Rikle Glezer

Rikle Glezer, vor 1966

Rikle (Ruth) Glezer-Kaplan (jiddisch ריקלע גלעזער-קאַפּלאַן, geboren 17. Dezember 1924 in Wilno, Zweite Polnische Republik; gestorben 12. Januar 2006) war eine jüdische litauisch-polnische Partisanin und Liedtexterin von Liedern über den Holocaust.

Leben

Glezer wurde in eine jüdische Familie im damals polnischen Wilno geboren. Als Tochter eines Juweliers besuchte sie zunächst die jiddische Sh. Frug-Schule des Tsentraler Bildung Komitet und anschließend eine polnische Schule. Glezer begann im Alter von 12 Jahren Gedichte zu schreiben, engagierte sich in schulischen Arbeitskreisen und gehörte dem SKIF, der Jugendorganisation der Partei Allgemeiner Jüdischer Arbeiterbund, an.

Am 22. Juni 1941 griff die deutsche Armee im Rahmen des Unternehmen Barbarossa die Sowjetunion auch über Litauen an. Die Deutschen besetzten Vilnius sofort und richteten ab August 1941 das Ghetto Vilnius ein, in das Glezer wie alle anderen Juden in gesperrt wurde. Die Nazis verschleppten Glezers Vater gleich zu Beginn der Besatzung. Glezer, ihre Mutter und ihre jüngere Schwester überlebten bis zur Auflösung des Ghettos im September 1943. Sie wurden in einen Transportzug gesetzt. Die Quellen sind sich uneinig, ob sie in ein anderes Lager oder in die Wälder von Ponar deportiert werden sollten. Glezer gelang es, aus dem Zug zu fliehen, und sie schloss sich der Fareinikte Partisaner Organisatzije, den sowjetischen Partisanen im Rūdninkai-Wald südlich von Vilnius als Kämpferin im Regiment „Tod dem Faschismus“ an.

Glezer schrieb während ihrer Jahre der Gefangenschaft im Ghetto Lieder, die sie bei ihrer Flucht auf retten konnte. Die meisten ihrer Kompositionen waren Texte, die sie zu Melodien populärer Lieder vertonte: So entstand beispielsweise ihr Lied Du Geto Mayn („Mein Ghetto“) zur Melodie des russischen Liedes Моя Москва („Mein Moskau“) des sowjetischen Komponisten Isaak Ossipowitsch Dunajewski. Anstatt jedoch die Schönheit Vilnius’ zu beschreiben, erzählen Glezers Texte von der düsteren Realität des Lebensmittelschmuggels unter den Bedingungen von Krankheit, Erschöpfung und Hunger.

Glezers bekanntestes Lied wurde S’iz geven a zumertog („Es war ein Sommertag“). Das Lied schildert in schmerzhaften Details, wie Juden in das Ghetto Vilnius getrieben wurden, ihre Hilferufe und die Morde, die sowohl auf dem Weg ins Ghetto als auch im nahegelegenen Wald von Ponary stattfanden. Der Wald war Schauplatz des Massakers von Ponary, einer der berüchtigtsten Stätten des nationalsozialistischen Massenmords, an der Tausende von Männern, Frauen und Kindern aus Vilnius und den umliegenden Städten erschossen und in Massengräbern verscharrt wurden. Der einfache und bewegende Text wurde auf die Melodie eines beliebten jiddischen Theaterliedes aus der Zwischenkriegszeit, Papirosn („Zigaretten“), gesetzt, das von Herman Yablokoff komponiert worden war. 1999 wurde das Lied von der israelischen Sängerin Chava Alberstein unter dem Titel Zumer Tag interpretiert.

Es war ein Sommertag,
Wie immer sonnig-schön,
Und die Natur hatte da
So viel Anmut.
Es haben Vöglein gesungen,
Fröhlich sind sie herumgesprungen,
Ins Ghetto hat man uns geheißen zu gehen
Ach, stellt Euch vor, was aus uns geworden ist!
Verstanden haben wir: es ist alles verloren.
Unser Beten hat nicht geholfen,
Dass jemand uns retten soll –
Verlassen haben wir doch unser Heim.

– Rikle Glezer: S'iz geven a zumertog (1. Strophe, freie Übersetzung ins Deutsche), 1941

Glezer schrieb auch in ihrer Zeit bei den Partisanen weiter. Sie kehrte mit den sowjetischen Partisanen und den Armeeeinheiten, die die Stadt im Juli 1944 besetzten, nach Vilnius zurück und gehörte damit zu den nur etwa 3.000 der über 60.000 in Vilnius 1939 lebenden Juden, die den Holocaust überlebten.

Nach dem Krieg heiratete sie einen ebenfalls ehemaligen Partisan und führte ab da ihren Ehenamen „Kaplan“. Im Dezember 1948 wanderte sie mit ihrer Familie auf der SS Negba nach Israel aus.

1991 erschien ihr Gedichtband „Lieder aus Ghettos und Lagern: Texte und Melodien“. 1996 nahm sie an einem Oral-History-Projekt der USC Shoah Foundation teil.

Glezer verstarb 2006 vermutlich in Israel.

Quellen/Werke

Commons: Rikle Glezer – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. ↑ Jewish School Teachers in Vilna Accused by Authorities of Throwing Stones on Antisemitic Demonstration. In: Daily News Bulletin. Jewish Telegraphic Agency, 26. November 1931, abgerufen am 16. September 2026.
  2. ↑ Jewish Education in Vilna between the Two World Wars. In: The Jewish Community of Vilna, The Interwar Period. Yad Vashem, abgerufen am 16. September 2026.
  3. ↑ רשימת לוחמים. Organization of Partisans Underground and Ghetto Fighters, archiviert vom Original am 3. März 2016; abgerufen am 16. September 2026.
  4. 1 2 Rikle Glezer. In: Music and the Holocaust. World ORT, abgerufen am 16. September 2026.
  5. 1 2 Herman Kruk: The Last Days of the Jerusalem of Lithuania: Chronicles from the Vilna Ghetto and the Camps, 1939–1944. Yale University Press, New Haven, CT 2002, ISBN 978-0-300-04494-2, S. 257, FN 72 (google.com).
  6. 1 2 Tobias Widmaier, Florian Freund und Franz Ruttner: Ess firt kejn weg zurik… Geschichte und Lieder des Ghettos von Wilna 1941–1943. In: Jahrbuch für Volksliedforschung. Band 39, 1994, S. 249, doi:10.2307/848719.
  7. ↑ S'iz geven a zumertog ♫. In: Music and the Holocaust. World ORT, abgerufen am 16. September 2026.
  8. ↑ Chava Alberstein: Chava Zingt Yiddish (חוה זינגט יידיש). Apple Music, 2003, abgerufen am 16. September 2026.
  9. ↑ maluca: עס איז געװען אַ זומער־טאָג (Es iz geven a zumertog) – German translation. Lyrics translate, abgerufen am 16. September 2026.
  10. ↑ עדות ריקלה גלזר קפלן קצר auf YouTube, 20. Dezember 2020, abgerufen am 16. September 2026.
Personendaten
NAME Glezer, Rikle
ALTERNATIVNAMEN Glezer-Kaplan, Rikle
KURZBESCHREIBUNG jüdische polnische Teilnehmerin am Aufstand im Warschauer Ghetto
GEBURTSDATUM 17. Dezember 1924
GEBURTSORT Vilnius, Zweite Polnische Republik
STERBEDATUM 12. Januar 2006