Theoros (altgriechisch θεωρός) bezeichnete im antiken Griechenland einen offiziellen Gesandten oder Beamten mit vorwiegend sakralen Aufgaben. Das Aufgabenspektrum umfasste sowohl den Orakelbefrager, der im Namen seiner Heimatstadt ein Heiligtum (insbesondere das Orakel von Delphi) konsultierte, als auch den Festabgeordneten, der offizielle Einladungen zu religiösen Festen und Spielen überbrachte oder seine Polis dort repräsentierte. Darüber hinaus konnte der Begriff den offiziellen Festteilnehmer bzw. sakralen Zuschauer beschreiben oder einen staatlichen Kultbeamten bezeichnen, der in einigen Stadtstaaten (wie in Mantineia oder Tegea) ein ständiges politisch-religiöses Magistratsamt bekleidete.
Allen Bedeutungen gemeinsam ist der enge, aus dem Sakralen reichende Zusammenhang zu den griechischen Göttern und deren Festen. Theoros und theoria haben damit den Sinn von „Schau des Göttlichen und des Heils“, theoria erhielt sekundär die „säkularisierte“ Bedeutung „Schau, Erkenntnis“ (siehe den heutigen Begriff Theorie).
In der modernen universitären Forschung wird das altgriechische Substantiv theōrós (θεωρός) traditionell als ein Kompositum aus théa (θέα, „Anblick“, „Schau“) und dem Verb horáō (ὁράω, „sehen“, „aufmerksam betrachten“) gedeutet, was sprachgeschichtlich die ursprüngliche Bedeutung „Zuschauer“ oder „gläubiger Betrachter“ bei einem sakralen Fest erklärt. Zwar schlug der Schweizer Altphilologe Hermann Koller 1958 in der Fachzeitschrift Glotta eine alternative Hypothese vor, nach der sich der Begriff aus einer Urform *theo-ōros (θεο-ωρός, „der Gott beschützt“) ableite und somit direkt mit theós (θεός, „Gott“) verknüpft sei, diese Herleitung wird jedoch in den maßgeblichen etymologischen Standardwerken einhellig abgelehnt. Bereits Pierre Chantraine wies darauf hin, dass Kollers morphologische Annahmen den historischen Lautgesetzen des Griechischen widersprechen, und auch Robert Beekes bezeichnete diese Verknüpfung unter Verweis auf ältere Dialektformen als explizit unplausibel.
Die sakrale Verknüpfung mit theós geht historisch auf eine weit verbreitete antike Volksetymologie zurück, die bei Ammonios von Alexandria (De adfinium vocabulorum differentia) dokumentiert ist. Dort wird die explizite Unterscheidung überliefert, wonach ein theōrós derjenige sei, der zu den Göttern gesandt wird (ho eis theoùs pempómenos), während Ammonios den vermutlich um 200 v. Chr. wirkenden Grammatiker Lysimachides zitiert, welcher das Wort paretymologisch auf das Verbum hōreîn zurückführte und den theōrós demnach als jemanden deutete, der sich „um den Gott sorgt“ (tòn theòn hōreîn, toutésti phrontízein).

Hinsichtlich der geschichtlichen Verwendung des Begriffs wird nach einer weithin akzeptierten Interpretation davon ausgegangen, dass das Substantiv θεωρός – ungeachtet seiner rein morphologischen Herkunft – ursprünglich spezifisch zur Beschreibung des Orakelbefragers gebildet wurde, im Sinne von „jemandem, der über den Willen des Gottes wacht“. Erst im weiteren Verlauf wurde der Begriff durch Metonymie sukzessive auf die anderen Bedeutungen ausgeweitet.
Demnach kann θεωρός eine Person bezeichnen, die aus eigener Initiative ein Orakel aus rein persönlichen Gründen befragt. Dies ist beispielsweise in Sophokles’ König Ödipus bei Laios der Fall oder in Euripides’ Hippolytos bei Theseus.
Beim Geschichtsschreiber Herodot pendelt der Begriff der theoria zwischen seiner religiös-diplomatischen Funktion und einer philosophischen Erweiterung. Einerseits beschreibt er damit die offiziellen Gesandten, die Orakelstätten wie Delphi aufsuchten, um göttliche Sprüche einzuholen und zu dokumentieren. Andererseits erfährt das Wort bei ihm eine frühe Säkularisierung: In der berühmten Begegnung zwischen Kroisos und Solon nutzt Herodot den Begriff (theorias heineken), um Solons Reisen nach Ägypten und Kleinasien zu beschreiben, die nicht einem rituellen Zweck, sondern der bloßen Betrachtung der Welt und dem Wissenserwerb dienten.
Das Begriffspaar theoros/theoria fand zum Beispiel, ausgehend von der Nähe zu den antik-griechischen Mysterienkulten und der platonischen Ideenlehre, Eingang in die philosophische Mystik des Plotin, in die Christusmystik der Kirchenväter Origenes und Augustinus von Hippo und in die mittelalterliche Mystik. Heute ist der Begriff der Theorie in der Wissenschaft bedeutsam.