Thornton-Expedition

Ziel der Thornton-Expedition auf dem Gebiet des heutigen Französisch-Guayana

Die Thornton-Expedition war eine in den Jahren 1608 und 1609 im Auftrag des Großherzogs Ferdinando I. de’ Medici durchgeführte Erkundungsmission unter der Leitung des ehemaligen englischen Freibeuters Robert Thornton.

Ziel der Expedition war die Erkundung eines geeigneten Gebiets für die Gründung einer Kolonie des Großherzogtums Toskana in Südamerika. Das Gebiet, das Thornton als möglichen Standort für eine toskanische Kolonie ins Auge gefasst hatte, liegt heute in Französisch-Guayana in der Nähe von Cayenne, das ab 1630 von Frankreich kolonisiert wurde.

Die Dominanz Spaniens und Portugals in Übersee machten eine offene Kolonialisierung schwierig, die Mission wurde daher unter Geheimhaltung durchgeführt, um einen Konflikt mit den iberischen Mächten zu vermeiden. Die Thornton-Expedition ist der einzige bekannte Versuch eines italienischen Staates der frühen Neuzeit, eine Übersee-Kolonie zu gründen, der letztlich jedoch erfolglos blieb.

Hintergrund

Großherzog Ferdinando I. de’ Medici

Großherzog Ferdinando I. verfolgte lange das Ziel, das Großherzogtum Toskana zu einer europäischen Kolonialmacht zu erheben. Zunächst versuchte er, eine Kolonie in Afrika zu erwerben. Nachdem dieser Plan gescheitert war, verlagerte sich sein Interesse auf Südamerika, insbesondere auf das Gebiet der heutigen Guyana und das nördliche Brasilien.

Er nutzte die politischen und wirtschaftlichen Netzwerke, die sein Bruder Francesco I. de’ Medici aufgebaut hatte, und erweiterte sie gezielt, indem er den Hafen von Livorno zu einem internationalen Handelszentrum ausbaute und englische sowie niederländische Kapitäne und Kaufleute anzog. Diese Öffnung gegenüber ausländischen Experten und die Integration von Wissen und Technik aus dem atlantischen Raum waren entscheidend für die Vorbereitung und Durchführung der Thornton-Expedition. Die Expedition war ein erster Baustein, um die kolonialen Interessen des Großherzogs umzusetzen.

Thornton hatte bereits umfangreiche maritime Erfahrungen. Er war ursprünglich Offizier der Royal Navy und hatte eine Vergangenheit als Korsar. Er musste England aufgrund religiöser Verfolgung verlassen. Diese Erfahrung teilte er mit Robert Dudley, einem englischen Navigator und Kartografen, der Karten des Amazonasgebiets für die Expedition bereitstellte. Ferdinando I. wählte Thornton aus, um die Expedition in die Neue Welt zu leiten, da er als erfahrener Seefahrer und Kenner der atlantischen Routen galt.

Expedition

Ferdinando I. ließ im Hafen von Livorno eine Karavelle, die „Santa Lucia Bonaventura“, und eine Tartane ausrüsten und übergab sie Thornton und dessen Bruder. Der Großherzog hatte Robert Dudley um Karten des Amazonasgebiets gebeten, das dieser 1595 erkundet hatte. Thornton landete in Guyana und Brasilien und erkundete das Amazonas- und das Orinokodelta. Er sollte dort Kontakt zu den Indigenen aufnehmen, um herauszufinden, wo sich Smaragde und andere begehrte Waren befanden. Robert Dudley war der Meinung, dass man flussaufwärts Goldminen, Gewürze, Edelsteine und wertvolle Vogelfedern finden würde.

Allerdings war die Expedition in dieser Hinsicht nicht erfolgreich. Um nicht mit leeren Händen zurückzukehren, brachte Thornton stattdessen sechs Indigene sowie zahlreiche Papageien und Affen mit.

Nach Zwischenstopps in Cayenne und Trinidad kehrte er zurück. Am 12. Juli 1609 erreichte er wieder Livorno. Jedoch war Ferdinando I. bereits am 7. Februar desselben Jahres verstorben.

Tod von Ferdinando I.

In seinem Abschlussbericht betonte Thornton die wirtschaftlichen Potenziale der Region und empfahl den Bau einer Festung, um die Interessen der Toskana zu wahren. Von den sechs nach Livorno gebrachten Indigenen starben fünf an den Folgen einer Pockeninfektion. Nur einer überlebte lange genug, um Italienisch zu lernen. Thornton, der ursprünglich aus Middlesex stammte, ließ sich nach der Expedition dauerhaft in Livorno nieder, wo er unter anderem Handel mit Zucker betrieb. Er bewarb sich zudem um das Amt des englischen Konsuls in Livorno, was seine Integration in die lokale Gesellschaft unterstreicht.

Mit dem Tod von Ferdinando I. kurz vor Thorntons Rückkehr endeten die kolonialen Ambitionen des Großherzogtums Toskana. Sein Sohn und Nachfolger Cosimo II. war nicht mehr an der Gründung einer Kolonie oder eines Handelskontors in Übersee interessiert. So blieb die Thornton-Expedition ein einmaliges Unterfangen. Die Expedition gilt als Beispiel für die begrenzten Möglichkeiten kleinerer italienischer Staaten im Zeitalter der großen Kolonialreiche.

Einzelnachweise

  1. 1 2 3 4 Antonio Quaranta: Firenze alla conquista del Sudamerica: la spedizione di Ferdinando de' Medici del 1608. In: tesionline.it. Abgerufen am 15. September 2026 (italienisch).
  2. 1 2 J. G. C. Silva: Os antecedentes da Expedição Thornton ao Brasil: o Grão-Ducado da Toscana e a experiência atlântica inglesa (1574-1609). In: Revista de História. 184, 2025, S. 1–27, doi:10.11606/issn.2316-9141.rh.2025.229536.
  3. ↑ John Temple Leader: Life of Sir Robert Dudley, Earl of Warwick and Duke of Northumberland : Illustrated with letters and documents from original sources, collected by the author, and hitherto inedited. S. 124–126. In: archive.org. Abgerufen am 16. September 2026 (englisch).
  4. 1 2 Andrea Addobbati: Mirabilia e naturalia. (Memento des Originals vom 13. Juni 2011 im Internet Archive; PDF)
  5. ↑ Matteo Sanfilippo: Gli italiani in Brasile – I° parte. In: asei.eu. Abgerufen am 14. September 2026 (italienisch).