Der Begriff dient als kritisch-analytische Kategorie zur Beschreibung anthropozentrischer Denk- und Praxisformen und verbindet normative Reflexion mit empirischer Untersuchung gesellschaftlicher Strukturen, die Tiere marginalisieren. Tiervergessenheit wird in der akademischen Diskussion unter anderem in Bezug auf theologische Ausblendungen von Tieren, philosophische Reflexionen über Speziesismus und ethische Pflichten, soziologische Analysen von Mensch-Tier-Beziehungen sowie gesellschaftliche Folgen wie Gewalt gegen Tiere, Gedankenlosigkeit beim Fleischkonsum, Verlust der Mitgeschöpflichkeit und strukturelle Marginalisierung diskutiert.
Zudem werden globale Herausforderungen wie die Verbindung von Tier-, Mensch- und Umweltgesundheit im Rahmen des One-Health-Ansatzes, die Auswirkungen auf Biodiversität und Klimakrise sowie die langfristige Wahrnehmung von Tierpopulationen im Sinne des Shifting-Baseline-Syndroms thematisiert.
Merkmale
Abwertung von Tieren: Indem Tiere als Kontrast zum Menschen dienen, wird der Mensch normativ aufgewertet und das Tier abgewertet.
Hierarchisches Verhältnis: Das Verhältnis zwischen Mensch und Tier erscheint als durch Herrschaft und Verfügung geprägt; Tiere werden hauptsächlich als Ressourcen oder Nutzobjekte verstanden.
Religiöse und säkulare Deutungsmuster: Sowohl religiöse als auch säkulare Denkformen können Tiervergessenheit reproduzieren. Religiöse Menschenbilder und säkulare Vorstellungen von der besonderen Vernunft des Menschen legitimieren teilweise Gewalt gegenüber Tieren.
Theologische Dimension: Tiervergessenheit wird mit menschenzentrierten Auslegungen von Schöpfung und Gottesebenbildlichkeit in Verbindung gebracht.
Tiervergessenheit in politischen Diskussionen
Tiervergessenheit spielt auch in politischen Diskussionen eine Rolle, insbesondere dort, wo die Interessen von Tieren in Gesetzgebung, öffentlichen Debatten und politischen Programmen sichtbar oder unsichtbar bleiben. In vielen europäischen Ländern ist die politische Auseinandersetzung um den Schutz von Tieren Teil breiterer gesellschaftlicher Debatten über Umwelt, Landwirtschaft und ethische Pflichten. So hat etwa Belgien 2024 den Tierschutz in seine Verfassung aufgenommen, indem die verpflichtende Berücksichtigung des Wohlergehens von Tieren als „sentient beings“ festgeschrieben wurde, was politische Prioritäten verschiebt und Tierschutzverbände stärkt.
In Deutschland wird regelmäßig über den politischen Stellenwert des Tierschutzes debattiert. Tierschutzorganisationen wie der Deutsche Tierschutzbund betonen, dass Tierschutz als Staatsziel im Grundgesetz ernster genommen werden müsse, und fordern eine konsequentere Umsetzung bestehender Verpflichtungen durch die Bundesregierung, etwa durch eine stärkere gesetzliche Verankerung und Kontrolle von Tierwohlstandards in Nutztierhaltung und weiteren Bereichen.
Politische Initiativen werden auch außerhalb klassischer Parteien ergriffen. Plattformen wie der Tierpolitik Monitor dokumentieren und bewerten politische Aktivitäten von Abgeordneten zur Repräsentation tierbezogener Anliegen, was aufzeigt, wie unterschiedlich Parteien und Mandatsträger Tierfragen behandeln bzw. teilweise ignorieren. Kleinere politische Gruppierungen wie die Aktion Partei für Tierschutz thematisieren Tiere als zentrales politisches Anliegen und fordern z. B. eine Abschaffung von Tierleid in landwirtschaftlichen Systemen oder eine verstärkte gesetzliche Absicherung von Tierwohl‑Standards.
Im parlamentarischen Diskurs stehen konkrete Gesetzesvorhaben zur Verbesserung des Tierschutzes, die Reform des Tierschutzgesetzes oder Initiativen wie ein Verbandsklagerecht für Tierschutzverbände im Mittelpunkt, ebenso wie politische Debatten über die Haltung und der Schutz von Wildtieren. Beispielsweise haben Verbände und Initiativen wiederholt gefordert, den Entwurf eines neuen Tierschutzgesetzes aufzunehmen und die Verantwortlichkeit des Staatszieles Tierschutz im Grundgesetz politisch stärker umzusetzen.
Politische Debatten zeigen auch Spannungsfelder auf: In ländlichen Regionen sorgt etwa die Regulierung von Wolfsbeständen für kontroverse Diskussionen zwischen Naturschutz, Weidetierinteressen und Tierschutzverbänden, was die unterschiedlichen politischen Prioritäten im Umgang mit nicht‑menschlichen Tieren widerspiegelt. Darüber hinaus rufen Tierschutz‑Organisationen regelmäßig anlassbezogene politische Initiativen ins Leben, um politische Entscheidungsträger an ihre Verpflichtungen zu erinnern oder gesellschaftlich politisch relevante Punkte wie Klima, Gesundheit und Ernährung mit dem Schutz von Tieren zu verknüpfen.
Philosophische Diskussion
Die philosophische Auseinandersetzung mit Tiervergessenheit untersucht die ethischen, theologischen und kulturwissenschaftlichen Gründe für die systematische Ausblendung von Tieren. Simone Horstmann hebt hervor, dass es nicht allein darum gehe, die Theologie als „tiervergessen“ zu kritisieren, sondern die zugrundeliegenden Strukturen und Motive zu analysieren:
„Früher habe auch ich mitunter davon gesprochen, dass die Theologie regelrecht tiervergessen sei – das ist eine Einschätzung, die ich mittlerweile anders sehe. Was meinen Forschungsansatz betrifft, so geht es dabei vor allem darum, nicht mehr eine vermeintliche Tiervergessenheit der Theologie zu kritisieren, nach dem Motto: Was waren wir blind, dass wir gar nicht gemerkt haben, dass es da ja noch die Tiere gibt! Eher geht es darum, die Gründe für die vielfach sehr strategische Ausblendung und Abwertung anderer Tiere zu rekonstruieren. Es geht also um eine Rekonstruktion zur Dekonstruktion eines religiösen Speziesismus: Ich versuche zu verstehen, warum Religionen manchmal derart gewalthaltig gegenüber Tieren agieren. Und langfristig geht es natürlich auch darum, dieses Problem nicht nur aufzuarbeiten, sondern auch konstruktive, produktive Verbindungen zwischen den beiden ‚Lagern‘ aufzuzeigen.“
Dieser Ansatz zeigt, dass Tiervergessenheit nicht nur als Mangel oder Blindheit betrachtet werden sollte, sondern als kulturell, religiös und politisch motivierte Ausblendung. Philosophische Analysen zielen darauf ab, die Gründe hinter dieser strukturellen Abwertung von Tieren zu verstehen und langfristig Wege für konstruktive ethische und religiöse Reflexionen zu entwickeln.
Theologische Diskussion
Henrike Herdramm diagnostiziert eine „Tiervergessenheit der Theologie“ und beschreibt eine Leerstelle im Hinblick auf Tiere in Dogmatik und Ethik.
Der von Simone Horstmann herausgegebene Sammelband Religiöse Gewalt an Tieren untersucht das Verhältnis von Religion, Speziesismus und Gewalt interdisziplinär.
Nikolaus German berichtet über innerkirchliche Initiativen gegen eine „Menschenversessenheit und Tiervergessenheit“; historische Figuren wie Franz von Assisi und Albert Schweitzer werden als Vorbilder genannt.
Soziologische Diskussion
Rainer E. Wiedenmann kritisiert, dass Tiere in klassischen Gesellschaftstheorien nicht als relevante soziale Akteure berücksichtigt werden.
Der US-amerikanische Soziologe Arnold Arluke untersucht den Zusammenhang zwischen Tierquälerei und interpersonaler Gewalt. Er prägte die Graduation Hypothesis, nach der Tiermisshandlung in Kindheit und Jugend ein „Einstiegsdelikt“ sein kann, das mit späterer Gewalt gegen Menschen korreliert.
Diese Forschung verdeutlicht, dass Tiervergessenheit nicht nur theoretisch, sondern praktisch relevante gesellschaftliche Folgen hat. Arluke betont:
„Wie wir andere Kreaturen behandeln, verrät immer, wie wir Menschen uns selbst – und unsere Gesellschaft – sehen.“
Rezeption in der Tierlinguistik
Die Tiervergessenheit wird in der Tierlinguistik als Teil einer anthropozentrisch geprägten Sprachwissenschaft diskutiert. Dabei wird untersucht, wie Tiere in sprachlichen und medialen Praktiken als kommunikative Akteure dargestellt werden. Pamela Steen analysiert Mensch-Tier-Kommunikation im Rahmen der Human-Animal Studies und ordnet ihre Arbeiten in diesen Forschungskontext ein.
Konsequenzen der Tiervergessenheit
Gedankenloser Fleischkonsum: Der Verzicht auf Fleisch wird erschwert, da Tiere nicht als eigenständige Lebewesen wahrgenommen werden.
Gewalt und Ausbeutung: Strukturelle Gewalt gegenüber Tieren, insbesondere in Nutztierhaltung und Tierindustrie.
Verlust der Mitgeschöpflichkeit: Das Bewusstsein für Tiere als gleichwertige Geschöpfe geht verloren.
Warnung der Wissenschaftler: Vernachlässigung von Tieren erhöht Risiko für Zoonosen, Pandemien und ökologische Schäden. Der One-Health-Ansatz betont die Verbindung von Tier-, Mensch- und Umweltgesundheit.
Klimakrise und Umweltfolgen: Tiervergessenheit trägt durch industrielle Tierhaltung, Landnutzungsprobleme und Biodiversitätsverlust zur globalen Erwärmung bei.
Shifting-Baseline-Syndrom: Gesellschaftliche Wahrnehmung degradierten Tierwohls wird als Normalzustand betrachtet, erschwert Schutzmaßnahmen und verstärkt ethische Blindheit.
Umgang mit Tiervergessenheit
Rituale: Rituale helfen, Gedankenlosigkeit beim Verzehr tierischer Produkte zu vermeiden.
Bewusstseinswandel: Kritische Auseinandersetzung mit theologischen und säkularen Traditionen, um respektvolle Mensch-Tier-Beziehungen zu fördern.
Arnold Arluke:The Animal and Human Violence Connection. Journal of Social Issues, 1991, S.57–69.
Arnold Arluke:Graduation Hypothesis and Animal Abuse. Society & Animals, 1999, S.10–24.
Arnold Arluke:Ethics and Human-Animal Relations. Society & Animals, 2008, S.1–15.
Herdramm, Henrike:Die Tiervergessenheit der Theologie. 24.Oktober 2023.
Horstmann, Simone (Hrsg.):Religiöse Gewalt an Tieren. Interdisziplinäre Diagnosen zum Verhältnis von Religion, Speziesismus und Gewalt. Transcript, Bielefeld 2021, ISBN 978-3-8376-5346-5.
Stegmüller-Lang, Sabine:Tierschutz macht Sinn: Aufmerksamkeit statt Tiervergessenheit. Novum pro, 2014, ISBN 978-3-99038-557-9.
Wiedenmann, Rainer E.:Humansoziologische Tiervergessenheit oder das Unbehagen an der Mensch-Tier-Sozialität. In: Disziplinierte Tiere? Transcript, Bielefeld 2015, S.257–286.
Einzelnachweise
↑Rainer E. Wiedenmann:Tiervergessenheit in der Soziologie. In: Berufsverband Deutscher Soziologinnen und Soziologen (Hrsg.): Praxis Soziologie. Zwischen angewandter Sozialforschung und neuen Organisationskulturen. Recklinghausen 2003.
1234Rainer E. Wiedenmann:Humansoziologische Tiervergessenheit oder das Unbehagen an der Mensch-Tier-Sozialität. In: Reingard Spannring; Karin Schachinger; Gabriela Kompatscher; Alejandro Boucabeille (Hrsg.): Disziplinierte Tiere? Perspektiven der Human-Animal Studies für die wissenschaftlichen Disziplinen. Transcript, Bielefeld 2015, S.257–286.
↑Gregor Taxacher:Alles nur Natur? Zum Problem der Anthropozentrik. In: Simone Horstmann; Thomas Ruster; Gregor Taxacher (Hrsg.): Alles, was atmet. Eine Theologie der Tiere. Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 2018, S.31–45,hierS.37.
↑Gregor Taxacher:Alles nur Natur? Zum Problem der Anthropozentrik. In: Simone Horstmann; Thomas Ruster; Gregor Taxacher (Hrsg.): Alles, was atmet. Eine Theologie der Tiere. Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 2018, S.37.
↑Simone Horstmann (Hrsg.):Religiöse Gewalt an Tieren. Interdisziplinäre Diagnosen zum Verhältnis von Religion, Speziesismus und Gewalt. Transcript, Bielefeld 2021, ISBN 978-3-8376-5346-5.
↑Simone Horstmann:Religiöse Gewalt an Tieren. Interdisziplinäre Diagnosen zum Verhältnis von Religion, Speziesismus und Gewalt. Transcript, Bielefeld 2021, ISBN 978-3-8376-5346-5, S.Einleitung.
↑Simone Horstmann (Hrsg.):Religiöse Gewalt an Tieren. Interdisziplinäre Diagnosen zum Verhältnis von Religion, Speziesismus und Gewalt. Transcript, Bielefeld 2021, ISBN 978-3-8376-5346-5.