
Der Sohar (hebräisch ספר הזוהר Sēfer ha-sōhar, zu זֹהַר sohar, deutsch ‚Glanz‘; auch in der Schreibweise Zohar, vor allem im Englischen) gilt als das bedeutendste Schriftwerk der Kabbala.
Zu beachten ist aber, dass im Hauptteil des Sefer ha-Sohar das Wort „Kabbala“ nicht verwendet wird. Es erscheint jedoch in späteren Teilen wie Raʿaya Meheimna und dem Sefer ha-Tiqunim.
Alles entspringt der göttlichen Einheit, alles trägt Spuren ihres Geheimnisses, und der Weg des Menschen besteht darin, durch Erkenntnis, Liebe und heiliges Handeln die verborgene Verbundenheit der Schöpfung sichtbar werden zu lassen.
Dies ist zeitgenössische und zusammenfassende Deutung, sie ist kein wörtliches Zitat aus dem Sohar. Letztlich wäre die soharische Essenz auf drei Bewegungen reduzierbar:
Der Sohar ist das zentrale Werk der jüdischen Mystik. Er entstand vermutlich im späten 13. Jahrhundert in Spanien und wird traditionell Rabbi Schimon bar Jochai, (Akronym: Raschbi, 2. Jahrhundert n. Chr., Tannaim) zugeschrieben. Der überwiegend aramäisch verfasste Text präsentiert sich als mystischer Kommentar zur Tora und entwickelt eine symbolisch-theosophische Deutung der biblischen Überlieferung. Zentrale Themen sind die Struktur des Göttlichen, insbesondere die Lehre von den Sephiroth, sowie die wechselseitige Beziehung zwischen Gott, Welt und menschlichem Handeln.
Aus historisch-kritischer Perspektive gilt der Sohar als „mittelalterliches Textkomposition“, die ältere jüdisch-mystische Traditionen aufgriff und weiterentwickelte. Inhaltlich ist er tief im rabbinischen Denken der ersten nachchristlichen Jahrhunderte (ca. 2. bis 6. Jahrhundert n. Chr.) verwurzelt; seine ideengeschichtlichen Vorläufer reichen teilweise bis in vor-rabbinische und frühjüdische mystische oder ältere mystische Traditionen der späten Zweiten-Tempel-Zeit und dann der frühen römischen Kaiserzeit (ca. 1. Jahrhundert v. Chr. bis 2. Jahrhundert n. Chr.) zurück, ohne jedoch bereits eine ausgebildete Kabbala im engeren Sinn darzustellen.
Der Sohar ist kein einzelnes Buch, sondern eine Sammlung von Werken, die sich mit dem Wesen Gottes und seiner Beziehung zur Schöpfung auseinandersetzen. Der Name bedeutet „(strahlender) Glanz“ und geht zurück auf biblische Texte bei den Propheten Hesekiel (Ez 1,28 EU; Ez 8,2 EU) und Daniel (Dan 2,31 EU; Dan 12,3 EU).
Das in einem künstlich altertümlichen Aramäisch – wohl, um das Alter der Schrift zu beweisen – , zu geringen Teilen in Hebräisch verfasste Werk ist Teil der jüdischen Mystik.
Es enthält vor allem Kommentare zu Texten:
Literarisch handelt es sich bei den Kommentaren um Schriftexegesen, homiletische Meditationen, Erzählungen und Dialoge, aber auch Betrachtungen zur mythischen Kosmogonie und mystischen Psychologie.
Dies schließt, zusammenfassend und explizierend formuliert, Diskussionen um das „Wesen Gottes“, „Ursprung und Struktur des Universums“, „Natur der Seele“, „Erlösung“, die Beziehung zwischen „dem menschlichen Ego und dem Dunklen“, um das „wahre Selbst“ zum „Licht Gottes“ und zwischen „universeller Energie“ und dem einzelnen Menschen ein.
In seinem exegetischen Charakter kann der Sohar auch als esoterische Variante zum rabbinischen Midrasch eingeordnet werden. Er wird von einigen Fürsprechern daher auch als Midrasch des Shimon bar Jochai angesehen. Die mehrheitliche literaturwissenschaftliche Meinung aber ist, dass es sich um ein pseudoepigraphisches Werk handelt, da es in der Tradition des „jüdischen Pseudoepigraphismus“ steht. Der Begriff bezeichnet Schriften, die fälschlicherweise einem bekannten Autor oder einer historischen Figur zugeschrieben werden, um deren Autorität und Bedeutung zu verstärken.
Der Sohar wurzelt in älteren mystischen Traditionen, aber er wurde entscheidend durch die Erfahrungen und die intellektuellen Impulse der jüdischen Diaspora im mittelalterlichen Spanien geformt.
Der Historiker Martin Goodman sieht im Sohar eine „merkwürdige Mischung“ aus einer kaleidoskopartigen Anordnung von Materialien, wie „mythologischen Bildern“, „Dichtung“, Andeutungen zur „neoplatonischen sowie aristotelischer Philosophie“ mit des Weiteren „volkstümlichen Aberglauben“, „Theurgie“ und „mystischer Psychologie“.
Als literarische Gattung ist der Sohar ein Kommentar zum Bereschit (hebräisch בְּרֵאשִׁית ‚Im Anfang‘). Das erste Buch Mose, Bereschit, ist eine Sammlung („Anthologie“) von Erzählungen über die Schöpfung der Welt, die Sintflut und die Erzväter und -mütter. Die Erzählreihe wird durch die Josephsgeschichte beendet.
Dem traditionellen Narrativ folgend ist der Sohar im zweiten Jahrhundert von Rabbi Schimon ben Jochai geschrieben worden, als er sich mit seinem Sohn Eleasar dreizehn Jahre in einer Höhle im Norden Israels versteckte.
Der Sohar ist eine Sammlung von Texten in zumeist fünf Bänden. Der Überlieferung nach wird als Autor Schimon ben Jochai genannt, ein bedeutender Tannait des ersten bis zweiten Jahrhunderts, der auch die wichtigste handelnde Person ist und vom Propheten Elija den Auftrag bekommen haben soll, den Sohar zu schreiben. Er lebte unter römischer Besatzung und hatte sich mit seinem Sohn Rabbi Eleasar 13 Jahre in einer Höhle in Peqiʿin (hebräisch פְּקִיעִין) versteckt. Rabbi Schimon ben Jochai gilt zwar historisch als „Vater der Kabbala“, seine tatsächliche Autorschaft für den Sohar ist jedoch vor allem aus sprachlichen Gründen fraglich, so dass von einem pseudepigraphischen Charakter der Schrift – ohne pejorativen Anklang – ausgegangen werden muss.
Das Manuskript soll dann aus der dokumentierten Quellenüberlieferung verschwunden sein und sei erst ein Jahrtausend später in den Händen von Rabbi Mosche de León (1240–1305) später wieder bezeugt.
So tauchte der Sohar zuerst gegen Ende des 13. Jh. in Spanien auf (Herausgabe in Teilen zwischen 1280 und 1286). Mosche de León (Rischonim), der bis 1305 in Kastilien, zuletzt in Ávila lebte, machte sich um seine Herausgabe und Verbreitung verdient. Aufgrund literarischer, sprachlicher und quellentheoretischer Beobachtungen wurde de León historisch auch die Autorschaft des Sohar zugeschrieben.
Dem Tagebuch des Kabbalisten Isaak ben Samuel aus Akko zufolge soll die Witwe von Mosche de León, Tami Musaphia Heni aus Tihama (um 1250–1305), zugegeben haben, dass der Sohar von ihrem Mann geschrieben worden sei; Isaak ben Samuel sprach jedoch nicht selbst mit der Witwe, sondern erzählt aus dritter Hand. Isaak ben Samuel bezweifelte die Echtheit des Sohars und befragte Nachmanides Schüler, jedoch ohne zufriedenstellendes Ergebnis. Als er Mosche de León in Valladolid persönlich traf, schwor dieser, dass er in seinem Haus in Ávila eine von Schimon bar Jochai selbst verfasste Kopie des Sohars habe. De León starb jedoch, bevor er nach Ávila zurückkehren konnte, und Isaac ben Samuel, der danach strebte, die Wahrheit über die Urheberschaft herauszufinden, kontaktierte eine Person, die ihm erzählte, dass eben die Ehefrau und die Tochter von Moses von León der Frau eines gewissen Joseph von Ávila offenbart hätten, dass Moses von León das Buch selbst geschrieben habe. Diese Anekdote wurde von Heinrich Graetz verbreitet.
Dabei bleibt offen, inwieweit ein Redaktor, Mosche de León, in seine „Sohar-Komposition“ bereits bestehende, ältere mystische Texte oder Traditionen integrierte. Scholem sah in Mosche de León nicht den Verfasser, nach seiner Auffassung stellt der Sohar eine Zusammenfassung einer Reihe von Schriften dar, die über einen längeren Zeitraum hin entstanden waren.
Isaak ben Jakob ha-Kohen war ein jüdischer Mystiker und Kabbalist des 12. und 13. Jahrhunderts, er wird als eine Schlüsselperson im Vorfeld der Entstehung des Sohars genannt, und es wird angenommen, dass er eine wichtige Rolle bei der Entwicklung der frühen Kabbala gespielt hat, die später im Sohar ihren Höhepunkt fand. Er wird manchmal als einer der prototypischen Vertreter der ‚soharischen Mystik‘ betrachtet, auch wenn er selbst nicht direkt mit dem Werk des Sohar in Verbindung stand. Es scheint, nach Dan, dass Mosche de León die Mythologie Isaak ben Jakobs, insbesondere seine Dualität von Licht und Dunkelheit, Güte und Strenge und seine Lehre von den Kräften der göttlichen Emanationen aufgriff und in das Zentrum des Sohars stellte. Isaak ben Jakob sah das „Böse“ als eine deformierte Nebenwirkung im Emanationsvorgang, das „Böse“ war somit nicht eigenständig, sondern das Ergebnis einer disharmonischen Schöpfung, die durch das Fehlen von Ausgewogenheit zwischen den Kräften des Lichts und der Strenge hervorgerufen würde.
Mosche de León reiste in Kastilien umher und freundete sich mit Josef ben Abraham Gikatilla an, letzterer war ein Anhänger der praktischen Mystik des Abraham Abulafias.
Im Hinblick auf die Entstehungszeit und die literarische Kontinuität von Texten jüdischer Mystik, und hier dem Sohar im engeren Sinne, bestehen unterschiedliche Ansichten und Intentionen zwischen den jüdischen bzw. kabbalistischen Traditionen und den Ergebnissen der akademischen, wissenschaftlichen Forschung. In der Literaturwissenschaft und Judaistik wird die Ansicht präferiert, der Autor des Sohars sei Mosche de León aus dem 13. Jahrhundert gewesen. Hingegen bleibt im orthodoxen Judentum Rabbi Schimon ben Jochai weiterhin der Autor des Sohars.
Im Sohar finden sich Hinweise auf historische Ereignisse (wie die Kreuzzüge in Sohar II, 32a und III, 212b), hebräische Rechtschreibkonventionen (z. B. Sohar I, 24b, III 65a), spanische Wörter (z. B. Esnoga für ‚Synagoge‘) und Namen von Rabbinern (z. B. Rav Hamnuna Sava einem Tannaim, Rav Yeva Sava, Rabbi Hezekiah ben Rabbi Manoah usw.), die alle aus der Zeit nach Rabbi Schimon ben Jochai zu stammen scheinen. Daniel C. Matt Übersetzer und Editor des Sohar in das Englische verwies darauf, dass die Aramäische Sprache etliche erfundene Wörter aufweist und gelegentlich ein spanischer Begriff oder Hinweise auf mittelalterliche Ereignisse oder Persönlichkeiten zeigt.
Der Verfasser der zentralen Abhandlung des Sohar schuf ein Aramäisch, das nur im Sohar aufzufinden ist. So wurden neue Wörter und grammatische Formen erschaffen. Ferner wurden die meisten gelehrten Texte, in tannaitischer Zeit, aber nicht auf Aramäisch verfasst, umso mehr, als Aramäisch in jenen Jahren die gesprochene Umgangssprache der breiten Bevölkerungsschicht war und Hebräisch die Sprache der Gelehrsamkeit und der heiligen Schriften. Weitere Beispiele sind der Anachronismus der im Sohar gemeinsam auftretenden Personen, die geschriebenen hebräischen Vokalzeichen, die verwendete Begrifflichkeit gibt Hinweise auf die Einflüsse der mittelalterlichen jüdischen Philosophie, das Aramäisch kann als ein Kunstprodukt verstanden werden, mit etlichen eigenwilligen Neologismen. Offen bleibt in der wissenschaftlichen Diskussion, inwieweit Rabbi Mosche de León, auf ältere im zur Verfügung stehende Texte zurückgegriffen hat. So ist diese „Sohar-Aramäisch“ (G. Scholem) eine Mischung aus dem Ostaramäischen des babylonischen Talmuds und dem Aramäischen des Targum Onkelos. Nach Joseph Dan schrieb der Autor oder Redaktor das Werk den rabbinischen Gelehrten der Antike zu, um damit eine Erzählhandlung zu erschaffen, die sich in einer anderen Zeit und einem anderen Ort zu getragen haben soll.
Die Bibelzitate im Sohar stimmen überwiegend mit dem masoretischen Text der hebräischen Bibel überein, so wie er im mittelalterlichen aschkenasischen und sefardischen Raum überliefert war. Die Tora-Zitate im Sohar basieren vermutlich auf einem Texttyp, der dem masoretischen Text sehr nahekommt, wenn auch nicht exakt identisch.
In den Jahren 1750 bis 1752 setzte sich Jacob Emden in seinem Werk Mitpaḥat Sefarim (hebräisch מטפחת ספרים ‚Buchschleier‘) kritisch mit dem Sefer ha-Sohar auseinander. Er argumentierte, dass Teile des Sohars nicht aus talmudischer Zeit stammen, sondern später hinzugefügt wurden. Zwar erkannte er ältere mystische Traditionen an, hielt jedoch große Teile des Textes für mittelalterliche Kompilationen, wohl aus der Zeit von Moses de León, und stellte damit die traditionelle Zuschreibung an Schimon ben Jochai in Frage.
Dennoch gibt es in der Forschung Überlegungen und Hypothesen, die auf mögliche Einflüsse aus dem persisch-jüdischen Kulturraum hinweisen – Einflüsse, die sich inhaltlich, sprachlich und konzeptionell im Werk niedergeschlagen haben könnten.
So zeigen sich im Sohar thematische Parallelen zu zentralen Konzepten der zoroastrischen und manichäischen Kosmologie, die in der iranischen Religionswelt des Altertums eine prägende Rolle spielten. Die ausgeprägte Lichtsymbolik, etwa in der Vorstellung eines ‚oberen Lichts‘ oder der ‚Funken des Göttlichen‘, erinnert stark an die zoroastrische Vorstellung vom Licht als Ursprung und Ziel der Schöpfung. Ebenso lassen sich dualistische Strukturen beobachten – etwa die Kontraste zwischen ‚Gut und Böse‘ oder ‚zwischen Licht und Dunkelheit‘ –, die dem zoroastrischen Dualismus von Ahura Mazda und Angra Mainyu ähneln. Auch die reiche Engellehre und Dämonologie des Sohars, einschließlich der Beschreibung ganzer Hierarchien geistiger Wesen, zeigt strukturelle Ähnlichkeiten mit der Aufteilung in Yazatas und Daevas im zoroastrischen System. Schließlich lassen sich Konzepte ‚geheimer Welten‘, ‚kosmischer Schleier‘ und ‚mystischer Aufstiege‘ finden, die an iranische esoterische Modelle erinnern, wie sie sowohl im spätzoroastrischen als auch im manichäischen Kontext vorkommen.
Diese inhaltlichen Berührungspunkte erhalten zusätzliches Gewicht durch die historische Präsenz großer jüdischer Gemeinden im persischen Raum, insbesondere während der Spätantike unter der Herrschaft der Sassaniden. Diese Gemeinden entwickelten eigenständige mystische und apokalyptische Überlieferungen, die teilweise jenseits der rabbinisch-normativen Traditionen standen. In diesen Milieus entstanden Texte und Lehrtraditionen, die eine alternative Form jüdischer Spiritualität und Kosmologie zum Ausdruck brachten. Es erscheint nicht unwahrscheinlich, dass solche Überlieferungen über babylonische Lehrzentren – in denen westliche und östliche Einflüsse zusammenliefen – und über mündliche sowie schriftliche Vermittlung Einfluss auf die spätere kabbalistische Literatur in Europa nahmen.
Ein weiterer, von Gershom Scholem hervorgehobener Aspekt betrifft die sprachliche und stilistische Eigenart des im Sohar verwendeten Aramäisch. Es finden sich darin Ausdrucksformen und idiomatische Wendungen, die sich weder mit dem aramäischen Sprachgebrauch des babylonischen Talmuds noch mit jenem in Spanien vollständig decken. Vielmehr deuten manche dieser Merkmale auf östliche, möglicherweise aus persisch-jüdischen Texttraditionen stammende Sprachformen hin, was eine zusätzliche, wenn auch indirekte Verbindungslinie zu einem östlichen Ursprung oder Einflussfeld nahelegt.
Zwar bleibt die Vorstellung, der Sohar sei direkt von persischen Juden verfasst worden, spekulativ und wird durch keine klaren Belege gestützt. Doch sprechen die genannten Parallelen, Konvergenzen und Überlieferungspfade durchaus für eine „kulturelle Tiefenströmung“, in der Elemente iranisch geprägter jüdischer Mystik in die iberische Kabbala eingeflossen sein könnten. Der Sohar wäre in diesem Licht nicht bloß ein spanisches Werk, sondern Ausdruck einer über Jahrhunderte gewachsenen, transregionalen Mystiktradition, die westliche und östliche Vorstellungen kreativ miteinander verschmolzen hat.
Der Autor oder Redaktor des Sohar de Leon, zeigt in seinem Werk keinen direkten Einfluss des antiken Philosophen Plotin, weder aus dessen Werken, noch aus seinen Philosophemen, auch finden sich aus dem Umfeld des Neuplatonismus keine direkten Zitate oder andere expliziten Beziehungen, dennoch enthält der Sohar viele Konzepte, die stark mit neuplatonischen Ideen übereinstimmen. Es gibt Anhaltspunkte, dass de Leon von jüdischen Philosophen und Mystikern beeinflusst wurde, die wiederum durch die spätantike Philosophie, einschließlich des Neuplatonismus geprägt waren.
Der Sohar ist nicht direkt von Plotin beeinflusst, er wurde geprägt von:
Dennoch zeigt der Sohar Strukturen, die an Plotin erinnern:
Die Ähnlichkeiten zwischen den Annahmen des Plotins und der Kabbala zeigen keine direkte Abhängigkeit, aber eine geistige Nähe, möglicherweise durch eine gemeinsame mystische Grundstruktur (z. B. Topoi wie Einheit, Rückkehr, Licht, Stufenmodell). Aber die Begriffe sind nicht direkt übersetzbar, sondern eher funktional analog. Plotin arbeitete in einem streng philosophischen, der Sohar bzw. seine Autoren in einem mythologisch-symbolischen System. In der Kabbala ist das System dynamisch, mit Beziehungen zwischen den Sephiroth. Plotins System ist hierarchisch-linear. Beide Systeme sprechen von einem Weg zurück zur Quelle. Bei Plotin durch Kontemplation, in der Kabbala durch Gebet, Ethik, Mystik (Devekut).
Der Sohar kann aus literaturwissenschaftlicher Perspektive als Erzählung betrachtet werden, er enthält aber auch viele Elemente, die poetische Qualitäten aufweisen. Eitan P. Fishbanes (2009) Kernhypothese zur Erzählform des Sohars besagt, dass der Text als eine Art dramatische Literatur fungiert, in der die Macht der Enthüllung der mystischen Geheimnisse für den Leser demonstriert und dramatisiert wird. So zeichnete sich der Sohar in seinen Hauptmerkmalen durch seine Verwendung von Narrativem, Fiktionalität und Geschichtenerzählen aus, die im breiteren Kontext kabbalistischer Kreativität höchst ungewöhnlich seien. Obwohl der Sohar hauptsächlich in prosaischer Form verfasst ist, lassen sich in vielen Passagen rhythmische und klangliche Muster erkennen. Die Wiederholung von bestimmten Wörtern, Phrasen und heiligen Namen hat eine klangliche Dimension, die an poetische Formen erinnert. Diese philosophischen Dialoge und spirituellen Diskussionen sind in einer Weise formuliert, die rhythmische und bildhafte Qualitäten aufweist.
Wird der Sohar als Narration betrachtet, sind folgende fiktionale Figuren in der Gesamthandlung bedeutsam. Wobei es unklar bleibt, inwieweit faktuale Beschreibungen der in der Erzählung handelnden Personen Einfluss auf deren Auswahl nahmen. Folgende handelnde Personen stehen im Vordergrund:
Im Sohar sind Lilith, Samael, Adam und Eva ganz unterschiedliche Aspekte der ‚göttlichen Ordnung [Struktur]‘, die sich auf verschiedene Weisen in der Schöpfung manifestieren. Während Adam und Eva die göttliche Ordnung und die Erneuerung der Welt repräsentieren, stehen Lilith und Samael für die dunklen Kräfte, die die Schöpfung herausfordern, prüfen und ins Gleichgewicht bringen. Diese Figuren sind Teil des kosmischen Spiels von Licht und Dunkelheit, das im Sohar als notwendig für die Vervollständigung der Schöpfung angesehen wird. Die Dualität, die im Sohar und in der kabbalistischen Lehre beschrieben wird, bezieht sich auf die Erscheinungen und Kräfte, die aus dem Ein Sof hervorgingen, aber die Differenzierung und Polarität innerhalb der Schöpfung und der spirituellen Welt darstellen. Es gibt eine Dualität von Licht und Dunkelheit, von Heiligkeit und Unheiligkeit, von göttlicher und unheiligem Einfluss, die das gesamte Universum durchdringt und das kosmische Drama bestimmt. Das unendliche, unmanifestierte göttliche Prinzip, das keine Form und keine Grenzen hat, das Ein Sof ist die Quelle Allens, das Unmanifestierte und Unbeschreibbare. In dieser Dimension gibt es keine Trennung zwischen dem Göttlichen und dem Nicht-Göttlichen, keine Dualität von Gut und Böse, Licht und Dunkelheit; es ist die „Nondualität Gottes“, des Einheitlichen Prinzips.
Im Sohar tauchen zahlreiche Engel auf, sowohl konkret benannte, namenstragende Engel mit wichtigen Rollen und Funktionen als auch zahllose anonyme himmlische Wesen. Besonders viele Engel werden im Exodus-Teil, z. B. Sohar Exodus 43a bzw. 55b erwähnt.
| Engel | Funktion |
|---|---|
| Metatron (hebräisch מטטרון) | Höchster Engel, Himmelsstatthalter, Führer im Exodus |
| Hadraniel (hebräisch הדריאל) | Torwächter, Beriyah (hebräisch בַּרְיָעָה), führte Moses, Überbringer göttlicher Botschaften |
| Shamsiel (hebräisch שמשיאל) | Sonnenengel, Cherub, Wächter des Gartens Eden, Symbol für Licht und göttliche Wärme. |
| Nuriel (hebräisch נוריאל) | Feuer-Hagel-Engel, Schutz, Abendgebet (Maariw). Engel des Feuers und der Naturphänomene wie Hagel. In mystischen Kontexten mit Transformation und Reinigung verbunden. |
| Samael (hebräisch סמאל) | Fürst der Dunkelheit, Versucher, Ankläger. Engel des Todes und der Dunkelheit. Er gilt als Ankläger und hat oft eine Verbindung mit Lilith. |
| Raphael (hebräisch רפאל), Michael (hebräisch מיכאל), Gabriel (hebräisch גבריאל), Uriel (hebräisch אוריאל) | Erzengel mit Schutz- und Heilfunktionen |
| Raziel (hebräisch רזיאל), Tzaphkiel (hebräisch צפיאל), Tzadkiel (hebräisch צדקיאל) | Engelangaben im Rahmen der Sephiroth |
Die Rahmenerzählungen im Sohar beschreiben auch den „erzählten Raum“, dieser weist, im Allgemeinen der Erzähltheorie, Anknüpfungspunkte in verschiedene Richtungen auf, denn der „Raum“ ist kein „singulärer Faktor“, vielmehr bündelt er in sich „Erzählfäden, zeitliche Verläufe, Figuren, Ordnungen und Diskurse“. Es ist die Gruppe von Weisen, die im zweiten Jahrhundert durch Israel wandern und über die Tora diskutieren, während sie auf Kinder, Eseltreiber und verschiedene Menschen, in den verschiedensten räumlichen Begebenheiten treffen und die ihnen spirituelle Lehren erteilen. Im Sohar sind „Raum“ und „Erzählung“ eng miteinander verbunden und spielen eine zentrale Rolle bei der Vermittlung mystischer und kabbalistischer Weisheiten. Für den Sohar ist „Raum“ auch eine symbolische und metaphysische Entität. Der Raum in der Erzählung wird oft als ein Ort verstanden, an dem göttliche Offenbarungen stattfinden und die Rabbanim tief in die Mysterien der Tora und des Universums/Schöpfung vordringen. Dieser symbolische Raum kann sowohl physische als auch metaphysische Dimensionen umfassen:
Literarische Texte sind beständig mit bestimmten Orten verknüpft, wobei der Ort oder Raum oft mehr ist, als nur ein äußerlicher, topologischer Rahmen. Denn die Art und Weise, wie der Raum erzählerisch gestaltet wurde und wie die Handlungen zwischen den verschiedenen Räumen wechseln, ist oft entscheidend für das Verständnis der Geschichte und trägt eine tiefere symbolische oder thematische Bedeutung. Die wandernden Mystiker, oder Reisenden unter der Führung des Rabbi Schimon ben Jochai, die sich auf ihrer Reise durch das Heilige Land, (hebräisch ארץ הקודש Éreẓ haQodeš) miteinander austauschen und die Tora interpretieren, geben in der ‚Reiseerzählung‘, die als äußere Struktur genutzt wird, um die Ereignisse oder Erlebnisse abzubilden und die innerhalb des Rahmens passieren, das entsprechende narrative Potenzial. Das Reisen ermöglicht eine freie Vorstellungskraft und daher gilt jeder Ort auf der Reise als ein idealer Ort, um die tiefsten Geheimnisse der Tora zu erläutern.
Nach seinen eigenen Worten hat der Sohar zum Ziel, Yisrael durch und aus dem Exil zu helfen. Im Sohar ist der Begriff „Yisrael“ vielschichtig. Er kann sowohl als Bezug auf das Volk Israel im traditionellen religiösen Sinne als auch als mystische Personifikation der göttlichen Ordnung oder der göttlichen Kräfte verwendet werden. Yisrael repräsentiert oft die ‚spirituelle Essenz‘ oder den ‚kosmischen Mittelpunkt‘, durch den das ‚göttliche Licht‘ (hebräisch אור or) in der Welt zirkuliert. In der kabbalistischen Literatur geht es häufig darum, dass Yisrael als Träger und Kanal für das göttliche Wissen und die göttliche Präsenz fungiert, und seine spirituelle Entwicklung trägt zur Errettung und Vervollkommnung der Welt bei.
Die Erzählstruktur des Sohars ist nicht linear, sondern umfasst eine Vielzahl von Geschichten, Dialogen und allegorischen Erklärungen, die miteinander verwoben sind.
Dabei bedient sich der Sohar dem Genre der „Wanderliteratur“, welche die Erzählung mit der Vorstellung des „Gehens“, „Wanderns“, „Reisens“ oder allgemeiner des Ortswechsels, der handelnden Figuren als zentrales Thema verbindet, sei es physisch oder metaphorisch. Sie verwendet das „Gehen“ nicht nur als äußeren Akt, sondern auch als Werkzeug für die Erforschung des Selbst, des Lebens und der Welt. Der Sohar versucht das Wesen Gottes zu erfassen und dieses dem Menschen mitzuteilen. Da Gott verborgen ist, kann dies nur in höchst spekulativer und kontemplativer, nicht in beschreibender oder lehrhafter Form geschehen. Dabei steht immer die Auslegung der Tora, als wesentliches religiöses Fundament, im Vordergrund. Der Sohar erkennt für die biblische Exegese vier Stufen des Verständnisses, vom unmittelbar Wörtlichen zum Mystischen:
Die Anfangsbuchstaben dieser vier hebräischen Wörter bilden den Begriff „PaRDeS“ (‚Obstgarten‘, verwandt mit dem deutschen Wort „Paradies“), wodurch der Sinn des Schriftstudiums angedeutet wird als Gang durch einen blühenden Garten. Dieser Gang wird auch interpretiert als geistiger Gang durch die verschiedenen Hallen des jüdischen Tempels.
Der Sohar nimmt die kabbalistischen Vorstellungen der zehn Sephiroth auf als Sphären der Manifestation Gottes. Als letzter Ausdruck göttlichen Seins wird darüber das Unendliche (hebr. En Sof) erkannt. Aus dem „En Sof“ hat sich das Sein wie aus einem einzigen Punkt zu den vielen Erscheinungen der Welt ausgefächert.
In der Ethik vertritt der Sohar als höchsten Wert die tätige Liebe zu Gott (דְבֵקוּת Debekut), die sich auch in der sozialen Hinwendung zum Mitmenschen äußert. Daneben vertritt der Sohar ein starkes Armutsideal. Der gerechte Mensch (Tzaddik, hebräisch צַדִּיק ṣaddīq, deutsch ‚Rechtschaffener, Gerechter‘) ist sowohl ein Tora-Gelehrter und Gottsucher, als auch der Wohltäter, der seine eigenen Bedürfnisse hinter die Sorge für den Nächsten radikal zurückstellt.
Der Sohar ist laut Johann Maier, verglichen mit dem „vergleichsweise klar formulierte[n] und geradezu didaktisch aufgebaute[n] Hauptwerk“ Josef Gikatillas Scha’are Orah, weniger durchorganisiert und sprachlich und inhaltlich weit schwieriger, gehört aber noch zu den Texten, die „vergleichsweise verständlich geschrieben sind und auch in Übersetzung noch verständlich bleiben, was für kabbalistische Literatur ansonsten durchaus nicht selbstverständlich ist“. Nach Bernard J. Bamberger ist der Sohar „das Werk eines Genies, aber er ist schwierig zu charakterisieren. Sein Inhalt reicht vom Erhabenen zum Grotesken, vom Tiefen zum Einfältigen und einfach Unverständlichen. Er enthält brilliant-originelle Interpretationen der Schrift, wunderbare Formulierungen und Gleichnisse sowie phantastische Mythen. In dieser oder jener Form behandelt er alle Probleme und Interessen der Kabbala.“
Der Gesamtbestand der Vielzahl der Abhandlungen die den Sohar konstituieren wurde erstmalig 1558 und 1560 in drei Bänden in Mantua gedruckt. Es folgte eine elfbändige Ausgabe zwischenzeitlich 1559 in Cremona.
Gershom Scholem betrachtet den Korpus des Sohar aus drei Schichten aufgebaut bzw. entstanden. Im Wesentlichen bestimmt er diese, als:
Während der Autor der dritten Schicht die beiden darüberliegenden Schichten abgeschlossen vorfand, so werden Inhalte daraus zitiert, sind mutmaßlich die beiden ersten Schichten von einem Autor.
Im Sohar folgt die fiktionale Zeit keiner linearen Zeitachse, sondern in einer fragmentarischen, assoziativen Form, die der mystischen Natur des Werkes gerecht wird. Der Text wechselt zwischen verschiedenen Erzähl- und Handlungsträngen und Themen, ohne sich an einer chronologischen Ordnung zu orientieren. Der Sohar erkennt vier Ebenen des Verständnisses der Tora an:
Dabei sind die Erzählstränge, Geschichten, Dialoge und Allegorien eng miteinander verwoben und ergänzen sich gegenseitig. Nach Joseph Dan handelt es sich um eine Vielzahl von Abhandlungen die den Textkorpus konstituieren. Nach Gerschom Scholem sei der Sohar ein, im Wesentlichen, einheitliches Werk, so gäbe es innerhalb der einzelnen Teile keine Schichten oder ältere unbekannte Quellen. Hier eine Übersicht des Inhaltes:
Ein weiterer späterer Autor der in Stil und Sprache von de Leon schrieb, fügte zu Beginn des 14. Jahrhunderts zwei weitere Werke hinzu:
Ein fünfter Band der zu den Abhandlungen ist der:
Die fünf Bände des Sohar bestehen also genauer aus folgenden Teilen:
Die Druckzählung im Sohar ist eine „klassische Referenzmethode“, die auf den frühen gedruckten Ausgaben des 16. Jahrhunderts (z. B. Mantua und Cremona) basiert. Dabei wird jede Stelle nach Band (I–III), Blattnummer und Seitenhälfte (a = Vorderseite, b = Rückseite; jedes Blatt, das aus zwei Seiten besteht (Vorder- und Rückseite), hat zwei Seiten: a (recto) und b (verso)) angegeben, etwa „I, 19b“, also „Band I, Blatt 19 und davon die Rückseite“. Diese Zählung funktioniert wie bei einem aufgeschlagenen Buch: jedes Blatt hat zwei Seiten (a/b). Sie ist bis heute der internationale Standard, weil sie unabhängig von modernen Übersetzungen oder Editionen immer dieselbe Textstelle eindeutig identifiziert. Die Mantua-Ausgabe entstand unter der Ägide des Druckers Giacomo Ruffinelli, in dessen Offizin der Text hergestellt wurde. Es ist nicht auszuschließen, dass die Vorarbeiten zur Mantua-Ausgabe des Sefer ha-Sohar bereits unter Venturino Ruffinelli einsetzten. Der Druck selbst erfolgte jedoch gesichert unter Giacomo Ruffinelli. Nach Venturinos Tod wurde die Offizin von Giacomo übernommen und später von Tommaso Ruffinelli weitergeführt.
Die Mantua-Edition (1558–1560) stellt keine thematisch oder kompositorisch einheitlich geplante Ausgabe dar, sondern dokumentiert eine gewachsene Textsammlung, in der unterschiedliche literarische Schichten und Einzeltraktate ohne konsistente Systematik in den fortlaufenden Torakommentar integriert wurden.
Die in der Tabelle verwendeten Siglen sind modern vereinheitlicht und entsprechen nicht der historischen Bezeichnungspraxis der Mantua-Edition. Die Zuordnung der einzelnen Traktate zu den drei Bänden ist als heuristisch zu verstehen, da mehrere Texte (etwa RdR, H oder SiT) nicht strikt einem Band zugeordnet sind, sondern in unterschiedlichen Kontexten mehrfach auftreten. Die Übersicht bildet daher eine dominante, jedoch keine exklusive Verteilung ab.
| Band der Mantua-Edition/Supplement | Inhalt (Toratext) | Zugeordnete Teile [mit Abkürzungen] |
|---|---|---|
| Band I | Genesis (Bereschit), Beginn Exodus (Schemot) | Sohar [ZH]; Sifra di-Tzeniutha [SdT]; Midrasch ha-ne'elam zur Tora [MhN]; Sitre Tora [SiT]; Rasa de-Rasin [RdR]; Sitre Otiot [SiO] |
| Band II | Exodus (Rest), Levitikus (Wajikra), Numeri (Bemidbar) | Sohar [ZH]; Saba de-Mishpatim [SdM]; Jenuka [Y]; Hechalot [H]; Rasa de-Rasin [RdR]; Matnitin [Mtn]; Sitre Tora [SiT] |
| Band III | Deuteronomium (Devarim) + Anhänge | Sohar [ZH]; Idra Rabba [IR]; Idra Sutta [IS]; Ra'ja Mehemna [RM]; Rab Methibtha [RbM]; Hechalot [H]; Kaw ha-Midda [KhM]; Sohar zum Hohenlied [ShH]; Midrasch ha-ne'elam zu Rut [MhN] |
| Supplement nicht in der Mantua-Edition | Tikkune Sohar [TS] | Eigenständiger Druck, nicht Teil der drei Mantua-Bände |
Die Mitzwot sind im traditionellen jüdischen Glauben ein Konzept, das physisches Handeln fordert. Im frühen Mittelalter entwickelte sich das System der „ta'ame mizwot“ (hebräisch טַעֲמֵי מִצְוֹת ‚die Gründe der Gebote‘ oder ‚die Gründe der Mitzwot‘). Sie wurden in der kabbalistischen Literatur zentral, so auch im Sohar. So enthält fast jeder Abschnitt des umfangreichen Werkes einen Hinweis, eine Interpretation auf die Mitzwot ‚im Lichte der Bedürfnisse und Forderungen der göttlichen Kräfte‘.
Im Sohar und der Kabbala bezeichnet „Schefa“ (שֶׁפַע) den Überfluss oder die Gnade, die als göttlicher Fluss von spiritueller Energie und Segen verstanden wird. Dieser Fluss strömt aus den höchsten Ebenen der göttlichen Welt herab und durchdringt die verschiedenen Sephiroth, die als Kanäle für das göttliche Licht fungieren. Auf diese Weise erreicht die göttliche Versorgung die Schöpfung und nährt sowohl die materiellen als auch die spirituellen Ebenen des Universums. Schefa stellt die kontinuierliche Zufuhr göttlicher Energie dar, die den Kosmos erhält und ihn mit allem versorgt, was notwendig ist, um Harmonie, Wachstum und spirituelle Erfüllung zu ermöglichen.
Nach Gershom Scholem wird der Begriff der „Sephiroth“ im Sohar nicht immer direkt verwendet oder in seiner klassischen Form explizit erklärt. Stattdessen gibt ihn der Text umschrieben und durch synonyme Begriffe oder metaphorische Darstellungen ersetzt wieder. Scholem betont, dass im Sohar die kabbalistische Symbolik häufig poetisch und indirekt auftaucht, und dass der Begriff der „Sephiroth“ häufig durch Begriffe, wie etwa ‚Bereiche‘, ‚Kräfte‘, ‚Seiten‘, ‚Lichter‘, ‚Kräfte‘, ‚Essenzen‘ oder ‚Namen Gottes‘, erscheinen. Die „Autoren bzw. Redaktoren“ des Sohars tendierten dazu, die Sephiroth als „dynamische Kräfte“ zu verstehen, die in einem ständigen Prozess von Ausstrahlung und Rückkehr miteinander verbunden sind, und vermieden dabei eine festgelegte (namentliche) Kategorisierung. Das Hervorgehen der Sephiroth aus dem En Sof (hebräisch אין סוף ēyn sōf, deutsch ‚Unendliches‘) kann als ein Handlungsprozess der Selbstoffenbarung Gottes gesehen werden. Da die Offenbarung im jüdischen Denken primär eine Wortoffenbarung war, gilt auch für den Sohar, dass die sephirotische Selbstoffenbarung eine Sprach- bzw. Wortoffenbarung darstellt.
Die Lichtsymbolik nimmt im Sefer haSohar eine zentrale Stellung ein und knüpft an frühere Deutungen im Bereschit Rabba an. Ausgehend von Genesis (Gen 1,3 EU) wird das „Licht“ im Sohar nicht als physisches Phänomen, sondern als göttliches Urlicht verstanden. Dieses wird als „verborgenes Licht“ (hebräisch אוֹר הַגָּנוּז Or ha-ganuz) interpretiert, das für die Gerechten aufbewahrt ist (Sohar I, 31b).
Zugleich entfaltet der Sohar eine eigenständige mystische Ontologie. Das göttliche Licht bildet die Grundlage der Schöpfung und manifestiert sich in den Emanationen der Sephiroth, durch die sich die göttliche Wirklichkeit stufenweise offenbart (Sohar I, 15a–16b). Auch die Tora erscheint als Träger eines inneren Lichts, dessen verborgener Sinn nur dem Eingeweihten zugänglich ist (Tikkunei Sohar 31a). Damit verschiebt der Sohar die im Midrasch angelegte Vorstellung des verborgenen Lichts in eine umfassende metaphysische Konzeption. Licht fungiert nicht nur als ethische Kategorie, sondern als grundlegendes Prinzip, das Gott, Welt und menschliche Seele miteinander verbindet.
Diese Vorstellung steht im Zusammenhang mit der grundlegenden kabbalistischen Unterscheidung von Licht (hebräisch אוֹר or) und Gefäß (hebräisch כְּלִי kli), durch die sich die göttliche Wirklichkeit in der Welt manifestiert. Das „schwarze Licht“ ist somit kein Gegensatz zum göttlichen Licht, sondern dessen notwendige Bedingung der Offenbarung. Erst durch Begrenzung wird das unendliche Licht wahrnehmbar und wirksam. Damit erweitert der Sohar die aus der Tradition des „verborgenen Lichts“ (hebräisch אוֹר הַגָּנוּז or ha-ganuz) bekannte Lichtmetaphorik zu einem komplexen Modell, in dem Offenbarung stets an Verhüllung gebunden ist.
Die ‚Gottensnamenslehre‘ im Sohar – dort als hebräisch סוד השם Sod HaShem, deutsch ‚Geheimnis des Namens‘ bezeichnet – geht davon aus, dass ‚Gottes Wesenheit‘, also die ‚Gesamtheit allen Seins‘, in seinem Namen enthalten sei. Im Sohar und in den Texten der späteren lurianischen Kabbala, wird der Schöpfungsprozess als eine Explifizierung, Entfaltung oder Manifestation des göttlichen Namens verstanden. Die Welt ist gewissermaßen die „Lesbarkeit“ oder „Auffaltung“ dieses Namens in Raum und Zeit. Dabei wird der vierbuchstabige Gottesname, das Tetragrammaton (hebräisch יהוה JHWH), in der jüdischen Mystik, der Bibelauslegung und auch in der hebräischen Sprachwissenschaft als eine Form des hebräischen Verbs ‚sein‘ gedeutet, insbesondere in einer zeitlich übergreifenden, dynamischen Form. Semantisch wird der Name in Verbindung mit dem hebräischen Verbstamm hebräisch היה hajah, deutsch ‚sein‘ gebracht, wobei mystische, grammatische und theologische Deutungen in die Tiefe gehen. Dieser „Sod Ha-Schem“ wird meist in Dialogen von Rabbi Schimon bar Jochai (und z. B. mit Rabbi Eleazar oder Rabbi Aba) gelehrt – sowohl im „Buch der Verborgenheit“, (hebräisch ספר הצניעותא Sifra di-Ẓeni‘uta) als auch in den beiden Versammlungen (Idra Rabbah, (hebräisch אדרא רבה Idra Rabba) und Idra Zuta, (hebräisch אדרא זוטא Idra Zuta)). Dort wird das göttliche Geheimnis der Schöpfung und der Namensbuchstaben im Kontext der Sephiroth, der kosmischen Ordnung und metaphysischen Exegese entfaltet. Konkret taucht dieser Ausdruck im Kontext einer Deutung, im Sohar Bereschit I, 5a–6b auf, es wird beschrieben: „(…) der Glanz ist das Geheimnis des Anfangs, denn sein Name ist der erste von allen. Der heilige Name Ehejeh ist eingraviert auf den [strahlenden] Seiten des Namens Elohim (…)“ Hier wird deutlich der Ausdruck „geheimnisvoller Name“, (hebräisch סוד השם) verwendet, insofern der Sohar gerade vom „Glanz“ (זוהר), dem verborgenen, schöpferischen Namen als Zentrum spricht. Der Sohar ist erfüllt vom hebräisch סודות Sodot, den Geheimnissen, hinter denen sich das ‚Wirken und der Name Gottes‘ verbergen, oft im Zusammenhang mit den Buchstabenmysterien des Tetragrammaton (יהוה).
Der Sohar erwähnt in mehreren Stellen, dass Gott vor dieser Welt bereits andere „Welten“ erschaffen habe, die jedoch nicht bestehen konnten. „Der Heilige, gepriesen sei Er, schuf Welten und zerstörte sie.“ (Sohar I, 176b)
Diese Aussage ähnelt stark dem Midrasch Bereschit Rabba III, 7, das ist die haggadische Auslegung der Genesis, wird aber im Sohar oft mystisch überhöht und mit kosmischen Kräften verbunden.
Der Sohar nennt diese früheren Welten jedoch nicht Tohu oder Qlīpōt, sondern spricht bildhaft von „gefallenen Königen“ (in Anlehnung an Gen 36,31–39 EU, die Könige von Edom). Später deutet Luria diese „Könige“ als die zerbrochenen Gefäße.
Der Begriff hebräisch סִטְרָא אַחְרָא sitra aḥra kommt sehr häufig im Sohar vor. Er bezeichnet dort:
Diese Welt ist nicht per se autonom, sondern nährt sich von der „Heiligkeit“, was ein Grundgedanke späterer Kabbala ist – dort auch mit den Begriffen Qlīpōt und Niẓoẓot versehen.
Im Sohar wird die Unterscheidung zwischen „Heiligkeit“ und „Unheiligkeit“ nicht primär moralisch verstanden, sondern als Ausdruck eines grundlegenden metaphysischen Prinzips. Heiligkeit (hebräisch קְדֻשָּׁה Keduscha) bezeichnet dabei einen Zustand der Verbindung, Ordnung und Ausrichtung auf das Göttliche. Sie zeigt sich in der harmonischen Beziehung der göttlichen Kräfte sowie in der Gegenwart der Schechina, die für die immanente Präsenz Gottes in der Welt steht. Heilig ist demnach alles, was Einheit stiftet, Kräfte integriert und den göttlichen Fluss in geordneter Weise zur Entfaltung bringt.
Demgegenüber steht die Sitra Achra, die „andere Seite“, welche im Sohar die Dimension der Unheiligkeit repräsentiert. Diese ist jedoch kein eigenständiges, vom Göttlichen unabhängiges Prinzip, sondern entsteht aus einem Mangel an Verbindung und aus der Fragmentierung der göttlichen Ordnung. Unheiligkeit bezeichnet somit „Zustände der Trennung, der Fehl-Ausrichtung und der Isolierung von Energie“. Während die Heiligkeit durch Durchlässigkeit und Beziehung gekennzeichnet ist, zeigt sich die Unheiligkeit in Abkapselung und Selbstbezogenheit.
Die Qlīpōt („Schalen“) verdecken das Göttliche und verzerren seine Energie, wodurch im Sohar „dämonische oder unreine Kräfte“ entstehen. Auf Grundlage des Sohar und bezogen auf den Menschen lässt sich interpretieren, dass „Heiligkeit als innere Einheit, bewusste Ausrichtung und Integration“ verstanden werden kann, während „Unheiligkeit sich in Form von innerer Spaltung, ungeordneten Trieben und Entfremdung“ äußert. Aus dieser Perspektive beschreibt der Sohar damit kein absolutes Gut-Böse-Schema, sondern ein dynamisches Verhältnis, in der Heiligkeit durch Verbindung und Integration entsteht, Unheiligkeit durch Trennung und Fragmentierung derselben grundlegenden göttlichen Energie.
Der Sohar benutzt das Wort Qlīpā (hebräisch קליפה) selten, aber er kennt das Bild der „Hülle“ oder „Schale“: Die Schale ist nicht böse an sich, sondern trennt Inneres und Äußeres, Sie kann eine negative Kraft sein, wenn sie das Innere blockiert, so wird in Sohar, II, 94b das Bild der Schale für das Böse verwendet, das das Gute umhüllt, und das durch Läuterung entfernt werden muss. In der späteren lurianischen Kabbala werden die Qlīpōt hingegen systematisch und kosmologisch ausgearbeitet und dienen als zentrale Erklärung für das Böse, wodurch das Verhältnis von „Heiligkeit und Unheiligkeit“ in ein umfassenderes metaphysisches Modell eingebettet wird.
Der Begriff Niẓoẓot (hebräisch ניצוצות) wird im Sohar oft im Zusammenhang mit dem göttlichen Licht verwendet, das in der Schöpfung verstreut ist:
Diese „Funken“ stammen vom göttlichen Licht (Or Ein Sof),
Sie gelangen in dunkle Bereiche (z. B. in die materielle Welt oder sogar in die sitra aḥra),
Die Aufgabe des Menschen ist es, diese Funken zu „heben“ oder zu „befreien“. „In allen Dingen ist ein Funke des Heiligen enthalten … und wenn der Mensch ihn mit Absicht (kawwana) erhebt, wird der Name Gottes geheiligt.“ (Sohar III, 113b)
Die aus älteren jüdischen Traditionen bekannte Figur Lilith (hebräisch לילית Lîlît, deutsch ‚Nachtgeist‘) erhält im Sohar (Sohar III, 69a–b; I, 27b; Sohar I, 148a–b Sitre Tora) eine umfassende symbolische Bedeutung. Während sie in früheren Quellen als nächtlicher Dämon oder als Adams erste Frau erscheint, wird sie hier zu einem kosmischen Prinzip, das eng mit der metaphysischen Struktur der Welt verknüpft ist. Als Gegenkraft zur Schechina, der weiblichen göttlichen Präsenz, verkörpert Lilith die unheilige Weiblichkeit, die überall dort wirkt, wo Harmonie und göttliche Ordnung gestört sind. Die Schechina steht für Nähe und Verbundenheit, Lilith dagegen für Chaos, Trennung und Unordnung.
Eine zentrale Rolle spielt Liliths Verbindung mit Samael, der im Sohar als Repräsentant der „anderen Seite“ erscheint. Gemeinsam bilden sie das dunkle Gegenpaar zum göttlichen Paar aus Heiligem und Schechina. Während deren Vereinigung für kosmische Fruchtbarkeit und Heilung steht, symbolisiert die Verbindung von Lilith und Samael eine entstellte, unheilige Form der Vereinigung, die Chaos hervorbringt.
Besonders bedeutsam ist die Vorstellung, dass das Exil Israels (hebräisch גָּלוּת galút) ein kosmisches Ereignis darstellt: Die Schechina wird von ihrem göttlichen Ursprung getrennt und gerät selbst ins Exil. Diese Trennung schwächt die göttliche Ordnung und öffnet Lilith und Samael den Zugang zu Kräften, die normalerweise der heiligen Einheit vorbehalten sind. Liliths Macht wächst also in Zeiten spiritueller und moralischer Krisen.
Vor diesem Hintergrund deutet der Sohar die Tradition von Lilith als Adams erster Frau neu: nicht historisch, sondern als Ausdruck unheiliger, chaotischer Weiblichkeit, die der geordneten Beziehung zwischen Adam und Eva – und analog zwischen Heiligem und Schechina – entgegensteht. Ihre ungeordnete Sexualität dient im Sohar als Symbol für spirituelle Verzerrung, während die heilige Vereinigung das Ideal kosmischer Harmonie darstellt.
Mit dem messianischen Zeitalter jedoch soll Liliths Einfluss enden. Wenn die göttliche Einheit wiederhergestellt und die Schechina an ihren Ort zurückkehrt, verliert Lilith ihre Machtquelle; die Welt wird geheilt, das Exil aufgehoben, und die destruktiven Kräfte ziehen sich zurück. Lilith bleibt damit eine Gestalt, deren Wirken an die Unvollkommenheit der Welt gebunden ist.
Insgesamt erscheint Lilith im Sohar nicht als bloßer Dämon, sondern als bedeutendes Symbol kosmischer Disharmonie. Sie repräsentiert jene zerstörerischen Aspekte der Wirklichkeit, die aus der Trennung zwischen Gott und Welt hervorgehen – einen Schatten, der nur im Licht der wiederhergestellten göttlichen Einheit vergeht.
Im Sohar erscheinen die Figuren Lilith (hebräisch לילית), Naamah (hebräisch נַעֲמָה), Eisheth Zenunim (hebräisch אֵשֶׁת זְנוּנִים) und Agrat bat Mahlat (hebräisch אגרת בת מחלת) im Zusammenhang mit dem oben erwähnten Sitra Achra, der „anderen Seite“, die als Gegenpol zur göttlichen Ordnung und insbesondere zur Schechina verstanden wird. Sie stehen in Zusammenhang mit den Qlīpōt („Hüllen“, „Schalen“), welche die göttliche Energie verdecken und Zustände von Unreinheit, Trennung und Verzerrung innerhalb der Schöpfung repräsentieren. Zentrale Passagen hierzu finden sich bereits in Sohar I, 19b–20a sowie in Sohar II, 267b, wo die Struktur dieser „Gegenwelt und ihre Kräfte“ angedeutet werden.
Innerhalb dieses Systems nimmt Lilith eine wichtige Rolle ein. In Sohar I, 19b–20a wird sie zusammen mit Samael als eine Art Gegenpaar zur heiligen Vereinigung dargestellt. Weitere Ausführungen in Sohar III, 76b beschreiben ihren Einfluss in nächtlichen Erscheinungen und im Kontext sexueller Verführung. Insgesamt erscheint sie als Symbol ungeordneter, von der göttlichen Einheit getrennter Energie und fungiert damit als Gegenbild zur Schechina.
Naamah oder Nahemoth wird im Sohar mit der biblischen Gestalt aus Genesis (Gen 4,22 EU) identifiziert und erscheint häufig im Umfeld Liliths, etwa in Sohar I, 19b. Eine ausführlichere Darstellung bietet Sohar I, 55a, wo sie mit Verführung, Schönheit und insbesondere mit „nächtlichen Traum- und Imaginationsphänomenen“ verbunden wird. Laut dem Sohar trennte sich Adam nach Kains Mord an Abel für 130 Jahre von Eva. Während dieser Zeit verführten Lilith und Naamah ihn und gebären ihm „dämonische Kinder“, die zu den Plagen der Menschheit werden, Sohar III, 76b–77a. Im Unterschied zu Lilith wirkt Naamah weniger als herrschende Gestalt, sondern eher als „subtiler Einfluss auf das Begehren und das Unbewusste“.
Eisheth Zenunim oder Isheth Zennanim oder Qodeshah wird im Sohar I, 5a–b als weibliche Personifikation der Sünde (hebräisch עבירה averah, deutsch ‚Übertretung, der Gebote‘) erwähnt, die eine Übertretung eines Gesetzes Gottes darstellt; sie ist eine der vier Gefährtinnen Samaels, der eine zerstörerische und verführerische Kraft verkörpert. In ihrem ursprünglichen Kontext wird sie vor allem symbolisch verwendet und kann für Abkehr oder Unbeständigkeit stehen.
Agrat bat Mahlat tritt vor allem in Sohar III, 19a hervor, wo sie als Anführerin von Dämonenscharen beschrieben wird, die zu bestimmten Zeiten, insbesondere in der Nacht, aktiv sind. Ihre Figur verweist stärker auf eine strukturierte, fast systematische Dimension der „anderen Seite“ und wird in späteren kabbalistischen Traditionen zu einer der zentralen dämonischen Königinnen ausgeformt.
In ihrer Gesamtheit bilden diese Figuren (Schedim, hebräisch שֵׁדִים) im Sohar kein loses Ensemble, sondern ein zusammenhängendes symbolisches System, wie insbesondere die Passagen Sohar I, 19b–20a und Sohar III, 76b zeigen. Sie stehen gemeinsam für Kräfte der Trennung, der ungeordneten Sexualität und der spirituellen Unreinheit, die der heiligen Ordnung entgegenstehen. Diese Ordnung manifestiert sich im Sohar vor allem in der Vereinigung der göttlichen Prinzipien und in der Gegenwart der Schechina.
Dementsprechend sind Lilith, Naamah und Agrat bat Mahlat nicht primär als eigenständige dämonische Wesen im wörtlichen Sinne zu verstehen, sondern als „symbolische Personifikationen von Kräften, die ein Ungleichgewicht zwischen Verbindung und Trennung, Ordnung und Chaos sowie zwischen männlichen und weiblichen Prinzipien“ ausdrücken. Die im Sohar verwendete Bildsprache ist daher wesentlich allegorisch und dient der Darstellung innerer wie kosmischer Dynamiken.
Der Sohar spricht von der Seele in mehreren Schichten oder „Stufen“. Der Sohar beschreibt verschiedene Ebenen der Seele, von der niederen (Nefesch, mit dem Körper verbunden) bis zur höchsten (Neshama, direkt vom Göttlichen), die im Laufe des spirituellen Lebens entwickelt werden müssen.
| Kabbalistische Ebene | Funktion / Bedeutung | als psychologisches Konzept |
|---|---|---|
| Nefesch (נֶפֶשׁ) | Körperliche Vitalität, Triebe, einfache Handlungen | Körperselbst oder den körperlichen Repräsentanzen des Ichs |
| Ruach (רוּחַ) | Emotionen, Gedanken, Charaktereigenschaften | Emotionale und mentale Ich- bzw. Selbststrukturen, die Handlungen leiten und moralische Entscheidungen beeinflussen |
| Neshamah (נְשָׁמָה) | Höchste Seele, göttliche Verbindung, spirituelle Intuition | Transzendente Ich- bzw. Selbststrukturen oder höhere Bewusstseinszustände, die über die alltägliche Psyche hinausweisen |
Der Sohar beschreibt diese Ebenen oft im Zusammenhang mit Lichtströmungen Gottes, die durch die Seele in die Welt fließen. Jede Ebene reflektiert einen Aspekt dieses göttlichen Lichts.
Der Begriff „Schefa“ (hebräisch שֶׁפַע schefa, deutsch ‚Fülle‘ ‚Überfluss‘ oder ‚Wohlstand‘) ist deutlich älter als die kabbalistische Literatur und begegnet bereits im biblischen Hebräisch sowie in der talmudischen Überlieferung. In diesen frühen Kontexten gehörte „schefa“ zum religiösen Alltagswortschatz, ohne eine systematisch oder metaphysisch ausgearbeitete Bedeutung zu besitzen. Der Segen wurde zwar Gott zugeschrieben, erschien jedoch als unmittelbare Gabe, nicht als Ergebnis eines innergöttlichen Vermittlungsprozesses.
In der Hebräischen Bibel steht „schefa“ vor allem im Zusammenhang mit materiellem Reichtum oder landwirtschaftlichem Ertrag (vgl. Deuteronomium (Dtn 33,19 EU); Sprüche (Spr 3,9–10 EU); Psalm (Ps 37,16 EU)). Auch in der talmudischen Literatur bleibt „schefa“ ein nicht-theoretischer Ausdruck für göttlichen Segen, Mehrung oder Wohlstand, der häufig an ethisches Verhalten und Gebotserfüllung gebunden ist, ohne jedoch in eine kosmologische oder theosophische Struktur eingebettet zu werden.
Eine entscheidende Bedeutungsverschiebung vollzieht sich erst in der frühkabbalistischen Literatur, insbesondere im Sefer ha-Bahir. Während „schefa“ zuvor den erfahrbaren göttlichen Segen bezeichnet, wird der Begriff hier erstmals auf den innergöttlichen Bereich bezogen und theosophisch konzeptualisiert. Schefa bezeichnet nun eine ‚göttliche Ausströmung‘, die nicht unmittelbar, sondern vermittelt von höheren zu niedrigeren Ebenen wirksam wird und mit den im Bahir noch unsystematisch entwickelten Vorstellungen der Sephiroth verbunden ist. Der Segen erscheint damit nicht mehr allein als äußere Gabe, sondern als Resultat eines gestuften göttlichen Wirkzusammenhangs.
Auf dieser Grundlage wird die Lehre im Sohar systematisch ausgearbeitet. Schefa erscheint hier als ‚kontinuierlicher göttlicher Ausfluss‘, der durch die Struktur der Sephiroth hindurch in die geschaffene Welt einströmt und kosmische wie menschliche Wirklichkeit erhält. Der göttliche Segen ist nun nicht mehr bloß ‚punktuelles Geschenk‘, sondern Teil einer ‚dynamischen innergöttlichen Ordnung‘, in der menschliches Handeln – insbesondere Gebotserfüllung, Gebet und ethisches Verhalten – den Fluss des schefa beeinflussen kann. Damit wird „schefa“ zu einem zentralen Begriff (Theologem) kabbalistischer Kosmologie und Theosophie, dessen Wurzeln im biblischen Sprachgebrauch liegen, dessen metaphysische Bedeutung jedoch erst in der Kabbala voll entfaltet wird. Die mythischen Prozesse, die diese Wechselwirkung bestimmen, werden im Sohar sowie in der späteren kabbalistischen Literatur als Ausdruck eines dynamischen Aspekts der göttlichen Wirklichkeit beschrieben. Dieser wird gemeinhin eben als schefa bezeichnet: ein Fluss spiritueller Wirksamkeit, der von den höchsten Ebenen der göttlichen Welt über die niederen göttlichen Kräfte und die Bereiche der Erzengel und Engel bis in die materielle Welt und zum Menschen hinabströmt. Dieser ‚göttliche Fluss‘ bildet die notwendige Lebensgrundlage allen Seins, einschließlich der göttlichen Emanationen selbst.
Isaak Luria (Ari oder Ha-Ari) war ein bedeutender Kabbalist des 16. Jahrhunderts. Nach dem Tod seines Vaters zog er mit seiner Mutter von Jerusalem nach Ägypten, vermutlich Kairo. Dort beschäftigte er sich intensiv mit den jüdischen Mystik, insbesondere der Kabbala. Luria retirierte sieben Jahre auf eine Nilinsel in der Nähe von Kairo, um sich mystischen und esoterischen Studien zu widmen, u. a. las er intensiv das Sefer ha-Sohar. Vor allem befasste er sich mit den Schriften des Moshe Cordovero, eines der wichtigsten Schüler von Joseph Karo und eines der bedeutendsten Kabbalisten in Safed. In Safed hatte Moshe Cordovero einen maßgeblichen Kommentar zum Sohar verfasst. In den Jahren 1569 bis 1570 verlegte Luria, mit seiner Familie, seinen Lebensmittelpunkt nach Safed, wo er Schüler von Moshe Cordovero wurde. Das einzige schriftliche Werk, das Luria selbst verfasste, ist ein Kommentar zum Sifra di-Ẓeni‘uta (hebräisch סִפְרָא דִּצְנִיעוּתָא ‚Buch der Verborgenheit‘), einem Teil des Sohars. Im Weiteren baute Luria auf der assoziativen, poetischen und nicht systematischen Deutung des Sohars auf, der die Tora mystisch-symbolisch interpretierte und Konzepte bzw. Theologeme, wie „Sephiroth“, „Schechina“, „Gilgul“ sowie die mystische Bedeutung der Tora behandelte. Während der Sohar die ‚göttlichen Prozesse‘ symbolisch deutete, entwarf Luria eine ‚dynamische, kosmisch-historische Ordnung‘, in der die ‚gefallene Welt‘ und der ‚verborgene Gott‘ den Menschen zum aktiven Mitgestalter der Erlösung macht und die Geschichte auf eine mystisch verstandene messianische Vollendung hin ausgerichtete. Was im Sohar punktuell durch ‚paradoxe und oxymoronhafte Wortschöpfungen‘ angedeutet wird, als ein Hinweis auf die spirituelle Dimension des Bezeichneten (Referenten), versuchte die lurianische Kabbala systematisch zu entwickeln, indem sie stark sinnlich-konkrete, oft anthropomorphe Darstellungen einsetzte. In der lurianischen, kabbalistischen Tradition, wird gelehrt, dass vor der Erschaffung unserer Welt Gott frühere „Welten“ (olamot, hebräisch עוֹלָמוֹת) erschuf – insbesondere die Welt des Tohu („Chaos“) –, die aufgrund ihrer Unvollkommenheit nicht bestehen konnten und zerbrachen (Schevirat haKelim, „Zerbrechen der Gefäße“).
Diese Idee ist nicht direkt im Sohar, sondern vor allem bei Luria systematisiert, aber sie basiert auf Andeutungen im Sohar und Midrasch.
Die Dor-Daim-Bewegung innerhalb des jemenitischen Judentums zeichnet sich durch eine kritische Haltung gegenüber der Kabbala aus. Insbesondere die Autorität des Sohar wird von ihren Vertretern infrage gestellt, während sie sich stärker an den klassischen jüdischen Quellen und der rationalistischen Religionsauffassung des Maimonides orientieren.
Schon bald nach seiner Entstehung hat der Sohar eine außergewöhnliche Bedeutung zuerst unter Kabbalisten, dann auch im Judentum allgemein gewonnen, wobei jedoch die übrigen kabbalistischen Schriften „in den Hintergrund gedrängt“ wurden und teils verloren gingen. Seine Verbreitung nahm insbesondere nach der Vertreibung der Juden aus Spanien (1492) stark zu. Vor allem für die chassidische Tradition im osteuropäischen Judentum erlangte der Sohar geradezu kanonisches Ansehen.
Auch unter christlichen Gelehrten hat der Sohar einige Resonanz hervorgerufen, insbesondere in der Neuzeit durch die lateinische Übersetzung im zweiten Teil von Christian Knorr von Rosenroths Kabbala denudata. Die spekulative Kraft seiner Sprache hat sogar dazu geführt, thematische Verbindungslinien zur christlichen Lehre zu ziehen bis hin zu Ähnlichkeiten im Wesen des dreifaltigen Gottes. Andererseits wird auch der Sohar Elemente eines esoterischen Christentums im Südeuropa des 12. Jhdts. integriert haben, so dass eine klare Bewertung von Ursachen und Wirkungen schwerfällt. Grundsätzlich zeigen sich in mystischen Traditionen die stärksten und fruchtbarsten Verbindungen zwischen den Religionen.
Charles Mopsik war ein französischer Judaist und Kabbala-Forscher. Er übersetzte den Sohar ins Französische und versah die Übersetzung mit Kommentaren. Zwischen 1981 und 2001 erschienen sieben Bände; das Übersetzungsprojekt blieb unvollendet.
Die modernen Übersetzungen (Stand 1995) decken nicht die Gesamtheit des Sohar ab und „lassen sehr zu wünschen übrig“. Am besten steht es laut Maier mit englischen Übertragungen, „während die französische von de Pauly kaum brauchbar ist“. Jean de Paulys verfälschte Sohar-Übersetzung und die darauf zurückgehenden Fehler in Arthur Edward Waites The Secret Doctrine in Israel hatte auch Gershom Scholem kritisiert. Im Jahre 1995 wurde Daniel Chanan Matt von der Familie Pritzker aus Chicago angesprochen und eingeladen, das Projekt einer kommentierten englischen Übersetzung des Sohar zu übernehmen. 2002 startete der Verlag Stanford University Press die ambitionierte Initiative, eine 12-bändige Übersetzung des Grundlagenwerks der jüdischen Mystik, des Sohars, zu veröffentlichen.
Gelehrte wie Gershom Scholem und Isaiah Tishby hatten im Sohar anders als in der lurianischen Kabbala keine messianische Thematik gefunden. Yehuda Liebes hingegen meinte, in den Idrot messianische Ereignisse erkennen zu können. Gängig war es bis dahin, den erzählerischen Rahmen mit Berichten über die Treffen von zehn Mystikern und ihren Austausch über die Geheimlehren der Kabbala als Mittel für das Zusammenbinden der homiletischen Midraschim und Einzeltraditionen zu sehen. Liebes legte jedoch dar, dass die in die Idra Rabba und Idra Sutta eingeflochtenen Reden nicht bedeutender waren als die Erzählung selbst. Die neuere Forschung, wie jene von Ronit Meroz, geht davon aus, dass die Entstehung des Gesamt-Sohar sich auf den Zeitraum von 1370 bis 1410 erstreckte und die Arbeit von literarischen Lehrer- und Schüler-Generationen sich in fünf unterscheidbaren „Schichten“ niederschlug. Davon die letzte, die „epische Schicht“, unterwarf die Gesamtredaktion des Sohar zum Schluss ebenso wie die anderen literarischen Gattungen der vollständigen Form eines Midrasch und entledigte sie damit ihrer Originaldynamik und Struktur insgesamt. Der Weg zum Verständnis führt daher nach Meroz über ein Separieren der Schichten und der Betrachtung im Einzelnen. Eine derartige Schicht lässt sich bilden, indem alle in sich abgeschlossenen, homiletische Midraschim enthaltende Erzählungen herausgefischt werden, in denen die Helden der Zehnergruppe um Schimon ben Jochai angehören. Wiederum zusammengesetzt, ergeben diese „Szenen“ ein „Messianisches Epos“, ein Drama mit folgenden drei Akten:
„It is a group of books including commentary on the mystical aspects of the Torah (the five books of Moses) and scriptural interpretations as well as material on mysticism, mythical cosmogony, and mystical psychology. The Zohar contains discussions of the nature of God, the origin and structure of the universe, the nature of souls, redemption, the relationship of Ego to Darkness and „true self“ to „The Light of God“, and the relationship between the „universal energy“ and man. Its scriptural exegesis can be considered an esoteric form of the Rabbinic literatur known as Midrash, which elaborates on the Torah. (…)“