Todsünde

Mit Todsünde (lateinisch peccatum mortiferum oder mortale) werden in der römisch-katholischen Kirche besonders schwerwiegende Arten der Sünde bezeichnet, durch die der Mensch die Gemeinschaft mit Gott bewusst und willentlich verlässt. Ein besonders grobes Vergehen wird auch himmelschreiende Sünde (lateinisch peccatum clamans) genannt.

Der Katechismus der römisch-katholischen Kirche grenzt die lässliche Sünde (lateinisch peccatum veniale ‚verzeihliche Sünde‘) als minderschweres, geringfügiges Vergehen von der Todsünde ab. Den Todsünden werden die Kardinaltugenden gegenübergestellt.

Definition

Damit eine Sünde als Todsünde zu beurteilen ist, müssen drei Voraussetzungen gegeben sein:

Papst Johannes Paul II. konkretisierte den Begriff Todsünde im Apostolischen Schreiben über Versöhnung und Buße in der Kirche Reconciliatio et paenitentia aus dem Jahre 1984 wie folgt:

„[Die Lehre der Kirche nennt] denjenigen Akt eine Todsünde, durch den ein Mensch bewusst und frei Gott und sein Gesetz sowie den Bund der Liebe, den dieser ihm anbietet, zurückweist, indem er es vorzieht, sich sich selbst zuzuwenden oder irgendeiner geschaffenen und endlichen Wirklichkeit, irgendeiner Sache, die im Widerspruch zum göttlichen Willen steht.“

Insgesamt kommt in der Todsünde eine Abkehr von der in der Sündenvergebung durch die Taufe begründeten Gemeinschaft mit Gott zum Ausdruck. Für die erneute Vergebung der persönlichen Schuld genügt die vollkommene oder unvollkommene Reue, also die bewusste Hinwendung zur Liebe Gottes im Bußsakrament.

Abgrenzung vom Laster

Hieronymus Bosch (1450–1516): Die Sieben Todsünden; in den Ecken: Die vier letzten Dinge

Sünden entstehen nach der klassischen Theologie aus sieben schlechten Charaktereigenschaften:

1. Superbia
Hochmut (Stolz, Eitelkeit, Übermut)
2. Avaritia
Geiz (Habgier, Habsucht)
3. Luxuria
Wollust (Ausschweifung, Genusssucht, Begehren, Unkeuschheit)
4. Ira
Zorn (Jähzorn, Wut, Rachsucht)
5. Gula
Völlerei (Gefräßigkeit, Maßlosigkeit, Unmäßigkeit, Selbstsucht)
6. Invidia
Neid (Eifersucht, Missgunst)
7. Acedia
Faulheit (Feigheit, Ignoranz, Überdruss, Trägheit des Herzens)

Diese Charaktereigenschaften werden als Hauptlaster bezeichnet und unter dem im Mittelalter entstandenen Akronym Saligia zusammengefasst. Sie gelten als Ursache vieler Sünden (Tochtersünden) und können sowohl zu schweren als auch zu lässlichen Sünden führen. Da die Hauptlaster Ursache und somit Wurzel von Sünden sind, werden sie gelegentlich auch als Wurzelsünden bezeichnet; auch der Begriff Hauptsünden ist gebräuchlich.

Verwirrend und theologisch falsch, aber umgangssprachlich gebräuchlich ist die Bezeichnung der sieben Hauptlaster als „sieben Todsünden“; sie sind zwar durchaus auch selbständige Sünden, Todsünden sind aber nur einige davon – sogar allein der Materie nach, also auch ohne Berücksichtigung der „mildernden Umstände“ Wissens- und Willensmangel – und dann auch meist nur in ihrer vollen Ausprägung.

Erstmals findet sich eine solche Kategorisierung von menschlichen Lastern bei Euagrios Pontikos Ende des 4. Jahrhunderts. Er benennt acht negative Eigenschaften, von denen die Mönche heimgesucht werden können. Invidia gehörte für ihn nicht dazu, aber zusätzlich zu den oben genannten Vana Gloria (Ruhmsucht) und Tristitia (Trübsinn). Papst Gregor I. († 604) ordnete den Trübsinn der Acedia zu, die Ruhmsucht dem Hochmut und fügte dem Sündenkatalog den Neid hinzu.

Schon damals wurden den Hauptlastern bestimmte Dämonen zugeordnet. Am weitesten verbreitet sind jedoch die Zuordnungen des Peter Binsfeld aus dem 16. Jahrhundert. Er ordnet Luzifer den Hochmut, Mammon den Geiz, Leviathan den Neid, Satan den Zorn, Asmodeus die Wollust, Beelzebub die Völlerei und Belphegor die Faulheit zu.

In der mittelalterlichen Theologie werden den Hauptlastern häufig die Kardinaltugenden gegenübergestellt. Mehrere Kirchenväter und Theologen befassten sich mit den Hauptsünden und trugen auch zu ihrer Systematisierung bei. Papst Gregor I. stellte ihnen etwa die „Sieben Gaben des Heiligen Geistes“ gegenüber.

Im Kompendium des Katechismus der Katholischen Kirche aus dem Jahr 1992 wird als erste Hauptsünde nicht Hochmut, sondern Stolz genannt.

Theologische Konsequenzen

Nach der Lehre der katholischen Kirche zieht die (schwere) Sünde den zweiten Tod, die Höllenstrafe nach sich, wenn man ohne vollkommene Reue und Buße stirbt. Die Vergebung der Todsünde kann nur im Bußsakrament oder durch vollkommene Reue (d. h. Reue aus Liebe zu Gott) erreicht werden. Die vollkommene Reue muss den Wunsch enthalten, das Bußsakrament und die Absolution (s. u.) zu empfangen. Auch der Empfang der heiligen Kommunion ist als unwürdig verboten. In der persönlichen Beichte spricht die Kirche durch den Priester in persona Christi den Sünder kraft göttlicher Vollmacht von seinen Sünden los: Er erteilt die Absolution. Hier genügt auch eine nur unvollkommene Reue (d. h. Reue aus Furcht vor Gottes Strafe) für die wirksame Wiederherstellung der Taufgnade.

Die „sieben Todsünden“ in Kunst und Popkultur

Bildende Kunst

Die sieben Hauptsünden (auch als „die sieben Todsünden“ bezeichnet) sind in der bildenden Kunst und vor allem in der Malerei und der Grafik ein häufiges Bildthema. Bilderzyklen gab es schon im Mittelalter und reichen bis in die Gegenwart.

Beispiele

Ausstellungen

Literatur

Film

Theater

Tanz

Fernsehserie

Musik

Musikvideo

Manga

Computerspiele

Verwendung des Begriffs „sieben Todsünden“ in anderen Zusammenhängen

Zur Kennzeichnung schwerwiegender Fehlentscheidungen oder -entwicklungen, gravierender Regelverstöße oder unbedingt zu vermeidender Handlungsweisen werden Listen oder Lasterkataloge erstellt, die mit den klassischen Todsünden in Zusammenhang stehen können, aber nicht müssen.

Deutsches Strafrecht

Im deutschen Strafrecht hat sich die umgangssprachliche Bezeichnung „sieben Todsünden“ für die in § 315c Abs. 1 Nr. 2 Buchstabe a bis g StGB aufgeführten strafbaren Verkehrsverstöße eingebürgert.

Sekundärliteratur

Ikonographie der Sieben Todsünden
Ausstellungen
Commons: Die sieben Todsünden – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wikiquote: Todsünde – Zitate
Wiktionary: Todsünde – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

  1. ↑ Katechismus der Katholischen Kirche (1997), Nr. 1866.
  2. ↑ Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche (KKK), Nr. 1857.
  3. ↑ Der offizielle lateinische Text lautet (Nr. 17): „Cum tota Ecclesiae traditione peccatum mortale eum dicimus actum, quo homo lib ere scienterque repudiat Deum, eius legem, foedus caritatis, a Deo sibi propositum, praeoptans se ad se ipsum, ad aliquid divinae voluntati contrarium convertere (id conversio ad creaturam vocatur).“
  4. ↑ Vgl. Reconciliatio et paenitentia. Nr. 17.
  5. ↑ Bertram Söller: ‚Von den sieben Todsünden‘ II (Prosatraktat über die sieben Todsünden und ihre Tochtersünden). In: Verfasserlexikon. Band VIII, Sp. 1173 f.
  6. ↑ Inge Herold: Der Tod und die Masken. In: Inge Herold, Johan Holten (Hrsg.): James Ensor. Deutscher Kunstverlag, Berlin / München 2021, ISBN 978-3-422-98635-0, S. 100.
  7. ↑ Roland Augustin: James Ensor. Der Zorn. La colère. In: Meinrad Maria Grewenig (Hrsg.): James Ensor. Sterben für die Unsterblichkeit. Meisterwerke der Grafik. Das Wunderhorn, Heidelberg 2011, ISBN 978-3-88423-395-5, S. 54.
  8. ↑ James Ensor. Les Péchés capitaux dominés par la mort, 1904. In: Musée des Beaux-Arts de Gand, abgerufen am 18. April 2024.
  9. ↑ James Ensor. The Deadly Sins (Les Péchés capitaux) 1888–1904, published 1904. In: Museum of Modern Art, abgerufen am 18. April 2024.
  10. ↑ Seven Deadly Sins. Internet Movie Database, abgerufen am 14. März 2025.
  11. ↑ Die sieben Todsünden. Tanzabend von Pina Bausch. Programmheft anlässlich der Wiederaufnahme von Die sieben Todsünden in der Spielzeit 2024/25 im Tanztheater Wuppertal Pina Bausch + Terrain Boris Charmatz. 10. April 2025 (pina-bausch.de [PDF; 6,3 MB]).
  12. ↑ Leidenschaftlicher Tanz: „The Seven Sins“ in Wolfsburg. NDR, 25. Mai 2022, archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 24. Mai 2022; abgerufen am 21. Mai 2024.
  13. ↑ Dämonenkönige. Leviamon. In: DigiPedia, abgerufen am 30. Januar 2024.
  14. ↑ Iron Maiden Moonchild Lyrics. In: sing365.com. 20. Februar 2006, abgerufen am 10. November 2016 (Text, englisch).
  15. ↑ Alles verloren. In: genius.com, abgerufen am 15. Januar 2024 (Part 2, siehe Text: „Ich möchte einfach in den siebten Himmel, doch ich find’ mich in den sieben Todsünden“).
  16. ↑ Vgl. Akeda (Die Bindung / Opferung Isaaks): Gen 22,1–19 LUT.
  17. ↑ Reinhart Maurach, Friedrich-Christian Schroeder, Manfred Maiwald: Strafrecht. Besonderer Teil, Teilband 2: Straftaten gegen Gemeinschaftswerte. 9. Auflage. Müller, Heidelberg u. a. 2005, ISBN 3-8114-3344-X, S. 42.