
Schwaben in Berlin ist eine stereotype Bezeichnung für als spießig, wohlhabend und provinziell wahrgenommene Zugezogene, die den Prozess der Gentrifizierung in Berlin vorantreiben. Die Gruppe ist weder geographisch noch dialektal klar definiert und kann sich auch auf Zugezogene beziehen, die nicht aus Schwaben stammen. Das Klischee der „Schwaben“ hat seine Ursprünge im linksalternativen Milieu West-Berlins der 1980er Jahre und ist häufig Gegenstand von Theater, Kabarett, Satire und Feuilleton.

Schwabenfeindlichkeit wurde verschiedenen Gruppen in unterschiedlichen Zusammenhängen zugeschrieben. Heute gilt dies vor allem für die Konflikte zwischen Schwaben und Badnern. In einer Umdichtung des aus dem 19. Jahrhundert stammenden Badnerlieds wird der Neckar als „alte Schwabensau“ bezeichnet. Eine abwertende Bezeichnung für Badener in Schwaben ist Gelbfüßler. Konflikte zwischen Habsburgern und Eidgenossen führten im 15. Jahrhundert zum Schwabenkrieg. Im 19. Jahrhundert entstanden in der Schweiz die Schimpfwörter „Schwabe“ und „Sauschwabe“ für Deutsche, in den 1970er Jahren das Wort „Gummihals“. Im Elsässischen wurde das Wort „Schwob“ für Deutsche verwendet.
In verschiedenen Ländern in Mittel- und Osteuropa werden vom Wort „Schwaben“ abgeleitete Lehnwörter als abwertende Bezeichnungen für Deutsche verwendet. Es handelt sich dabei um als Ethnophaulismen, die sich nicht auf Menschen beziehen müssen, die aus der Region Schwaben stammen. In Polen entstand im 19. Jahrhundert das Wort „Szwab“. Bei den Magyaren bezogen sich in der aufkommenden ungarischen Nationalbewegung des 19. Jahrhunderts ähnliche Bezeichnungen als „Verachtung auf die Deutschen“, die in der Mehrheit Donauschwaben waren. Im ehemaligen Jugoslawien war die Bezeichnung „Schwabo“ für Deutschsprachige gebräuchlich und wird heute von Menschen verwendet, die von dort nach Deutschland ausgewandert sind. Die Schriftstellerin und spätere Nobelpreisträgerin Herta Müller verwendete in der 1982 im Band Niederungen in Bukarest erschienenen Erzählung Das schwäbische Bad zahlreiche Beschimpfungen gegen Schwaben. Sie löste damit einen Skandal unter den Banater Schwaben aus, die darin Nestbeschmutzung sahen.
Das Klischee vermeintlich schwäbischer Zugezogener und die Abneigung gegen „Schwaben“ ist bereits in den 1980er Jahren im linksalternativen Milieu von Berlin-Kreuzberg und Schöneberg (etwa in der Potsdamer Straße), der Szene von Hausbesetzungen und Wohngemeinschaften und den Demonstrationen am 1. Mai dokumentiert. „Schwaben“ wurden mit „Wessis“ identifiziert, also Zugezogene aus allen Teilen Westdeutschlands. Im engeren Sinn wurden als „Schwaben“ Zugezogene aus Süddeutschland bezeichnet. Da insbesondere Schwäbisch und Badisch für Sprecher des Berliner Dialekts ähnlich klingen, unterscheiden sich Fremd- und Selbstzuschreibungen.
Der in Leonberg aufgewachsene Historiker und Publizist Götz Aly beschreibt den Zuzug von Studenten aus Baden-Württemberg nach West-Berlin seit den 1960er Jahren und ihre Dominanz in der 68er-Bewegung in mehreren Beiträgen. In einem in der taz veröffentlichten Streitgespräch mit Katharina Rutschky vertritt er die Ansicht, die Mehrheit der Studenten an der FU Berlin seien „Krawallschwaben“ gewesen, also junge Menschen aus dem süddeutschen Raum, die aus autoritären Elternhäusern stammten. In seinem Buch Unser Kampf 1968 – ein irritierter Blick zurück (2008) erklärt Aly die Abwanderung junger Menschen aus Baden-Württemberg nach West-Berlin mit der dort vorherrschenden liberalen Atmosphäre:
„Die alte Bundesrepublik exportierte in den Sechziger- und Siebzigerjahren Jugendliche, die unter dem heimatlichen Modernisierungsstau rebellisch geworden waren, ins vergleichsweise freiheitliche, nicht von nachbarschaftlicher Sozialkontrolle durchherrschte Westberlin, und dort schlugen die Repressionsflüchtlinge erst recht über die Stränge. Anschließend mokierten sich Politiker wie Filbinger oder Strauß über die angeblich unfähigen Berliner Stadtregenten, die der importierten Plage ratlos gegenüberstanden und sich an der Frage zerstritten, ob sie ihre betonte und bislang bewährte Reformfreude beibehalten oder zu reaktionärerer, gewissermaßen süddeutscher Härte übergehen sollten.“
Aly schlägt in Anlehnung an den Länderfinanzausgleich scherzhaft „eine Reparationsleistung der konservativen Weststaaten an Berlin“ vor: „20 000 Euro pro westdeutschem Repressionsflüchtling, zu verzinsen mit fünf Prozent seit dem 1. Januar 1970 bis zum 31. Dezember 2007“. Dies ergebe im Jahr 2008 mit Zinsen 95.979,63 Euro. Bei einer Schätzung von 100 000 nach West-Berlin zugewanderten jungen Menschen wären laut Aly zehn Milliarden Euro als Ausgleichszahlung fällig.
Das von Aly angesprochene Milieu wird aufgrund seiner pietistischen Prägung auch als Pietcong (Kofferwort aus „Pietismus“ und „Vietcong“) bezeichnet. Der in Schwäbisch Hall aufgewachsene SPD-Politiker Erhard Eppler war von Herbert Wehner so bezeichnet worden. Der in Neckargröningen geborene Journalist Ulrich Kienzle bezeichnete die Pietisten als die „schwäbischen Taliban“. Als bekanntestes Beispiel gilt die in einer schwäbischen Pfarrersfamilie aufgewachsene RAF-Terroristin Gudrun Ensslin, die an der FU Berlin studierte.


Das in den 1980er Jahren geprägte Klischee der Schwaben setzte sich im nach Wende und Wiedervereinigung geeinten Berlin fort, als viele Menschen aus West-Berlin und den alten Bundesländern in günstige Wohnungen im Ostteil der Stadt sowie in Städte in Ostdeutschland zogen oder dort an Hausbesetzungen teilnahmen. 1990 kam es im Zusammenhang mit der Räumung der Mainzer Straße in Friedrichshain zu Randalen. Der Regierende Bürgermeister Walter Momper (SPD), dessen Koalition dadurch später zerbrach, sagte dem Spiegel in einem Interview mit der Überschrift „Die Besetzer sprechen Schwäbisch“:
„Die Herkunft der Festgenommenen nach den Krawallen dieser Tage hat gezeigt, daß es sich eindeutig um einen Randale-Export von West nach Ost gehandelt hat. Die Sprache der Besetzer ist bekanntlich Schwäbisch. In Kreuzberg etwa dominieren jene Kinder der süddeutschen Kleinstädte, die sich hier austoben und die verpaßten Indianerspiele ihrer Jugend nachholen – womit ich die Intensität der Gewalt nicht verharmlosen will.“
Der Tübinger Journalist Philipp Maußhardt schrieb 1991 in der Zeit eine satirische Reportage unter der Überschrift Wie sag ich’s meinem Schwaben? über drei Hausbesetzer aus Jena, die den neuen Besitzer ihres Hauses in Schwaben besuchen und dort mit ihm über die Miete verhandeln.
Seit den 2000er Jahren berichteten überregionale Medien über Lebensweisen Zugezogener in Berlin-Prenzlauer Berg mit seinen Gründerzeitvierteln. Dazu gehört eine häufig zitierte Reportage von Henning Sußebach im Zeit Magazin Leben aus dem Jahr 2007, auf die der Begriff Bionade-Biedermeier sowie der Typus des „Ökoschwaben“ und „Pornobrillenträgers“ zurückgeht. Einen großen Biosupermarkt am Senefelderplatz bezeichnet Sußebach darin „Kathedrale der Ökoschwaben“. Ein bereits früher gängiger Typus ist der „Ökospießer“, der eine ökologisch bewusste mit einer spießbürgerlichen Lebensweise verbindet. Die Bezeichnung wurde häufig für Politiker der Grünen aus Baden-Württemberg gebraucht. Häufig wird mit den Schwaben das Klischee des „Häuslebauers“, das mit dem hohen Anteil von Einfamilienhäusern in Baden-Württemberg zusammenhängt, und die Redensart „Schaffe, schaffe, Häusle baue“ verbunden.
2008 prägte das Stadtmagazin Zitty den Typus des „Porno-Hippie-Schwaben“, eine „wohlhabende Weiterentwicklung des Latte-macchiato-Trinkers, der in aller Regel in den Medien oder der Werbung arbeitet“. In einer Online-Umfrage wurde der Typus zum größten Feindbild des Jahres gewählt. Das Feindbild des Schwaben wurde von Harald Martenstein mit dem des Hipsters und des Touristen (siehe Overtourism) verglichen. Die Gruppe „Hipster Antifa Neukölln“ hieß 2012 auf Schildern ironisch Hipster, Touristen und Schwaben willkommen.
Seit den 2010er Jahren wurde über Aufkleber mit der Aufschrift „Welcome to Schwabylon“ berichtet, wobei der Begriff „Schwabylon“ schon früher verwendet wurde, so von Leopold Marx in seinem Werk „Purim in Schwabylon“, das zu Purim im März 1935 geschrieben und von der Stuttgarter Jüdischen Kunstgemeinschaft aufgeführt wurde. Der in Spandau geborene DJ und Loveparade-Gründer Dr. Motte sagte 2019 im Zusammenhang mit der Auflösung einer Party wegen Ruhestörung: „Berlin wird immer mehr zu Schwabylon“. Vereinzelt wird für mit dem Klischee der Schwaben verbundene Aspekte von Gentrifizierung der Begriff „Schwabifizierung“, „Schwabylonisierung“ und „Stuttgartisierung“, für Schwabenfeindlichkeit der Begriff „Schwabismus“ (Kofferwort aus „Schwaben“ und „Rassismus“) verwendet. Der Club About Blank veranstaltete 2013 eine 48-stündige Party namens Homopatik Schwabylon. Ein schwäbisches Restaurant in Berlin-Neukölln verwendete den Namen „Schwabylon“.
Da die häufig als fiktive Gruppe dargestellten Schwaben sich nicht als Bevölkerungsgruppe innerhalb der Bevölkerung von Berlin bestimmen lassen, liegen keine Statistiken zu ihrer Größe und ihrer Bedeutung für die Einwohnerentwicklung von Berlin vor. Häufig wurden Schwaben scherzhaft als „zweitgrößte Minderheit“ nach den Türken in Berlin bis 1990 bezeichnet. Die tatsächlich zweitgrößte Minderheit in der Stadt waren 2019 Araber in Berlin. Albrecht Metzger verwendete in einem Theaterstück die fiktive Zahl von 100.000 Schwaben in Berlin, später war von 200.000 die Rede. In zahlreichen Artikeln wurde eine unbelegte Zahl von 300.000 Schwaben in Berlin genannt. Die meisten innerdeutschen Zuzüge nach Berlin kamen der Rheinischen Post zufolge 2013 aus Brandenburg. Die Berliner Morgenpost ermittelte 2016, dass Stuttgart nur auf Platz 12 in der Rangliste der Städte mit den meisten Zugezogenen in Berlin kommt, den ersten Platz belegte Hamburg. Der Tagesspiegel berichtete 2016, dass die zwischen 2011 und 2014 nach Berlin gezogenen Beamten zu drei Vierteln aus Baden-Württemberg kamen. Dies ging aus einer Anfrage des Grünen-Abgeordneten Benedikt Lux hervor.
Zahlreiche Medien listeten prominente Schwaben in Berlin auf und porträtierten einzelne Personen. Hans Peter Schütz konstatierte 2009 im Stern, eine „Schwabenmafia“ habe an Einfluss im politischen Berlin gewonnen, und nannte als Beispiele unter anderem Wolfgang Schäuble, Volker Kauder, Annette Widmann-Mauz, Rainer Arnold und Norbert Barthle. Der in Pforzheim geborene Theaterkritiker Peter Laudenbach listete 2011 im Stadtmagazin Tip einflussreiche Schwaben im Berliner Kulturbetrieb auf, darunter der Theaterintendant Ulrich Khuon, die Choreografin Sasha Waltz und ihr Partner Jochen Sandig sowie der langjährige Berlinale-Chef Dieter Kosslick. In einer Serie namens Schwaben in Berlin porträtierte die Stuttgarter Zeitung ab 2016 prominente Schwaben in Berlin, darunter den Regisseur Andres Veiel und den ehemaligen Polizeipräsidenten Klaus Kandt. Sie wies auf die Bedeutung schwäbischer Zugezogener für die Berliner Clubszene hin.
Seit 2008 berichteten überregionale Medien über „Schwabenhass“ in Form von Graffiti mit den Slogans „Schwaben raus!“ oder „Schwaben verpisst euch!“. Auf Plakaten und Hauswänden im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg waren Slogans wie „Schwaben töten“, „Wir sind ein Volk. Und ihr seid ein anderes“ oder „Ostberlin wünscht dir eine gute Heimfahrt“ zu lesen. Am Helmholtzplatz waren 2008 Plakate mit folgender Aufschrift zu sehen: „Schwaben in Prenzlauer Berg spießig, überwachungswütig in der Nachbarschaft und kein Sinn für Berliner Kultur. Was wollt ihr eigentlich hier???“ Deutschlandweit erregte 2011 ein Mann Aufsehen, der in Wohnungseingängen Kinderwagen angezündet hatte, gab „Hass auf Schwaben im Prenzlauer Berg“ als Begründung an. Er wurde 2011 wegen Sachbeschädigung durch Brandstiftung in elf Fällen verurteilt.
In der seit den 2000er Jahren in den Medien geführten Debatte um die Gentrifizierung Berlins dienen Schwaben laut Tagesspiegel als Symbol für „Mietpreistreiber und Speerspitze der Gentrifizierung“. Zugleich wird die Bezeichnung „Schwaben“ laut Frankfurter Allgemeine Zeitung als Synonym für pedantische und kaufkräftige Zugezogene aus dem Süden und Westen der Republik verwendet. Ihnen werde von Berlinern ein mangelnder Sinn für „Berliner Kultur“ und Spießigkeit vorgeworfen, die sich auf die Bezirke übertrage.
Der in Waiblingen geborene und in den 1960er Jahren nach West-Berlin gezogene Stadtsoziologe Hartmut Häußermann bezeichnete die Gruppe der Schwaben 2011 als „Sündenbock“. Der Schwabe sei leicht am Dialekt erkennbar und stehe mehr als alle anderen Bevölkerungsgruppen für Effizienz, Leistung, Sparsamkeit, Wohlstand sowie die Kehrwoche. Diese Eigenschaften wünsche sich das alternativ geprägte Berlin nicht, so sich das Feindbild „Schwabe“ etabliert habe. Häußermann, der seit den 1990er Jahren am Kollwitzplatz in Prenzlauer Berg lebte, sagte dem Tagesspiegel 2011: „Wir wissen ja bis heute nicht, ob das drei oder vier Leute sind, die diese Poster kleben, oder ob das eine breite Stimmung ist.“ Zudem sei das Phänomen auf den Prenzlauer Berg beschränkt. Den Begriff der „Gentrifizierung“ lehnte Häußermann für die Entwicklung in Prenzlauer Berg ab, da er ein „politischer Kampfbegriff“ geworden sei.
Der in Ost-Berlin aufgewachsene Andrej Holm, Schüler Häußermanns, verwendet den Begriff der Gentrifizierung in seinen Büchern zur Stadtsoziologie Berlins nach 1990. Er beschäftigte sich ab 2008 auf seinem Gentrification Blog mit dem Phänomen des Schwabenhasses. Holm bezeichnete die Debatte um Schwabenhass in der taz als „Scheindiskussion“, da die Wanderungsbewegungen nach Berlin aus verschiedenen Gebieten kämen und sich die Abneigung der Menschen in Ost-Berliner Bezirken gegen Zugezogene nicht auf eine bestimmte Bevölkerungsgruppe richte. Der in Göppingen geborene Ethnologe Wolfgang Kaschuba erklärte das Phänomen der gestiegenen Aufmerksamkeit für Schwaben in Berlin im Tagesspiegel mit einem Wiedererstarken regionaler Identitäten in der Bundeshauptstadt Berlin.
Unter dem Titel Woher kommt der hässlichste Deutsche? schrieb der in Hamburg aufgewachsene Kolumnist Jan Fleischhauer 2013 auf Spiegel Online: „Wer glaubt, dass Überfremdungsängste ein Privileg der Rechten seien, ist lange nicht mehr vor die Tür getreten. Was dem Rechten der Muslim, ist dem Linken der Schwabe. Der Eindringling aus dem Südwesten der Republik steht für alles, was man in den aufgeklärten Kreisen für fremd und damit gefährlich hält.“ Der in Lörrach geborene und in Prenzlauer Berg lebende Kabarettist Florian Schroeder griff den Gedanken in seinem Programm Schwäbische Salafisten auf. Die in Stuttgart lebende Germanistin und Publizistin Hannelore Schlaffer bezog sich 2015 im Merkur auf Fleischhauers These. Sie schrieb:
„Der Schwabe ist der wiederauferstandene Spießer, provinziell, engstirnig, sauber, zungenschwer, treu und fest, der es dahin bringt, von „unserem Hauptstädtle“ zu sprechen. Nicht zufällig kommt der Affront gegen dies harmlose Gemüt aus Prenzlauer Berg, jenem Viertel, wo die zu wohnen bestrebt sind, die sich zur intellektuellen Avantgarde zählen und mittlerweile die Flucht vor den Bürgern aus Westdeutschland nach Kreuzberg oder Friedrichshain angetreten haben. […] Seit dem 19. Jahrhundert suchen Intellektuelle, weil sie sozial keine eindeutig definierte Schicht sind, nach einem Feindbild, das sie zusammenschließt, und erfinden sich das des Spießers. Dieser Neologismus ist ein Taufname; die so bezeichnete Gruppe aufersteht aus dem Wort. Akademischer Vorgänger dieser vornehmeren Form des Spießers, für den nun die Schwaben stehen, war der Philister.“
Der in Schwäbisch Gmünd geborene Journalist Peter Unfried schrieb 2021 in der taz, es seien häufig „urbane, emanzipatorische und antirassistische Linksliberale, die Menschenverachtung völlig zu Recht kritisieren, Schwabenverachtung aber für eine notwendige Tugend halten“ würden. Sie verbreiteten „identitäre Ressentiments über Schwaben“, die „kulturlose Materialisten seien, besessen davon, die Straße zu kehren, Maultaschen zu essen und viel Geld zu verdienen. Wobei mit dem Begriff ‚Schwaben‘ zumindest in Berlin auch gleich Badener, Kurpfälzer, Hohenloher und schlicht alle Baden-Württemberger mitdiskriminiert werden.“ Mit dem pejorativen Diminutiv „Ländle“ werde versucht, „die globale Bedeutung des Wirtschafts- und Kulturgiganten Baden-Württemberg zu ignorieren und das Klischee der Provinzdeppen durchzusetzen.“ Der in Remagen geborene Philosoph Markus Gabriel hatte den in Stuttgart geborenen Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel in einem Interview 2020 mit der Frankfurter Rundschau scherzhaft als „irgend so einen schwerfälligen Schwaben“ bezeichnet. Auf die Aussage von Unfried angesprochen, entschuldigte sich Gabriel dafür und bezeichnete „Schwabismus“ als verwerflich.

Die von Medien als „Berliner Schwabenstreit“ bezeichnete Debatte begann nach Äußerungen von Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) in einem am 31. Dezember 2012 unter der Überschrift Schwaben sollen „Schrippe“ sagen – findet Thierse veröffentlichten Interview mit Florian Kain in der Berliner Morgenpost. Die Frage des Interviewers lautete: „Können Sie dem Nachbarschaftsmix mit den vielen Schwaben und Latte-Macchiato-Muttis etwas abgewinnen?“. Thierse antwortete:
„Was sollte ich dagegen haben, dass im Prenzlauer Berg besonders viele Eltern mit Kindern wohnen? Es ist schön, dass das kein vergreistes Stadtquartier ist. Es sind andere Dinge, die das alltägliche Zusammenleben manchmal strapaziös machen. Ich ärgere mich, wenn ich beim Bäcker erfahre, dass es keine Schrippen gibt, sondern Wecken. Da sage ich: In Berlin sagt man Schrippen, daran könnten sich selbst Schwaben gewöhnen. Genau das gleiche mit Pflaumendatschi. Was soll das? In Berlin heißt es Pflaumenkuchen. Da werde ich wirklich zum Verteidiger des berlinerischen Deutsch. Ich wünsche mir, dass die Schwaben begreifen, dass sie jetzt in Berlin sind. Und nicht mehr in ihrer Kleinstadt mit Kehrwoche. Sie kommen hierher, weil alles so bunt und so abenteuerlich und so quirlig ist, aber wenn sie eine gewisse Zeit da waren, dann wollen sie es wieder so haben wie zu Hause. Das passt nicht zusammen.“
Thierse hatte sich bereits in früheren Interviews über Zugezogene sowie den Öko-Wochenmarkt am Kollwitzplatz beklagt. Erst seine Äußerungen Ende 2012 führten jedoch im Januar 2013 zu einer bundesweiten Debatte. Der Journalist Peter Hahne warf Thierse Heuchelei vor. Er bediene das Argumentationsmuster der Ausländerfeindlichkeit, die er selbst so vehement bekämpfe. Der ehemalige baden-württembergische CDU-Ministerpräsident Günther Oettinger wandte ein, ohne die Schwaben wäre die Lebensqualität in Berlin nur schwer möglich, da sie viel Geld über den Länderfinanzausgleich zahlten. Der in Urach geborene Grünen-Politiker Cem Özdemir gab zu bedenken, dass viele Schwaben zum Arbeiten in die Hauptstadt kommen und man ihnen dankbar sein sollte. Der in Baden-Württemberg lebende FDP-Politiker Dirk Niebel bezeichnete den katholischen Thierse als „pietistischen Zickenbart“. Der Journalist Reinhard Mohr kritisierte, Thierse, der „gegen die Überfremdung der Urberliner Ackerkrume, wo alle zehn Meter die Hundescheiße dampft wie Currywurst“ kämpfe, sei selbst in Breslau geboren und in Thüringen aufgewachsen. Der Theatermacher Achim Ruppel wandte in der Berliner Morgenpost ein, der germanische Stamm der Sueben, auf den das Wort „Schwaben“ zurückgeht, habe die Region um das heutige Berlin bereits in der Antike besiedelt. Nach 3000 zum Teil hasserfüllten Protestmails hieß Thierse die Schwaben in Berlin ausdrücklich willkommen.
Nachdem das Interview für harsche Kritik gesorgt hatte, wurde Thierse dazu Anfang Januar im Spiegel befragt. Er gab an, es habe ihn „überrascht, mit welcher Humorlosigkeit und mit welcher preußischen Schärfe Schwaben auf ein paar ironisch formulierte Bemerkungen reagieren.“ Thierse sagte: „Wer das ganze Interview in der ‚Berliner Morgenpost‘ gelesen hat, weiß, dass es mit meiner ironischen Feststellung begonnen hat, dass ich in meinem Stadtteil eigentlich unter Artenschutz gestellt werden müsste, weil mehr als 90 Prozent der Menschen dort in den letzten zwanzig Jahren zugezogen sind. Ich gehöre also zu den letzten ‚Heimatverbliebenen‘.“ Wie viele Schwaben in Prenzlauer Berg lebten, wisse er nicht.

Als erster Nichtschwabe erhielt Thierse Ende Januar 2013 die „Goldene Narrenschelle“ der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte (VSAN), die er als „Zeichen der preußisch-schwäbischen Versöhnung“ annahm. In seiner Rede sagte Thierse: „Der Schwabe kann alles außer Hochdeutsch. Ich kann nichts außer Hochdeutsch.“ Damit bezog er sich auf die 1999 unter dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten Erwin Teufel von der Agentur Scholz & Friends entworfene PR-Kampagne mit dem Slogan „Wir können alles. Außer Hochdeutsch“, der 2017 zum beliebtesten Länderslogan gewählt wurde.
Nachdem sich Thierse 2021 kritisch zum Standpunkt der SPD in Fragen der Identitätspolitik geäußert hatte, wurde seine frühere ablehnende Haltung gegenüber Zugezogenen aus Schwaben in verschiedenen Kommentaren thematisiert.

Einen Höhepunkt erreichte die Debatte Mitte Januar 2013, als die Spaßguerilla „Free Schwabylon“ das Käthe-Kollwitz-Denkmal auf dem Kollwitzplatz in Prenzlauer-Berg mit dem schwäbischen Traditionsgericht Spätzle bewarf und satirisch einen autonomen Bezirk für Schwaben rund um den Kollwitzplatz sowie die Ausweisung von Wolfgang Thierse forderte. Zunächst berichtete darüber das Portal Prenzlauer Berg Nachrichten, die Lokalpresse und das Vice-Magazin. Internationale Aufmerksamkeit erhielt der Vorfall durch einen Bericht in der New York Times. Der damalige Berliner Büroleiter Nicholas Kulish schrieb einen halbseitigen Artikel mit der Überschrift „Swabian Separatists Fling Spätzle to Make Their Point“ (deutsch: „Schwäbische Separatisten schmeißen Spätzle, um ihr Anliegen deutlich zu machen“), der mit einem großen Bild der mit Spätzle beworfenen Kollwitz-Statue abgedruckt war. Außerdem berichtete die italienische Zeitung La Stampa und das russische Portal Lenta.ru. Die Aktion wurde von der Süddeutschen Zeitung im Zusammenhang mit dem schwäbischen Wutbürger gedeutet, der im Zuge der Proteste gegen Stuttgart 21 bekannt und 2010 zum Wort des Jahres gewählt geworden war. Die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt sprach vom „Werfen folkloristischer Teigwaren auf Denkmäler“ und sagte im Hinblick auf die Gentrifizierungsdebatte: „Solch heftiger Widerstand zeigt, wie groß die Not ist.“ Der Kollwitzverein kritisierte die „Spätzle-Attacke“ auf das Denkmal als „geschmacklos“. Der Name „Free Schwabylon“ bezog sich auf Aufkleber mit der Aufschrift „Welcome to Schwabylon“, an deren Verteilung der Autor Juri Sternburg ab 2011 beteiligt gewesen war. Sternburg kritisierte die Aktion in der taz. Die Gruppe „Free Schwabylon“ kündigte außerdem die satirische Errichtung einer Mauer aus Maultaschen an, um den autonomen Bezirk Schwabylon zu schützen. Die Aktion spielte auf die Berliner Mauer an.
Später wurde über weitere Aktionen von Spaßguerillas im Zusammenhang mit Schwaben in Berlin berichtet: Im Februar 2013 überklebten drei Künstler aus Prenzlauer Berg, die sich als Bewegung „Neuschwabenberg“ bezeichneten, Straßenschilder des Bezirks mit schwäbischen Diminutiven, etwa „Kollwitzsträßle“ und „Wörther Gässle“. Die Aktion wurde mit dem Begriff des Schwabenstreichs bezeichnet.
Unbekannte sprühten im Mai das Graffito „Kauft nicht bei Schwab’n“ auf eine Häuserwand und spielten damit auf antisemitische Parolen aus der Zeit des Nationalsozialismus an. Der damalige Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) nannte dies „eine unsägliche Aktion, für die es keine Begründung gibt“. Innensenator Frank Henkel (CDU) als „geschmacklos“, da sie in der Rykestraße stattfand, in der sich eine Synagoge befindet.
Im Juni beschmierten Anonyme, die sich als Initiative „Schwaben ausbürgern“ bezeichneten, die Statue des in Stuttgart geborenen Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel am Hegelplatz mit Currywurst. Der Begriff „ausbürgern“ spielte auf die Ausbürgerung von Wolf Biermann an. Im Dezember 2014 beschmierten Anonyme unter dem Namen „BEGISSA – Berliner Eingeborene Gegen Investoren Schwäbischer bzw. Schweizer Abstammung“ die Statue des in Augsburg geborenen Dramatikers Bertolt Brecht vor dem Berliner Ensemble mit Kartoffelsalat. Die Abkürzung spielte auf die rechtsextreme Bewegung PEGIDA an. Die englische Ausgabe des Wall Street Journal berichtete 2014 über verschiedene Aktionen.
Die satirische Schändung von Denkmälern mit süddeutschen Lebensmitteln als politische Symbole im Ostteil Berlins war bereits nach der Wiedervereinigung diskutiert worden. Während der Debatte um den Abriss des Lenin-Denkmals am heutigen Friedrichshainer Platz der Vereinten Nationen veröffentlichte die West-Berliner Spaßguerilla Büro für ungewöhnliche Maßnahmen 1991 in der taz einen offenen Brief an den damaligen Bürgermeister Eberhard Diepgen. Darin wurde er dazu aufgefordert, „Lenin von einem Hebekran aus einen echten Pfälzer Saumagen ins Gesicht“ zu schleudern. Der Saumagen spielte auf das Lieblingsgericht des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl an, der im Mai 1991 in Halle mit Eiern beworfen worden war.