Sigrid Falkenstein

Sigrid Falkenstein (geb. Lehnkering) (* 14. Juli 1946 in Mülheim an der Ruhr) ist eine deutsche Pädagogin, Familienforscherin und Autorin mit Schwerpunkt auf dem Thema „Euthanasie“ im Nationalsozialismus. Sie ist die Nichte von Anna Lehnkering, die 1940 in der Gaskammer von Grafeneck ermordet wurde.

Leben

Falkenstein wuchs im Ruhrgebiet auf. Sie studierte an der Pädagogischen Hochschule Ruhr, Abteilung Kettwig/Duisburg. Nach dem Referendariat in Geldern und Kevelaer arbeitete sie von 1971 bis 1997 als Lehrerin an einer Hauptschule in Berlin-Moabit, anschließend bis 2009 an einem Oberstufenzentrum in Berlin-Kreuzberg. Sie ist verheiratet und hat zwei Töchter, darunter die Journalistin Janna Falkenstein. 2003 fand Falkenstein per Zufall den Namen ihrer Tante Anna Lehnkering auf einer Liste von Opfern der NS-„Euthanasie“ („Aktion T4“) im Internet. In ihrer Familie hatte man Annas Schicksal verdrängt und verschwiegen. Falkenstein begann die Lebensgeschichte ihrer Tante zu recherchieren und veröffentlichte 2004 eine Gedenkseite für Anna im Internet. Weitere Gedenkzeichen folgten, so zum Beispiel 2009 ein Stolperstein.

Falkenstein erfuhr erst 2023 per Zufall, dass ihr Großcousin Friedel Bieber 1943 im Rahmen der dezentralen „Euthanasie“ in der Tötungsanstalt Hadamar starb. Zuvor war er mehrere Jahre „Pflegling“ in der Heilerziehungs- und Pflegeanstalt Scheuern bei Nassau an der Lahn.

Stolperstein für Anna Lehnkering

Bürgerschaftliches Engagement (Auswahl)

Aus Falkensteins persönlicher Spurensuche erwuchs ein umfangreiches bürgerschaftliches Engagement gegen das Vergessen der „Euthanasie“-Opfer. Sie wurde Ansprechpartnerin für Angehörige anderer Opfer, hielt Vorträge, machte Lesungen, sprach in Schulklassen und beteiligte sich an verschiedenen zivilgesellschaftlichen Aktivitäten. Sie trug mit ihrer Erinnerungsarbeit dazu bei, dass die Themen „Euthanasie“ und Zwangssterilisation im Nationalsozialismus inzwischen eine breite Öffentlichkeit erreicht haben. „Ich finde es wichtig, Geschichten wie die von Anna zu erzählen, denn es sind meiner Meinung nach Einzelschicksale, die jenseits anonymer Zahlenkolonnen Geschichte begreifbar machen. Wir können, wir müssen aus der Geschichte lernen, denn die alten Denkmuster von Ausgrenzung und Diskriminierung, rassistische Vorurteile und Vorbehalte gegenüber Minderheiten existieren nach wie vor. Der Mensch als Gegenstand ökonomischer Kosten-Nutzen-Rechnung, das sind Formen der Abwertung, auf die wir auch heute achten müssen. Vielleicht fassen die Worte von Max Mannheimer gut zusammen, was mich antreibt: ‚Ihr seid nicht verantwortlich für das, was geschah. Aber dass es nicht wieder geschieht, dafür schon.‘“ Falkenstein: „Ich fühlte mich verantwortlich dafür, das Schweigen zu brechen.“

Namensnennung

Die Namensnennung von Opfern der NS-„Euthanasie“ war Falkenstein von Anfang an ein besonderes Anliegen. Deutsche Archivregelungen haben lange die öffentliche Nennung der Namen von „Euthanasie“-Opfern verhindert. Mit Bezug auf Datenschutzrichtlinien wurde argumentiert, man müsse auf die schutzwürdigen Belange der heute lebenden Angehörigen Rücksicht nehmen. Falkenstein nannte das im Deutschen Bundestag: „Eine Argumentation, die an rassenhygienische Denkmuster anknüpft! Es ist an der Zeit, diese unheilvolle Kontinuität zu durchbrechen und die Namen der Opfer zu nennen, um sie in das familiäre und kollektive Gedächtnis zu holen. Es wäre zugleich ein Beitrag zur Entstigmatisierung von Menschen, die heute von Behinderung oder psychischer Erkrankung betroffen sind.“ 2011 und 2013 wandte sich Falkenstein mit einem Plädoyer an betroffene Angehörige: „... diesen Teufelskreis gilt es zu durchbrechen! Schweigen und Verdrängen machen krank! Wer – wenn nicht wir als Angehörige – könnte glaubwürdiger bezeugen, dass die Opfer keine anonyme Masse waren?! Wer – wenn nicht wir – wäre besser geeignet, ihnen Gesicht und Namen und damit ihre Identität zurückzugeben? Über das Gedenken hinaus können wir aber auch mit der Erinnerung an ihre Lebensgeschichten die Geschichte unserer Gesellschaft sichtbar machen und auf diese Weise vielleicht dazu beitragen, dass sich Derartiges nie wiederholen möge! ...“ 2017 rezitierte der britische Schauspieler John Simm anlässlich des Holocaust Memorial Days einige Sätze aus Falkensteins Plädoyer. John Simm: Who if not we ...?
Falkenstein hat wesentlichen Anteil daran, dass die Namen der „Euthanasie“-Opfer aus der Heil- und Pflegeanstalt Bedburg-Hau, wo Anna von 1936 bis 1940 Patientin war, in den Namensbüchern der LVR-Klinik Bedburg-Hau und der Gedenkstätte Grafeneck veröffentlicht wurden.

Falkenstein erzählt Annas Geschichte

Annas Geschichte (Theater und Ausstellung)

Erinnerung an die Opfer der NS-„Euthanasie“ im nationalen Kontext

Am 2. September 2014 wurde der zentrale Gedenk- und Informationsort für die Opfer der nationalsozialistischen »Euthanasie«- Morde an der Berliner Tiergartenstraße 4 eingeweiht.

Gedenk- und Informationsort für die Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Morde

Sein Entstehen geht wesentlich auf das Engagement eines Runden Tisches zurück, der 2007 von Falkenstein zusammen mit Andreas Nachama, damaliger Direktor der Topographie des Terrors, gegründet worden war. Am 27. Januar 2017 (Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus) standen erstmalig die Opfer der „Euthanasie“ und Zwangssterilisation im NS-Staat im Mittelpunkt der Gedenkstunde im Deutschen Bundestag. Hartmut Traub und Sigrid Falkenstein hielten Gedenkreden als Angehörige von Opfern. (Rede von Sigrid Falkenstein)

Publikationen

(Spaß am Lesen Verlag - Lesen für alle) „Der Spaß am Lesen Verlag gibt Lesestoff für Menschen heraus, denen das (Deutsch) Lesen schwer fällt: zum Beispiel Menschen mit Behinderungen, niedrigem Bildungsniveau oder mit Deutsch als Fremdsprache. Auch sie sollen über Aktuelles oder Wissenswertes mitreden können. Darum schreiben wir in Einfacher Sprache – verständlich für alle!“

Seit Februar 2022 ist Annas Geschichte Teil der barrierearmen Website „Geschichte inklusiv“ der Gedenkstätte Brandenburg an der Havel.

Rezensionen (Auswahl)

Anna und wir - Der Spiegel 25/2012

Auszeichnungen

Falkensteins Einsatz für ein würdiges Gedenken an die Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Morde wurde verschiedentlich ausgezeichnet.

Einzelnachweise

  1. ↑ Liste von Opfern der NS- „Euthanasie“ („Aktion T4“), abgerufen am 26. Juni 2022
  2. ↑ Gedenkseite für Anna, abgerufen am 26. Juni 2022
  3. ↑ Friedel Bieber, Auszug aus Webseite von Sigrid Falkenstein, abgerufen am 24. Juli 2024
  4. ↑ 2017: Interviewreihe mit Angehörigen von „Euthanasie“-Opfern auf dem Blog Gedenkort-T4, abgerufen am 25. Juni 2022
  5. ↑ Gespräch über das Brechen des Schweigens, abgerufen am 25. Juni 2022
  6. ↑ Gedenken der Opfer durch Namensnennungen, abgerufen am 25. Juni 2022
  7. ↑ aus der Rede von Falkenstein im Deutschen Bundestag, 27. Januar 2017: (Sigrid Falkenstein: Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Gedenkstunde im Deutschen Bundestag am 27. Januar 2017 / Rede von Sigrid Falkenstein. (PDF) In: bundestag.de. 27. Januar 2017, abgerufen am 11. Februar 2017.)
  8. ↑ Plädoyer für Freigabe der Opfernamen, abgerufen am 25. Juni 2022
  9. ↑ Zitate von John Simm, abgerufen am 25. Juni 2022
  10. ↑ Gedenkstätte Grafeneck, abgerufen am 25. Juni 2022
  11. ↑ Erinnerung in Bedburg-Hau, abgerufen am 26. Juni 2022
  12. ↑ Psychiatrie im Nationalsozialismus, abgerufen am 25. Juni 2022
  13. ↑ Projekt Zeit- und Zweitzeugen, abgerufen am 25. Juni 2022
  14. ↑ Video des Interviews, abgerufen am 25. Juni 2022
  15. ↑ Tagungsbericht gegen das Vergessen, abgerufen am 25. Juni 2022
  16. ↑ Veranstaltung im Berliner Parlament, abgerufen am 26. Juni 2022
  17. ↑ Video „Massenmord in Kliniken“, abgerufen am 26. Juni 2022
  18. ↑ Porträt von Sigrid Falkenstein, abgerufen am 25. Juni 2022
  19. ↑ Ännes letzte Reise. Theater mini-art, abgerufen am 22. Mai 2018.
  20. ↑ Geschichte eines schwierigen Ortes, abgerufen am 25. Juni 2022
  21. ↑ Berlin erinnert, abgerufen am 20. Juli 2022
  22. ↑ Gedenk- und Informationsort, abgerufen am 25. Juni 2022
  23. ↑ Gedenkstunde im Bundestag, abgerufen am 25. Juni 2022
  24. ↑ Rede von Sigrid Falkenstein im Bundestag, abgerufen am 20. Juli 2022
  25. ↑ Annas Spuren, abgerufen am 25. Juni 2022
  26. ↑ Annas Spuren in Kurzfassung, abgerufen am 25. Juni 2022
  27. ↑ Lesen für alle, abgerufen am 25. Juni 2022
  28. ↑ Lesung in einfacher Sprache, abgerufen am 25. Juni 2022
  29. ↑ Geschichte inklusiv, abgerufen am 25. Juni 2022
  30. ↑ Geschichte eines schwierigen Ortes, abgerufen am 25. Juni 2022
  31. ↑ Rezension des Spiegels, abgerufen am 26. Juni 2022
  32. ↑ Zitat Götz Aly: Die Belasteten „Euthanasie“ 1939–1945. Eine Gesellschaftsgeschichte S. Fischer, Frankfurt 2013
  33. ↑ Forschungspreis verliehen, abgerufen am 25. Juni 2022
  34. ↑ Ordensverleihung, abgerufen am 26. Juni 2022
  35. ↑ Ordensverleihung in Berlin, abgerufen am 26. Juni 2022
Personendaten
NAME Falkenstein, Sigrid
ALTERNATIVNAMEN Lehnkering, Sigrid (Geburtsname)
KURZBESCHREIBUNG deutsche Autorin
GEBURTSDATUM 14. Juli 1946
GEBURTSORT Mülheim an der Ruhr