Susann Maria Hempel

Susann Maria Hempel, 2026

Susann Maria Hempel (geboren 1983 in Greiz, DDR) ist eine deutsche Filmschaffende und Hörspielautorin. In ihrem Werk setzt sie sich mit prekären Lebensverhältnissen, Verfalls- und Verlusterscheinungen auseinander. Sie hat zahlreiche Auszeichnungen und Stipendien erhalten, unter anderem den HAP-Grieshaber-Preis (2019) und den Rompreis Villa Massimo (2021).

Leben

Hempel war zunächst Mitglied der Künstlergruppe „Theaterhaus Weimar“ und arbeitete als Schauspielerin im Fernsehen und Kino (unter anderem im Film Sonnenallee). Von 2001 bis 2009 studierte sie dann Mediengestaltung an der Bauhaus-Universität Weimar. In dieser Zeit spielte sie in Kurzfilmen von Kommilitonen mit (unter anderem Play for Today von Mirko Kubeln). Im Anschluss kehrte sie in ihre Heimatstadt Greiz in Thüringen zurück.

Ab 2007 realisierte sie mehrere experimentelle Filme, für die sie zahlreiche Auszeichnungen und auch Stipendien für Kunstschaffende erhalten hat. Schon 2014 wurde sie als die derzeitige meist ausgezeichnete Kurzfilmregisseurin bezeichnet. Seit 2017 realisiert sie neben ihrer filmischen Arbeit auch Projekte für das Radio. Im Zuge verschiedener Stipendien lebte sie zeitweilig in Stuttgart (2015/16), Rostock (2016), in Berlin (2018), im Künstlerdorf Schöppingen (2019) und in Rom (2021/2022). Seit 2025 ist sie als Lehrbeauftragte am Institut Freie Kunst der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig tätig.

Werk

Mit ihren Experimentalfilmen reagiert Hempel auf die „prekäre Gegenwart“ ihrer Geburtsstadt Greiz in Thüringen, die seit der Wende von Abwanderung und De-Industrialisierung geprägt ist und zu den „shrinking cities“ („schrumpfenden Stadt“) gezählt wird. Claus Löser vom Filmdienst schrieb über sie, dass sie „ohne erkennbare Vorbilder, aber mit sicherem Gespür für ästhetische und thematische Innovationen“ düstere Szenarien erschaffe, die lange im Gedächtnis blieben. Alle ihre Kurzfilme zeichneten sich durch strikte stilistische Verschiedenartigkeit aus. Ihre individuelle Handschrift sei dennoch erkennbar. Er sieht eine „mentale Verwandtschaft“ zu osteuroäischen Animationsfilmern wie Jan Švankmajer, Zbigniew Rybczyński oder Walerian Borwczyk.

In ihrem ersten Experimentalfilm, Pelicula (2007), zog die Künstlerin mit Klebeband ihren gesamten Körper ab, um kleinste Hauptpartikel auf Folie zu übertragen. Die Folie filmte sie dann. So wurde ihre Haut zum Film. Damit „übersetzte“ sie „Pelicula“, was im Spanischen sowohl „Haut“ als auch „Film“ bedeutet.

Nach Lösers Urteil handelt es sich bei Hempels Diplomfilm Der Mann, der nicht weinen wollte (2009) um eine kafkaeske Parabel auf sozialen Anpassungsdruck. Der Film sei aber noch in einer traditionellen Fabelstruktur befangen.

Der Experimentalfilm Die Fliegen (The Birds II) von 2011 spielt in einer verlassenen Rumpelbude. Es ist eine Hommage an den aus Greiz stammenden Oskar Sala, der mit seinem Trautonium die Vogelschreie für Alfred Hitchcocks Film Die Vögel erzeugt hatte. Aus der Vogel- machte die Künstlerin in ihrem Film, der Salas Musik verwendet, eine Fliegenperspektive. „Hier wie fast überall verkleinert sie die Welt und vergrößert unseren Blick darauf,“ so der Kritiker Michael Helbing in der Thüringer Allgemeinen. Sie erzähle so melancholisch wie bitterböse „vom sterbenden Leben wie vom lebendigen Tod“. Der Film, dessen Bilder eine grüngelbstichige Farbe haben, zeigt einen dreigeteilten Bildaufbau, das einem Triptychon ähnelt. Aus der Machart ergab sich eine geringe Schärfentiefe der Aufnahmen. Der Film, so ein Kritiker in der Östthüringischen Zeitung, lenke den Blick ins Unwirkliche und betöre über seine aus- und eindrucksvolle Bildsprache.

Filmstill aus Wie ist die Welt so stille, 2012
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Der Experimentalfilm Wie ist die Welt so stille von 2012 zeige, so Löser im Filmdienst, Personen, die in „undurchschaubar verschachtelten Innenräumen“ mit ritualisierten Handlungen beschäftigt seien: eine Frau, die Hunderte von Nüssen knacke, einen blinden Jungen, der mit den Spulen eines alten Tonbandgerätes spiele, und einen Familienvater, der Dia-Aufnahmen an die Wand projiziere. Türen würden sich „gegen jede Logik“ öffnen und schließen. Perspektiven würden schichtweise durchbrochen und den Blick immer wieder in die Irre führen. Löser schrieb, dass sich in nur fünf Minuten Film ein ganzer Kosmos aus Hoffnungen und Vergeblichkeiten entfalte, die mit einem enormen Aufwand in Szene gesetzt wurden, ohne je ins Kunstgewerbliche abzugleiten. Es walte ein fast verschwenderisches Understatement, das dem Film eine immense Verdichtung verleihe. Der Film sei „aus umfangreichen Material eines anderen, ein wenig verunglückten Filmprojekts“ entstanden, wie die Künstlerin erzählte.

Filmstill aus Sieben Mal am Tag beklagen wir unser Los und nachts stehen wir auf, um nicht zu träumen, 2014
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Der Animationsfilm Sieben Mal am Tag beklagen wir unser Los und nachts stehen wir auf, um nicht zu träumen von 2014 ist in „Spieluhr-und-Puppenstuben-Ästhetik“ gehalten. Es geht um Missbrauchserfahrung, Zeit im DDR-Knast und einen an den Tod verlorenen Freund. Hempel hat lange mit ihm gesprochen. In ihren Arbeiten spreche sie ihn nun nach, so der Kritiker Helbing. Die „desaströse Biografie“ des Mannes würde mit den „archaischen Mitteln einer Moritat“ erzählt. Der „kurze Film mit dem langen Titel“ falle thematisch abgründig bis verstörend aus und setze dabei ästhetisch ausgesprochen ungewöhnliche, weil innovative Zeichen, so Löser im Filmdienst. Die Jury der Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen 2014 urteilte: „Traumwandlerisch bewegt sie sich zwischen Objektebenen, dialektgeprägter Rede, Schrift und Gesang. Die sexuelle Aufladung beruht hier aber nicht nur auf der Anklage erlittener Traumatisierungen, sie zeigt sich auch als eine starke Faszination an Transgression. Grauen und Niedlichkeit liegen hier untrennbar beieinander.“

Filmstill aus Der große Gammel, 2013
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Mit dem Experimentalfilm Der große Gammel setzte Hempel 2013 dem Theater ihrer Heimatstadt Greiz, das 1892 erbaut und 2011 abgerissen worden war, ein „sich selbst zerstörendes Denkmal“. Sie dokumentierte die verlassenen Räume und Säle des Theaters kurz vor dem Abriss und führte gezielt mittels Chemie und Schimmel den Zerfall des Diafilms herbei. Diesen Zerfall filmte sie wiederum. „Sich lösende und verformende Teilchen wirbeln herum wie deformierte Erinnerungen“, wie es Helbing beschrieb. Begleitet wird das von einem Männerchor, der „wehmütig“ „auf die Heimat mit Wiesen und Auen, auf das weite, das blühende Land“ blicke. Am Ende des Experimentalfilms ist „da kein Ort mehr, nirgends“.

Auch im Hörstück Auf der Suche nach den verlorenen Seelenatomen von 2018 findet sich, so Helbing, das „halt- und hilflose Kreisen um die eigene Opferrolle“. Helbing charakterisierte das Hörstück wie folgt: Die Künstlerin „erschafft filmisch und/oder akustisch animierte Theaterräume des Stillstandes und der Stille. Sie verschafft uns ungewöhnliche Perspektiven auf Perspektivlosigkeit.“

2019 bei der gemeinsamen Ausstellung der Begünstigten des Karl Schmitt-Rottluff-Stipendiums in der Kunsthalle Düsseldorf stellte Hempel ihre Sammlung von Zeichnungen und Texten zu Verlusterscheinungen aus. Helga Meister von der Westdeutschen Zeitung bezeichnete ihren Beitrag als den eindrucksvollsten der Ausstellung.

Filmstill aus Die Hüter des Unrats - Eine kurze Geschichte des Abfalls, 2022
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Bei der gemeinsamen Ausstellung der Villa Massimo-Stipendiatinnen und -Stipendiaten 2020/21 und 2021/22 im Japanischen Palais in Dresden 2022 zeigte Hempel ihren Experimentalfilm Die Hüter des Unrats – Eine kurze Geschichte des Abfalls über das Müllarchiv der Menschheit. Dafür hatte sie eine Wand mit Bildern dicht gehängt und ließ in den Rahmen Animationsfilme laufen. Uwe Salzbrenner von der Sächsischen Zeitung bezeichnete ihr Werk als die „faszinierendste Arbeit“ in der Ausstellung. Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden erwarben den Experimentalfilm für ihre Sammlung. Der 2025 erschienene Experimental-Kurzfilm Hope Road wurde bei den 72. Internationalen Kurzfilmtagen Oberhausen 2026 mit zwei Preisen ausgezeichnet.

Werkliste:

Experimentalfilm Hope Road, 2025
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Ausstellungen (Auswahl)

Einzelausstellungen

Gruppenausstellungen (Auswahl)

Filmaufführungen

Auszeichnungen (Auswahl)

Stipendien (Auswahl)

Einzelnachweise

  1. 1 2 3 4 5 6 Villa Massimo 2021/22: Susann Maria Hempel. In: Villa Massimo. Abgerufen am 5. April 2026.
  2. 1 2 3 4 5 6 7 8 Claus Löser: Wie ist die Welt so stille. Die Wunder- und Schreckenskammern der Susann Maria Hempel. In: Filmdienst. Nr. 17, 2014, S. 32–33.
  3. 1 2 3 4 5 6 Michael Helbing: Kunst als Orts- und Ostchronik. Susann Maria Hempel aus Greiz zeigt beim Künstlerbund in Berlin „Besessenheitsmedien“. In: Thüringer Allgemeine. 22. Januar 2020, S. 9.
  4. ↑ Susann Maria Hempel: Susann Maria Hempel. Karl Schmidt-Rottluff Förderungsstiftung Ausstellung 2019, Kunsthalle Düsseldorf, 5. September-10. November. Nr. 2019. Karl Schmidt-Rottluff Förderungsstiftung, Berlin 2019, ISBN 978-3-00-063139-9.
  5. 1 2 Susann Maria Hempel. In: Akademie Schloss Solitude. 26. März 2020, abgerufen am 12. April 2026 (deutsch).
  6. 1 2 Stipendiatinnen & Stipendiaten. In: Rostock Stipendium. Abgerufen am 11. April 2026.
  7. 1 2 Berlin-Stipendium. In: Akademie der Künste Berlin. Abgerufen am 11. April 2026.
  8. 1 2 Stipendiat:innen — Archiv. In: Stiftung Künstlerdorf Schöppingen. Abgerufen am 11. April 2026.
  9. ↑ Susann Maria Hempel. In: Hochschule für Bildende Künste Braunschweig. Abgerufen am 11. April 2026.
  10. ↑ Susann Maria Hempel ist im Klassentreffen der Zeitbasierten Künste zu Gast. In: Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle. 29. Januar 2026, abgerufen am 5. April 2026 (englisch).
  11. ↑ OTZ/KS: Fliegen als Filmdarsteller beim Theaterherbst. In: Ostthüringer Zeitung. 21. September 2011.
  12. ↑ kasc: Filmkritiker ehren junge Greizer Künstlerin. In: Freie Presse. 7. März 2014, S. 10.
  13. 1 2 Weitere - 2014 - Preisträger. In: Internationale Kurzfilmtage Oberhausen. Abgerufen am 9. April 2026.
  14. ↑ Helga Meister: Junge Stipendiaten erobern die Kunsthalle. In: Westdeutsche Zeitung. 5. September 2019, S. 23.
  15. 1 2 Japanisches Palais: Eppur si muove – und sie bewegt sich doch! In: Staatliche Kunstsammlungen Dresden. Abgerufen am 29. März 2026.
  16. ↑ Uwe Salzbrenner: Müll, der Kosmos und das Klima. Rom-Preisträger der Villa Massimo sind zu Gast im Japanischen Palais in Dresden. In: Sächsische Zeitung. 4. Juli 2022, S. 21.
  17. ↑ Susanne Schreiber: "Kunst verhandelt Freiheit". Interview mit Marion Ackermann. In: Handelsblatt. 9. Februar 2024, S. 56.
  18. ↑ Hungerwinter 1946/47. In: ARD Hörspieldatenbank. Abgerufen am 12. April 2026.
  19. ↑ Du und Ich und Er - Neuneinhalb Jahre mit Alzheimer. In: ARD Hörspieldatenbank. Abgerufen am 12. April 2026.
  20. ↑ Ne ho abbastanza - Susann Maria Hempel. In: Villa Massimo. Abgerufen am 11. April 2026.
  21. 1 2 20. Videokunst Förderpeis. In: Filmbüro Bremen. Abgerufen am 6. April 2026.
  22. ↑ Afterimages. Nachhall der Schwarzen Romantik in der Videokunst. In: JenaKultur. 22. Februar 2017, abgerufen am 11. April 2026.
  23. ↑ Neue Schwarze Romantik. In: Bethanien. Abgerufen am 11. April 2026 (deutsch).
  24. ↑ Lokale Gruppe38. Jahresausstellung der Darmstädter Sezession. In: Kunsthalle Darmstadt. Abgerufen am 11. April 2026.
  25. ↑ Dystopia. Zum 200. Geburtstag von Karl Marx. In: JenaKultur. 31. August 2018, abgerufen am 11. April 2026.
  26. ↑ Rieke Holst: Wo sind Thüringens " Blühende Landschaften"? Ausstellung des Jenaer Kunstvereins begibt sich auf die Suche. In: Thüringische Landeszeitung. 23. August 2023, S. 14.
  27. ↑ Laura Baringio (Hrsg.): El Món Ficció. Mons, Art Contemporani a L'Espai Mercart, 2023 (santjust.net [PDF]).
  28. ↑ No one belongs here more than you. In: Kunsthaus Erfurt. Abgerufen am 11. April 2026.
  29. ↑ Die Große 2024. In: Kunstpalast Düsseldorf. Abgerufen am 11. April 2026.
  30. ↑ Grit Krause: Susann Maria Hempel. In: shortfilm.de. 1. Juli 2014, abgerufen am 9. April 2026 (deutsch).
  31. ↑ Preis der deutschen Filmkritik 2013. In: Verband der deutschen Filmkritik e.V. 10. Februar 2014, abgerufen am 6. April 2026.
  32. ↑ Ausgezeichnete und nominierte Filmschaffende. In: Deutscher Kurzfilmpreis. Abgerufen am 9. April 2026.
  33. ↑ Archiv - 2014. In: Kurzfilm Festival Hamburg. Abgerufen am 9. April 2026.
  34. ↑ EMAF-Medienkunstpreis der deutschen Filmkritik 2014. In: Verband der deutschen Filmkritik e.V. 29. April 2014, abgerufen am 9. April 2026.
  35. ↑ Preisträger 26. Filmfest Dresden 2014. In: Filmfest Dresden. Abgerufen am 11. April 2026.
  36. ↑ Festival International du Court-Métrage de Clermont-Ferrand - Liste de 58 films. In: SensCritique. Abgerufen am 11. April 2026 (französisch).
  37. ↑ 15. Preisverleihung 2015 (Stiftungspreise). In: DEFA-Stiftung. Abgerufen am 11. April 2026 (deutsch).
  38. ↑ Hempel, Susann Maria. In: DA_SEZ. 4. März 2022, abgerufen am 11. April 2026.
  39. ↑ HAP Grieshaber-Preis. In: Stiftungkunstfonds. Abgerufen am 3. April 2026.
  40. ↑ Hörspielpreis der Kriegsblinden. In: Bund der Kriegsblinden Deutschlands e.V. Abgerufen am 3. April 2026.
  41. ↑ Hörspiel des Monats. In: Deutsche Akademie der Darstellenden Künste. Abgerufen am 3. April 2026.
  42. ↑ Kunstpreis Berlin – Jubiläumsstiftung 1848/1948. In: Akademie der Künste. Abgerufen am 5. April 2026.
  43. ↑ Alle Preisträger auf einen Blick. In: Schweriner Volkszeitung. 5. September 2022, S. 3.
  44. ↑ Katharina Kellner: "Tschüss, war schön!" und andere Gewinner. In: Mittelbayerische Zeitung. 25. März 2023, S. 21.
  45. ↑ Wettbewerbe. In: kurzfilmtage.de. Internationale Kurzfilmtage Oberhausen, 3. Mai 2026, abgerufen am 6. Mai 2026.
  46. ↑ Ehemalige Lehrende. In: Kunsthochschule für Medien Köln. Abgerufen am 11. April 2026.
  47. ↑ Starthilfe für starke Ideen! Förderung für vier Filmprojekte der freien Szene. In: Minsterium für Kultur und Wissenschaft NRW. 18. Februar 2026, abgerufen am 11. April 2026.
Personendaten
NAME Hempel, Susann Maria
KURZBESCHREIBUNG deutsche Filmschaffende und Hörspielautorin
GEBURTSDATUM 1983
GEBURTSORT Greiz