Sefer Jetzira

Das Sefer Jetzira (hebräisch ספר יצירה, „Buch der Formung“ oder auch „Buch der Schöpfung“) ist eine antike, im jüdischen Kontext bekannt gewordene kosmologische Abhandlung, die die wesentlichen Elemente der Schöpfung in ihrer Entstehung (Kosmogonie) und ihrer Struktur darstellt. Diese Elemente sind die 10 Urziffern (Sephiroth) und die 22 Buchstaben des hebräischen Alphabets. Das Sefer Jetzira ist ein wichtiges Werk der Kabbala.

Das Sefer Jetzira ist ab dem 10. Jahrhundert in der jüdischen Tradition reich kommentiert worden. Entsprechend der rationalen Darstellungsweise des Buches standen dabei zunächst philosophische Zugänge im Vordergrund. Später (ab dem 12. Jh.) wurde es mystisch-spekulativ interpretiert und so die Bedeutung des Buches für die Kabbala begründet. Es wird häufig als das älteste eigenständig überlieferte Werk der Kabbala bezeichnet, obwohl es von seinem Charakter her eigentlich eher als rein kosmologische Abhandlung anzusehen ist und keinerlei jüdische religiös-theologischen Aussagen macht. Seine Schöpfungsvorstellung unterscheidet sich radikal von der des Buch Genesis, Bereschit (hebräisch בְּרֵאשִׁית ‚Im Anfang‘) sowie dessen Auslegung im Talmud und Midrasch, es erwähnt in keiner Zeile das Volk Israel, noch eine seiner religiösen Vorstellungen, Bräuche oder Autoritäten. Sein Einfluss auf die Inhalte der Kabbala ist jedoch erheblich, so dass es unbedingt als „vorkabbalistisch“ einzustufen ist.

Kernaussagen, inhaltliche Essenz

Das Sefer Jetzira beschreibt die Entstehung und Ordnung der Welt anhand von zehn Sephiroth belimah (hebräisch בלי מה ‚ohne Was‘ ‚zurückhalten‘) und den 22 Buchstaben des hebräischen Alphabets. Zusammen bilden sie die 32 „Pfade der Weisheit“, die im einleitenden Satz des Werkes genannt werden. Die zehn Sephiroth werden mit Zahlen, Dimensionen und grundlegenden Ordnungsprinzipien in Verbindung gebracht, während den Buchstaben eine gestaltende Funktion bei der Hervorbringung der Welt zukommt.

Die 22 Buchstaben werden in drei Gruppen unterteilt:

Durch ihre Zuordnungen zu kosmischen Erscheinungen, Zeit und menschlichem Körper stellt der Text Beziehungen zwischen Welt, Zeit und Mensch her. Die Schöpfung erscheint damit als eine durch Zahlen, Buchstaben und deren Verbindungen strukturierte Ordnung.

Die im Sefer Jetzira beschriebenen Sephiroth sind dabei nicht ohne Weiteres mit den zehn göttlichen Emanationen gleichzusetzen, wie sie in der späteren Kabbala ausgearbeitet wurden. Die zehn Sephiroth werden im Sefer Jetzira als grundlegende Prinzipien der Schöpfung beschrieben, anhand derer sich deren Ordnung und Struktur erschließen. Das Werk wurde seit dem Mittelalter unterschiedlich interpretiert.

Entstehung und Geschichte

Nach jüdischer mündlicher Tradition gilt der biblische Abraham als Autor des Werks, im Sinne des „Niederschreibers“, der es bei seiner „Einweihung“ durch Melchisedek empfangen habe. Der Text selbst nennt keinen Verfasser, erwähnt jedoch Abraham als den ersten, der die beschriebenen Wege der Weisheit gegangen ist, worauf sich die Annahme seiner Autorschaft stützt.

Datierung

Die Entstehungszeit des Sefer Jetzira ist in der Forschung umstritten. Die wissenschaftlichen Datierungsansätze reichen von der hellenistisch-römischen Antike bis ins frühe Mittelalter. Übereinkunft besteht aber darin, dass es ein Produkt des rabbinischen Judentums ist. Ältere Forschungsansätze, darunter die von Heinrich Graetz und Gershom Scholem, ordneten das Werk dem 2. oder 3. Jahrhundert zu. Graetz deutete es dabei als Auseinandersetzung mit der Gnosis.

Andere Forscher widersprachen einer solchen Frühdatierung unter Hinweis auf mögliche Abhängigkeiten von islamischen Traditionen und erwogen deshalb eine Entstehung frühestens im 7. Jahrhundert. Neuere Untersuchungen diskutieren in diesem Zusammenhang auch Einflüsse aus der syrisch-christlichen Geisteswelt und eine Entstehung im syrischen Raum. Gegen eine späte Datierung wurden unter anderem Parallelen zur Philosophie Philos von Alexandria angeführt, die als Argument für eine frühere Entstehung gelten können. Eine eindeutige historische Einordnung ist bislang nicht möglich. Die Kenntnis des Werks ist jedoch spätestens durch Kommentare aus dem 10. Jahrhundert bezeugt.

Textüberlieferung

Auch die Textüberlieferung des Werkes ist unübersichtlich. Es existieren handschriftliche Kurz- und Langfassungen, deren Verhältnis zueinander jedoch umstritten ist. Zur Langfassung gehört vor allem die früheste Handschrift Ms. Vatikan 299 aus dem späten 11. bzw. frühen 12. Jahrhundert, zur Kurzfassung die Handschrift Ms. London 6577 aus dem 14. Jahrhundert. Daneben tritt eine frühe Textversion, die als Sa'adjanische Rezension bekannt geworden ist. Sie geht auf den jüdischen Gelehrten Saadia Gaon (gestorben 942) zurück.

Druckausgabe

Der erste Druck – in lateinischer Übersetzung – wurde 1552 in Paris gefertigt. Die erste gedruckte hebräische Ausgabe erfolgte 1562 in Mantua. Es liegen heute verschiedene Ausgaben vor, die teilweise auch implizite kommentierende Texte umfassen.

Inhalt

Das Sefer Jetzira hat selbst in den umfangreichsten Fassungen kaum mehr als 2000 Worte. Es stellt 32 Bahnen der Weisheit dar, die sich zusammensetzen aus 10 Ziffern, den Sephiroth, und den 22 hebräischen Buchstaben.

Sephiroth

Die 10 Sephiroth im Lebensbaum, Etz Chaim (hebräisch עץ חיים)

Der Begriff Sephiroth (hebräisch ספרות, Singular: Sephira – ספרה) ist eine Neuschöpfung des Buches Jetzira. Er geht auf den hebräischen Verbalstamm s-f-r (ספר, vgl. Sefer Jezirah § 1) zurück, der „zählen“, „schreiben“, „erzählen“ und als Nomen auch „Buch“ (sefer) bedeuten kann. Meist wird Sephira als „Zahl“ übersetzt. Es ist etymologisch aber auch verwandt mit dem griechischen Wort σφαιρα und wird daher auch als „Sphäre“ oder „Element“ wiedergegeben.

Die zehn Sephiroth sind Sinnbilder der dialogischen Struktur der Welt:

  • Vorher – Nachher
  • Gutes – Böses
  • Männliches – Weibliches
  • Hohes – Niedriges;

daneben stehen die vier Himmelsrichtungen

  • Osten – Westen – Norden – Süden.

Das Sefer Jetzira kennt noch keine Namen der Sephiroth, wie sie später im Sephiroth- oder Lebensbaum strukturbildend geworden sind. Die Namen werden den zehn Ziffern erst ab dem 13. Jahrhundert im Sohar und daran anschließenden kabbalistischen Werken zugeordnet.

Buchstaben

Der weitaus größte Teil des Buches widmet sich den Bedeutungen und Beziehungen der hebräischen Buchstaben. Die 22 Buchstaben werden in Gruppen zusammengefasst und den grundlegenden Dimensionen von Zeit, Welt und Mensch zugeordnet:

Gruppe Buchstaben Symbol
3 Mütter ש מ א

Aleph, Mem, Schin

Luft – Wasser – Feuer
7 Doppelte ת ר פ כ ד ג ב

Beth, Gimel, Daleth, Kaph, Peh, Resch, Thaw

7 Planeten, 7 Wochentage, 7 Pforten der Sinne am menschlichen Haupt: zwei Augen, zwei Ohren, zwei Nasenlöcher, Mund
12 Einfache ק צ ע ס נ ל י ט ח ז ו ה

Heh, Waw, Sajin, Cheth, Tet, Jod, Lamed, Nun, Samech, Ajin, Zade, Qoph

12 Sternbilder, 12 Monate, 12 Organe des menschlichen Körpers

Bedeutung

Das Sefer Jetzira hat mit der Lehre über die 10 Sephiroth erheblichen Einfluss auf die kabbalistische Tradition im Judentum genommen. Die Sephiroth bilden die Elemente des Lebensbaums und stellen damit das wohl wirkungsvollste Symbol der Kabbala überhaupt dar. Dafür zeugen auch die späteren Ausführungen zu ihrer Gestalt und ihren Beziehungen zueinander im Sohar und den sich daran anschließenden Lehr- und Lebenstraditionen.

Die Spekulationen über die hebräischen Buchstaben und deren dreigliedrige Struktur haben ebenfalls größte Wirkung im Judentum und darüber hinaus in anderen mystischen Traditionen erzielt. Das bekannteste Beispiel dafür ist der moderne Tarot. Die Zuordnung der 22 Karten der „Großen Arkana“ wurde von bekannten Tarot-Auslegern bis in Details hinein der Struktur der Buchstaben im Buch Jetzira nachgebildet.

Der 1995 erschienene Roman „Das Alphabet des Juda Liva“ von Benjamin Stein bezieht sich strukturell auf die Buchstabenkategorien des Sefer Jetzira und spielt deren Bedeutungen und Wirkungsmöglichkeiten durch.

Rezensionen

Die Rezeption des Sefer Jetzira reicht bis ins frühe Mittelalter zurück. Zu den frühen Kommentatoren gehörten Saadia Gaon (882–942), der den Text vor allem philosophisch interpretierte, und Schabbtai Donnolo (913–nach 982), der seine kosmologischen Vorstellungen mit naturkundlichen und astrologischen Deutungen verband. Im Laufe des Mittelalters wurde das Werk auch für die Entwicklung der (späten) Kabbala bedeutsam. Frühe kabbalistische Schriften wie das Sefer ha-Bahir trugen zur Weiterentwicklung der Lehre von den Sephiroth bei. Kabbalisten wie Isaak der Blinde und Azriel von Gerona entwickelten Vorstellungen über die Sephiroth als göttliche Wirkungsweisen und deren Verhältnis zur Schöpfung weiter. Abraham Abulafia griff das Sefer Jetzira in seinen Kommentaren auf und verband dessen Lehre von den Buchstaben mit mystischen Praktiken und meditativen Techniken. Das Sefer Jetzira beeinflusste somit die spätere kabbalistische Sephiroth-Lehre, ohne mit ihr bereits identisch zu sein. Die unterschiedlichen Auslegungen zeigen, dass das Werk im Laufe seiner Rezeptionsgeschichte in verschiedene philosophische und mystische Denktraditionen eingebunden wurde.

Kommentierte Textausgaben

Hebräisch und Deutsch:

Deutsch:

Hebräisch und Englisch:

Textausgaben online

Siehe auch

Literatur

Einzelnachweise

  1. ↑ Joseph Dan: Die Kabbala. S. 29ff.
  2. ↑ Sefirot Belimah hebräisch בלי מה): sinngemäß „Zahlen der Zurückhaltung“ oder „Zahlen, die begrenzen“. Dabei wird Belimah mit dem hebräischen Wortstamm für Zurückhalten oder Zügeln verbunden
  3. ↑ Sefer Jetzira, Kapitel 1, Abschnitte 1–8, auf sefaria.org
  4. ↑ Isaac Broydé: Sefirot, The Ten. Jewish Encyclopedia, auf jewishencyclopedia.com
  5. ↑ Tzahi Weiss: „Sefer Yesirah“ and Its Contexts: Other Jewish Voices (Series: Divinations: Rereading Late Ancient Religion), University of Pennsylvania Press, 2018
  6. ↑ Heinrich E. Benedikt: Die Kabbala als jüdisch-christlicher Einweisungsweg. 3. Auflage. Band 1.. Hermann Bauer, 1991, ISBN 3-7626-0279-4, S. 24.
  7. ↑ Zinner, S. (2023): Sefer Yeṣirah’s Dating, Geographic Provenance and the Open Question of Its Composer’s Religious Affiliation and Identity. Iran and the Caucasus, 27(4-5), 407-418. https://doi.org/10.1163/1573384X-02704008
  8. ↑ Zur Datierung vgl. K. Herrmann (Hrsg.): Sefer Jezira – Buch der Schöpfung. Verlag der Weltreligionen, Frankfurt am Main und Leipzig 2008, ISBN 978-3-458-70007-4, S. 184–204
  9. ↑ וייס, צ 2025, 'ודאי ושמא בחקר ספר יצירה', תעודה, vol. ל"ד, pp. 49-62.
  10. ↑ Handschrift Vat. 299 (im Verzeichnis: Vat. Ebr. 299). Abgerufen am 16. Januar 2020.
  11. ↑ K. Herrmann: Sefer Jezira. S. 226