Tahir Jalaluddin

Tahir Jalaluddin (Ende des 19. Jhd.)

Muhammad Tahir Jalaluddin al-Falaki (geb. 7. November 1869 in Bukit Tinggi; gest. 1956 in Kuala Kangsar), auch bekannt als Sheikh Tahir, war ein islamischer Gelehrter aus der Ethnie der Minangkabau, der den Kaum Muda zugerechnet wird und als der erste Vertreter von Salafīya-Ideen in der malaiisch-indonesischen Welt gilt. Sein Hauptanliegen war die Bekämpfung von religiösen Neuerungen, die er als unrechtmäßig betrachtete. Besonders bekannt wurde Tahir Jalaluddin durch seine Tätigkeit als erster Herausgeber der Reformzeitschrift al-Imām, die vom Juli 1906 bis Dezember 1908 in Singapur erschien. Er beschäftigte sich auch mit Astronomie und war der erste malaiische Gelehrte, der bei der Berechnung des Islamischen Kalenders auf den Logarithmus zurückgriff.

Wie die anderen Kaum Muda wurde Tahir Jalaluddin von den Lehren Muhammad ʿAbduhs und Raschīd Ridās beeinflusst. Da er in seiner Jugend die Lehrzirkel von Mekka besucht und an der Azhar in Ägypten studiert hatte, besaß er aber etwas, das vielen anderen Reformern der Kaum-Muda-Bewegung fehlte, nämlich eine solide Qualifikation in islamischer Gelehrsamkeit. Deswegen mussten die Traditionalisten, die seine reformistischen Ideen ablehnten, diese dennoch ernst nehmen, da sie nicht von irgendeinem gewöhnlichen Muslim, sondern von einem Gelehrten von hohem Ansehen stammten.

Familiärer Hintergrund

Tahir Jalaluddin stammte aus einer Familie, die seit drei Generationen nicht nur in der islamischen Gelehrsamkeit, sondern auch in der islamischen Reformbewegung engagiert war. In der Phase vor dem Ausbruch der militanten Padri-Bewegung spielten Tahirs Großvater und Urgroßvater väterlicherseits eine führende Rolle bei der Reform der Minangkabau-Gesellschaft. Tuanku nan Tua, Tahirs Urgroßvater väterlicherseits, war ein Schüler von Scheich Burhanuddin in Ulakan. Auch Tahirs Vater, Tuanku Muhammad (gest. 1871), besser bekannt als Tuan Shaykh Cangking, war ein bedeutender muslimischer Gelehrter. Er war ein einflussreicher Naqschbandīya-Scheich der Minangkabau.

Tahirs älterer Cousin Ahmad al-Khatib

Auch Tahirs Familie mütterlicherseits nahm eine wichtige Stellung in der Minangkabau-Gesellschaft ein. Sie brachte neben Tahir noch zwei weitere bedeutende Persönlichkeiten hervor, die eine führende Rolle bei der Förderung islamischer Reformaktivitäten in der malaiisch-indonesischen Welt spielten, nämlich Scheich Ahmad al-Khatib (gest. 1916) und den indonesischen Politiker Agus Salim (gest. 1954).

Leben

Kindheit in Westsumatra

Tahir Jalaluddin wurde am 7. November 1869 in Kota Tua Empat Angkat, einem Bezirk in Bukit Tinggi, West Sumatra geboren. Im Alter von zwei Jahren wurde Tahir zum Waisen, als sein Vater starb. Anschließend wurde der junge Tahir von seiner Mutter aufgezogen, bis auch sie sechs Jahre später starb. Danach kümmerte sich Limbak Urai, die jüngere Schwester seiner Mutter, um Tahir. Seine Beziehung zu ihr war sehr eng, so eng, dass Limbak sich ihm gegenüber selbst als Biyai (Mutter) bezeichnete. Limbak Urai war eine gute Koranrezitatorin und wiegte Tahir oft mit dem Rezitieren der Sure Yā-Sīn in den Schlaf. Bei Limbak Urai erhielt Tahir auch seinen ersten Koranunterricht. Dadurch konnte er bereits mit fünf Jahren den Koran rezitieren, wenn auch unvollständig. Abends pflegte Tahir in einem nahegelegenen Surau weiterhin den Koran zu studieren und dort die Gemeinschaftsgebete zu verrichten. Tahir besuchte drei Jahre lang eine niederländische Schule für Einheimische im Minangkabau-Gebiet.

Studienaufenthalt im Nahen Osten

In der zweiten Hälfte seines dritten Schuljahres jedoch erhielt Limbak einen Brief von ihrem Sohn Ahmad aus Mekka, in dem er sie bat, Tahir zum Studium dorthin zu schicken. So reiste Tahir 1881 mit einem älteren Familienmitglied nach Mekka. Dort lebte er zwölf Jahre lang bei seinem älteren Cousin, Scheich Ahmad al-Chatib, einem angesehenen Lehrer der malaiischen Gemeinde. Zusammen mit anderen Studenten aus der malaiischen Welt studierte Tahir arabische Grammatik, Fiqh und andere religiöse Fächer. Sein wichtigster Lehrer war dabei Ahmad al-Khatib selbst. Zwei Lehrer, Scheich Husain Zaid und Muhammad ʿAnbābī, erteilten ihm außerdem Unterricht in islamischer Astronomie. Während seiner Jahre in Mekka arbeitete Tahir auch immer wieder als Pilgervermittler und Pilgerführer für die malaiischen Muslime, die den Haddsch vollzogen. In diesem Zusammenhang unternahm er drei kurze Besuche in Sumatra und Malaya (1886, 1890 und 1892), bei denen er teilweise auch aus Mekka mitgebrachte Bücher verkaufte.

Im Dezember 1892 reiste Tahir von Singapur nach Ägypten, um seine religiöse Ausbildung in Kairo fortzusetzen. Von 1893 bis 1897 studierte Tahir an der Azhar-Moschee Arabische Sprache, Fiqh und Astronomie. Während seiner Zeit in Kairo besuchte er auch die Vorträge ägyptischer Reformdenker und hatte wahrscheinlich auch Kontakt zu Muhammad ʿAbduh. Nachdem er 1897 an der Azhar einen ʿālimīya-Abschluss erworben hatte, kehrte er nach Mekka zurück, um Scheich Ahmad al-Chatib beim Unterrichten malaiisch-indonesischer Studenten zu unterstützen. Dort gehörten die jungen Minangkabau-Studenten Jamil Djambek, Karim Amrullah und Abdullah Ahmad, die später in ihren Heimatländern zu bedeutenden Reformern werden sollten, zu seinen Schülern. Ihnen vermittelte er das Gedankengut von Dschamāl ad-Dīn al-Afghānī und Muhammad ʿAbduh.

Als Astronom in Perak

1899 kehrte Tahir in den malaiischen Raum zurück. Perak, der malaiische Staat, in dem sich Tahir zu dieser Zeit niederließ, stand unter indirekter britischer Herrschaft. Der malaiische Herrscher dieses Staates, Sultan Idris (gest. 1916), der Tahirs Ruf und Expertise in islamischer Astronomie erkannte, beauftragte ihn damit, alle Moscheen und Gebetsorte Perak zu untersuchen und die Qibla zu korrigieren, wo immer sie falsch ist. Im Jahr 1901 heiratete Tahir eine einheimische malaiische Frau namens Aishah Haji Mustafa. Im Jahr 1902 wagte Tahir den Einstieg ins Textilgeschäft in der Hauptstadt des Bundesstaates, musste es aber nach einem Jahr wegen Verlusten wieder aufgeben.

Reisen durch den malaiischen Raum und im Nahen Osten

Von 1903 bis 1905 bereiste Tahir verschiedene Teile der malaiischen Welt, Java, Bali, Sembawa und Celebes. Im August 1904 erhielt Tahir die Gelegenheit, in den Nahen Osten zu reisen. Diese Gelegenheit bot sich ihm durch das Königshaus von Riau-Lingga, das ihn einlud, die Familienmitglieder bei ihrer Einschulung in eine ägyptische Schule zu begleiten. Da Tahir Kairo sehr gut kannte, war er für diese Aufgabe bestens geeignet. So reiste er im August 1904 zusammen Sayyid Shaykh al-Hadi und Mitgliedern des Königshauses von Riau-Lingga nach Kairo. Nach Erfüllung seiner Pflichten in Kairo blieb Tahir im Nahen Osten, um die Pilgerfahrt zu vollziehen, und kehrte etwa im September 1905 nach Malaya zurück.

Singapur: Herausgabe der Zeitschrift al-Imām

Titelblatt der Zeitschrift al-Imām vom Mai 1908

Im darauffolgenden Jahr (1906) zog Tahir nach Singapur, wo im Vergleich zu anderen malaiischen Staaten als britische Kronkolonie relative Gedankenfreiheit herrschte. Zusammen mit einigen Freunden gründete Tahir hier ein Pilgerreisebüro. Außerdem ergriff er die Initiative, eine islamische Reformzeitschrift zu gründen, nämlich al-Imām. Mitherausgeber waren Sayyid Shaykh al-Hadi, Sayyid Muhammad Aqil, Haji Abbas, Sayyid Muhammad Salim und Shaykh Awad. Die erste Ausgabe erschien am 23. Juli 1906 und wurde auf Tahirs Namen registriert.

Zwischen Perak und Johor

1909 wurde Tahir als Berater an die Magistratsgerichte in Taiping und Ipoh berufen, um sie in Scharia-bezogenen Fällen zu unterstützen. Im Juli 1909 bot ihm der Oberste Richter des Staates Johor an, Richter und Magistrate in Johor in islamischem Recht zu unterrichten. Tahir wurde anschließend Mufti im Sultanat Johor und begleitete in dieser Funktion 1911 Sultan Idris zur Inthronisierung von König Georg V. nach London. Nach sechs Jahren als Ausbilder für Richter und Magistrate in Johor reichte Tahir am 3. Juli 1912 seinen Rücktritt ein und kehrte in seine Heimatstadt in Perak zurück. 1914 wurde ihm aber eine Stelle als Lehrer an einer religiösen Schule in Johor Bahru, der Hauptstadt von Johor, angeboten. Während seiner Zeit in Johor soll Tahir versucht habe, den Posten des Muftis des Staates zu erlangen, jedoch ohne Erfolg.

In Penang an der Schule von al-Hadi

Um 1920 zog Tahir nach Penang, wobei bereits sein früherer Weggefährte Sayyid Shaykh al-Hadi tätig war und eine neue Schule, die Madrasa al-Mashhur al-Islamiya. Um den Einfluss reformistischer Ideen in der Schule auszuweiten, lud al-Hadi Tahir im Jahr 1920 ein, an der Schule zu unterrichten. So verbrachte Tahir die nächsten drei Jahre in Penang.

Besuche in Westsumatra und Inhaftierung

Nach dem Ende des Schuljahres 1923 verließ Tahir die Schule, um seine Heimat Westsumatra zu besuchen. Ziel war es, seinem früheren Schüler Karim Amrullah, der auch unter dem Namen Haji Rasul bekannt war, bei einer Führungskrise in dessen lokaler Reformbewegung Sumatra Thawalib zu Hilfe zu kommen. Während seines Aufenthalts bei den Minangkabau bereiste Tahir verschiedene Teile des Gebietes, um Reden zu halten, in denen er für die Reformideen warb. Im Gegensatz zu seinem Großvater, der mit den Niederländern kollaborierte, zeigte Tahir seine Abneigung gegen die Kolonialherrschaft. In dieser Zeit heiratete er auch eine einheimische Frau aus Padang Panjang und praktizierte somit Polygamie. Nach sechs Monaten kehrte Tahir nach Malaya zurück.

Tahirs Aufenthaltsort und Aktivitäten nach seiner Rückkehr aus Minangkabau im Jahr 1923 sind unklar. H. Zakaria vermutet, dass er diese Jahre an seinem Hauptwohnsitz in Kuala Kangsar verbrachte. 1925 ging er jedenfalls nach Johor, um eine Stelle als Religionslehrer an einer privaten islamischen Schule in Muar, der Madrasa Haji Taib, anzunehmen. Während seiner Tätigkeit als Lehrer an dieser Madrasa verbreitete Tahir seine reformistischen Ideen in Alor Gajah, einer Stadt in Malakka, indem er dort öffentliche Predigten hielt.

1927 reiste Tahir erneut in die Minangkabau-Region, um seine Familie zu besuchen und seine Ehefrau von dort mitzunehmen. Bei seiner Ankunft in Bukittinggi wurde Tahir umgehend verhaftet und angeklagt, an einer kommunistischen Verschwörung teilgenommen zu haben. Dies geschah wahrscheinlich wegen seiner feurigen Reden, die er bei seinem früheren Besuch in der Region gegen die Niederländer gehalten hatte. Der Resident von Westsumatra schlug vor, Tahir nach Neuguinea zu verbannen. Die Verhaftung warf allerdings rechtliche Probleme auf, da Tahir als britischer Staatsbürger unter Schutz stand. Zudem stieß sie bei der Mehrheit der Minangkabau-Gelehrten auf Ablehnung, da Tahir dort hohes Ansehen genoss. Während des 18. Jahreskongresses der Muhammadiyah in Solo brachten die Gelehrten ihren Unmut über Tahirs Verhaftung zum Ausdruck. Aufgrund der rechtlichen Komplexität, des starken Protests der Minangkabau-Gelehrten und des Fehlens von Beweisen wurden die Anklagen gegen Tahir schließlich fallen gelassen, und er wurde am 22. August, drei Tage nach dem Muhammadiyah-Kongress, freigelassen.

Wieder in Johor und Perak

Nach seiner Freilassung verließ Tahir Westsumatra umgehend und kehrte nach Malaya zurück, wo er eine Lehrtätigkeit an der Madrasah Parit Jamil in Johor aufnahm. Diese Position bekleidete er bis Anfang 1930, bevor er in seine Heimat Perak zurückkehrte. Danach nahm er keine weitere Anstellung als Lehrer oder religiöser Beamter mehr an. Über Briefe hielt er in dieser Zeit aber weiter engen Kontakt zu den Muslimen in Sumatra. So gab er zum Beispiel Yunos Abdul Hamid, einem Muhammadiyah-Führer in Sumatra, schriftlich Ratschläge hinsichtlich der Entwicklung und Verbesserung der Muhammadiyah-Schulen in Medan. Außerdem wurde Tahir zu einem sehr lautstarken Gegner der Ahmadiyya.

Nach dem Tod von Sayyid Shaykh al-Hadi im Februar 1934 übernahm Tahir die Herausgabe von dessen Reformzeitschrift al-Ikhwān. Allerdings war er kein guter kein guter malaiischer Schriftsteller. Während seiner kurzen Amtszeit als Herausgeber sank die Auflage von al-Ikhwān rapide. Dies lag vor allem an Tahirs Schreibstil, der die Zeitung für die malaiische Leserschaft uninteressant machte. Er war stark von arabischer Grammatik und arabischem Vokabular geprägt und für Leser ohne Arabischkenntnisse schwer verständlich. Im September 1934 übergab Tahir die Herausgeberschaft an Sayyid Shaykh al-Hadis Sohn Syed Alwi.

Tahir Jalaluddin starb im Oktober 1956 in Kuala Kangsar, Perak.

Werke

Religiöses Denken

Bekämpfung von religiösen Neuerungen

Ein zentraler Aspekt von Tahirs religiösem Denken war sein Beharren auf der strikten Einhaltung der authentischen religiösen Praktiken Mohammeds und der frühen Muslime. Dabei nahm er eine Kluft zwischen dem Islam, wie er ihn als ursprünglich verstand, und der Realität der religiösen Praktiken im malaiischen Raum wahr. Sein Hauptanliegen war die Bekämpfung von religiösen Neuerungen, weil er diese für Sünden hielt. So wandte er sich zum Beispiel gegen den bei den malaiischen Muslimen verbreiteten Brauch des Aufstehens beim Maulid (berdiri mawlid) und schrieb darüber einen Artikel in al-Imām. Allerdings unterschied Tahir drei Arten von Bidʿa:

  1. Die erste Art umfasst Neuerungen im Glauben, wie etwa abergläubische und animistische Vorstellungen und Praktiken. Diese betrachtete er als die schlimmste Form der Neuerung, da sie zu Unglauben (Kufr) führen könne.
  2. Die zweite Art von Neuerung bilden Ergänzungen der religiösen Praxis, wie beispielsweise das freiwillige Gebet vor dem Freitagsgebet. Tahir war der Ansicht, dass solche Neuerungen der Sunna widersprechen und daher abweichend und irreführend sind.
  3. Die dritte Art betrifft Neuerungen in den Bräuchen. Diese Art von Neuerung lehnte er nicht gänzlich ab. So meinte er, dass manche Neuerungen für Muslime sogar wünschenswert sein könnten, wie der Bau von Minaretten für Moscheen, während andere Neuerungen sogar verpflichtend werden, wie die Sammlung des Korans während des Kalifats von Abū Bakr.

Tahir stellte sich unter anderem gegen die in Malaya vorherrschende Lehrauffassung, dass 40 Personen Voraussetzung für die Abhaltung des Freitagsgebets seien. Dabei argumentiert er damit, dass der Koranvers, der das Freitagsgebet behandelt, keine bestimmte Anzahl von Muslimen für die Durchführung des Gebets vorschreibt und es daher falsch sei, zu behaupten, 40 Personen seien die Mindestanzahl. Der betreffende Vers (Sure 62:10) lautet: „Ihr Gläubigen! Wenn am Tag der Versammlung zum Gebet gerufen wird, dann wendet euch mit Eifer dem Gedenken Gottes zu und lasst den Handel ruhen! Das ist besser für euch, sofern ihr Wissen habt.“ Tahir argumentierte, dass angesichts der Tatsache, dass drei im Arabischen als Mehrzahl gelten, drei Personen die für das Freitagsgebet erforderliche Gemeinde bilden könnten. Um den malaiischen Traditionalisten weiter entgegenzutreten, berief sich Tahir auch auf Fachr ad-Dīn ar-Rāzī und Dschalāl ad-Dīn as-Suyūtī. So erklärte er, dass es laut as-Suyūtī keine einheitliche, verlässliche Überlieferung gebe, die das für das Freitagsgebet erforderliche Mindestquorum festlege. Die traditionalistischen Gelehrten, die darauf bestanden, dass 40 Personen für die Gültigkeit des Freitagsgebets erforderlich sind, betrachtete Tahir deswegen als Anhänger einer Bidʿa.

Eine weitere Neuerung, gegen die Tahir kämpfte, war das laute Aussprechen der Nīya beim rituellen Gebet, die von der Mehrheit der malaiischen Muslime für eine Pflicht gehalten wurde. Auch hier argumentierte er, dass sie keine Grundlage in Koran oder authentischen Hadithen habe. Mit demselben Argument wandte er sich auch gegen die religiöse Praxis des Talqīn, eine kurze Ansprache, die bei der Bestattung von Toten am Ende der Trauerfeier über dem Grab gehalten wurde und bei der dem Toten Ratschläge gegeben wurde, wie er auf die Fragen der Munkar und Nakīr antworten sollte. Tahir führte außerdem ins Feld, dass keiner der Gründer der vier sunnitischen Rechtsschulen eine solche Praxis jemals gebilligt habe. Seiner Ansicht nach war Talqīn eine Neuerung, die erst Ende des dritten Jahrhunderts nach der Hidschra aufgekommen war, wobei sich ihre Befürworter lediglich auf einen schwachen Hadith gestützt hätten, der nicht als Beweis gelten könne.

Die Notwendigkeit einer religiösen Reform

Im Vorwort zu seiner Risalah Penebasan Bid'ah di Kepala Batas brachte Tahir seine Bestürzung über den traurigen Zustand der Muslime zum Ausdruck, die er als am Rande des Untergangs lebend beschrieb. Hierbei teilte er mit anderen muslimischen Reformern wie ʿAbduh und Ridā die Überzeugung, dass die Schwäche und Stagnation der Muslime auf ihre Abweichung vom „wahren“ Islam zurückzuführen sei. Tahirs Auffassung vom „wahren“ Islam beschränkte sich auf die Gebote des Korans und der Sunna ohne die etablierten Lehren, die von den großen Gelehrten des Islam formuliert wurden. Er argumentierte, dass die Muslime für eine Verbesserung ihrer sozioökonomischen Lage eine religiöse Reform durchführen müssten, die ihnen großen Nutzen bringen würde, ähnlich wie Martin Luthers Reformation den europäischen Christen.

Allgemein hatte Tahir Jalaluddin auch ein positives Verhältnis gegenüber westlichen Ideen und Institutionen. So meinte er, dass es für Muslime nicht nur wichtig sei, islamisches Wissen zu erwerben, sondern auch positive Aspekte westlicher Fähigkeiten und Technologien zu übernehmen, die zum Fortschritt der Europäer und ihrer Vorherrschaft in der muslimischen Welt beigetragen hatten.

Andenken

In Anerkennung von Tahir Jalaluddins Beitrag zur Astronomie wurde das 1991 in Penang eröffnete Observatorium nach ihm Shaykh Tahir Astronomy Center (Pusat Falak Sheikh Tahir) genannt.

Literatur

Einzelnachweise

  1. 1 2 3 4 Zakariya: “Islamic Reform in Malaya: The Contribution of Shaykh Tahir Jalaluddin”. 2005, S. 51.
  2. 1 2 3 4 5 Zakariya: “Islamic Reform in Malaya: The Contribution of Shaykh Tahir Jalaluddin”. 2005, S. 53.
  3. ↑ Zakaria: “The life and times of Shaykh Tahir Jalaluddin”. 2006, S. 108.
  4. ↑ Zakaria: “The life and times of Shaykh Tahir Jalaluddin”. 2006, S. 90.
  5. ↑ Werner Kraus: Islamische mystische Bruderschaften im heutigen Indonesien. Mitteilungen des Instituts für Asienkunde, Hamburg 1990. S. 22.
  6. ↑ Zakaria: “The life and times of Shaykh Tahir Jalaluddin”. 2006, S. 91.
  7. ↑ Zakaria: “The life and times of Shaykh Tahir Jalaluddin”. 2006, S. 91–92.
  8. 1 2 Ali: Islam and colonialism: Becoming modern in Indonesia and Malaya. 2003, S. 60.
  9. ↑ Zakaria: “The life and times of Shaykh Tahir Jalaluddin”. 2006, S. 92.
  10. ↑ Zakaria: “The life and times of Shaykh Tahir Jalaluddin”. 2006, S. 96–97.
  11. ↑ Zakaria: “The life and times of Shaykh Tahir Jalaluddin”. 2006, S. 97.
  12. ↑ Zakaria: “The life and times of Shaykh Tahir Jalaluddin”. 2006, S. 97–98.
  13. ↑ Zakaria: “The life and times of Shaykh Tahir Jalaluddin”. 2006, S. 98–99.
  14. ↑ Zakariya: “Islamic Reform in Malaya: The Contribution of Shaykh Tahir Jalaluddin”. 2005, S. 55.
  15. 1 2 Zakariya: “Islamic Reform in Malaya: The Contribution of Shaykh Tahir Jalaluddin”. 2005, S. 52.
  16. ↑ Zakaria: “The life and times of Shaykh Tahir Jalaluddin”. 2006, S. 100, 103.
  17. 1 2 Zakaria: “The life and times of Shaykh Tahir Jalaluddin”. 2006, S. 100.
  18. ↑ Zakaria: “The life and times of Shaykh Tahir Jalaluddin”. 2006, S. 101.
  19. ↑ Zakariya: “Islamic Reform in Malaya: The Contribution of Shaykh Tahir Jalaluddin”. 2005, S. 69.
  20. 1 2 Zakaria: “The life and times of Shaykh Tahir Jalaluddin”. 2006, S. 104.
  21. 1 2 3 Zakaria: “The life and times of Shaykh Tahir Jalaluddin”. 2006, S. 105.
  22. 1 2 3 Zakariya: “Islamic Reform in Malaya: The Contribution of Shaykh Tahir Jalaluddin”. 2005, S. 57.
  23. ↑ Zakaria: “The life and times of Shaykh Tahir Jalaluddin”. 2006, S. 105–106.
  24. 1 2 3 4 Zakaria: “The life and times of Shaykh Tahir Jalaluddin”. 2006, S. 106.
  25. 1 2 3 4 Zakaria: “The life and times of Shaykh Tahir Jalaluddin”. 2006, S. 107.
  26. ↑ Zakariya: “Islamic Reform in Malaya: The Contribution of Shaykh Tahir Jalaluddin”. 2005, S. 52, 69.
  27. ↑ Zakariya: “Islamic Reform in Malaya: The Contribution of Shaykh Tahir Jalaluddin”. 2005, S. 52–53.
  28. ↑ Zakariya: “Islamic Reform in Malaya: The Contribution of Shaykh Tahir Jalaluddin”. 2005, S. 69–70.
  29. ↑ Zakariya: “Islamic Reform in Malaya: The Contribution of Shaykh Tahir Jalaluddin”. 2005, S. 59.
  30. ↑ Noer: The Muslim Modernist Movement in Indonesia 1900–1942. 1973, S. 34–35.
  31. ↑ Zakariya: “Islamic Reform in Malaya: The Contribution of Shaykh Tahir Jalaluddin”. 2005, S. 58.
  32. ↑ Zakariya: “Islamic Reform in Malaya: The Contribution of Shaykh Tahir Jalaluddin”. 2005, S. 60.
  33. ↑ Zakariya: “Islamic Reform in Malaya: The Contribution of Shaykh Tahir Jalaluddin”. 2005, S. 61–62.
  34. ↑ Zakariya: “Islamic Reform in Malaya: The Contribution of Shaykh Tahir Jalaluddin”. 2005, S. 62.
  35. ↑ Zakariya: “Islamic Reform in Malaya: The Contribution of Shaykh Tahir Jalaluddin”. 2005, S. 63.
  36. ↑ Zakariya: “Islamic Reform in Malaya: The Contribution of Shaykh Tahir Jalaluddin”. 2005, S. 64.
  37. ↑ Zakariya: “Islamic Reform in Malaya: The Contribution of Shaykh Tahir Jalaluddin”. 2005, S. 65.
  38. ↑ Zakariya: “Islamic Reform in Malaya: The Contribution of Shaykh Tahir Jalaluddin”. 2005, S. 66.
  39. ↑ Zakariya: “Islamic Reform in Malaya: The Contribution of Shaykh Tahir Jalaluddin”. 2005, S. 68.
Personendaten
NAME Tahir Jalaluddin
ALTERNATIVNAMEN Tahir Jalal al-Din; Sheikh Tahir Jalaluddin; Syeikh Muhammad Tahir Jalaluddin al-Falaki; Muhammad Tahir Jalaluddin al-Falaki Al-Azhari; Muhammad Tahir Jalaluddin; Tahir Jalaluddin Al-Falaki
KURZBESCHREIBUNG islamischer Gelehrter und Reformer
GEBURTSDATUM 7. November 1869
GEBURTSORT Bukit Tinggi
STERBEDATUM 1956
STERBEORT Kuala Kangsar