  5. ↑ Cita Wetterich, Erik Plänitz: Systematische Literaturanalysen in den Sozialwissenschaften eine praxisorientierte Einführung. Verlag Barbara Budrich, Opladen/Berlin 2021, ISBN 978-3-8474-2430-7.
  6. ↑ Christian F. Durach, Joakim Kembro, Andreas Wieland: A New Paradigm for Systematic Literature Reviews in Supply Chain Management. In: Journal of Supply Chain Management. Band 53, Nr. 4, 2017, doi:10.1111/jscm.12145 (englisch).
  7. ↑ Neil Thompson, Douglas Hanley: Science Is Shaped by Wikipedia: Evidence From a Randomized Control Trial. ID 3039505. Social Science Research Network, Rochester, NY 13. Februar 2018 (ssrn.com [abgerufen am 25. Februar 2023]).