Servatiusbüste

Die Servatiusbüste, zentral in der Schatzkammer aufgestellt, 2016

Die Servatiusbüste, auch Reliquienbüste des heiligen Servatius oder Servatius-Büstenreliquiar genannt, ist eine überwiegend aus dem 16. Jahrhundert stammende Büste, die als Reliquiar für einen Teil des Schädels des heiligen Servatius dient. Sie besteht aus vergoldetem und versilbertem Kupfer und ist mit Edelsteinen besetzt. Sie wird in der Schatzkammer der Servatiusbasilika in Maastricht (Niederlande) aufbewahrt.

Die heutige Büste enthält Teile eines älteren Büstenreliquiars aus der Zeit um 1400, das während der Plünderung von Maastricht im Jahr 1579 zerstört wurde. Teile des ursprünglichen Postaments befinden sich im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg. Das heutige Postament stammt aus dem frühen 20. Jahrhundert.

Geschichte

Die Reliquien des heiligen Servatius, der traditionell als Bischof von Tongern und Maastricht im 4. oder 5. Jahrhundert gilt, wurden schon früh in Maastricht aufbewahrt. Im 6. Jahrhundert berichtete Gregor von Tours, dass Bischof Monulphus die Gebeine des Heiligen unter dem Altar einer von ihm errichteten Kirche beigesetzt habe. Im Jahr 1039 sollen die Reliquien in einen steinernen Sarkophag nahe dem Hochaltar der neuen Servatiuskirche überführt worden sein. Im 12. Jahrhundert ließ das Stiftskapitel sie in einem aufwendig gestalteten, vergoldeten Kupferschrein aufbewahren, der als Noodkist bekannt ist. Der Schädel des Heiligen wurde offenbar getrennt aufbewahrt: Im 10. Jahrhundert wird ein Schädelreliquiar erwähnt, und um 1050 ist ein Kopfreliquiar des heiligen Servatius in der Kaiserpfalz Goslar belegt. Keines dieser Objekte ist erhalten; ob es sich bei diesen frühen Reliquiaren tatsächlich um Büsten handelte, ist ungewiss.

Cedula des Servatius-Büstenreliquiars, datiert auf den 8. Mai 1403

Im Jahr 1403 wurde ein Fragment des Schädels des heiligen Servatius in ein eigens dafür angefertigtes silbernes Büstenreliquiar überführt, wie eine zeitgenössische Cedula (Echtheitsbescheinigung der Reliquie) belegt. Die Büste gehörte zu einer regionalen Tradition kostbarer Büstenreliquiare, zu der auch die Reliquiare Karls des Großen in Aachen (Karlsbüste), Papst Cornelius’ in der Propsteikirche Kornelimünster und Johannes des Täufers in der Abteikirche Burtscheid zählen. Möglicherweise stand die Büste mit einer Stiftung des bayerischen Herzogs Heinrich XVI. in Verbindung, der der Überlieferung zufolge von Gicht geheilt worden war, nachdem er das Brustkreuz des heiligen Servatius gesehen hatte. Die Büste könnte dazu bestimmt gewesen sein, dieses Kreuz um den Hals zu tragen. Im 15. und 16. Jahrhundert wurde sie Pilgern gezeigt, unter anderem während der Maastrichter Heiligtumsfahrten, und mit einer als Königskapelle bekannten Kapelle in Verbindung gebracht.

Das ursprüngliche Büstenreliquiar wurde wahrscheinlich während der Belagerung und Plünderung Maastrichts im Jahr 1579 zerstört, als spanisch-habsburgische Truppen unter dem Kommando von Alexander Farnese, Herzog von Parma, die Stadt eroberten. Kurz darauf wurden erhalten gebliebene Teile in eine neue Büste eingearbeitet, die um 1580 auf Veranlassung und Kosten des Herzogs weitgehend neu angefertigt wurde. Teile des Kopfes wurden restauriert, während die Schultern und die bischöfliche Mitra erneuert und das Wappen Parmas auf der Rückseite angebracht wurden. Spätestens 1587 wurde die neue Büste in Prozessionen mitgeführt. Zu den erhaltenen Resten der ursprünglichen Büste gehören Teile des Kopfes, die in das heutige Objekt integriert wurden, sowie acht vergoldete Silberplatten mit Szenen aus dem Leben des Heiligen. Die Platten, die ursprünglich zum Postament gehörten, befinden sich heute im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (Inventarnummer 1885.1195). Das Museum erwarb die vergoldeten Silberplatten 1885 in Antwerpen mit Mitteln aus dem Vermächtnis von Johann Jacob David Neddermann († 1883). Ihre Provenienz vor dem Erwerb durch das Museum ist weitgehend ungeklärt.

Die Büste wurde weiterhin bei religiösen Zeremonien verwendet, doch öffentliche Prozessionen und Reliquienzeigungen wurden eingeschränkt, nachdem Maastricht 1632 von Friedrich Heinrich, Prinz von Oranien, erobert worden war. Die Büste blieb von den erheblichen Verlusten, die die Kirchenschatzkammer nach der französischen Eroberung Maastrichts 1794 und der Aufhebung des Stiftskapitels 1797 erlitt, weitgehend verschont. Um 1908 restaurierte die Aachener Goldschmiedewerkstatt August Witte GmbH die Büste und fertigte ein neues Postament an, in das Kopien der acht in Hamburg befindlichen Platten eingesetzt wurden. 2023 wurde die Büste zur Restaurierung und Untersuchung der Schädelreliquie aus der Schatzkammer entfernt. 2024 kehrte sie in einer erneuerten Vitrine dorthin zurück und nahm wieder an der jährlichen Servatiusprozession teil.

Kunsthistorische Beschreibung

Die Servatiusbüste ist eine vergoldete und versilberte Kupferbüste, die den heiligen Servatius von Maastricht und Tongern darstellt. Das Reliquiar besteht aus vier Teilen: der Mitra, der Schädelkapsel mit der Reliquie, der Büste selbst (Kopf und Schultern) und einem später hinzugefügten Postament.

Büste und Mitra

Die Büste besteht aus getriebenem und ziseliertem Kupfer. Die unbedeckten Hautpartien sind versilbert, während die Kleidung sowie Haare, Schnurrbart, Bart und Augenbrauen vergoldet sind. Sowohl die Vergoldung als auch die Versilberung sind stellenweise stark abgenutzt. Die Pupillen bestehen aus blauem und schwarzem Emaille. Der Kopf des Heiligen ist am oberen Ende nahezu waagerecht abgeflacht und schließt dort an die vergoldete Kupfermitra an. Unterhalb der Mitra befindet sich eine separate Schädelkapsel aus vergoldetem Silber mit einer runden Glasöffnung, durch die Teile des Schädels sowie ein Kieferknochenfragment mit einigen Zähnen sichtbar sind. Im Brustbereich befinden sich Reliquien von Monulphus und Gondulphus.

Als die Büste um 1670 geöffnet wurde, fand man darin eine Cedula (Echtheitsbescheinigung der Reliquie). Das auf Pergament geschriebene Dokument bezeugt, dass das Schädelfragment am 8. Mai 1403 in das Büstenreliquiar übertragen wurde. Die Cedula wurde im 19. Jahrhundert entnommen und wird heute separat in der Schatzkammer aufbewahrt. Ob die silberne Schädelkapsel noch von der ursprünglichen Büste aus dem Jahr 1403 stammt, ist ungewiss.

Die Mitra und der mit einem Pallium bekleidete Schulterbereich sind mit gravierten, edelsteinbesetzten Bändern verziert. Auf der Rückseite befindet sich das Wappen des Herzogs von Parma. Die Büste ist einschließlich der Mitra, aber ohne Postament, 65,6 cm hoch und 51 cm breit.

Postament und Servatiusplatten

Rückansicht des Postaments

Das 35 cm hohe Postament im Stil der Neogotik wurde 1908 vom Aachener Goldschmiedewerkstatt August Witte GmbH angefertigt. Es besteht aus versilbertem Kupfer, ist mit Emaille und Edelsteinen verziert und ruht auf acht Füßen in Form geflügelter Drachen. Eine lateinische Inschrift am unteren Rand erinnert an seine Anfertigung; acht kleine Wappen am oberen Rand verweisen auf Personen und Institutionen, die vermutlich eine Rolle in der Geschichte der Büste gespielt haben.

Die originalen Servatiusplatten (um 1400)

Der Lütticher Kunsthistoriker und Maler Jules Helbig veröffentlichte 1890 die erste Untersuchung der acht vergoldeten Silberplatten, kurz nachdem das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg sie erworben hatte. Er vermutete, dass sie von einem einheimischen Künstler geschaffen worden waren, und verwies auf die genaue Darstellung von Gegenständen, die mit dem heiligen Servatius verbunden sind, darunter der Pilgerstab und der Schlüssel des Heiligen. Außerdem verglich er die Platten mit den Holzschnitten im Blockbuch des heiligen Servatius, das sich in der Königlichen Bibliothek Belgiens in Brüssel befindet. Das Blockbuch, das Szenen aus der Legende des Heiligen darstellt, wird heute auf etwa 1460 datiert und entstand somit mehr als ein halbes Jahrhundert nach den Platten. Die Ähnlichkeiten könnten darauf hindeuten, dass wesentliche Elemente der Servatius-Ikonografie bereits um 1400 etabliert waren und sich in den folgenden Jahrhunderten nur wenig verändert hatten.

Die Platten zeigen acht Szenen aus der Legende des heiligen Servatius:

  1. Ein Engel überreicht dem heiligen Servatius einen Bischofsstab und eine Mitra.
  2. Servatius erhält von Petrus den Schlüssel zum Himmel.
  3. Servatius tötet mit seinem Pilgerstab einen Drachen.
  4. Servatius lässt mit seinem Stab eine Quelle entspringen und erhält von einem Engel ein Trinkgefäß.
  5. Ein Adler schützt Servatius vor der sengenden Sonne.
  6. Servatius verlässt Tongern und überführt die Reliquien seiner Vorgänger nach Maastricht.
  7. Servatius stirbt in Maastricht.
  8. Servatius bestraft mehrere Traubendiebe.

Die Originalplatten in Hamburg bestehen aus Silber und sind mit Ausnahme der Hände und Gesichter der Figuren vergoldet. Jede Platte misst 13,8 × 10,7 cm und ist etwa 2,5 cm dick. 1908 ließ Witte vergoldete Kopien aus Kupfer in das neue Postament einsetzen.

Religiöse und symbolische Bedeutung

Als Reliquiar mit einer Reliquie erster Klasse des heiligen Servatius wurde das Büstenreliquiar gemeinsam mit dem Servatiusschrein höher eingestuft als die Servatiana, die Reliquien zweiter oder dritter Klasse des Heiligen. Die früheste belegte liturgische Verwendung des Büstenreliquiars ist die Mitführung bei der Prozession um den Vrijthof am Fest des Triumphs des heiligen Servatius. Einen Höhepunkt für die Pilger bildete das Abnehmen der Mitra, durch das ein Fragment des Schädels des Heiligen sichtbar wurde. Während der mittelalterlichen Heiligtumsfahrten gehörte das Büstenreliquiar zu den Objekten, die auf dem Vrijthof öffentlich gezeigt wurden.

Heute zählt das Büstenreliquiar zu den vier wichtigsten religiösen Kultgegenständen der Stadt Maastricht, den sogenannten stadsdevoties, neben der Statue Unserer Lieben Frau Meeresstern, dem Schwarzen Christus von Wyck und der Büste des heiligen Lambert. Es nimmt jährlich an der Prozession zum Festtag des heiligen Servatius am 13. Mai teil und wird während der alle sieben Jahre stattfindenden Heiligtumsfahrt im Chor der Basilika ausgestellt. In Prozessionen folgt das Büstenreliquiar auf die übrigen religiösen Kultgegenstände und wird vor dem Servatiusschrein getragen. Wenn es nicht bei religiösen Zeremonien verwendet wird, steht es in der Nähe des Eingangs zur Schatzkammer.

Im 20. Jahrhundert wurde das Büstenreliquiar bei Prozessionen von den Brüdern von Maastricht getragen. 1976 wurde auf Initiative von Bruder Sigismund Tagage die Servatiusgilde gegründet, die diese Aufgabe übernahm. Heute tragen Mitglieder der Gilde das Büstenreliquiar bei religiösen Zeremonien sowie bei Prozessionen im Freien auf einer Tragbahre.

Das Büstenreliquiar ist ein Wahrzeichen der Servatiusbasilika, der Heiligtumsfahrt und der Stadt Maastricht. Es erscheint auf Pilgerzeichen, Plakaten, Fahnen, Bannern und anderen Druckerzeugnissen sowie auf Andachtskerzen.

Literatur

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. ↑ Kroos (1985), S. 31, 46, 52.
  2. ↑ Koldeweij (2000), S. 217.
  3. ↑ Der lateinische Text der Cedula lautet: „Anno a Nativitate Domini MCCCC tercio, mensis Maii die octava, reliquie presentis capitis beati Servatii Episcopi translate fuerunt ad opus istud fabricatum in honorem Eiusdem, presentibus ibidem dominis Henrico a Bylant preposito / et Everardo de R[M]eys decano ac aliis Canonicis residentibus ecclesie beati Servatii memorati“ (Im Jahr der Geburt unseres Herrn 1403, am achten Tag des Monats Mai, wurden die Reliquien des Hauptes des heiligen Servatius, des seligen Bischofs, zu diesem ihm zu Ehren angefertigten Werk überführt, in Anwesenheit der genannten Herren Heinrich von Byland, Propst, und Everard de R[M]eys, Dekan, sowie der übrigen residierenden Kanoniker der genannten Servatiuskirche.)
  4. ↑ Koldeweij (2000), S. 221, 227.
  5. ↑ Möglicherweise blieb das ursprüngliche Postament erhalten. Der Dekan Lipsen des St.-Servatius-Stifts vermutete in seinem Inventar des Kirchenschatzes von 1677, dass das damalige Postament Teil der Büste von 1403 gewesen sei. Bock/Willemsen (1873), Appendices, S. LXIX–LXX, Nr. 118; Ahsmann (2017), Appendix, S. 202, Anm. X2-7.
  6. ↑ Die Importstempel auf den Hamburger Servatiusplatten weisen auf eine Einfuhr nach Belgien hin. Kroos zufolge ist dies für die Frage bedeutsam, wann die Platten Maastricht verließen; der Stempel allein erlaubt jedoch keine genaue Datierung dieses Vorgangs. Kroos (1985), S. 340–341, Anm. 124.
  7. ↑ Koldeweij (2000), S. 227, 231–232.
  8. 1 2 Van Os (2000), S. 78.
  9. 1 2 Servatiusplatten, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg.
  10. ↑ Ahsmann (2017), Appendix, S. 274–275, Anm. 245.
  11. ↑ Bock und Willemsen erwähnen 1872, im Einklang mit Martinus van Heylerhoff, ein Postament, das Anfang des 18. Jahrhunderts von einem Maastrichter Silberschmied namens Weery angefertigt worden sei. Bei dem Silberschmied könnte es sich um Fredericus Wery (1656–1727) gehandelt haben. Dieses Postament ist vermutlich während der französischen Besatzungszeit verloren gegangen. Bock/Willemsen (1872), S. 142.
  12. 1 2 Koldeweij (1985b, 2000), Van Os (2000) und Ahsmann (2017) nennen als Hersteller des Postaments den Aachener Goldschmied August Witte. Damit kann nicht der Firmengründer August Witte (1840–1883) gemeint sein, da er bereits vor der Anfertigung des Postaments verstorben war. Seine Söhne Bernhard Witte (1868–1947) und August Witte junior (1875–1908) führten das Unternehmen unter dem Namen August Witte GmbH weiter. Kroos (1985, S. 341) spricht lediglich vom „Aachener Goldschmied Witte“, nennt im Namen- und Sachregister (S. 444) jedoch „B. Witte“. Dies deutet auf Bernhard Witte als möglichen Hersteller hin. Da die übrigen genannten Autoren keine eindeutige Identifizierung vornehmen, lässt sich die Zuschreibung an Bernhard Witte nicht abschließend sichern.
  13. ↑ Borstbeeld van Sint-Servaas in de wachtkamer voor opknapbeurt, RTV Maastricht, 4. April 2023.
  14. ↑ Annelies Hendrikx, Borstbeeld Sint Servaas na restauratie weer thuis in Maastricht en te zien in nieuwe vitrine schatkamer basiliek, De Limburger, 27. April 2024.
  15. 1 2 Bock/Willemsen (1872), pp. 141–144.
  16. ↑ Koldeweij (1985b), S. 138.
  17. ↑ Koldeweij (1985b), S. 140.
  18. ↑ Helbig (1890), S. 142–146.
  19. ↑ Van Os (2000), S. 84–86.
  20. ↑ Servatiusgilde, archivierte Version von sintservaas.nl.