Scheinaaskäfer

Scheinaaskäfer

Necrophilus subterraneus

Systematik
Ordnung: Käfer
Unterordnung: Polyphaga
Teilordnung: Staphyliniformia
Überfamilie: Staphylinoidea
Familie: Scheinaaskäfer
Wissenschaftlicher Name
Agyrtidae
Thomson, 1859

Die Scheinaaskäfer (Agyrtidae) bilden eine Familie der Staphylinoidea. Die mit gut 70 Arten eher kleine Familie kommt vor allem in gemäßigten Breiten der Nordhalbkugel, ausstrahlend in Gebirge der Subtropen und Tropen, vor. Eine Gattung mit zwei Arten lebt in Neuseeland.

Merkmale

Die Käfer erreichen eine Körpergröße von 3 bis 12 Millimeter. Sie sind in der Regel einfarbig rotbraun bis gelbbraun gefärbt, einige Arten mit einer Zeichnung aus hellen und dunklen Elementen auf Pronotum und Elytren. Die Körperform ist sehr verschieden, je nach Art von hochgewölbt bis abgeflacht, in Aufsicht breit oval bis langgestreckt. Der Hinterleib (Abdomen) wird immer vollständig von den Elytren bedeckt. Der Körper ist mehr oder weniger glatt mit wenigen verstreuten Borstenhaaren.

Der Kopf zeigt mit den Mundwerkzeugen nach vorne (prognath), sein Hinterrand wird teilweise vom Pronotum verdeckt. Die Komplexaugen sind groß, seitlich aus der Kopfkontur vorgewölbt, mit rundem Umriss. Ocellen fehlen immer. Die Antennen sind elfgliedrig, schlank und nach vorn verbreitert und ungekniet, bei einigen Arten mit einer mehr oder weniger deutlich abgesetzten Fühlerkeule aus drei bis sechs Gliedern. Das Halsschild (Pronotum) ist mehr oder weniger deutlich quer, breiter als lang, trapezförmig nach vorn verengt oder mehr oder weniger herzförmig, nach vorn verbreitert. Die Gattung Pteroloma kann durch den herzförmigen Halsschild in Verbindung mit den Punktstreifen auf den Flügeldecken einem Laufkäfer (Carabidae) sehr ähnlich werden. Der Halsschild kann an den Seiten abgeflacht sein und an der Basis (zu den Flügeldecken hin) Gruben aufweisen. Die Hüftgruben der Vorderbeine sind nach hinten offen, die Vorderhüften durch einen Fortsatz der Vorderbrust breit getrennt. Die Flügeldecken (Elytren) sind hinten abgerundet bis schwach zugespitzt, niemals abgeschnitten oder verkürzt. Auf der Oberseite sind neun oder zehn deutliche Punktstreifen vorhanden, die nach hinten hin undeutlich werden können. Dadurch ist die Familie von den Aaskäfern (Familie Silphidae), denen sie lange zugerechnet wurden, gut unterscheidbar. An ihren Seiten sind durch einen Kiel Epipleuren abgegrenzt. Die Hinterflügel sind je nach Art vorhanden, die Tiere dann flugfähig, oder völlig fehlend. Die Laufbeine sind meist lang und kräftig, bei einigen Arten schwach zum Graben abgewandelt und dann etwas verkürzt. Alle Tarsen sind fünfgliedrig, das fünfte Glied am längsten. Bei den Männchen der meisten Arten sind die erste zwei oder drei Glieder der Vorder- und Mitteltarsen abgeflacht und verbreitert (Sexualdimorphismus). Am Hinterleib sind die Sternite des dritten bis siebten Segments kräftig sklerotisiert und etwa gleich lang von außen sichtbar (also sechs sichtbare Hinterleibssternite).

Verbreitung

Arten der Familie sind weit verbreitet in Eurasien, von Europa im Westen bis Japan und Korea im Osten. Sie leben überwiegend in Regionen mit gemäßigtem (temperaten) oder kaltem Klima. Einige strahlen in Ostasien nach Süden in Gebirge aus. Sie leben außerdem, mit etwa vergleichbarer Artenzahl, in Nordamerika, mit Schwerpunkt im Westen, hier südlich bis Zentral-Mexiko (Gattung Apteroloma, nur im hohen Gebirge an kleinen Rinnsalen an schmelzendem Schnee). Weit abseits davon lebt eine Gattung mit zwei Arten der Gattung Zeanecrophilus in Neuseeland, wo je eine Art auf der Nord- und auf der Südinsel recht häufig ist. Das Verbreitungsbild wird interpretiert als eine Reliktverbreitung einer in früheren Zeitaltern häufigeren und weiter verbreiteten Gruppe.

Biologie und Lebensweise

Die Lebensweise der Arten ist, soweit sie überhaupt bekannt ist, sehr unterschiedlich. Die Arten der Unterfamilie Necrophilinae werden beobachtet an Aas, Dung, verrottenden Pilzen und ähnlichen Substraten, von denen sich Larven und Imagines auch ernähren, meist innerhalb von Wäldern. Viele sind winteraktiv. Der europäische Necrophilus subterraneus ist aber sommeraktiv, er scheint auf tote Schnecken spezialisiert. Bei den Agyrtinae stammen die meisten Funde ebenfalls aus Wäldern, wo sie an verrottetem Totholz, an Pilzen oder in der Streuschicht am Waldboden gefunden werden, einige Arten wurden aber auch in Baumkronen oder als Blütenbesucher gemeldet. Wenige Arten leben nur an der Meeresküste. Pterolomatinae werden nicht in Zusammenhang mit Aas oder verrottender organischer Substanz gemeldet. Sie ernähren sich, soweit bekannt, räuberisch und leben in kühlen und feuchten Habitaten wie entlang der Ufer von Bergbächen.

Phylogenie und Systematik

Die Gruppe wurde 1859 von dem schwedischen Entomologen Carl Gustaf Thomson, im Familienrang, erstbeschrieben. Vor Thomson wurden die damals bekannten Arten der Familie der Aaskäfer (Silphidae) zugeordnet. Auch Thomsons Vorschlag hat sich zunächst nicht durchgesetzt, die Gruppe wurde bis 1982 von den meisten Bearbeitern weiterhin als Teil der Silphidae, oft als deren Unterfamilie Agyrtinae, aufgefasst. 1982 stellten die Entomologen John Francis Lawrence (1934–2026) und Alfred Francis Newton in einer Bearbeitung der Systematik aller Käfer den Familienrang wieder her. Sie hatten bei morphologischen Untersuchungen festgestellt, dass die Gruppe näher mit den Leiodidae als mit den Silphidae verwandt sein muss. Eine Schwierigkeit der Bearbeitung war, dass fast alle diagnostischen Merkmale der Familie Plesiomorphien der Stammgruppe der Staphylinoidea sind. Dies erschwert auch die sichere Zuordnung fossiler Arten. Die Position basal in den Staphylinoidea, und als Schwestergruppe der Leiodidae, wurde in späteren Untersuchungen, auch mit genetischen Merkmalen, vielfach bestätigt, sie hat sich durchgesetzt.

1997 gliederte Alfred F. Newton die Familie in drei Unterfamilien: Agyrtinae, Necrophilinae, Pterolomatinae.

Das ergibt folgendes System (angefügt jeweils die europäischen Arten, nach dem Katalog von Löbl & Löbl 2015):

Es werden insgesamt 9 fossile Käferarten angegeben, die der Familie zugeordnet wurden. Die Zuordnung der meisten davon wurde von Alfred Newton in seiner Monografie der Familie bezweifelt oder ganz ausgeschlossen. Problematisch für die Zuordnung ist dabei, dass Käfer der Familie kaum Autapomorphien aufweisen, die bei fossil erhaltenen Exemplaren erkennbar wären. Auch von Newton anerkannt wird allerdings der älteste bekannte fossile Nachweis. Die Gattung Mesecanus (Ersatzname für Mesagyrtes Ponomarenko, 1977, weil diese Name präokkupiert war) ist mit drei Arten aus der Transbaikal-Region im russischen Frenen Osten und aus China belegt. Die häufigste Art Mesecanus communis ähnelt sehr stark der rezenten Ecanus glaber. Die Funde stammen aus dem mittleren Jura und sind etwa 170 bis 165 Millionen Jahre alt.

Einzelnachweise

  1. 1 2 Alfred F. Newton: 14.3 Agyrtidae Thomson, 1859. In Beutel, R. G., and R. A. B. Leschen (Editors). 2016. Handbook of zoology . Arthropoda: Insecta. Coleoptera, Beetles. Morphology and Systematics. Archostemata, Adephaga, Myxophaga, and Polyphaga partim, Volume 1, 2nd Edition. Walter de Gruyter, Berlin. 684 S. ISBN 978-3-11-024906-4. Kapitel S. 356–364.
  2. 1 2 3 4 5 Alfred F. Newton (1997): Review of Agyrtidae (Coleoptera), with a New Genus and species from New Zealand. Annales Zoologici 47 (1): 111-156.
  3. ↑ John F. Lawrence & Alfred F. Newton jr. (1982): Evolution and Classification of Beetles. Annual Review of Ecology and Systematics 13: 261-290.
  4. ↑ Cai, Chenyang; Tihelka, Erik; Giacomelli, Mattia; Lawrence, John F.; Ślipiński, Adam; Kundrata, Robin; Yamamoto, Shûhei; Thayer, Margaret K.; Newton, Alfred F.; Leschen, Richard A. B.; Gimmel, Matthew L.; Lü, Liang; Engel, Michael S.; Bouchard, Patrice; Huang, Diying (2022): Integrated phylogenomics and fossil data illuminate the evolution of beetles. Royal Society Open Science. 9 (3) 211771. doi:10.1098/rsos.211771.
  5. ↑ I. Löbl & D. Löbl: Catalogue of Palaearctic Coleoptera Vol. 2/1: Hydrophiloidea – Staphylinoidea. revised and updated edition. Brill, Leiden und Boston 2015. ISBN 978-90-04-30276-1.
  6. ↑ Stylianos Chatzimanolis: A Review of the Fossil History of Staphylinoidea. Chapter 3 in Oliver Betz, Ulrich Irmler, Jan Klimaszewski (editors): Biology of Rove Beetles (Staphylinidae). Life History, Evolution, Ecology and Distribution. Springer, Cham 2018. ISBN 978-3-319-70255-1