Samuel Hirsch

Samuel Hirsch
Unterschrift Rabbiner Samuel Hirsch (1815–1889)
Unterschrift Rabbiner Samuel Hirsch (1815–1889)

Samuel Hirsch (hebräisch שמואל הירש; Shmuel Hirsch, geboren am 8. Juni 1815 in Thalfang bei Trier; gestorben am 14. Mai 1889 in Chicago) war Rabbiner, Religionsphilosoph und Vertreter des Reformjudentums zunächst in Deutschland, dann in den USA.

„Verständigung ist das Losungswort unserer Zeit“

– Samuel Hirsch: Leitspruch als Grundlage seiner Lehre

Leben

Ausbildung

Samuel Hirsch studierte an den Universitäten Bonn und Berlin, erhielt seine rabbinische Ausbildung in Metz in Frankreich und danach, bis 1835, in Mainz. Im Jahr 1838 wurde in Berlin eine Predigt gedruckt, die der junge Hirsch am 17. Juni 1838 anlässlich einer Einsegnungsfeier (Bar Mizwa) gehalten hatte: Was ist Judenthum und was dessen Verhältniss zu andern Religionen? Darin verkündet er sein Ziel, die Entwicklung eines „modernen“ Judentums, das er dem Christentum als ebenbürtig ansieht. Eine kommentierte Neuausgabe dieses "Manifestes" erschien 2025.

Rabbiner in Dessau

Hirsch war ab 1839 Rabbiner auf Probe in Dessau und wurde 1841 aus dem Amt gedrängt. Durch die Unterstützung von Freunden konnte er jedoch weiter in Dessau bleiben und arbeitete vor allem an seiner „Religionsphilosophie der Juden“. Sie stellt den ersten Band eines umfangreichen Werkes unter dem Titel Das System der religiösen Anschauung der Juden dar, das neun Bände umfassen sollte. Das erste Kapitel dieses Buches („Das Ansich der aktiven Religiosität und der Abfall von ihr“) genügte der Universität Leipzig, um ihn 1842 zum Dr. phil. zu promovieren.

Großrabbiner im Großherzogtums Luxemburg

Von 1843 bis 1866 war Hirsch der Großrabbiner des Großherzogtums Luxemburg, ernannt durch den niederländischen König Wilhelm II., der in Personalunion auch Großherzog war. Dort schloss er sich der Freimaurerloge „Les enfants de la concorde fortifiée“ an und war dort sehr aktiv. 1853/54 hielt er dort acht Vorträge über die „Religion der Zukunft“, die 1854 unter der dem Titel Die Humanität als Religion gedruckt wurden.

Samuel Hirsch heiratete 1845 Louise Micholls (1823–1893) und wurde Vater von vier Söhnen. Ein Sohn starb bereits im Alter von vier Monaten.

Die deutschen Rabbinerversammlungen

Auf den deutschen Rabbinerversammlungen der Jahre 1844 und 1845 vertrat er eine „radikale“ Reform des Judentums, für die damals in Europa die Zeit noch nicht reif war. An der Versammlung 1846 nahm er aus familiären Gründen nicht persönlich teil, sondern übersandte den Anwesenden seine schriftliche Stellungnahme Die Sabbathfrage vor der 3. Rabbinerversammlung in Breslau. Darin vertrat er die Meinung, dass eine jüdische Gemeinde ihre Sabbatfeier auch an einem anderen Tag abhalten dürfe, um allen Mitgliedern eine wirkliche Heiligung des Sabbats zu ermöglichen. 1848 wurde er Mitherausgeber der Zeitung Der Volksfreund, deren Erscheinen allerdings schon 1849 eingestellt wurde. Man vertrat darin eine bewusst liberale Gegenposition zu der im März 1848 unter anderem von Eduard Michelis gegründeten (katholischen) Zeitung Luxemburger Wort für Wahrheit und Recht, in der gegen Juden und Freimaurer Stellung bezogen wurde. Insbesondere der „Judenrabbiner“ Hirsch war häufig Zielscheibe der Angriffe.

Die Auswanderung 1866

Grab von Samuel Hirsch auf dem Rosehill Cemetery, Chicago
Grabinschrift von Samuel Hirsch und seiner Frau Louise Micholls auf dem Rosehill Cemetery, Chicago

Als Hirsch 1866 einen Ruf als Rabbiner der Reformgemeinde in Philadelphia als Nachfolger David Einhorns erhielt, wanderte er in die USA aus. Er gründete dort die Orphan’s Guardian Society sowie den ersten US-amerikanischen Zweig der Alliance Israélite Universelle und wurde Vorsitzender der ersten Konferenz der US-amerikanischen (de facto) (Reform-)Rabbiner (Philadelphia 1869). Als solcher hatte er großen Anteil an der Ausformulierung der Grundsätze des Reformjudentums. Er blieb 22 Jahre Rabbiner in Philadelphia, wurde 1888 pensioniert und zog zu seinem Sohn, Emil Gustav Hirsch, der ebenfalls Philosoph und Rabbiner war, nach Chicago, wo er bald darauf verstarb.

Einführung des Sonntagsgottesdienstes

Samuel Hirsch unternahm den Versuch, zwischen einem „bleibenden ideellen Kern“ und einem der Tagesnotwendigkeit unterliegenden bloß „äußerlichen Ritus“ des Judentums zu unterscheiden, so in seinem 1856 in Luxemburg erschienenen Systematischen Katechismus der israelitischen Religion. Er nahm auf Basis dieser Lossprechungsformel radikalste Änderungen vor, z. B. die eifrig verfochtene Einführung des Sonntagsgottesdienstes.

In seinen philosophischen Schriften wandte er die Hegelsche Dialektik an. Er argumentierte aber gegen Hegel, der das Judentum in seiner Hierarchie der Religionen noch unterhalb der heidnischen Naturreligionen angesiedelt hatte, dass das Judentum und das (Ur-)Christentum als Religionen der Freiheit jeglicher Naturreligion absolut überlegen seien (Die Religionsphilosophie der Juden, Leipzig 1842, Hirschs unvollendet gebliebenes Hauptwerk). Das Judentum selbst sei bis zur Überwindung der von Paulus herrührenden „Verknüpfung von Judentum und Heidentum“ ein auf Absonderung angelegtes „Vorbild der neuen Menschheit“.

In seiner Antwort auf Bruno Bauer (Die Judenfrage) widersprach er dessen These, Juden müssten sich taufen lassen, um sich zu emanzipieren.

Weitere Werke

Literatur

Ehrungen

Commons: Samuel Hirsch – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

  1. ↑ Erstes Kapitel: Das Ansich der aktiven Religiosität und der Abfall von ihr.
  2. ↑ Samuel Hirsch, Selbstverlag des Verfassers: Die Sabbathfrage vor der dritten Rabbinerversammlung. Ein Votum von Dr. Samuel Hirsch. Selbstverlag des Verfassers, Berlin 1838, S. 30.
  3. ↑ Elmar P. Ittenbach: Samuel Hirsch. Rabbiner, Religionsphilosoph, Reformer. Rabbi, Philosopher, Reformer. Hentrich & Hentrich, Berlin 2014, ISBN 978-3-95565-045-2 (= Jüdische Miniaturen. Band 151).
  4. ↑ Schriftenreihe des Emil-Frank-Instituts an der Universität Trier
  5. ↑ FIS: Große Ehre für einen Thalfanger Rabbiner. WochenSpiegel, 2016, abgerufen am 20. Oktober 2025.
Personendaten
NAME Hirsch, Samuel
KURZBESCHREIBUNG radikaler Reformrabbiner in Deutschland und Amerika
GEBURTSDATUM 8. Juni 1815
GEBURTSORT Thalfang
STERBEDATUM 14. Mai 1889
STERBEORT Chicago