Suryoye, auch Suroye oder nach anderer Mundart Sur(y)aye (syrisch-aramäisch ܣܘܼܪ̈ܝܵܝܹܐ, ohne Vokalzeichen ܣܘܪܝܝܐ; Singular: Sur(y)oyo bzw. Sur(y)aya ܣܘܪܝܐ oder ܣܘܪܝܝܐ), wörtlich „Syrer“, ist eine syrisch-aramäische Eigenbezeichnung einer im Nahen Osten beheimateten ethnisch-religiösen Bevölkerungsgruppe. Deren Bezeichnung als „syrisch“ bedeutet nicht, dass alle Suryoye in der heutigen Republik Syrien beheimatet sind, sondern bezieht sich auf die syrische Tradition des Christentums, dem sie anhängen, und das Syrien genannte Gebiet im Nahen Osten, in dem die Sprache der Suryoye, das Aramäische, in der Antike entstanden ist und von dem aus sie sich ausgebreitet hat. In linguistischer Hinsicht gehen die Suryoye auf das Volk der Aramäer zurück, die im Alten Orient östlich der phönizischen und nordöstlich der israelitischen eigene Königreiche (Damaskus u. a.) bildeten und deren Sprache zwischen etwa 500 v. Chr. und der arabischen Eroberung eine wichtige Koine des Nahen Ostens – von Ägypten bis nach Persien – wurde, durch deren Ausbreitung zahlreiche andere Sprachen (Phönizisch, Hebräisch, Babylonisch) verdrängt wurden. Das in einer seiner antiken Ausformungen als Syrisch bezeichnete Aramäisch diente den Suryoye als Kirchensprache; die heute von ihnen gesprochene Sprache ist eine moderne Form des Syrischen. Suryoye lebten im 20./21. Jahrhundert vor allem in der Türkei, Syrien, dem Irak und Iran sowie in Ländern des Exils in Europa (Schweden, Deutschland) und Nordamerika.
Selbstbezeichnung und Zugehörigkeit
Die Suryoye werden auch Aramäer, Assyrer oder Chaldäer genannt. Diese Bezeichnungen sind weder gegenüber „Suryoye“ noch untereinander klar abgegrenzt, sondern spiegeln oft die persönliche Einstellung einzelner Suryoye zu ihrer Identität wider. So kann es vorkommen, dass sich innerhalb einer Familie eine Person als Assyrer, eine andere als Aramäerin bezeichnet. Selbst anhand der Konfession ist eine eindeutige Trennung zwischen den Bezeichnungen nicht möglich. „Chaldäer“ etwa wird von Angehörigen der Chaldäisch-Katholischen Kirche verwendet, dennoch gibt es auch Chaldäisch-Katholische, die sich Assyrer nennen. „Chaldäisch“ wurde in der Sprachwissenschaft des 18./19. Jahrhunderts oft als Synonym für „Aramäisch“ verwendet.
Die Verwendung der Bezeichnung „Assyrer“ für eine Gruppe syrisch-orthodoxer Christen ist spätestens für das Jahr 1612 schriftlich belegt. In einem Schreiben vom 3. November 1612 an den persischen Schah Abbas I. bezeichnet Papst Paul V. bestimmte in Isfahan lebende Christen als Menschen, „die Assyrer oder Jakobiten genannt werden“. Das Schreiben ist in der 1939 veröffentlichten Quellensammlung A Chronicle of the Carmelites in Persia in englischer Übersetzung wiedergegeben.
Infolge von Unterdrückung und Verfolgung durch die kurdisch-muslimische Bevölkerung, mit deren Siedlungsgebieten sich die zahlreicher Christen im Nahen Osten überschneidet, sowie von restriktiven Maßnahmen staatlicher Organe ihrer Ursprungsländer leben inzwischen die meisten Suryoye in der Diaspora im westlichen Ausland.
Türkei
Der Tur Abdin im Südosten der Türkei gilt als historisches Siedlungsgebiet der Angehörigen der Syrisch-Orthodoxen Kirche. Heute leben nur noch 4.000 Suryoye in dem Kalksteingebirge. In letzter Zeit ist eine langsame, aber stetige Rückwanderung syrisch-orthodoxer Suryoye in den Tur Abdin zu verzeichnen. Ob als Feriengäste oder dauerhafte Bewohner, Suryoye aus der Diaspora zeigen ein immer stärker werdendes Interesse an der alten Heimat. Weitere 20.000 syrisch-orthodoxe Christen leben in der Metropole Istanbul.
Die Suryoye, die der Chaldäisch-Katholischen Kirche angehören, haben traditionell ihre Heimat in der Provinz Sirnak im Südosten der Türkei. In dieser Provinz leben heute nur noch wenige Suryoye abgesehen solchen, die die Gegend meist zwischen Frühling und Herbst besuchen.
Die Suryoye, die der Assyrischen Kirche des Ostens angehören, sind heute in der Türkei nicht mehr präsent. Ihr kulturelles Zentrum lag in der südöstlichen Provinz Hakkari, genauer in der Ortschaft Qudshanis, wo über viele Jahrhunderte hinweg der Sitz mehrerer Patriarchen war. Dies änderte sich Mitte 1915, als Shimun XXI. zusammen mit den übrigen Suryoye von Hakkari wegen des Völkermords an den Suryoye zur Flucht gezwungen war.
Syrien
Die Suryoye leben mehrheitlich im Nordosten Syriens an den Grenzen zur Türkei und zum Irak. Qamischli gilt insbesondere als Zentrum der Suryoye in Syrien. Es gibt jedoch auch Gemeinden in Aleppo und Homs. Aufgrund des andauernden Bürgerkriegs und der Benachteiligung im kurdisch dominierten Teil Syriens ist ein beachtlicher Anteil der Suryoye ausgewandert. Besonders die Suryoye am Fluss Chabur (Chabur-Assyrer) haben aufgrund der Angriffe des IS einen regelrechten Exodus erlebt.
Irak
Die Zahl der Suryoye im Irak ist dramatisch gesunken. Die meisten der dort verbliebenen Suryoye leben in der Ninive-Ebene, die sich nördlich, nordöstlich und südöstlich der zweitgrößten irakischen Stadt Mossul erstreckt. Zudem gibt es größere Gemeinden in Ankawa und Duhok. Auch im Nordirak geraten die Suryoye zunehmend unter Druck der kurdischen Autonomieverwaltung. Während zur Zeit des ehemaligen Diktators Saddam Hussein noch 1,5 Millionen Suryoye im Zweistromland lebten, sind es mittlerweile weniger als 300.000.
Iran
Das traditionelle Siedlungsgebiet der Suryoye im Iran befindet sich im Westen des Landes um die Stadt Urmia. Heute leben die meisten Suryoye jedoch in der iranischen Hauptstadt Teheran. Die Suryoye im Iran gehören teils der Assyrischen Kirche des Ostens, teils der Chaldäisch-Katholischen Kirche an.
Sprache
Die Muttersprache der Suryoye/Suroye/Suraye ist zumeist das Syrische, das zur neu-ostaramäischen Sprachfamilie zählt und in zwei Varietäten vorkommt: dem Surayt-Dialekt (auch bekannt als „Turoyo“) und dem Suret-Dialekt (auch bekannt als „Swadaya“). Syrisch wird heute sowohl im einstigen Hauptsiedlungsgebiet der Suryoye, in Mesopotamien, als auch in der Diaspora gesprochen, doch nicht alle Suryoye sprechen Syrisch, ein Teil von ihnen hat sich an die Umgebungssprachen assimiliert und das Syrische nicht erlernt oder als Alltagssprache aufgegeben. Das westsyrische Surayt wird nach Schätzungen aus den 2010er Jahren heute noch von ca. 250.000 Suryoye gesprochen, das ostsyrische Suret von ca. 830.000. Obwohl das Neu-Ostaramäische eine gelebte Sprache ist und auch Unterricht, Fernseh- und Hörfunkprogramme sowie Gesang in beiden Sprachformen bestehen, ist es durch die fortschreitende Assimilation der Aramäischsprecher an die Sprachen ihrer Umgebung in seinem Bestand bedroht, zumal es in der Regel weder Unterrichts- noch Wissenschafts- noch Verwaltungssprache in den Gemeinden und Siedlungsgebieten mit Suryoye-Bevölkerung ist.
Die eigensprachlichen Bezeichnungen der heutigen Assyrer/Chaldäer/Aramäer lauten in der Regel „Suryoye“, „Suraye“ oder „Suroye“ und haben ihren Ursprung in dem Begriff „Syrer“, der wiederum ursprünglich von der Volksbezeichnung „Assyrer“ und dem Landesnamen „Assyrien“ abgeleitet ist. Über die Verbindung zwischen den Begriffen „Assyrer“ und „Suryoye/Suraye/Suroye“ besteht heute wissenschaftlicher Konsens.
Ethnogenese
Zur Frage der Ethnogenese haben sich verschiedene Thesen gebildet, zu deren Relativierung erwähnt werden muss, dass über den langen Zeitraum seit dem Auftreten der vorchristlichen Aramäer im Alten Orient zahlreiche Migrationen und Vermischungen von Bevölkerungsgruppen des betreffenden Gebietes stattgefunden haben, denen auch die Aramäer unterworfen waren. Heute bestehen hauptsächlich folgende drei Thesen zur Ethnogenese der Suryoye:
Aramäer. Gemäß dem Theologen Shabo Hanna bezeichneten die Griechen die mesopotamische Volksgruppe, deren Angehörige sich selbst „Aramäer“ nannten, als „Syrer“. Auch die Autorin Sina Schiffner in ihrem Buch Die Aramäer von 1992 vertritt die Ansicht, dass die Verwendung des Ausdruckes „Syrer“ für Aramäer von den Griechen herrühre. So erkläre schon der antike griechische Historiker Poseidonios: „Denn was wir Syrer [Syroi/Syrioi] nennen, nennt sich selbst Aramäer.“ Diese These bildet jedoch nicht die allgemeine Lehrmeinung.
Assyrer. Für den AltorientalistenRobert Rollinger besteht kein Zweifel, dass die Bezeichnung „Suroye“ oder „Suryoye“ nichts anderes als „Assyrer“ bedeutet. Der Fund einer ca. 2.800 Jahre alten Statue in Cineköy bei Adana, Türkei, mit einer zweisprachigen Inschrift in luwischer und phönizischer Sprache unterstreiche diese These. Ähnlich argumentiert der Assyrologe Simo Parpola und führt aus, dass der Name „Aschur“ (Assur, Assyrien) auch bereits in aramäischen Dokumenten des 7. Jahrhunderts v. Chr. als „Sur“ wiedergegeben werde.
Chaldäer. Im Vergleich zum Begriff „Assyrer“, der von großen Teilen der Angehörigen aller west- und ostsyrischen Kirchen verwendet wird, bezeichnen sich die Mitglieder der Chaldäisch-Katholischen Kirche als Chaldäer. Ihre Kirche entstand 1553 als Abspaltung von der Assyrischen Kirche des Ostens. Bevor man jedoch die neu entstandene Kirche als chaldäisch zu bezeichnen begann, wurde sie „Assyriens und Mosuls Kirche“ genannt. Die Verwendung der Bezeichnung „chaldäisch“ ist laut Svante Lundgren wahrscheinlich in der biblischen Erzählung von den heiligen drei Königen begründet. Die Chaldäer im Alten Testament hingegen scheinen eine aramäischsprachige Volksgruppe in Mesopotamien gewesen zu sein; demnach stammte Abraham, der in der jüdischen Tradition als umherziehender Aramäer bezeichnet wird, aus Ur in Chaldäa.
Verfolgung und Emigration
Schlagzeile in der Washington Times vom 26. März 1915 über den Völkermord an den Suryoye.
Von den Pogromen des türkischen, iranischen und irakischen Militärs und kurdischer Milizen im und nach dem Ersten Weltkrieg waren neben den Armeniern (siehe Völkermord an den Aramäern und Assyrern und Völkermord an den Armeniern) vor allem die Suryoye fast aller Kirchen betroffen. Hunderttausende von ihnen wurden getötet und viele aus ihrer Heimat vertrieben, andere wanderten in die westliche Diaspora (Europa, Amerika und Australien) aus. Die Parlamente folgender Staaten haben die Verfolgung und Vertreibung der Suryoye während des Ersten Weltkrieges als Völkermord eingestuft: Schweden, Niederlande, Armenien, Österreich und Deutschland.
Diaspora
Denkmal zum Völkermord an den Suryoye im Parco Della Pace im schweizerischen Locarno.
Ausgewanderte Assyrer/Aramäer aus dem ursprünglichen Raum Mesopotamiens befürchteten eine religiöse Verfolgung. Gemäß der Assyrischen Konföderation Europas leben ca. 500'000 Assyrer in Westeuropa. Wobei Schwerpunkte in Schweden und Deutschland bestehen, in Deutschland unter anderem in Gütersloh, Augsburg, Wiesbaden, Mainz, Pohlheim und Delmenhorst. Aber auch in den Niederlanden, Frankreich, Belgien, Österreich, Dänemark, Großbritannien und der Schweiz gibt es größere Suryoye-Gemeinden.
Auch in den USA, insbesondere in Chicago sowie in New Jersey (Bergen County), haben die Suryoye eine neue Heimat gefunden. Zudem gibt es größere Gemeinden in Australien.
Svante Lundgren: Die Assyrer: Von Ninive bis Gütersloh. Lit Verlag, Münster 29. Januar 2016, ISBN 978-3-643-13256-7.
Abdo Mirza, Franz-Rudolf Müller: „Barfuß sind wir an den Chabour gekommen, barfuß sind wir gezwungen wieder zu gehen.“ Flucht, Vertreibung und Geiselhaft der assyrischen Christen aus Tal Goran (Al-Hassake, Nordsyrien). Persönlicher Bericht des Abdo Mirza und seiner Familie. Lit Verlag, Münster 2019, ISBN 978-3-643-14320-4.
Abboud Zeitoune: Naum Faiq und die Assyrische Aufklärung. Lulu Press, Wiesbaden 2022, ISBN 978-1-4717-8977-9.
David Tekin: Die rechtliche Stellung der Assyrer im Grenzraum Türkei/Syrien/Irak. Lit Verlag, Münster 2022, ISBN 978-3-643-25035-3.
Nemrud Kurt: Die Toten lehren die Lebenden. Ein Sachroman über den assyrischen Genozid. Ins Deutsche übersetzt von Max Reger. 2025, ISBN 978-91-531-3707-8.
↑Wilhelm Gesenius: Hebräisch-deutsches Handwörterbuch über die Schriften des Alten Testaments: mit Einschluß der geographischen Namen und der chaldäischen Wörter beym Daniel und Esra, 2 Bde., Leipzig 1810/12; aber 18. Auflage: Wilhelm Gesenius Hebräisches und Aramäisches Handwörterbuch über das Alte Testament, Berlin/Heidelberg 2013.
↑Naher Osten: Genozid 1915 – «Die religiöse Säuberung hat bis heute nicht aufgehört» – CSI-Schweiz. In: CSI-Schweiz. (csi-schweiz.ch[abgerufen am 20.Juli 2025]).
↑Anschütz, Helga:Die syrischen Christen vom Tur ʻAbdin: eine altchristliche Bevölkerungsgruppe zwischen Beharrung, Stagnation und Auflösung. Augustinus-Verlag, Würzburg 1984, ISBN 3-7613-0128-6.