Thetik ist die Wissenschaft der Thesen oder dogmatischen Lehren. Sie wird auch als die Wissenschaft von den Festsetzungen definiert, besonders in der Philosophie. Das Adjektiv thetisch wird im Sinne von „behauptend, setzend, dogmatisch“ gebraucht. Dies bedeutet demnach nicht nur wissenschaftliches Befassen mit bereits entsprechend festgesetzten Sachverhalten oder „Ge-setzen“, sondern auch die methodisch angemessenen Auseinandersetzungen mit der aktiven Art und Weise, wie es zielorientiert zu verschiedensten Behauptungen, Stereotypien, eingefahrenen Verhaltensmustern und anderen Festsetzungen kommt.
Der Begriff Thetik ist eine von „These“ (altgriechisch θέσις thésis, deutsch ‚aufgestellter Satz, Behauptung‘ und von dem aktiv und medial gebrauchten Verb altgriechisch τιθημι titèmi, deutsch ‚setzen, legen, stellen – sich setzen, aufstellten, schaffen, bereiten‘) abgeleitetes Kunstwort. Das Adjektiv von Thetik und These ist thetisch. Thetik gehört nicht zu den Kategorien der deutschen Grammatik. Sie wurde in der Logik als Impersonalie eingeführt und hat in der Logik des ausgehenden 19. Jahrhunderts unter dem Thema tiefe und breite Spuren hinterlassen.
Immanuel Kant (1724–1804) gebraucht die Begriffe „Thetik“ bzw. „thetisch“ als Gegenbegriffe zu „Antithetik“ bzw. „antithetisch“. These und Antithese sind damit Gegenstand der Dialektik.(KrV B 87, KrV A 405).
Neben These und Antithese verwendet Kant auch den Begriff der „Synthetischen Urteile“ (KrV B 10 f.). Es handelt sich dabei im Gegensatz zu den analytischen Urteilen um Erfahrungsurteile, weil sie a posteriori einem bereits gegebenen Begriff weitere kennzeichnende Qualitäten synthetisch, d. h. zusammensetzend hinzufügen. Kant nennt sie daher auch Erweiterungsurteile zur Unterscheidung von den analytischen Erläuterungsurteilen. Als Beispiel für die synthetische Urteilsqualität verwendet Kant den Satz: „Alle Körper sind schwer.“ Nicht mit der Erfahrung in Verbindung stehen jedoch die synthetischen Urteile a priori (KrV B 13).. Als Beispiel für diese Art von Urteilen verweist Kant auf die Kausalität. Ein von Kant gebrauchter Begriff, der ebenfalls als synthetisch zu bezeichnen wäre, ist die Apperzeption
Den Begriff „Hypothese“ gebraucht Kant im Sinne einer Kritik der teleologischen Urteilskraft in der etymologisch streng wörtlichen Bedeutung von „Unterstellung“ und damit eher nicht im Sinne einer grundlegenden und wohlerwogenen wissenschaftlichen Annahme. Dies rückt die Hypothese bei Kant in die Nähe der „leeren Hirngespinste“(KdU B 452 f.). Er schreibt:
„Was als Hypothese zu Erklärung der Möglichkeit einer gegebenen Erscheinung dienen soll, davon muß wenigstens die Möglichkeit völlig gewiß sein.“
Wilhelm Windelband (1848–1915) ist für seine Nomothetik bekannt. Er fühlte sich einer Begründung der Geisteswissenschaften verpflichtet. Diese suchte er zusammen mit Wilhelm Dilthey im Sinne des Neukantianismus bzw. im Historismus zu finden. Der auf Kant zurückgehende erkenntniskritische Ansatz in Bezug auf die Naturwissenschaften sollte auch in den Geschichtswissenschaften Anwendung finden. Zumal der griechische Begriff „Nomos“ auch als „Sitte“ und „Herkommen“ gelten kann, ist es jedoch verständlich, dass der Historiker selbst von einer „Bewegung geschichtlichen Lebens getragen“ ist und nicht nur objektiv seinem Gegenstand, dem „geschichtlichen Leben“ gegenübersteht.
Geltung kann demnach in geisteswissenschaftlicher Hinsicht nur der beanspruchen, dem die „mehr oder weniger ausgeprägte und möglichst umfassende Anerkennung und Billigung“ einer Norm, eines Werts oder eines psychologischen Verhaltensmusters entgegengebracht wird. Auch Gadamer bezieht sich im genannten Zusammenhang auf die Verstehende Soziologie von Max Weber. Diese zielte zunehmend ab auf eine „antinaturalistische“ fachliche Autonomie, die sich von prägenden naturwissenschaftlichen und psychologisch individualisierenden Vorstellungen ablöste. Damit stellt sie eher einen Mittelweg zwischen nomothetischer und idiographischer Betrachtungsweise bei Windelband dar.
Hans-Georg Gadamer (1900–2002) vertritt eine wissenschatliche Dogmatik. Darunter versteht er in seiner eigenen Selbstdarstellung eine Orientierung an der „Universalität der Sprache“ und des lebendigen „Dialogs“. und ihres dialektischen Weltzugangs, auch in den Werken der Kunst. Auch wenn es das Kennzeichen des Dilettanten sei, eiftrig eigene Begriffe zu „bilden“ und zu „definieren“, so sieht Gadamer das sich daraus erebende Problem in einer notwendigen Bewältigung „konsitutiver Sprachnot“ an, und damit als einer besonderen Aufgabe der Philosophie. Es komme darauf an, die Anschaulichkeit der philosophischen Sprache auszudehnen, indem sie andere dazu bewegt, mitzudenken und weiterzudenken. Damit befindet sich Philosophie in einem ständigen Dilemma zwischen lebendiger Beweglichkeit der Sprache, deskriptiver Geschmeidigkeit und Neubildungen des Wortschatzes einerseits sowie sprachlichen Fixierungen (ursprünglicher Ansatz der Scholastik) und Versteinerungen andererseits. Während Sartre (vgl. Kap. Sartre) vor ausschkießlicher „Selbstheit“ [franz. ipséité] warnt, spricht Gadamer positiv von Selbstvergessenheit.
Die einzig uns thetisch feste Selbstsicherheit bietende Instanz ist das Gewissen, das uns nach Gadamers inhaltlich nur teilweise zustimmender Erinnerung an sein Studium bei Heidegger – nämlich als eine Übertreibung bewertet – zu dieser „Selbstgewissheit“ aufruft. Insofern stimmt Gadamer auch Sartre zu und seiner „berühmten Beschreibung des Blicks des anderen“.
Jean-Paul Sartre (1905–1980) beschreibt ein „nicht thetisches Bewußtsein“, Gemeint ist damit ein noch nicht genügend ausgebildetes Selbstbewusstsein [franz. „conscience non-thétique (de) moi“]. Bedingt durch eine spezielle Erlebnissituation kommt es jedoch zur Entwicklung von Schamgefühlen und damit zu einem Wechsel von einem naiven Sein-für-sich zu einem eher bewussten und nicht nur von eigenen Gefühlen beherrschten Für-andre-Sein, also zu einem Zuwachs an Verantwortungsgefühl und damit auch von Selbstbewusstsein und Selbstbehauptung. Sartre erläutert diesen Vorgang wie folgt:
„Das bedeutet zunächst, daß es kein Ich gibt, das mein Bewußtsein bewohnt. Also nichts, worauf ich meine Handlungen beziehen könnte, um sie zu qualifizieren. Sie werden keineswegs erkannt, sondern ich bin sie, und allein deshalb tragen sie ihre totale Rechtfertigung in sich selbst. Ich bin reines Bewußtsein von den Dingen, und die Dinge, im Zirkel meiner Selbstheit [franz. „ipséité“] gefangen, bieten mir ihre Potentialitäten als Antwort meines nicht thetischen Bewußtseins (von) meinen eigenen Möglichkeiten dar. [...] mein Bewußtsein klebt an meinen Handlungen; sie werden nur durch die zu erreichenden Zwecke und durch die zu verwendenden Instrumente geleitet. Meine Haltung hat kein «Draußen», ist reines Inbezugsetzen […] mit dem zu erreichenden Zweck […], eine bloße Art, mich in der Welt zu verlieren, mich durch die Dinge aufsaugen zu lassen […], damit sich ein auf den Zweck hin orientierter Utensilienkomplex synthetisch auf dem Welthintergrund abhebt.“
Ronald D. Laing (1927–1989) schildert einen Fall von Charakterzuspitzung (Fallbeispiel Brian). Dieser Fall wird durch die ausführliche Beschreibung im Sinne der Deskriptiven Psychologie verständlich. Die Erlebnissituation ist hier im Grunde sehr vergleichbar mit der im vorstehenden Kap. Sartre. Es handelte sich hier in dem von Laing geschilderten Fall um den verzweifelten Versuch, eine Identität-für-sich-selbst zu schaffen. Weitere Einzelheiten dazu siehe die spezielle Fallschilderung.