Sphygmograph

Der Sphygmograph beziehungsweise Sphygmograf (früher: Pulszeichner; altgriechisch für „Pulsschreiber“; von σφυγμός sphygmós ‚Puls‘, und „-graphie“ von altgriechisch γράφειν gráphein, deutsch ‚zeichnen‘) ist ein Gerät zur dauerhaften Aufzeichnung von Pulsfrequenzen als Kurven (Pulskurve). Mit ihm konnte zudem der Blutdruck erstmals unblutig gemessen werden.

Sphygmograph von Marey

Funktionsweise

Bei allen Sphygmographen setzt die abwechselnd sich ausdehnende und kontrahierende Arterie ein kleines Plättchen in Bewegung, welches wiederum auf einen langen Hebelarm wirkt. Dieser Hebelarm schreibt die Bewegung der Arterienwand in vergrößertem Maßstab auf einen Papierstreifen, welcher durch ein Uhrwerk in gleichmäßige Bewegung versetzt und vor der Spitze des Hebelarms vorbeigeführt wird. Auf dem Papier bilden sich die Pulsbewegungen in Gestalt einer je nach der Art des untersuchten Pulses mannigfach modifizierten Wellenlinie ab. Kennt man die Geschwindigkeit, mit welcher das Papier an der Hebelspitze vorübergeht, so kann man die Dauer einer Pulswelle berechnen; außerdem kann man an der Kurve das allmähliche An- und Absteigen der Pulswellen, ihre Aufeinanderfolge et cetera genau verfolgen.

Geschichte und Entwicklung

Das erste derartige Gerät wurde vermutlich von dem Physiologen Karl von Vierordt (1818–1884) 1854 entwickelt. Weiter verbreitet war der verbesserte Nachbau des französischen Naturkundeprofessors Étienne-Jules Marey von 1860, der später auch die chronofotografische Flinte erfand. Mareys Variante zeichnete die Kurven auf berußten Glasplatten auf. Auch der österreichische Physiker Ernst Mach beschrieb 1863 einen Sphygmographen. Robert Ellis Dudgeron entwickelte 1881 ebenfalls einen Sphygmographen. Noch 1891 konstruierte Maximilian von Frey einen Sphygmographen nach Vierordts Prinzip.

Ignaz Petter und Otto Frank entwickelten 1907 den „Petter-Frank-Sphygmograph (Ignaz Petter, geboren 1875; Otto Frank, 1865–1944, Physiologe, Gießen, München): Pulsschreiber mit Hebelübertragung; günstige Massenverteilung, daher optimales zeitliches Auflösungsvermögen.“

Der Sphygmograph konnte sich als routinemäßiges diagnostisches Instrument nur begrenzt durchsetzen. Louis Waldenburg entwickelte 1877 mit dem sogenannten Angiometer (auch Pulsuhr genannt) ein weiteres mechanisches Instrument zur Beurteilung des Pulses; anders als der Sphygmograph zeichnete es jedoch keine Pulskurve auf.

Sphygmologie

Die Lehre vom Puls ist die Sphygmologie.

Sphygmometrie

Die Messung und die Beurteilung der Pulsfrequenz wurde Sphygmometrie genannt.

Sphygmoskopie

Unter einer Sphygmoskopie verstand man früher die Pulsuntersuchung.

Sphygmomanometrie

Eine andere Weiterentwicklung war das Sphygmomanometer von Scipione Riva-Rocci (Blutdruckmessgerät).

Sphygmophonie

Ein Sphygmophon ist eine Unterart des Sphygmographen. Es ist ein mit galvanischer Batterie und Telefon verbundener federnder Stromunterbrecher, der – auf die Arterie gesetzt – den Puls und seine Modifikationen laut hörbar macht.

Sphygmobolometrie

„Die Sphygmobolometrie [war nach Sahli eine] Methode zur Bestimmung der lebendigen Kraft der Pulswelle, gemessen an der Kompression der Luft in einer Gummimanschette.“

Sphygmotonographie

Der Sphygmotonograph war nach Uskoff ein „Apparat zur Aufzeichnung der Blutdruckschwankungen“.

Literatur

Einzelnachweise

  1. ↑ Otto Dornblüth: Wörterbuch der klinischen Kunstausdrücke. Verlag von Veit & Comp., Leipzig 1894, S. 125.
  2. ↑ Duden: Wörterbuch medizinischer Fachbegriffe. 10. Auflage. Dudenverlag, Berlin 2021, ISBN 978-3-411-04837-3, S. 753.
  3. ↑ Julius Mahler: Kurzes Repetitorium der medizinischen Terminologie (Medizinisches Taschenwörterbuch). 4. Auflage, Verlag von Johann Ambrosius Barth, Leipzig 1922, S. 182.
  4. ↑ Peter Reuter: Springer Klinisches Wörterbuch 2007/2008. 1. Auflage, Springer-Verlag, Heidelberg 2007, ISBN 978-3-540-34601-2, S. 1730.
  5. ↑ Günter Thiele, Heinz Walter (Hrsg.): Reallexikon der Medizin und ihrer Grenzgebiete. Loseblattsammlung 1966–1977, 6. Ordner (S–Zz). Urban & Schwarzenberg, München/Berlin/Wien 1974, ISBN 3-541-84006-4, S. S 258.
  6. ↑ Karl Vierordt: Die Lehre vom Arterienpuls in gesunden und kranken Zuständen, gegründet auf eine neue Methode der bildlichen Darstellung des menschlichen Pulses. Viehweg, Braunschweig 1855.
  7. ↑ Étienne-Jules Marey: Recherches sur l’état de la circulation d’après les caractères du pouls, fournis par un nouveau sphygmographe. In: Journal de la physiologie de l’homme et des animaux. Band 3, 1860, S. 241–274.
  8. ↑ Alexandre Métraux: Ernst Mach Invents a New Sphygmograph. In: Science in Context. Band 29, Nummer 4, 2016, S. 379–407. DOI: 10.1017/S026988971600020X.
  9. ↑ Ernst Mach: Über eine neue Einrichtung des Pulswellenzeichners. In: Sitzungsberichte der mathematisch-naturwissenschaftlichen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien. Band 47, II. Abteilung, 1863, S. 53–56.
  10. ↑ Robert Ellis Dudgeon: The Sphygmograph: Its History and Use as an Aid to Diagnosis in Ordinary Practice. Baillière, Tindall and Cox, London 1882.
  11. ↑ Heinz Walter, Günter Thiele (Hrsg.): Reallexikon der Medizin und ihrer Grenzgebiete, Verlag Urban & Schwarzenberg, 5. Band (Mem–Rz), München/Berlin/Wien 1973, ISBN 3-541-84005-6, S. P 115.
  12. ↑ Otto Frank, Ignaz Petter: Ein neuer Sphygmograph. In: Zeitschrift für Biologie. Band 49, 1907, S. 70–76.
  13. ↑ Louis Waldenburg: Die Messung des Pulses und des Blutdrucks am Menschen. Verlag August Hirschwald, Berlin 1880.
  14. ↑ Lyman A. Brewer III: Sphygmology through the centuries. Historical notes. In: The American Journal of Surgery. Band 145, Nummer 6, Juni 1983, S. 696–702. DOI:10.1016/0002-9610(83)90124-1.
  15. ↑ Dietrich Wilhelm Heinrich Busch, Carl Ferdinand von Gräfe, Johann Friedrich Dieffenbach, Ernst Horn, Johann Christian Jüngken, Heinrich Friedrich Link, Johannes Peter Müller, Justus Friedrich Carl Hecker, Emil Osann, Christoph Wilhelm Hufeland, Karl Asmund Rudolphi, Eduard Caspar Jacob von Siebold (Hrsg.): Encyclopädisches Wörterbuch der medicinischen Wissenschaften. 32. Band: Spalatro–Syphiliden. J. W. Boike, Berlin 1844, Stichwort „Sphygmologie“, S. 57 ff.
  16. ↑ Oswald Naumann: Beiträge zur Lehre vom Puls, insbesondere vom doppelschlägigen. In: Zeitschrift für rationelle Medicin. 3. Reihe, Band 18, 1863, S. 193 ff.
  17. ↑ Otto Roth: Klinische Terminologie. 10. Auflage, von Karl Doll und Hermann Doll, Georg Thieme Verlag, Leipzig 1925, S. 487.
  18. ↑ Scipione Riva-Rocci: Un nuovo sfigmomanometro. In: Gazetta medica di Torino. Band 47, (10. und 17. Dezember) 1896, S. 981–1001; englische Übersetzung: A New Sphygmomanometer. In: Albert Faulconer, Thomas Edward Keys: Foundations of Anesthesiology. 2 Bände, Charles C. Thomas, Springfield (Illinois) 1965, Band 2, S. 1043–1075.
  19. ↑ Sigmund Theodor Stein: Das Sphygmophon, ein neuer electro-telephonischer Apparat zur Diagnose der Herz- und Pulsbewegungen. In: Berliner Klinische Wochenschrift. 15. Jahrgang, Nummer 49, 9. Dezember 1878, S. 723–725.
  20. ↑ Albert Eulenburg (Hrsg.): Real-Encyclopädie der gesammten Heilkunde. 2. Auflage, 18. Band, Urban & Schwarzenberg, Wien/Leipzig 1889, S. 436.
  21. ↑ Otto Roth: Klinische Terminologie. 10. Auflage, von Karl Doll und Hermann Doll, Georg Thieme Verlag, Leipzig 1925, S. 487.
  22. ↑ Hermann Sahli: Die Sphygmobolometrie, eine neue Untersuchungsmethode der Zirkulation. In: Deutsche Medizinische Wochenschrift. Band 33, Nummer 16, 1907, S. 628–631; Fortsetzung in Nr. 17, S. 672–676. doi:10.1055/s-0029-1203021 und doi:10.1055/s-0029-1203033.
  23. ↑ Otto Roth: Klinische Terminologie. 10. Auflage, von Karl Doll und Hermann Doll, Georg Thieme Verlag, Leipzig 1925, S. 487.
  24. ↑ Leontij Iwanowitsch Uskoff: Der Sphygmotonograph. In: Zeitschrift für klinische Medizin. Band 66, 1908, S. 90–105.