Teleonomie

Teleonomie (von altgriechisch τέλος télos, deutsch ‚Zweck, Ziel, Ende, auf ein Ziel hin strebend‘ und νόμος nómos, deutsch ‚Gesetz‘, siehe auch -nomie) bezeichnet in der Biophilosophie eine kausalanalytische Erklärungsweise für einen zielgerichtet scheinenden Vorgang. Der Begriff wurde von Colin Pittendrigh (in: Behavior and Evolution, 1958) geprägt.

Als teleonomisch werden Prozesse bezeichnet, die allein aus ihren Komponenten und Strukturen erklärt werden. Sie bedürfen dadurch keiner Zusatzannahmen über mögliche externe teleologische oder intentionale Einflüsse. Dies unterscheidet das Konzept der Teleonomie von dem der Teleologie bzw. der Entelechie.

Die Entwicklung des Begriffs

Noch im 20. Jahrhundert war durch die von Hans Driesch begründete Form des Vitalismus (Neovitalismus) mit der darin enthaltenen „Lehre von der materiellen Wirksamkeit immaterieller teleologischer Faktoren“, denen er unter Berufung auf Aristoteles den Namen Entelechie gab, eine „teleologische Denkform“ in die Biologie eingeführt worden, was als ein hinter Kants Kritik der Urteilskraft zurückfallender Verstoß gegen die Prinzipien der Naturwissenschaft galt. Darüber war es zu einem heftigen "Vitalismus-Mechanismus-Streit" gekommen, dessen Abflauen und Erlöschen in den späten 1940er und 50er Jahren eine „Entkrampfung und Erlösung für alle theoretisch interessierten Biologen“, wie Otto Koehler und Konrad Lorenz, brachte, die die „komplementären Einseitigkeiten und Denkfehler beider streitenden Parteien“ aufzeigten. Man erkannte nun, dass „die Finalität der Lebenserscheinungen auf einer speziellen Form der Kausalität beruht (z. B. auf Regelprozessen) und dass deren Verständnis die Anerkennung der Finalität nicht aufhebt, sondern untermauert.“ Zu dieser geistigen Entwicklung passte nun die Prägung des neuen Begriffs der Teleonomie.

Durchsetzung

Mit diesem Ausdruck als Alternativbegriff zur Teleologie können seitdem Biologen „einen biologischen Tatbestand rein deskriptiv als zweckdienlich oder zielgerichtet kennzeichnen, ohne damit zugleich eine Hypothese über die Herkunft der Zweckdienlichkeit auszusprechen“, z. B. eine transzendente Erklärung in einen naturwissenschaftlichen Zusammenhang hinein zu legen, was außerhalb des Bereichs der empirischen Forschung läge. „Manche Forscher vermeiden allerdings den Ausdruck "teleonom(isch)" und benutzen stattdessen andere, gleichbedeutende Vokabeln: Sie sprechen vom biologischen Sinn, von der biologischen Bedeutung oder auch von der funktionellen oder funktionalen Erklärung eines biologischen Tatbestandes“, wobei Funktion im biologischen Sinn bedeutet: „zur Aufrechterhaltung eines als Ganzheit betrachteten Systems geleisteter Beitrag“. Doch faktisch verwarf die Biologie für ihren Wissenschaftsbereich den Begriff der Teleologie zugunsten dessen der Teleonomie und bereitete den Weg dafür, den begrifflichen Unterschied zwischen Teleologie und Teleonomie auch in die Philosophie zu übernehmen.

Erklärung

Mit dem Aufkommen der Biologischen Kybernetik seit den 50er Jahren, hat sich der Regelprozess als Denkmodell bei den Biologen durchgesetzt. Sie konnten nun „auf immaterielle ganzmachende Faktoren verzichten, nachdem die Kybernetik — zumindest theoretisch — materiell funktionierende ganzmachende Prozesse beliebigen Differenzierungsgrades anbot“. Obgleich die Kybernetik im Bereich der Technik entstand, hat sie „den für die Biologie wesensbestimmenden Begriff der Ganzheit“ zu rehabilitieren geholfen und den Widerspruch zwischen Kausalität und Finalität für den Bereich der Biologie aufgehoben.

Panteleonomie und Hemiteleonomie

Die Differenz zwischen Teleologie und Teleonomie wird vor allem deutlich bei den biologischen Systemen, bei denen wir zumeist keinerlei Absichten oder Zweckvorstellungen voraussetzen können: bei Pflanzen und innerhalb eines Organismus (Organfunktionen, Zellen, genetisches Material). Aus logischer Sicht unterscheiden Bunge und Mahner deshalb (graduell) zwischen zwei Formen der biologischen Teleonomie: der eben charakterisierten Panteleonomie, die bedeute, dass alle Biosysteme teleonomisch seien, und der Hemiteleonomie, die auf jene bestimmten Lebewesen beschränkt ist, die „Ziele verfolgen, Pläne schmieden und Absichten haben können“, was dadurch zu erklären sei, dass Lernen und Erwartung „als spezifische Aktivitäten bestimmter neuronaler Systeme betrachtet werden“, ohne die Existenz eines immateriellen Geistes oder einer Seele vorauszusetzen.

Beispiele für Hemiteleonomie

Literatur

Einzelnachweise

  1. ↑ Bernhard Hassenstein: Biologische Teleonomie. In: Rüdiger Bubner, Konrad Cramer, Reiner Wiehl. (Hrsg.): Teleologie. neue hefte für philosophie. Band 20 Vandenhoeck & Ruprecht Göttingen 1981, S. 60 f.
  2. ↑ I. Kant: Kritik der Urteilskraft, bes. § 75, Ausgabe der Preußischen Akademie der Wissenschaften, Berlin 1900 ff., AA V, 397-401.
  3. ↑ Otto Koehler: Die Ganzheitsbetrachtung in der modernen Biologie, 1933
  4. ↑ Konrad Lorenz: Ganzheit und Teil in der tierischen und menschlichen Gemeinschaft, 1950
  5. ↑ Bernhard Hassenstein: Biologische Teleonomie. In: Rüdiger Bubner, Konrad Cramer, Reiner Wiehl. (Hrsg.): Teleologie. neue hefte für philosophie. Band 20 Vandenhoeck & Ruprecht Göttingen 1981, S. 62.
  6. ↑ Bernhard Hassenstein: Biologische Teleonomie. In: Rüdiger Bubner, Konrad Cramer, Reiner Wiehl. (Hrsg.): Teleologie. neue hefte für philosophie. Band 20, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1981, S. 62.
  7. ↑ Bernhard Hassenstein: Biologische Teleonomie. In: Rüdiger Bubner, Konrad Cramer, Reiner Wiehl. (Hrsg.): Teleologie. neue hefte für philosophie. Band 20, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1981, S. 63.
  8. ↑ Bernhard Hassenstein: Biologische Teleonomie. In: Rüdiger Bubner, Konrad Cramer, Reiner Wiehl. (Hrsg.): Teleologie. neue hefte für philosophie. Band 20 Vandenhoeck & Ruprecht Göttingen 1981, S. 60.
  9. ↑ Bernhard Hassenstein: Biologische Teleonomie. In: Rüdiger Bubner, Konrad Cramer, Reiner Wiehl. (Hrsg.): Teleologie. neue hefte für philosophie. Band 20 Vandenhoeck & Ruprecht Göttingen 1981, S. 63.
  10. ↑ Bernhard Hassenstein: Biologische Teleonomie. In: Rüdiger Bubner, Konrad Cramer, Reiner Wiehl. (Hrsg.): Teleologie. neue hefte für philosophie. Band 20 Vandenhoeck & Ruprecht Göttingen 1981, S. 63.
  11. ↑ Bernhard Hassenstein: Biologische Teleonomie. In: Rüdiger Bubner, Konrad Cramer, Reiner Wiehl. (Hrsg.): Teleologie. neue hefte für philosophie. Band 20 Vandenhoeck & Ruprecht Göttingen 1981, S. 63.
  12. ↑ Bernhard Hassenstein: Biologische Teleonomie. In: Rüdiger Bubner, Konrad Cramer, Reiner Wiehl. (Hrsg.): Teleologie. neue hefte für philosophie. Band 20 Vandenhoeck & Ruprecht Göttingen 1981, S. 63.
  13. ↑ Bernhard Hassenstein: Biologische Teleonomie. In: Rüdiger Bubner, Konrad Cramer, Reiner Wiehl. (Hrsg.): Teleologie. neue hefte für philosophie. Band 20 Vandenhoeck & Ruprecht Göttingen 1981, S. 64.
  14. ↑ Martin Mahner, Mario Bunge: Philosophische Grundlagen Der Biologie, Springer 2000, ISBN 354067649X, S. 351
  15. ↑ H. L. Gibbs, M. D. Sorenson, K. Marchetti, M. D. Brooke, N. B. Davies, H. Nakamura: Genetic evidence for female host-specific races of the common cuckoo. In: Nature. Band 407, Nummer 6801, September 2000, ISSN 0028-0836, S. 183–186, doi:10.1038/35025058, PMID 11001055.
  16. ↑ Branislav Igic et al.: A shared chemical basis of avian host–parasite egg colour mimicry. In: Proc. R. Soc. B 279, 2012, S. 1068–1076, doi:10.1098/rspb.2011.1718.
  17. ↑ Jesus M. Aviles, Anders P. Möller: How is host egg mimicry maintained in the cuckoo (Cuculus canorus)? In: Biological Journal of the Linnean Society. 82, 2004, S. 57–68, doi:10.1111/j.1095-8312.2004.00311.x.
  18. ↑ Frode Fossøy, Michael D. Sorenson, Wei Liang, Torbjørn Ekrem, Arne Moksnes, Anders P. Møller, Jarkko Rutila, Eivin Røskaft, Fugo Takasu, Canchao Yang, Bård G. Stokke: Ancient origin and maternal inheritance of blue cuckoo eggs. In: Nature Communications, Band 7, Artikel Nummer 10272, 12. Januar 2016, doi:10.1038/ncomms10272.