St. Stephan (Lindau)

St. Stephan in Lindau

Die evangelische Stadtkirche St. Stephan ist die evangelische Hauptkirche in Lindau (Bodensee) in Bayern und steht am Marktplatz im östlichen Bereich der Insel Lindau. Die Stephanskirche gehört der Staatlichen Bayerischen Kirchenstiftung.

Geschichte

Die ursprüngliche Pfarrkirche auf der Lindauer Insel war zunächst die Peterskirche. Nachdem diese zu klein geworden war, wurde Ende des 12. Jahrhunderts die neue Pfarrkirche St. Stephan als spätromanischer Bau errichtet. Nach der Fertigstellung im Jahr 1180 wurde die Peterskirche zur Filialkirche.

1270 wurde die Kirche durch einen gotischen Chor erweitert. 1506 wurden die beiden Seitenschiffe vergrößert und die Kirche zum Marktplatz hin verlängert.

1523 begann der Mönch Michael Hugo im Lindauer Barfüßerkloster mit der Predigt nach der lutherischen Lehre und brachte so die Reformation nach Lindau. Mit dem Reformator Thomas Gassner schloss sich der Rat der Freien Reichsstadt Lindau der Reformation an und die Stephanskirche wurde 1528 evangelisch. Gassner prägte diesen Vorgang im reformierten und bilderfeindlichen Sinn; dadurch ging ein großer Teil der Innenausstattung verloren.

1781 bis 1783 wurde der Innenraum im Stil des Rokoko umgestaltet.

Architektur

Innenansicht

Die flach gedeckte Ba­si­lika des frühen 16. Jahrhunderts wurde im späten 18. Jahrhundert zu einer Stufenhalle umgestaltet. Deren gegenüber den Seitenschiffen deutlich erhöhtes Mittelschiff wird von einer flachen hölzernen Tonne gewölbt.

Turm

Das Untergeschoss des Turmes ist romanischen Ursprungs. Die beiden oberen Geschosse wurden im frühen 16. Jahrhundert aufgesetzt. Im 18. Jahrhundert wurde eine Blen­dar­ka­tur vor­ge­legt. Der Turmhelm wurde 1781 bis 1783 aufgesetzt.

2022 erfolgte eine gründliche Außeninstandsetzung, für welche der Turm vollständig eingerüstet wurde. Anlass war, dass ein großer Putzbrocken aus 40 Metern Höhe herabgestürzt war. Diese Sanierung sollte die Folgen einer ungünstigen Materialwahl bei früheren Instandsetzungen beheben: Zementputz hatte für einen Nässestau im Mauerwerksinneren und Frostsprengung gesorgt, und reichlich eingebaute Eisenbewehrungen hatten zu Rostsprengungen geführt. Bei der Großsanierung wurde auch ein romanischer, später zugemauerter Triforienbogen entdeckt, der als Schallloch einer früheren Glockenstube gedient hatte.

Ausstattung

Der Taufstein, der Altar und die Kanzel in rötlichem Stuckmarmor stammen aus dem Jahr 1781. Der Schalldeckel der Kanzel wird von Lindenzweigen in einer Vase gekrönt, die eine Referenz auf das Lindauer Stadtwappen sind.

Die Rückenlehnen der Kirchenbänke lassen sich umklappen, sodass die Sitzrichtung zwischen Altar und der in der Mitte angebrachten Kanzel gewechselt werden kann (vgl. z. B. auch in Augsburg Heilig-Kreuz-Kirche oder Ulrichskirche).

In der Kirche befinden sich Epitaphien für Daniel Heider (1572–1647) und seinen 1664 verstorbenen Sohn, den Lindauer Rechts­re­fe­renten Valentin Heider.

Die Buntglasfenster im Chorraum wurden 1965 von Adolf Kleemann entworfen. Im Chorraum befindet sich ein Bild mit dem Motiv Luther und der Schwan.

Gotisches Kruzifix

Im nördlichen Seitenschiff befindet sich seit dem Jahr 2000 ein gotisches Kruzifix, das aus Lindenholz gefertigt ist und aus Mittelitalien stammt. Es wird auf das 14. Jahrhundert datiert.

Orgeln

Hauptorgel

Hauptorgel mit Gehäuse von 1783

Bereits 1506 wurde im Zusammenhang mit Kirchenumbau erstmals eine Orgel erwähnt. 1612 wurde eine neue Orgel erbaut.

1783 wurde das heutige Rokoko-Orgelgehäuse erbaut. In dieses baute 1860 die Orgelbaufirma G. F. Steinmeyer als opus 26 ein neues Instrument mit 43 Registern ein und ergänzte den Prospekt mit 16′-Pedaltürmen. 1924 erweiterte Steinmeyer als opus 1372 das Instrument auf 57 Register.

1975 wurde durch Steinmeyer als opus 2306 ein neues Instrument mit 48 Registern auf drei Manualen und Pedal im historischen Gehäuse errichtet. Der Spieltisch von 1924 wurde an die Heilig-Kreuz-Kirche in Berlin-Wilmersdorf abgegeben und restauriert und war dort 2019 noch in Gebrauch.

Die Disposition seit 1975 lautet:

I Positiv C–a3
Gedackt8′
Quintade8′
Prinzipal4′
Koppelflöte4′
Schwiegel2′
Sesquialtera II
Sifflöte1 1⁄3′
Scharf V1′
Krummhorn8′
Tremulant
II Hauptwerk C–a3
Pommer16′
Prinzipal8′
Gedackt8′
Gemshorn8′
Oktave4′
Rohrflöte4′
Quinte2 2⁄3′
Oktave2′
Cornett V
Mixtur V
Trompette16′
Trompette8′
Klarine4′
Scharf IV1′
III Schwellwerk C–a3
Bourdon16′
Prinzipal8′
Nachthorn8′
Salicional8′
Oktave4′
Soloflöte4′
Nasat2 2⁄3′
Piccolo2′
Terz1 3⁄5′
Plein jeu V2′
Basson16′
Trompete8′
Clairon4′
Tremulant
Pedal C–f1
Untersatz32′
Prinzipal16′
Subbaß16′
Oktave8′
Gedackt8′
Choralbaß4′
Nachthorn2′
Mixtur VI4′
Posaune16′
Trompete8′
Trompete4′

Chororgel

Chororgel von St. Stephan

Die Chororgel im Seitenschiff mit 13 Registern auf zwei Manualen und Pedal wurde im Jahr 1977 ebenfalls von Steinmeyer Orgelbau erbaut.

Die Disposition lautet:

I Manual C–g3
Gedeckt8′
Rohrflöte4′
Waldflöte2′
Quinte1 1⁄3′
Sesquialtera II2 2⁄3′+1 3⁄5′
II Manual C–g3
Schwiegel8′
Prinzipal4′
Oktave2′
Mixtur IV1 1⁄3′
Pedal C–f1
Subbass16′
Offenbass8′
Choralbass4′
Trompete8′

Glocken

Glocke von Leonhard Ernst vor der Kirche

1608/1609 wurden vier Glocken von Leonhard Ernst in Lindau gegossen.

Die große Glocke stürzte 1943 bei der kriegsbedingten Abnahme als Metallspende vom Turm, ging dabei aber nicht zu Bruch und überdauerte auf einem Hamburger Glockenfriedhof. Nachdem sie wieder nach Lindau zurückgekehrt war, bekam sie am Heiligen Abend 1961 einen Sprung. Nach drei Rettungsversuchen bei Lachenmeyer in Nördlingen sprang die Glocke 1992 zum vierten Mal, sodass 1993 von der Glockengießerei Bachert eine neue als Ersatz gegossen wurde. Die alte Glocke mit einer Masse von ca. 3,8 Tonnen und einem Durchmesser von 1,76 Metern mit den Wappen Lindaus und der Freien Reichsstädte wurde neben dem Haupteingang aufgestellt und ist heute ein beliebtes Fotomotiv.

Nr. Gussjahr Glockengießer Schlagton
1 1993 Bachert, Heilbronn B°
2 1608 Leonhard Ernst, Lindau d′
3 f′
4 1609 b′
Commons: St. Stephan – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. 1 2 3 4 Markus Golser: Evang.-Luth. Pfarrkirche St. Stephan. Abgerufen am 13. Oktober 2026.
  2. ↑ kirchbau.de – Datenblatt einzelne Kirche. Abgerufen am 1. November 2026.
  3. 1 2 3 4 St. Stephan. Abgerufen am 1. November 2026.
  4. 1 2 Georg Impler: Zwölfuhrläuten: Lindau am Bodensee in Schwaben. In: BR Heimat. Bayerischer Rundfunk, 15. März 2015, abgerufen am 1. November 2026.
  5. ↑ Lindauer Kirchturm in ungewohntem Gewand. Regio TV, 25. April 2022, abgerufen am 3. November 2024.
  6. ↑ Organ index: Lindau (Bodensee), St. Stephan. Abgerufen am 1. November 2026.
  7. ↑ Orgel-Spieltisch in der Berliner Heilig-Kreuz-Kirche (Herkunftsangabe aus Lindau erscheint bei Anklicken der Bilder); Website Hl. Kreuz, Berlin-Wilmersdorf, von Dirk Elsemann
  8. ↑ Orgeldatenbank Bayern v5 (2009) (online), abgerufen am 1. November 2026.
  9. ↑ Orgeldatenbank Bayern v5 (2009) (online), abgerufen am 1. November 2026.
  10. ↑ Kirche St. Stephan. In: Lindau (Bodensee). Abgerufen am 1. November 2026.
  11. ↑ Lindau (Bodensee) Geläute der evangelischen Kirche St. Stephan. Abgerufen am 1. November 2026.
  12. ↑ Lindau (D-BY) Geläute der Evang. Stephanus Kirche und des Münsters „Zu Unseren Lieben Frau“. Abgerufen am 1. November 2026.

Koordinaten: 47° 32′ 50,6″ N, 9° 41′ 15,9″ O