Richard F. Thompson
Leben
Er wurde als Sohn von Frederick Albert und Margaret St. Clair (geb. Marr) Thompson geboren. Sein Vater ging im Ersten Weltkrieg freiwillig zur Armee. Er wurde Leutnant und Scharfschützenausbilder. Nach dem Krieg bewirtschaftete er eine Zeit lang einen Bauernhof und wurde nach seiner Heirat Buchhalter. Seine Mutter war auf einem Bauernhof aufgewachsen. Sie absolvierte eine Lehrerausbildung und unterrichtete anschließend in New Brunswick. Danach ließ sie sich zur Krankenschwester ausbilden und zu Beginn des Ersten Weltkriegs meldete sie sich freiwillig zum britischen Krankenschwesternkorps und verbrachte Zeit in Frontlazaretten in Frankreich.
Während seiner Schulzeit interessierte er sich für die Naturwissenschaften, insbesondere für Physik. 1948 begann er sein Studium am Reed College mit dem Ziel, theoretischer Physiker zu werden. Nach einem Einführungskurs in Psychologie und der Lektüre der Bücher des Psychologen und Behavioristen Karl Lashley wechselte er jedoch zu diesem Studienfach. Sein Psychologiestudium schloss er hier 1952 mit einem Bachelor ab. Einen Master of Sciences erwarb er 1953 an der University of Wisconsin–Madison. Hier promovierte er 1956 zum Doktor der Philosophie, wo er auch seine Postdoktorandenforschung im neurophysiologischen Labor durchführte. Eine weitere Postdoktorandenstellen hatte er im Labor für Neurophysiologie der Universität Göteborg inne.
Seine berufliche Laufbahn begann 1959 als Assistenzprofessor für Medizinische Psychologie und Psychiatrie an der Medial School der University of Oregon. 1967 nahm er eine Professur an der Fakultät für Biowissenschaften an der University of California, Irvine an. Hier arbeitete er eng mit Gardner Lindzey und Calvin S. Hall zusammen; zu dritt verfassten sie als Lehrbuch eine Einführung in die Psychologie. 1973 wechselte er an das Department of Psychology and Social Relations der Harvard University, wo er den Lehrstuhl von Karl Lashley übernahm. 1975 ging er wieder zurück an die University of California, Irvine, wo er bis 1980 blieb. 1978 bis 1979 verbrachte er ein Jahr am Center for Advanced Study in the Behavioural Sciences in Stanford. 1980 nahm er eine Stelle an der Stanford University als Bing-Professor für Humanbiologie mit einer Haupttätigkeit im Fachbereich Psychologie an. 1987 erhielt er ein Angebot von der University of Southern California (USC), das er nicht ablehnen konnte. Dort wurde ein neurowissenschaftliches Programm aufgebaut und ein neues Forschungsgebäude errichtet. Er wurde hier zum Keck-Professor für Psychologie und Biologie und von Leiter des Neurowissenschaftsprogramms mit einer geringen Lehrverpflichtung ernannt. Von 1989 bis 2001 leitete er das Programm für neuronale, informationswissenschaftliche und verhaltenswissenschaftliche Wissenschaften der USC. Anschließend war er noch als leitender wissenschaftlicher Berater am Neurowissenschaftlichen Forschungsinstitut der USC tätig. Zudem hatte er Professuren für Neurologie an der Medizinischen Fakultät und eine Position als leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fakultät für Gerontologie inne.
Werk
Seine wissenschaftlichen Interessen galten dem breiten Feld der Verhaltensneurowissenschaften mit Schwerpunkt auf die neurobiologischen Grundlagen des Lernens und des Gedächtnisses. Seine Forschung konzentrierte sich auf die Identifizierung von Orten im Gehirn, an denen Erinnerungen für bestimmte Formen der klassischen Konditionierung gespeichert werden. Zusammen mit seinem Doktoranden David A. McCormick entdeckte er, dass das Kleinhirn eine entscheidende Rolle bei der klassischen Konditionierung spielt; bis dahin galt das Kleinhirn als motorisches Zentrum, also als Schaltzentrale willkürlicher, koordinierter Körperbewegungen. Er war der erste Neurowissenschaftler, der die für die klassische Konditionierung verantwortlichen neuronalen Schaltkreise identifizierte und kartierte. Er konnte auch zeigen, dass das Gehirn eine Erinnerung speichert, indem es die Synapsen, also die Verbindungen zwischen den Neuronen, stärkt. Neuronen bilden während des Lernprozesses auch neue Synapsen, was er als Gedächtnisbildung definierte. Er untersuchte auch die Auswirkungen von Verhaltensstress, Östrogen und Alterung auf das Lernen.
Ehrungen/Positionen
- W. Horsley Gantt Medal für Career Research Contributions der Pavlovian Society
- 2010: Goldmedaille der American Psychological Foundation für sein Lebenswerk
- 2007: Karl Spencer Lashley Auszeichnung
- 1999: John P. McGovern Award
- 1999: Mitglied der American Philosophical Society
- 1999: Mitglied der American Association for the Advancement of Science
- 1994–1996: Präsident der American Psychological Society
- 1994–1995: Präsident der Western Psychological Association
- 1989: Mitglied der American Academy of Arts and Sciences
- 1977: Mitglied der National Academy of Sciences
- Mitglied der International Brain Research Organization
- 1989: William James Mitglied
- 1989: Howard Crosby Warren Medal
- 1974: APA Auszeichnung für Distinguished Scientific Contributions to Psychology
- 1972–1977: Präsident der Psychonomic Society
- Herausgeber und/oder Redakteur der Zeitschriften Physiological Psychology, Journal of Comparative and Physiological Psychology, Behavioral Neuroscience, Physiology and Behavior, Behavioural Brain Research, Annual Review of Neuroscience und Neuroreport.
Privates
An der medizinischen Fakultät der University of Oregon lernte er seine spätere Frau, die aus Dänemark stammende Judith Pedersen, kennen, wo beide in der psychiatrischen Abteilung arbeiteten. Sie wurde Dozentin an der Krankenpflegeschule der Universität von Oregon. Mit seiner Ehefrau Judith Thompson war er 54 Jahre verheiratet; aus der Ehe stammten die Kinder Kathryn Thompson-Clancy (* 1962), Elizabeth Collins (* 1964) und Virginia Thompson-DeWinter (* 1968). Er verstarb mit 84 Jahre in seinem Haus in Nipomo; er litt an Herzinsuffizienz und war kurz vor seinem Tod gestürzt.
Publikationen (Auswahl)
- Monografien
- Mit Stephen A. Madigan: Memory: The Key to Consciousness (Science Essentials Book 3). Princeton University Press, Princeton 2013, ISBN 978-1-4008-4948-2.
- Bioelectric Recording Techniques: Electroencephalography and Human Brain Potentials (Methods in physiological psychology, v. 1, pt. B). Academic Press, Cambridge, MA 2013, ISBN 978-1-4832-6544-5.
- Neural Mechanisms of Goal-Directed Behavior and Learning. Academic Press, Cambridge, MA 2012, ISBN 978-0-12-412461-5.
- Mit Michel Baudry: Synaptic Plasticity: Molecular, Cellular, and Functional Aspects. MIT Press, Cambridge, MA 1993, ISBN 978-0-262-02359-7.
- Mit Gardner Lindzey; Bonnie Spring: Mastering Psychology. W. H. Freeman, New York 1988, ISBN 978-0-87901-354-7.
- The Brain: Introduction to Neuroscience. W. H. Freeman, New York 1985, ISBN 978-0-7167-1461-3.
- Deutsche Ausgabe: Das Gehirn: von der Nervenzelle zur Verhaltenssteuerung (3. Auflage). Springer-Verlag, Berlin 2001, ISBN 978-3-662-53349-9.
- Progress in Neuroscience. W. H. Freeman, New York 1985, ISBN 978-0-7167-1726-3.
- Mit Robert E. Ornstein: The amazing brain. Chatto & Windus, London 1985, ISBN 978-0-7011-3949-0.
- Deutsche Ausgabe: Mit Robert Ornstein; David Macaulay: Unser Gehirn: das lebendige Labyrinth. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1993, ISBN 978-3-499-19571-6.
- Introduction to Physiological Psychology. Joanna Cotler Books, New York 1975, ISBN 978-0-06-046604-6.
- Foundations of Physiological Psychology. Joanna Cotler Books, New York 1967, ISBN 978-0-06-356522-7.
- Herausgeberschaften
- Mit Isidore Gormezano; William F. Prokasy: Classical Conditioning. Psychology Press, Abingdon-on-Thames 2014, ISBN 978-1-317-76844-9.
- Mit Richard E. Whalen; Marcel Verzeano: The Neural Control of Behavior. Academic Press, Cambridge, MA 2013, ISBN 978-1-4832-6562-9.
- Mit W. Maxwell Cowan; Charles F. Stevens: Annual Review of Neuroscience. Annual Reviews Inc., San Mateo 1996, ISBN 978-0-8243-2419-3.
- Physiological Psychology: Readings from "Scientific American". W. H. Freeman, New York 1972, ISBN 978-0-7167-0851-3.
- Zeitschriftenartikel/Buchbeiträge
- Mit Catharine H. Rankin; Thomas Abrams; Robert J. Barry; Seema Bhatnagar; David F Clayton; John Colombo; Gianluca Coppola; Mark A. Geyer; David L Glanzman; Stephen Marsland; Frances K. McSweeney; Donald A. Wilson; Chun-Fang Wu: Habituation revisited: an updated and revised description of the behavioral characteristics of habituation. In: Neurobiology of learning and memory, 2009, 92 (2), S. 135–138.
- Mit Roberta Diaz Brinton; Michael R. Foy; Michel Baudry; JunMing Wang; Caleb E. Finch; Todd E. Morgan; Christian J. Pike; Wendy J. Mack; Frank Z Stanczyk; Jon Nilsen: Progesterone receptors: form and function in brain. In: Frontiers in neuroendocrinology, 2008, 29 (2), 313–339.
- In search of memory traces. In: Annual Review of Psychology, 2005, 56 (1), S. 1–23.
- Mit Kimberly M. Christian: Neural substrates of eyeblink conditioning: acquisition and retention. In: Learning & memory, 2003, 10 (6), S. 427–455.
- Mit Tracey J. Shors; Craig Weiss: Stress-induced facilitation of classical conditioning. In: Science, 1992, 257 (5069), S. 537–539
- The neurobiology of learning and memory. In: Science, 1986, 233 (4767), S. 941–947.
- Mit Paul R. Solomon; Ellen R. Vander Schaaf; Donald J Weisz: Hippocampus and trace conditioning of the rabbit's classically conditioned nictitating membrane response. In: Behavioral neuroscience, 1986, 100 (5), S. 729–744.
- Mit David A. McCormick: Cerebellum: essential involvement in the classically conditioned eyelid response. In: Science, 1984, 223 (4633), S. 296–299.
- Mit David A. McCormick; David G. Lavond; Gregory A. Clark; Ronald E. Kettner; Christina E, Rising: The engram found? Role of the cerebellum in classical conditioning of nictitating membrane and eyelid responses. In: Bulletin of the Psychonomic Society, 1981, 18 (3), S. 103–105.
- Mit Michael M. Patterson; Craig F. Cegavske: Spinal conditioning. In: Bulletin of the Psychonomic Society, 1973, 1 (2), S. 139–140.
- Mit Philip M. Groves: Habituation: a dual-process theory. In: Psychological review, 1970, 77 (5), S. 419–450.
- Mit Philip M. Groves; Ray DeMarco: Habituation and sensitization of spinal interneuron activity in acute spinal cat. In: Brain research, 1969, 14 (2), S. 521–525.
- Mit William A. Spencer: Habituation: a model phenomenon for the study of neuronal substrates of behavior. In: Psychological review, 1966, 73 (1), S. 16–43.
- Mit Donald R. Hoffeld; Stephen B. Kendall; W. J. Brogden: Effect of amount of preconditioning training upon the magnitude of sensory preconditioning. In: Journal of experimental psychology, 1960, 59 (3), S. 198–204.
- The effect of training procedure upon auditory frequency discrimination in the cat. In: Journal of Comparative and Physiological Psychology, 1959, 52 (2), S. 186–190.
- Mit Donald R. Hoffeld; W. J. Brogden: Effect of stimuli time relations during preconditioning training upon the magnitude of sensory preconditioning. In: Journal of Experimental Psychology, 1958, 56 (5), S. 437–442.
- Mit James F. Voss; W. J. Brogden: The effect of target-velocity upon the trigonometric relationship of precision and angle of linear pursuit-movements. In: The American Journal of Psychology, 1956, 69 (2), S. 258–263.
Literatur
- Joseph E. Steinmetz; Mark A. Gluck; Paul R. Solomon: Model Systems and the Neurobiology of Associative Learning: A Festschrift in Honor of Richard F. Thompson. Psychology Press, Oxfordshire 2014, ISBN 978-1-138-00364-4 (englisch).
- T. J. Shors: Richard F. Thompson (1930–2014). In: American Psychologist. Band 70, Nr. 5, 2015, S. 472, doi:10.1037/a0039430 (englisch).