Robert Wokittel

Robert Wokittel, in Kolumbien häufig auch Roberto, (* 15. November 1893 in Santomischel in der Provinz Posen; † 28. Oktober 1970 in Köln) war ein deutscher Geologe, Mineraloge und Professor an der Universidad Nacional de Colombia.

Robert Wokittel als Aktiver des Corps Silingia Breslau (um 1912).

Leben

Kindheit und Studium (1893–1927)

Wokittel stammt aus einer schlesischen Lehrerfamilie. Er besucht die Schule seines Geburtsortes in Santomischel und die Schule in Wreschen. Sein Abitur legte er 1912 in Gnesen ab und studierte im Anschluss an der Universität Breslau Naturwissenschaften und Mathematik. Dort wurde Wokittel 1912 Mitglied des Corps Silingia Breslau zu Köln. Sein Studium wurde durch den Ersten Weltkrieg unterbrochen. Er kehrte mehrfach verwundet und ausgezeichnet (u. a. Eisernes Kreuz 1. und 2. Klasse), als Offizier zurück und setzte sein Studium 1919 in Berlin nun in der Fachrichtung Bergbau an der Technischen Hochschule Charlottenburg fort, welches er 1923 als Diplombergbauingenieur abschloss. Gleichzeitig war Wokittel jeweils zwei Jahre Assistent am Lehrstuhl für Aufbereitung und für Bergbaukunde.

Erster Aufenthalt in Kolumbien – Professor (1925–1937)

Unterschrift von „Roberto“ Wokittel

Wokittel folgte 1925 einem Ruf an die damalige Escuela Nacional de Minas de Medellín (Nationale Bergbauschule), die heute Teil der Universidad Nacional de Colombia ist, wo er Professor für Geologie, Mineralogie und Bergbau wurde. Der als "lebhaft, mit einer Zigarre im Mundwinkel" beschriebene Wokittel leitete und unternahm mehrere Expeditionen mit seinen Studenten in verschiedenen Gebieten Kolumbiens; so beispielsweise 1929 eine einmonatige Reise im Osten Kolumbiens durch die Regionen Cundinamarca und Boyacá, die per Automobile, Bahn und auf dem Rücken von Eseln zurückgelegt wurde.

Wokittel erreichte als nur einer von fünf Professoren in einer Evaluation anhand von vier Kriterien (fachliche Expertise, Lehrfähigkeit, Bewertung der Studenten, Qualität der Lehre) das Prädikat „herausragend“. Während seiner zwölfjährigen Tätigkeit als Professor (bis 1937) fokussierte sich Wokittel auf die Verbesserung der Lehre und die Pflege der Laboratorien innerhalb seines Forschungsgebiets. So erstellte Wokittel zur Unterstützung seiner Kurse ein Manuskript, das ausführte, wie die Stratigraphie und die Geochronologie einer Region bestimmt werden kann. Dabei unterschied er in petrographische (Ablagerungsbedingungen der Gesteine) und paläontologische (Altersbestimmung geologischer Schichten) Methoden. Außerdem schlug Wokittel eine Vereinigung für ehemalige Schüler und Absolventen der Bergbauschule vor, die in beruflichen Fragen helfen, Beziehungen zu anerkannten Fachleuten fördern und staatliche Stellen beraten sollte.

Rückkehr nach Deutschland (1937–1949)

Wokittel kehrte im Anschluss ab 1937 kurzzeitig nach Deutschland zurück, wo er Mitglied der Gesellschaft der Metallurgen und Bergleute wurde. Sein Nachfolger an der Escuela Nacional de Minas de Medellín wurde der Geologe Alejandro Delgado. Von 1937 bis 1938 war Wokittel für die Fachzeitschrift Metall und Erz sowie von 1938 bis 1939 für die Deutsche Forschungsgemeinschaft mit Schwerpunkt Bergbau in Afrika tätig, für die er am Großprojekt "Afrika-Forschungen nach dem Weltkriege" mitarbeitete. Im Anschluss wurde er als Soldat für die Truppen- und Rohstoffversorgung eingezogen und erhielt das Kriegsverdienstkreuz 1. und 2. Klasse. Mittlerweile zum Hauptmann befördert, geriet Wokittel am 20. April 1945 in Kriegsgefangenschaft.

Zweiter Aufenthalt in Kolumbien – Leiter im Ministerium für Bergbau (1949–1970)

Ab 1949 lebte Wokittel wieder in Kolumbien (Bogotá) und arbeitete u. a. ab 1952 für das Ministerium für Bergbau und Erdöl im Servicio Geológico Nacional (SGN) unter Enrique Hubach. Für den SGN leitete er die Abteilung der Wirtschaftsgeologie, auch Lagerstättenkunde genannt (Jefe de Geologia Economia). 1953 (in Brasilien) und 1955 (in Bogotá, Kolumbien) nahm Wokittel als Experte an der Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik teil und war ebenfalls Mitglied der Academia Colombiana de Ciencias Exactas, Físicas y Naturales. Seine Expertise brachte er mit zunehmendem Alter vermehrt als Berater und Gutachter sowohl in staatlichen als auch wirtschaftlichen Betrieben und Unternehmen ein.

1957 veröffentlichte Wokittel einen Aufsatz mit dem Titel Problemas de la geología económica de Colombia, in dem er beschreibt, dass die mineralischen Ressourcen Kolumbiens größer seien, als man damals angenommen habe und argumentiert für eine stärkere Erforschung in Verbindung mit einer Erhöhung der (finanziellen) Mittel des SGN. Sinngemäß schreibt Wokittel, dass die geologischen Untersuchungen und die bergbauliche Tätigkeit die pessimistische Vorstellung widerlegt hätten, Kolumbien verfüge lediglich über "Mineralien-Schaukästen" ohne wirtschaftliche Bedeutung. Zu dieser Entwicklung habe der SGN wertvolle Beiträge geleistet. Zusätzlich fordert er Reformen insbesondere der Gesetzgebung im Bereich Bergbau, um die eingeschlagene Entwicklung voranzutreiben und das vorhandene wirtschaftliche Potenzial der mineralische Ressourcen für Kolumbien zu heben.

Vor seiner aus familiären und altersbedingten Gründen geplanten Rückkehr nach Deutschland im Jahr 1970 erkrankte Wokittel kurz vor der anstehenden Reise und starb am 28. Oktober desselben Jahres, nur drei Tage nach seiner Ankunft in Köln. Den Nachruf in der Zeitschrift Erzmetalle verfasst Ernst Albrecht Scheibe, Sohn des bekannten Geologen Robert Scheibe.

Wirken

Wokittel widmete den größten Teil seines Lebens der Geologie, dem Bergbau und der Erkundung von Mineralien- und Rohstoffvorkommen in Kolumbien. Er wurde als bedeutender Forscher, Wegbereiter und herausragende Persönlichkeit auf dem Gebiet der Geologie beschrieben. Manche Quellen zählen Wokittel zu den bedeutendsten Geologen der damaligen Zeit in Kolumbien.

Von Wokittel 1957 angefertigte Karte der Region Magdalena zwischen den Flüssen Cesar und Rancheria.

Als Professor und später im Auftrag der SGN führte Wokittel viele geologische Expeditionen in Kolumbien und angrenzenden Region durch. Dabei fokussierte er sich insbesondere auf die Untersuchung des mineralischen und geologischen Potenzials der Rohstoffe zur wirtschaftlichen Nutzung. Er erforschte dabei u. a. die (Gebirgs-)Regionen, Boyacá, Chocó, Cundinamarca, Magdalena, Norte de Santander, den östlichen Teil der Kordillere, die Sierra Nevada de Santa Marta, die Sierra de Perijá, Valle de Cauca in Kolumbien und auch angrenzende Regionen von Venezuela.

Zwischen 1953 und 1954 leitete Wokittel für die SGN die geologischen Expeditionen in Boyacá und Rondón zur Untersuchung von Mineralvorkommen (beispielsweise Kohle), sowie Urrao, in Antioquia, zur Erkundung von metallischen Erzvorkommen sowie die Expedition nach Caquetá und Huila zur Erforschung von radioaktiven Mineralien. Letztgenannte Expedition und deren veröffentlichter Ergebnisse wurden von der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) 1977 in einem Bericht des International Uranium Resources Evaluation Project (IUREP) aufgefasst. Wokittel beschrieb in seinen Studien, dass der schwarze Schiefer in den kolumbianischen Kordilleren (Cordillera Oriental) radiometrische Anomalien aufweise.

Seiner Pionierarbeit während seiner Expedition in die Sierra de Perijá schlossen sich viele weitere internationale Forschungsmissionen an. Die geologischen Arbeiten unter der Leitung von Wokittel am Hämatitvorkommen in der Nähe von Ubalá waren ebenfalls die ersten Erkundungen dieser Art. Zudem führte Wokittel auch die ersten umfassenden Studien über die Mineralressourcen der Gemeinde Vetas, im Nordosten Kolumbiens, sowie über die geologische Beschaffenheit des Kalksteins für die Zementindustrie im Páramo de Sumapaz (Cundinamarca) durch. Weitere wesentliche Entdeckung aus seinen zahlreichen Forschungsexpeditionen ist ein breiter Kupfergürtel, der sich von Barrancas (La Guajira) bis Agustín Codazzi (Cesar) erstreckt.

Heute sind viele der Fundstücke, Proben, Karten, Fotographien und anderer Werke von Wokittel im Universitätsmuseum der Universidad Nacional de Colombia dem Museo de Geociencias in Medellín ausgestellt.

Auszeichnungen

Wokittel erhielt 1969 vom damaligen deutschen Botschafter in Bogotá, Ernst Ostermann von Roth, das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse.

Werke

Wokittels grundlegendste und bedeutendste Arbeit: Recursos minerales de Colombia (dt. Die Bodenschätze Kolumbiens)

Sein 1960 erschienenes Werk Recursos minerales de Colombia (dt. Die Bodenschätze Kolumbiens) ist seine bedeutendste und grundlegendste Arbeit und erschien als 10. Band der Reihe Compilacion de los Estudios Geologicos Oficiales en Colombia.

Eine Auswahl seiner Werke nach Veröffentlichungsdatum (absteigend):

Bücher

Wissenschaftliche Beiträge

Einzelnachweise

  1. ↑ Wokittel, Robert in GEPRIS Historisch | DFG. Abgerufen am 15. November 2025.
  2. 1 2 3 4 Ernst Albrecht Scheibe: Robert Wokittel zum Gedenken. In: Gesellschaft Deutscher Metallhütten- und Bergleute (Hrsg.): Erzmetall: Zeitschrift für Erzbergbau und Metallhüttenwesen. Band 24, Heft 1. Dr. Riederer-Verlag, Stuttgart 1971, S. 51.
  3. ↑ Erwin Willmann (Hrsg.): Verzeichnis der Alten Rudolstädter Corpsstudenten. (AH Liste des RSC), Ausgabe 1928, S. 337
  4. 1 2 3 Armando Espinosa Baquero: Cien años de vida institucional del Servicio Geológico Colombiano. In: Centenario del Servicio Geológico Colombiano. Vol. 1. Libros del Servicio Geológico Colombiano, Bogotá 2016, ISBN 978-958-99528-7-0, S. 116 f., doi:10.32685/9789589952870 (gov.co).
  5. 1 2 3 Pamela Murray: Dreams of development: Colombia's National School of Mines and its engineers, 1887-1970. University of Alabama Press, Tuscaloosa 1997, ISBN 0-8173-0839-3.
  6. ↑ Armando Espinosa: Panorama historico de la geologia colombiana entre 1880 y 1980. S. 134.
  7. ↑ Terra N.4 – PERSONAJES – CPG – Colombia. Abgerufen am 15. November 2025 (amerikanisches Englisch).
  8. ↑ Pamela Murray: Engineering Development: Colombia’s National School of Mines, 1887-1930. In: Hispanic American Historical Review. Band 74, Nr. 1, 1. Februar 1994, ISSN 0018-2168, S. 63–82, doi:10.1215/00182168-74.1.063 (dukeupress.edu [abgerufen am 15. November 2025]).
  9. 1 2 Yohana Josefa Rodríguez-Vega, Yobenj Aucardo Chicangana-Bayona: La enseñanza de la geología en la Escuela Nacional de Minas de Medellín, 1910-1937. In: Boletín de Ciencias de la Tierra. Nr. 42, 1. Juli 2017, ISSN 2357-3740, S. 55–63, doi:10.15446/rbct.n42.62588.
  10. ↑ Nicolás Naranjo-Boza: Un seguimiento de los primeros cuarenta años de existencia de DYNA, revista científica e institucional de la Facultad de Minas de la Universidad Nacional – Sede Medellín, para comprender sus noventa años de existencia. Aproximación inicial al poder detrás de DYNA. In: DYNA. Band 90, Nr. 230, 14. Dezember 2023, ISSN 2346-2183, S. 43–118, doi:10.15446/dyna.v90n230.111882 (edu.co).
  11. ↑ Hiermit ist der 1. Weltkrieg gemeint.
  12. ↑ BArch Berlin, R73/15846 (Link).
  13. ↑ Carlos Alberto Acosta Rizo: La herencia científica del exilio espanol en América: José Royo y Gómez en el Servicio Geológico Nacional de Colombia. Dissertation Universitat Autónoma de Barcelona, Barcelona 2009, S. 65.
  14. ↑ Ricardo de la Espriella, Armando Espinosa Baquero: Enrique Hubach (1896–1968) y la geologia colombiana. In: Revista de la Academia Colombiana de Ciencias Exactas. Vol. 21, 1997, S. 506.
  15. ↑ Economic Commission for Latin America, Fifth Session, Rio de Janeiro, Brazil, 1953. Link
  16. ↑ United Nations. Economic Commission for Latin America: A Study of the Iron and Steel Industry in Latin America: Report on the meeting of the expert working group held at Bogotá. 1955, S. 7.
  17. 1 2 3 A la memoriade Robert Wokittel. (1970). Revista De La Academia Colombiana De Ciencias Exactas, Físicas Y Naturales, 13(52), 539.
  18. ↑ Nikolaus Werz: Handbuch der deutschsprachigen Lateinamerikakunde. Hrsg.: Arbeitsgemeinschaft Deutsche Lateinamerika-Forschung. Arnold-Bergstraesser-Institut, 1992, S. 267.
  19. ↑ Ministerio de Minas y Petróleos (Hrsg.): Memoria del Ministro de Minas y Petróleos. Impr. Nacional, Kolumbien 1961, S. 203.
  20. ↑ Wokittel, R. (1957). Problemas de la geología económica de Colombia. Boletín Geológico, 5(3), 4–21.
  21. ↑ Auguste le Breton, ein französischer Schriftsteller und Lexikograf, schrieb in seinem Werk Les Bourlingueurs (1972) von dem „grand géologue allemand, le Doctor Robert Wokittel“, was sinngemäß so viel bedeutet wie „der große deutsche Geologe, Doktor Robert Wokittel“.
  22. ↑ In: Ciencia, tecnología y desarrollo. Jg. 8/9. 1984, S. 8.
  23. ↑ Sociedad Geográfica de Colombia (Hrsg.): Boletín de la Sociedad Geográfica de Colombia. Band 12-14. Observatorio Astronómico Nacional, 1954, S. 218.
  24. ↑ Diese nennt Wokittel (neben anderen) einen „herausragenden Wissenschaftler und Ingenieur“ Link.
  25. ↑ Wokittel, R. (1960). Uranio. Compilación de los estudios geológicos oficiales en Colombia, 10, 181-193.
  26. ↑ International Atomic Energy Agency (1977). International Uranium Resource Evaluation Project (IUREP): National Favourability Studies Colombia Link.
  27. ↑ Charles M. Tschanz, Andres Jimeno V., Jaime Cruz B.: The mineral resources of the Sierra Nevada de Santa Maria, Colimbia (Zone I). 1970, S. 59 f. (usgs.gov [PDF]).
  28. ↑ Jesus Emilio Ramirez: Los alemanes y las ciencias geologicas y geograficas en colombia. In: Boletín de la Sociedad Geográfica de Colombia. Band 13, 47 und 48, 1955 (edu.co [PDF]).
  29. ↑ C. M. Tschanz, R. B. Hall, T. Feininger, D. E. Ward Richard Goldsmith, D. H. MacLaughlin, E. K. Maughan: Summary of mineral resources in four selected areas of Colombia. In: United States Department oh the Interior (Hrsg.): Project Report Colombia Investiagtions (U.S. Geological Survey). Dezember 1968, S. 42.
  30. ↑ Eduardo Antonio Rossello, Julián Andrés López-Isaza, Sergio Adrián López Isaza, María Juliana Gutiérrez López: Modelo cinemático del control estructural 4D y metalogénesis del distrito auroargentífero Vetas-California (Santander, Colombia). In: Andean Geology. Band 51, Nr. 3, 30. September 2024, ISSN 0718-7106, S. 484, doi:10.5027/andgeoV51n3-3694 (andeangeology.cl).
  31. ↑ Hans Stille, Franz Lotze (Hrsg.): Geotektonische Forschungen: Zur Geologie von Kolumbien, Südamerika. Schweizerbart'sche Verlagsbuchhandlung (E. Nägele), Stuttgart 1968, S. 40.
  32. ↑ Línea Temporal: Museo Geociencias. Abgerufen am 15. November 2025.
  33. ↑ Tomas Feininger, John Sinkankas, Eugene Jarosewich, F. J. Pettijohn: Book Reviews. In: American Mineralogist. Band 64, Nr. 11-12, 1. Dezember 1979, S. 1335.
  34. ↑ Wolfgang Müller, Leopold Gmelin: Gmelins Handbuch der anorganischen Chemie. Hrsg.: Deutsche Chemische Gesellschaft. 47, Band 1, Teil 4. Verlag Chemie GmbH, Weinheim/Bergstraße 1972, S. 166.
Personendaten
NAME Wokittel, Robert
ALTERNATIVNAMEN Wokittel, Roberto
KURZBESCHREIBUNG deutscher Geologe, Mineraloge und Professor an der Universidad Nacional de Colombia
GEBURTSDATUM 15. November 1893
GEBURTSORT Santomischel
STERBEDATUM 28. Oktober 1970
STERBEORT Köln