Partizipative Entscheidungsfindung

Partizipative Entscheidungsfindung (PEF; englisch shared decision-making, SDM) wird in der Medizin die Interaktion bzw. Kommunikation zwischen Arzt und Patient genannt, die darauf zielt, unter gleichberechtigter und aktiver Beteiligung von Patient und Arzt auf Basis geteilter Information zu einer gemeinsam verantworteten Übereinkunft über eine angemessene medizinische Behandlung zu kommen.

Konzepte der Patient-Arzt-Beziehung

Im Rahmen medizinischer Kommunikation unterscheidet man verschiedene Modelle der Patient-Arzt-Beziehung, wobei PEF sich in letzter Zeit zunehmend als allgemeine Erwartung von Patienten durchzusetzen scheint.

Kernelemente

Zu den Kernelementen der partizipativen Entscheidungsfindung gehört u. a. eine „partnerschaftliche Beziehung“ zwischen Patient und Arzt mit möglichst gleichem Informationsstand über Wahlmöglichkeiten bezüglich einer medizinischen Entscheidung („Kommunikation auf Augenhöhe“).

Dabei sollen Arzt und Patient ihre Entscheidungskriterien aktiv und gleichberechtigt in den Abwägungs- und Entscheidungsprozess einbringen und partnerschaftlich für die Entscheidung Verantwortung übernehmen. Rechtlich gesehen hat der Patient jedoch das Selbstbestimmungsrecht (siehe Patientenrechtegesetz 2013).

Prozessschritte

Die partizipative Entscheidungsfindung setzt verschiedene Handlungsschritte voraus. Hierzu gehören

  1. die Übereinkunft zwischen Arzt und Patient, dass eine Entscheidung ansteht;
  2. das Angebot seitens des Arztes, dass die Entscheidung bezüglich einer Behandlungs-Option von Patient und Arzt in gleichberechtigter Partnerschaft entwickelt wird;
  3. Aufzeigen verschiedener gleichwertiger (im besten Falle evidenzbasierter) Behandlungsmöglichkeiten
  4. umfassende gegenseitige Information über Behandlungsoptionen, ihre Evidenzen, Alternativen, Vor- und Nachteile – evtl. unter Nutzung von Entscheidungshilfe-Materialien z. B. schriftlichen Patienteninformationen und Medizinischen Entscheidungshilfen
  5. Rückmeldung über Verständnis der Optionen und Erfragen weiterer Optionen aus Sicht des Patienten;
  6. Ermittlung der Präferenzen des Patienten bzw. des Arztes;
  7. Aushandeln der Entscheidungsmöglichkeiten;
  8. Gemeinsame (partizipative) Entscheidung oder einseitige Entscheidung des Patienten (Selbstbestimmungsrecht), auch gegen den Willen des Arztes;
  9. evtl. Vertrag/Selbstverpflichtung (Plan zur Umsetzung der Entscheidung).

Gesellschaftliche und wissenschaftliche Hintergründe

PEF ist kein modernistisches Konzept der Patient-Arzt-Beziehung, das unterschiedliche, in der Informationsgesellschaft neu aufgekommene Werte und Normen (Information, Partizipation) realitätsblind in das System medizinischer Versorgung überträgt bzw. diesem gar „aufpfropft“. Als bedeutungsvoll und vermutlich auch zukunftsweisend lässt sich PEF bzw. SDM unter anderem aus folgenden Gründen charakterisieren:

Empirische Forschungsergebnisse

Erwartungen der Patienten

„Bis in die 1980er Jahre bevorzugte die Mehrheit der Patienten noch eine passive Rolle im medizinischen Behandlungsprozess. Die aktive und dominante Rolle des Arztes entsprach anscheinend den Bedürfnissen der meisten Patienten […]. Heute möchten viele Patienten an medizinischen Entscheidungen beteiligt werden […] und auch die Politik fordert die stärkere Einbeziehung und Mitbestimmung der Patienten.“

Dieses Fazit über einen Wandel von Patientenansprüchen ziehen Klemperer/Rosenwirth aufgrund von zwei größeren Patientenbefragungen. In Telefoninterviews mit 8.119 Befragten in acht europäischen Ländern gaben 23 % an, selbst über die Behandlung bestimmen zu wollen, 26 % möchten lieber den Arzt entscheiden lassen und 51 % wollen mit dem Arzt gemeinsam über die Behandlungsmethode entscheiden. Umfrageergebnisse aus dem „Gesundheitsmonitor“ der Bertelsmann-Stiftung bei 9.146 Befragten führen zu einer vergleichbaren Bilanz: 58 % wollen eine gemeinsame Entscheidungsfindung, nur 14 % eine autonome Entscheidung und 28 % würden lieber den Arzt allein entscheiden lassen. Auch in der „PIA-Studie“ (Patienten-Information in der Allgemeinmedizin) wurde über 1.100 Patienten in Hausarzt-Praxen des Ruhrgebiets die Frage nach der Patientenrolle gestellt, und auch hier wünscht die überwiegende Mehrheit von 77 % eine Teilhabe an Therapieentscheidungen.

Die Position der Ärzte

Eine Befragung des „Gesundheitsmonitor“ zeigt überwiegend positive Urteile: 67 % sind für dieses Konzept, 21 % favorisieren die alleinige Arzt-Entscheidung, 8 % die Patienten-Entscheidung, 4 % machen dies vom Einzelfall abhängig. Dabei scheinen jüngere Ärzte etwas aufgeschlossener für Shared Decision Making zu sein. Detailliertere Nachfragen zeigen allerdings auch, dass dieses insgesamt positive Votum in nicht unerheblichem Maße von Skepsis und Unbehagen durchsetzt ist und zumindest ambivalent bewertet wird. Auf die Frage, welche Wirkung es hat, wenn Patienten sich schon vor dem Arzttermin über Beschwerden, Behandlungen usw. informiert haben, zeigt sich: Etwa zwei Drittel der im „Gesundheitsmonitor“ befragten 500 Ärzte attestieren diesen Patienten ein „hohes Eigeninteresse“ und knapp die Hälfte erlebt dadurch Erleichterungen ihrer Arbeit. Ebenfalls knapp die Hälfte nimmt diese Vorinformation der Patienten jedoch als zusätzliche Belastung wahr und rund 40 % diskreditieren das Patientenwissen als „ein Gemisch von mehr oder weniger zutreffenden bzw. nützlichen Informationen, welche mich nur behindern.“ Knapp ein Drittel der Ärzte gibt überdies abwertende Urteile, etwa derart, dass eigene Informationen Patienten nur verwirren würden oder ihnen als Ärzten meist die Zeit fehle, darauf einzugehen.

Effekte

Partizipative Entscheidungsfindung kann positive Effekte auf die Zusammenarbeit zwischen Therapeuten und Patienten, auf die Patientenzufriedenheit und gesundheitliches Verhalten haben. Der Einfluss dieses Vorgehens auf den Behandlungserfolg, das heißt auf den Verlauf von Gesundheit und Krankheit ist bisher ungenügend erforscht.

Projekte

Im deutschsprachigen Raum werden seit einiger Zeit vermehrt Projekte zur Anwendung und zur Wirksamkeitsprüfung von Maßnahmen zur Förderung der Partizipativen Entscheidungsfindung durchgeführt. Hierzu gehören unter anderem die Programme Arriba-Rechner, Psychenet und Share to Care. Insbesondere bemüht man sich auch, auf diese Weise die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung zu verbessern.

Siehe auch

Quellen

  1. ↑ Martin Härter: Patientenbeteiligung bei medizinischen Entscheidungen. Effekte der Partizipativen Entscheidungsfindung aus systematischen Reviews. In: Dtsch Ärztebl. Band 104, Nr. 21, 2007, S. A-1483 (aerzteblatt.de).
  2. ↑ Partizipative Entscheidungsfindung. In: Deutsches Netzwerk Gesundheitskompetenz DNGK. Abgerufen am 24. Mai 2021 (deutsch).
  3. ↑ Vgl. Ernest W. B. Hess-Lüttich, Jan C. L. König: Medizinische Kommunikation. In: Gert Ueding (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Band 10, WBG, Darmstadt 2011, Sp. 660–669.
  4. ↑ Cathy Charles, Amiram Gafni, Tim Whelan: Shared decision-making in the medical encounter: What does it mean? (or it takes at least two to tango). In: Social Science & Medicine. Band 44, Nr. 5, März 1997, S. 681–692, doi:10.1016/S0277-9536(96)00221-3 (elsevier.com [abgerufen am 20. Mai 2021]).
  5. 1 2 Christiane Bieber, Kathrin Gschwendtner, Nicole Müller, Wolfgang Eich: Partizipative Entscheidungsfindung (PEF) – Patient und Arzt als Team. In: PPmP - Psychotherapie · Psychosomatik · Medizinische Psychologie. Band 66, Nr. 05, 27. April 2016, ISSN 0937-2032, S. 195–207, doi:10.1055/s-0042-105277 (thieme-connect.de [abgerufen am 20. Mai 2021]).
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  7. ↑ M. Härter, N. Giersdorf, Arbeitsgruppe Methoden des BMGS-Förderschwerpunktes "Der Patient als Partner im medizinischen Entscheidungsprozess", A. Loh, Arbeitsgruppe Methoden des BMGS-Förderschwerpunktes "Der Patient als Partner im medizinischen Entscheidungsprozess", C. Bieber, Arbeitsgruppe Methoden des BMGS-Förderschwerpunktes "Der Patient als Partner im medizinischen Entscheidungsprozess", C. Caspari, Arbeitsgruppe Methoden des BMGS-Förderschwerpunktes "Der Patient als Partner im medizinischen Entscheidungsprozess": Entwicklung eines Fragebogens zur Partizipativen Entscheidungsfindung. In: Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz. Band 47, Nr. 10, Oktober 2004, ISSN 1436-9990, S. 969–976, doi:10.1007/s00103-004-0905-5 (springer.com [abgerufen am 20. Mai 2021]).
  8. ↑ D. Klemperer, M. Rosenwirth: Shared Decision Making: Konzept, Voraussetzungen und politische Implikationen. Chartbook. 2005, S. 12.
  9. ↑ A. Coulter, M. Magee: The European Patient of the Future. Open University Press, 2003.
  10. ↑ Jan Böcken, Bernhard Braun, Melanie Schnee: Gesundheitsmonitor 2004. Die ambulante Versorgung aus Sicht von Bevölkerung und Ärzteschaft. Bertelsmann Stiftung, Gütersloh 2004, ISBN 978-3-89204-781-0.
  11. ↑ J. Isfort u. a.: Shared Decision Making – sind Patienten in der hausärztlichen Praxis dazu bereit?: (Teilergebnisse der PIA-Studie).
  12. ↑ M. Butzlaff, B. Floer, J. Isfort: “Shared Decision Making”: Der Patient im Mittelpunkt von Gesundheitswesen und Praxisalltag. In: J. Böcken, B. Braun, M. Schnee (Hrsg.): Gesundheitsmonitor. Gütersloh 2003, S. 41–55.
  13. ↑ D. Klemperer, M. Rosenwirth: Drittes Hintergrundpapier zum Shared Decision Making Chartbook: Die Sicht der Ärzte. S. 4.
  14. ↑ Linda Sanftenberg, Flora Kuehne, Charlotte Anraad, Caroline Jung-Sievers, Tobias Dreischulte: Assessing the impact of shared decision making processes on influenza vaccination rates in adult patients in outpatient care: A systematic review and meta-analysis. In: Vaccine. Band 39, Nr. 2, 8. Januar 2021, ISSN 1873-2518, S. 185–196, doi:10.1016/j.vaccine.2020.12.014, PMID 33334617.
  15. ↑ L. Aubree Shay, Jennifer Elston Lafata: Where is the evidence? A systematic review of shared decision making and patient outcomes. In: Medical decision making : an international journal of the Society for Medical Decision Making. Band 35, Nr. 1, 2015, ISSN 0272-989X, S. 114–131, doi:10.1177/0272989X14551638, PMID 25351843, PMC 4270851 (freier Volltext).
  16. ↑ Dawn Stacey, France Légaré, Krystina Lewis, Michael J. Barry, Carol L. Bennett: Decision aids for people facing health treatment or screening decisions. In: The Cochrane Database of Systematic Reviews. Band 4, 2017, ISSN 1469-493X, S. CD001431, doi:10.1002/14651858.CD001431.pub5, PMID 28402085, PMC 6478132 (freier Volltext).
  17. ↑ Gute Praxis Gesundheitskompetenz. In: Deutsches Netzwerk Gesundheitskompetenz DNGK. Abgerufen am 25. Januar 2021 (deutsch).