Roger Stein wuchs nach dem frühen Tod seines Vaters als Einzelkind in Männedorf am Zürichsee auf und erhielt mit acht Jahren seinen ersten Klavierunterricht. Sein erstes Lied schrieb er mit sechs Jahren auf einer Ukulele. Nach der Matura an der Kantonsschule Stadelhofen in Zürich, studierte er ein Semester Germanistik an der Universität Zürich und übersiedelte anschliessend nach Wien.
Während seiner Studienzeit wirkte er bei zahlreichen Opernproduktionen und Theaterstücken mit, arbeitete als Gag-Autor für Comedy-Fernsehformate und spielte die Titelrolle im Stück Der nackte Schubert. Er schrieb und komponierte Lieder, Chansons und Bühnenmusiken für zahlreiche Kabarettisten und Bühnenkünstler und vertonte u.a. auch Gedichte von Else Lasker-Schüler für Streichquartett und Sprechstimme. Er wirkte u.a. bei MonteverdisL’incoronazione di Poppea an der Jungen Oper Wien mit, hatte die musikalische Leitung von Villa Valium im Wiener Metropol und arbeitete an Paulus MankersAlma bei den Wiener Festwochen. Für die Ausstellung Update im Künstlerhaus Wien schrieb er 2004/05 den Soundtrack, darin den Jelinek-Song über die Vereinnahmung der Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek durch Österreich.
Mit seinen eigenen Liedern trat er in Bars, Clubs und auf Kleinkunstbühnen auf – u.a. in der Broadway Piano Bar, wo er auch Sandra Kreisler kennenlernte, mit der zusammen er 2006 die Musikformation Wortfront gründete.
Das Debüt-Album von Wortfront Lieder eines Postmodernen Arschlochs, das auf dem Label Extraplatte erschienen ist, wurde auf Anhieb durch den Preis der deutschen Schallplattenkritik (03/2006) ausgezeichnet. Neben Text und Musik ist Roger Stein bei Wortfront auch als künstlerischer Produzent verantwortlich. Live trat Wortfront auch in grosser Besetzung mit Streichern und Schlagzeug auf.
Roger Stein Live in Goslar 2012
2012 war Roger Stein als einer von vier Trägern des Songpoetenpreises der Hanns-Seidel-Stiftung zum ersten Mal als Solist auf dem legendären Liedermacherfestival Songs an einem Sommerabend auf Kloster Banz zu sehen. Am 27. September 2013 veröffentlichte er auf dem Label Sturm und Klang von Konstantin Wecker seine erste Solo-CD Lieder ohne mich, deren 15 Lieder er im eigenen Studio aufnahm und selbst produzierte. Wecker, den er nach einem Konzert in der Berliner Philharmonie kennengelernt hatte, hatte ihn zu diesem Soloalbum ermutigt. 2014 war Stein mit Wecker auf Tournee. Zu seinen bekanntesten Stücken zählt die Sprechballade 1890 (Berner Oberland) über das Leben seines Grossvaters, die er live mit Loop-Gerät vorträgt. 2016 trat er beim Politischen Aschermittwoch der Liedermacher in Fürstenfeldbruck mit Konstantin Wecker, Prinz Chaos II., Cynthia Nickschas, Christoph Weiherer und Sarah Lesch vor rund 600 Zuschauern auf.
2018 erschien sein zweites Solo-Album Alles vor dem Aber – ebenfalls bei Sturm und Klang. Im selben Jahr erschien sein Lyrikband «Business-Lyrik – Komische Poesie am Rande des Absurden».
2019 trat er zum dritten Mal bei Lieder auf Banz auf – diesmal nicht solo, sondern mit Band. Im März 2019 moderierte er im Deutschlandfunk eine Ausgabe der Reihe «Am Mikrofon» der Sendung Klassik-Pop-et cetera.
Neben der Arbeit mit Wortfront schrieb Stein Liedtexte für die Höhner und stand mit Konstantin Wecker auf der Bühne. Seine Soloprogramme der letzten Jahre waren u.a. Alles vor dem Aber … ist egal (ab 2018), Flegeljahre (2019), Gesungen, gelacht, gedichtet (2021), Was soll’s? (2024), Von Narren und Normen (2025) und Ist es nicht schön hier (2026). Auf der Bühne begleitet er sich am Flügel und arbeitet zusätzlich mit E-Piano und Loop-Gerät, mit dem er Chöre aus der eigenen Stimme aufbaut.
2026 erschien bei Sturm und Klang sein drittes Soloalbum Ist es nicht schön hier…. Der Belgische Rundfunk widmete ihm einen Themenschwerpunkt, Deutschlandfunk Kultur eine Live Session in der Sendung Tonart.
Die Abendzeitung bezeichnete Stein 2013 als „Weckers größte Entdeckung“. Die Kritiken zu Lieder ohne mich stellten ihn in die Tradition von Wader, Wecker, Degenhardt und Hirsch und zogen Vergleiche u.a. mit Georg Kreisler, Rainhard Fendrich, Georg Danzer, Wolfgang Ambros und Udo Jürgens. Die Leipziger Volkszeitung lobte „fabulöse Songpoetry, sprühend vor Humor, Spott, Zärtelei und Klugheit“. Die Salzgitter Zeitung verglich ihn mit Reinhard Mey – „im Stil ähnlich, inhaltlich verwandt, aber mit ganz eigener Handschrift“. Die Eberbacher Zeitung schrieb: „Roger Stein passt in keine Schublade. Und immer bekommt er rechtzeitig die Kurve, ehe es banal zu werden droht.“
Alexander Kinsky sah Stein „textlich im Anspruch und Niveau an Tucholsky, Kästner und Kreisler anschließend“. Konstantin Wecker nannte ihn „einfach große Klasse. […] Klug und poetisch und höchst musikalisch.“ Das Landsberger Tagblatt beschrieb ihn als „genialer Geschichtenerzähler, Sänger, Wortakrobat, Rapper, Klavierspieler, Looper, Unterhalter“, kein „seichter Comedian“, sondern „ein Intellektueller, der nicht nur Zuhören, sondern auch Mitdenken fordert“. Die Badische Zeitung nannte ihn einen „feinen Moralisten“, der Schweizer, Wiener und Berliner „nicht plump und direkt, sondern feinsinnig“ aufs Korn nehme.
Zum Album Ist es nicht schön hier… schrieb BRF1, jede Silbe greife „wie die Zähne in einem Schweizer Uhrwerk“. Die Berliner Morgenpost sprach von „betörende[n] Lieder[n] zwischen Schubert und Pop“.
Zitate
«Künstler, die zu viel reflektieren, sind heute verdächtig.» In: Die Zeit, Nr. 50, 7. Dezember 2006, S. 50 (Gesang im Bordell, ein Artikel von Kai Michel über Roger Stein)
Humor ist die einzige Waffe, mit der man dem Schmerz entgegentreten kann […].
Werke
Elementare Lieder (2004)
The Jelinek-Song (2004/05)
Update – Das Album zur gleichnamigen Ausstellung im Künstlerhaus Wien (2005)
Lichtblicke – Filmmusik zur gleichnamigen Sendereihe auf 3sat
Kompositionen für Ausserirdische (2005)
Let me be your Papageno – Der Wiener Mozartjahr-Song (2006)
Kreisler + Stein – Schwanzersatz (Maxi-CD, mit Sandra Kreisler), (August 2005), (Pre-Release für die Lieder eines postmodernen Arschlochs)
Wortfront – Lieder eines Postmodernen Arschlochs (Audio-CD, mit Sandra Kreisler) (Juli 2006)
Wortfront – Penetrant Besinnlich – Das andere Weihnachtsalbum (Audio-CD, mit Sandra Kreisler) (November 2006)
Das deutsche Dirnenlied – Literarisches Kabarett von Bruant bis Brecht (2006) 550 Seiten ISBN 978-3-412-03306-4
Wortfront – Von vorn mit Anlauf (Audio-CD, mit Sandra Kreisler) (September 2008)
Wortfront – Aktion «Deutschland sucht den Scheisstypen des Jahres» (2009)
Wortfront – Freilandherz (Audio-CD, mit Sandra Kreisler) (März 2010)
Lieder ohne mich (Soloalbum) (September 2013 – Sturm & Klang)
Alles vor dem Aber (Soloalbum) (September 2018 – Sturm & Klang)
Business-Lyrik – Komische Poesie am Rande des Absurden, edition freiflug, Berlin: 2019 ISBN 978-3-96443-284-1.
Ist es nicht schön hier… (Soloalbum) (2026 – Sturm & Klang)
↑Kai Michel: Liederlich. In: Der Spiegel, 4. Dezember 2006.
↑Kai Michel: Gesang im Bordell. In: Die Zeit, Nr. 50, 7. Dezember 2006.
↑Hans-Jürgen Linke: Über den Mut der Bohème. In: Frankfurter Rundschau, Nr. 85, 12. April 2007.
↑Karl Bellenberg: Else Lasker-Schüler, ihre Lyrik und ihre Komponisten. wvb Wissenschaftlicher Verlag Berlin. Berlin: 2019 ISBN 978-3-96138-132-6. S.68.