Sigmund Strecker

Sigmund Strecker (* 6. August 1914 in Bodenfelde an der Weser; † 1969 in Halle, Westfalen) war ein deutscher Maler.

Leben und Werk

Sigmund Strecker verlor früh seine Eltern; sein Vater, der Lehrer war, fiel 1916 im Ersten Weltkrieg, 1927 starb seine Mutter. Ein Onkel, lutherischer Pfarrer, übernahm die Sorge für den Dreizehnjährigen und schickte ihn auf das humanistische Gymnasium der Franckeschen Stiftungen in Halle an der Saale. Durch ältere Mitschüler wurde er an die damalige zeitgenössische Kunst herangeführt. Bei Besuchen von Museen und Ausstellungen in Halle, Leipzig und Dresden traf er auf die Malerei von Blauem Reiter, Brücke und Bauhaus. Von 1934 bis 1937 studierte er Malerei an der Staatlichen Hochschule für Kunsterziehung in Berlin (Tappert, Jaeckel, Schrimpf) und wurde dort von den Expressionisten und Malern der Neuen Sachlichkeit beeinflusst. Von 1938 bis 1939 setzte er seine Studien an der Kunstakademie Düsseldorf fort.

1937 heiratete er seine Kommilitonin Ilse Winckel, deren Vater Richard Winckel (1870–1941) Professor an der Kunstgewerbeschule in Magdeburg war. Sie selbst war ebenfalls Künstlerin, widmete sich aber zu Lebzeiten Sigmund Streckers überwiegend ihrer Familie und der Unterstützung ihres Mannes. Bei Kriegsbeginn 1939 zog das Paar mit seinem ersten Sohn Christoph von Düsseldorf nach Magdeburg zu den Eltern Ilse Streckers. 1940 wurden die Zwillinge Bernhard und Ivo geboren. Kurz darauf wurde Sigmund Strecker zum Kriegsdienst eingezogen. Zum Zeitpunkt der Taufe seiner Söhne war er bereits in Frankreich. Bis zum Kriegsende war er als Kartenzeichner in Griechenland, Südrussland und auf der Krim eingesetzt. Aus dieser Zeit sind zahlreiche Aquarelle erhalten geblieben.

1941 starb der Vater von Ilse Strecker und die Familie zog nach Wernigerode im Harz. Nach der Entlassung aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft ließ sich der Maler mit seiner Familie in Neuenkirchen (heute Ortsteil von Melle) nieder, wo 1954 die Tochter Susanne geboren wurde.

In dem beginnenden wirtschaftlichen Aufschwung nach 1945 arbeitete Sigmund Strecker als selbstständiger Werbegrafiker. Für die damalige „Brennerei zum Baum“ des Familienunternehmens Wilhelm Kisker in Halle Westfalen entwarf er das Logo. Der von ihm gezeichnete stilisierte Baum ist noch heute das Signet der Firma. Er erhielt auch Aufträge für große Wandteppiche, die seine Frau Ilse auf dem heute noch erhaltenen großen Webstuhl webte. Außer Landschaften, Blumen und Stillleben in kräftigen Farben malte er Porträts, die überwiegend in Privatbesitz sind.

1957 übersiedelte die Familie nach Halle Westfalen, wo sie das Fachwerk eines ehemaligen Schafstalls als Wohnhaus und Atelier wiederaufgebaut hatte. Inzwischen konnte die Familie vom Verkauf der Bilder leben.

Sigmund Strecker reiste mehrmals nach Paris und Südfrankreich. Die Auseinandersetzung mit Werken von Paul Cézanne und Giorgio Morandi beeinflusste sein Schaffen. Nach der Pinselmalerei seines Frühwerks bevorzugte er nun für einige Jahre die Spachteltechnik. Seine Motive nahm er weiter aus seiner unmittelbaren Umgebung: aus der Gegend des Teutoburger Waldes die Landschaften, aus seinem Haus und Garten die Blumen sowie die Krüge, Schalen und Früchte der Stillleben. In seinen letzten Lebensjahren malte er nur noch sparsame Pinselbilder. Dazu begann er mit Ton zu arbeiten, formte einfache, fast archaisch wirkende Figuren. 1965 erkrankte er schwer, 1969 schied er durch Freitod aus dem Leben.

Rezeption

Nach 1945 wurden Sigmund Streckers Bilder zunächst in Gruppenausstellungen, dann auch in zahlreichen Einzelausstellungen gezeigt. Nach dem Tod Ilse Streckers (2000), die sich um den Nachlass ihres Mannes gekümmert hatte, übernahm der Sohn Bernhard die Aufgabe, das Erbe seines Vaters sichtbar zu machen. 2009 realisierte er zunächst eine große Retrospektive-Ausstellung im Schloss Königsbrück in Neuenkirchen und ein Jahr später richtete er in Melle ein privates Museum ein, das als "Haus der Bilder" von 2010 bis 2024 die Bilder Sigmund Streckers präsentierte. 2012 machte er in Halle Westfalen das Wohn- und Atelierhaus als Atelier-Museum Sigmund Strecker der Öffentlichkeit zugänglich. Dort kann man seitdem die Wirkungsstätte des Malers und seiner Frau Ilse Strecker besuchen.

Sigmund Strecker zeigte in seinen Bildern nach der Zeit des Krieges mit seinen Schrecken und Zerstörungen das unauffällig Schöne: Landschaften, Blumen und – in seinen Stillleben – die Dinge des alltäglichen Lebens. Er schuf Ölgemälde, die in ihrer bewusst reduzierten Formensprache umso intensiver den Blick auf die Schönheit der Natur lenken. Hier erreichte er, ohne sich vollständig vom Gegenstand zu lösen, einen hohen Grad an Abstraktion. Anne-Christin Radeke sieht gerade in dieser Zwischenposition den Reiz von Sigmund Streckers Bildern: „Die Diskrepanz zwischen Abstraktion und reiner Gegenständlichkeit macht die Spannung und das Geheimnis seiner Malerei aus.“ „Seine Gemälde erzählen nicht, sondern stellen Gegenstände auf die Bildfläche, ohne räumliche Tiefe zu suggerieren.“ So beschreibt der Kritiker Jürgen P. Wallmann die Wirkung der Streckerschen Stillleben. Und Ivo Strecker verwendet den Begriff eines Poetischen Realismus, um die Bilder seines Vaters zu charakterisieren. Dieter Hoffmann-Axthelm geht in seinem Essay auf Sigmund Streckers „Verweigerung gegenüber dem Markt“ ein: „Wer damals [d.h. in den 50er Jahren] weiter gegenständlich malte, musste seine Gründe vorweisen. […] Wer abstrakt malte, war entnazifiziert.“ Strecker, der nach dem Zeugnis seines Künstlerfreundes Bernard Schultze erklärter Gegner des NS-Regimes gewesen war, folgte diesem Trend, in die Abstraktion auszuweichen, nicht. Zwei Zitate von Sigmund Strecker können sein künstlerisches Selbstverständnis charakterisieren:

„Die alltäglichen Dinge bleiben für die Malerei unerschöpflich. Es kommt nur darauf an, ihnen immer wieder eine neue Seite abzugewinnen.“

„Ich möchte, dass das Bild reich genug ist, um für den Betrachter eine Nahrung sein zu können.“

Einzelausstellungen

Werke

Literatur

Commons: Sigmund Strecker – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. ↑ Anne-Christin Radeke: Sigmund Strecker, Maler. Edition Bielefelder Kunstverein, Pendragon 1994, S. 131.
    1. 1 2 3 4 5 S. 132.
    2. ↑ S. 132f.
    3. ↑ S. 133.
    4. ↑ S. 14.
  2. ↑ Ilse Strecker: Die Geschichte meiner Mutter – und damit die meine: Ilse Strecker – Erinnerungen. Bergmann Verlag 2015, S. 71 f.
  3. ↑ Der friedvolle Soldat. Die Krim. Zeichnungen und Aquarelle von Sigmund Strecker. Wanderausstellung Halle Westfalen 2014.
  4. ↑ Ilse Strecker: Die Geschichte meiner Mutter – und damit die meine: Ilse Strecker – Erinnerungen. Bergmann Verlag 2015, S. 75.
  5. ↑ Anne-Christin Radeke: Ein Gespräch mit dem Maler Bernard Schultze, in Anne-Christin Radeke: Sigmund Strecker, Maler. Edition Bielefelder Kunstverein, Pendragon 1994, S. 101f.
  6. ↑ Willem Schulz und Ivo Tödtmann: Alles hat seine Zeit - Abschied vom Sigmund-Strecker-Museum 2025.
  7. ↑ Website der Stadt Halle Westf.
  8. ↑ Ivo Strecker und Ivo Tödtmann: Malen im natürlichen Licht 2026
  9. ↑ Jürgen P. Wallmann: Abstrakte Gegenständlichkeit. Bielefelder Kunstveein präsentiert den Maler Sigmund Strecker. In: Westfälische Nachrichten, 20.6.1995
  10. ↑ Claudia Genuit-Thiessen: Ein Poetischer Realismus. In: Westfalen-Blatt, 27.3.2019
  11. ↑ Dieter Hoffmann-Axthelm: „Leichtigkeit und Verdichtung. Zu den Bildern des Malers Sigmund Strecker.“ Zit.n. Anne-Christin Radeke: Sigmund Strecker, Maler. Edition Bielefelder Kunstverein, Pendragon 1994, S. 19f.
  12. ↑ Zit.n. Anne-Christin Radeke: Sigmund Strecker, Maler. Edition Bielefelder Kunstverein, Pendragon 1994, S. 101.
  13. ↑ Zit.n. Anne-Christin Radeke: Sigmund Strecker, Maler. Edition Bielefelder Kunstverein, Pendragon 1994, S. 19f.
Personendaten
NAME Strecker, Sigmund
KURZBESCHREIBUNG deutscher Maler
GEBURTSDATUM 6. August 1914
GEBURTSORT Bodenfelde
STERBEDATUM 1969
STERBEORT Halle (Westf.)