Tonartencharakter

Unter Tonartencharakter versteht man den Tonarten anhaftende Charaktereigenschaften bzw. Ausdrucksfähigkeiten. So werden etwa Durtonarten oft als klar, hell und heiter beschrieben, Molltonarten dagegen als trübe, matt und düster. Des Weiteren kann man bei den wohltemperierten Stimmungen feststellen, dass die häufig gespielten Tonarten eher reinere Terzen enthalten als die entfernten Tonarten.

Darüber hinausgehende Unterscheidungen zwischen bestimmten Dur- oder Molltonarten waren durch die Epochen jedoch eher subjektiv und änderten sich immer wieder, aber es finden sich auch gewisse Übereinstimmungen. Andererseits haben renommierte Komponisten und Musiktheoretiker über die Jahrhunderte immer wieder bestritten, dass unterschiedliche Charaktere der Tonarten überhaupt existieren. Unabhängig von dieser kontrovers diskutierten Frage kann jedoch nicht übersehen werden, dass von vielen Komponisten „bestimmte Tonarten als Teil der inhaltlich semantischen Gestaltung und der angestrebten Stimmung bzw. des Affekts bewusst eingesetzt“ worden sind.

Geschichte

Bereits aus der Antike sind Erörterungen über die Wirkung bestimmter Tongeschlechter und Tonarten überliefert.

Im Mittelalter wurden die vier authentischen Modi mit den vier Temperamenten assoziiert:

Auch die drei Hexachordformen wurden mit bestimmten Charakteren in Verbindung gebracht:

C. Matthaei stellte 1652 in einer Abhandlung Äußerungen älterer Theoretiker zu den Kirchentonarten zusammen.

Beschreibungen vom Charakter einiger Dur- und Molltonarten durch Komponisten und Musiklehren sind seit Ende des 17. Jahrhunderts bekannt, jedoch nicht als Systematik für alle Tonarten. Bei Jean Rousseau findet sich eine Beschreibung von elf Tonarten, bei Marc-Antoine Charpentier von 18 und bei Ch. Masson von acht. Johann Mattheson beschrieb 1713 in seiner Schrift Das neu-eröffnete Orchestre sehr umfangreich die bis dahin gebräuchlichsten 17 Tonarten. „Daß nun ein jeder Tohn [jede Tonart] etwas Sonderliches an sich habe / und sie dem Effect einer von dem andern sehr unterschieden sind / ist wol einmahl gewiß / wenn man Zeit / Umstände und Personen dabey wol consideriret“.

Auch im 20. Jahrhundert wurden Kirchentonarten nicht archaisierend, sondern bewusst für charakteristische Kompositionen eingesetzt, z. B. von Arnold Mendelssohn in seinem Chorwerk Drei Madrigale nach Worten des jungen Werthers.

Besonders bei den gebräuchlichsten Tonarten (Dur-Tonarten bis etwa drei Vorzeichen) sind die Übereinstimmungen der Beschreibungen sehr groß. Bei entlegeneren Tonarten und den meisten Moll-Tonarten gehen die Meinungen hingegen weit auseinander.

Die Tonartencharakteristiken bei wohltemperierten Stimmungen

Während bei der (¼-Komma-)mitteltönigen Stimmung mit ihren reinen Terzen und geringfügig verstimmten Quinten alle spielbaren Tonleitern gleich gestimmt sind, sind bei den in der Musikgeschichte überwiegend verwendeten wohltemperierten Stimmungen die Tonleitern unterschiedlich gestimmt: Die Terzen der C-Dur-nahen Tonleitern werden möglichst rein erhalten, dafür klingen die von C-Dur entfernteren Terzen „rauer“. Deswegen konnte man verschiedenen Tonleitern verschiedene Charakteristiken zuschreiben. Francesco Galeazzi beschrieb z. B. B-Dur als „zart, weich und süß“, während E-Dur „schneidend, schrill und jugendhaft“ klinge.

Dies gilt nicht für die gleichstufige Stimmung, die sich exakt allerdings erst seit 1917 mit physikalischen Methoden verwirklichen ließ; dort sind wieder alle Tonleitern gleich gestimmt.

Oft wurden die „entfernteren“ Tonarten bewusst zur Textausdeutung eingesetzt, auch um die Auflösungen der Dissonanzen hernach umso reiner wirken zu lassen. Mit dem Auftreten der gleichstufigen Stimmung hat sich dies allerdings verflüchtigt. Was blieb, war die Tradition, beispielsweise Pastoralen üblicherweise in F-Dur zu schreiben.

Tonbeispiel (siehe wohltemperierte Stimmung)

Akkorde in möglichst gleicher Tonlage

Hier hört man den unruhigen Charakter der ersten Akkorde (anfangs mit der rauen pythagoreischen Terz mit 408 Cent), die sich allmählich zu einem klaren B-Dur-, F-Dur-, C-Dur-, G-Dur- und D-Dur-Akkord wandeln, um dann wieder rauer zu werden. Bei C-Dur hört man die typische Schwebung der mitteltönigen Quinte. (Mit „Werkmeister“ ist die Werckmeister-Stimmung gemeint.)

Weitere Aspekte

Instrumentation

Der Charakter einer Tonart kann auch durch Instrumentierungsaspekte mitgeprägt werden. Beispielsweise waren die „festlichen“ Trompeten durchweg in D gestimmt, so dass sich deren Glanz auf die Tonart D-Dur übertrug. Heute sind fast alle Instrumente chromatisch spielbar, so dass sie die Wahl der Tonart nicht mehr so deutlich einschränken, jedoch sind immer noch bestimmte Tonverbindungen auf einem Instrument leichter zu spielen. Wurde ein Stück am Instrument komponiert, so ist nicht auszuschließen, dass durch die leichte Erreichbarkeit bestimmte Figuren bevorzugt werden, die tatsächlich unterschiedlichen Klangcharakter haben. Auch gibt der Tonumfang einiger Instrumente bestimmte Klangfarben vor. Manche Tonarten ermöglichen einen besonders tiefen, dumpfen oder einen sehr hellen Orchesterklang und wurden von Komponisten entsprechend eingesetzt.

Hector Berlioz machte in seiner Instrumentationslehre von 1844 den Versuch, speziell für die Violine allen Tonarten nicht nur einen bestimmten Schwierigkeitsgrad zuzuordnen, sondern auch einen individuellen Klangcharakter. Berlioz’ Angaben zum Klangcharakter sind allerdings recht willkürlich. Er erstellte zwei Tabellen zur Spielbarkeit und zum angeblichen Charakter von Dur- und Molltonarten auf der Violine, die in der deutschen Ausgabe (1905) wie folgt lauten:

Durtonarten (für Violine nach Berlioz)
SchwierigkeitsgradKlangcharakter
Cleichternst, aber dumpf und trübe
Cissehr schwerweniger trübe und hervorstechender
Desschwer, doch minder schwer als Cismajestätisch
Dleichtheiter, lärmend, etwas gewöhnlich
Disfast unausführbardumpf
Esleichtmajestätisch, ziemlich hellklingend, sanft, ernst
Enicht sehr schwerglänzend, prachtvoll, edel
Fesunausführbar
Fleichtmarkig, kräftig
Fissehr schwerglänzend, einschneidend
Gessehr schwerweniger glänzend, zarter
Gleichtziemlich heiter, etwas gewöhnlich
Gisfast unausführbardumpf, aber edel
Asnicht sehr schwersanft, verschleiert, sehr edel
Aleichtglänzend, vornehm, freudig
Aisunausführbar
Bleichtedel, aber ohne Glanz
Hnicht sehr schweredel, hellklingend, strahlend
Cesfast unausführbaredel, aber weniger hellklingend
Molltonarten (für Violine nach Berlioz)
SchwierigkeitsgradKlangcharakter
cleichtdüster, wenig hellklingend
cisziemlich leichttragisch, hellklingend, vornehm
dessehr schwerdüster, wenig hellklingend
dleichtkläglich, hellklingend, etwas gewöhnlich
disfast unausführbardumpf
esschwersehr trübe und traurig
eleichtschreiend, gewöhnlich
fesunausführbar
fetwas schwerwenig hellklingend, düster, heftig
fisminder schwertragisch, hellklingend, einschneidend
gesunausführbar
gleichtschwermütig, ziemlich hellklingend, sanft
gissehr schwerwenig hellklingend, traurig, vornehm
assehr schwer, fast unausführbarsehr dumpf, traurig, aber edel
aleichtziemlich hellklingend, sanft, traurig, ziemlich edel
aisunausführbar
bschwerdüster, dumpf, rau(h), aber edel
hleichtsehr hellklingend, wild, herbe, unfreundlich, heftig
cesunausführbar

Quintenzirkel

Oft spielen auch die Vorzeichen einer Tonart bzw. deren Verhältnis zum Null-Punkt des Quintenzirkels, zu C-Dur, eine Rolle. Von hier aus erscheinen

J. S. Bach scheint von dieser Überlegung geleitet zu sein, wenn er in beiden Bänden des Wohltemperierten Klaviers das dritte Präludium-Fuge-Paar nicht „ökonomisch“ in Des-Dur mit 5 b, sondern im schwerer lesbaren Cis-Dur mit 7 # notiert, weil dieses der Kreuze wegen besser zum heiteren Charakter der Stücke passt. Dass die Notierung für das klangliche Ergebnis völlig irrelevant ist, spielt hier keine Rolle, da das Wohltemperierte Klavier ausdrücklich für „Kenner und Liebhaber“ gedacht ist, sich also stärker an Leser als an Hörer richtet. Das achte Ensemble aus Präludium und Fuge notiert Bach im ersten Band (dem düster-ernsten Charakter entsprechend) in es-Moll (6 b), das Pendant im zweiten Band jedoch (dem verspielt-heiteren Charakter entsprechend) in dis-Moll (6 #).

Hörphysiologie

Assoziation und Tradition

Beethovens 5. Sinfonie, die „Schicksalssinfonie“, beginnt in c-Moll und endet in C-Dur. Diese Entwicklung „durch Nacht zum Licht“ findet sich wieder in Brahms’ erster Sinfonie. Dass Brahms hier die gleiche Tonartkombination wie Beethoven wählt, ist sicher kein Zufall, sondern bewusste Assoziation an ein Vorbild und Anknüpfen an eine Tradition.

Ähnlich steht es mit Webers Freischütz, der verblüffende tonartliche Parallelen zu Beethovens Fidelio aufweist: wie in Fidelio werden im Freischütz die düsteren Aspekte und bösen Mächte durch c-Moll und der befreiende Sieg über sie durch C-Dur dargestellt; die heroisch liebende Begeisterung, die sich bei Beethoven im E-Dur der großen Leonoren-Arie ausdrückt, findet bei Weber ihre Entsprechung im E-Dur der überschwänglichen Arie der Agathe.

Kritiker

Renommierte Musiker haben über die Jahrhunderte bestritten, dass die Tonarten unterschiedliche Charaktere aufweisen. So ist Johann David Heinichen in seinem 1728 erschienenen Standardwerk Der Generalbass in der Composition der Überzeugung, dass die Wirkung eines Musikstückes nur vom Einfallsreichtum des Komponisten abhänge; von dessen Vorlieben, von der Notwendigkeit der Modulation zur Vermeidung von Langeweile sowie von den Möglichkeiten der Ausführenden sei die Tonartenwahl bestimmt.

Ähnliche Meinungen äußerten im 19. Jahrhundert Moritz Hauptmann, Eduard Hanslick und andere. Im Allgemeinen beziehen sich die Kritiker auf die Argumente der Vertreter der Lehre und erklären diese für nichtig:

Bekenntnisse

Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert haben den Charakter bestimmter Tonarten in Worte zu fassen versucht. Für D-Dur bzw. E-Dur postulierten sie:

TonartHaydnMozartBeethovenSchubert
D-DurLobpreis, Majestätisches, Kriegerischeskräftig, Marsch, Sehnsucht, Schmerz
E-DurTodesgedankenüberirdisch, besonders erhaben, weihevollfeierlich, religiös, innerlichGottestonart, Liebe

Anmerkung: Um 1800 ältere Mozartstimmung 421 Hz, 1850 Wiener u. Berliner Stimmung 422 Hz (knapp einen Halbton unter 440 Hz).

Siehe auch

Literatur

Einzelnachweise und Anmerkungen

  1. ↑ vgl. Die unterschiedliche Wirkung von Dur und Moll
  2. 1 2 3 Reinhard Amon: Lexikon der Harmonielehre. 2. Auflage. Doblinger, Wien 2015, ISBN 978-3-902667-56-4, S. 294 ff.
  3. ↑ Mattheson: Das neu-eröffnete Orchestre, S. 232.
  4. ↑ Hector Berlioz: Grand traité d’instrumentation et d’orchestration modernes. Schonenberger, Paris 1844, hier S. 33 (Digitalisat).
    Deutsche Ausgabe: Instrumentationslehre von Hector Berlioz. Ergänzt und revidiert von Richard Strauss. Zwei Bände. Edition Peters, Leipzig 1905; hier Band 1, S. 61 f. (Digitalisat).
  5. ↑ Die Charakterisierung von C-Dur als „dumpf und trübe“ ist ungewöhnlich und irritierend, da C-Dur im Allgemeinen meist als klar, rein und strahlend charakterisiert wird. Hier könnte sich die Schwierigkeit der Übersetzung ausgewirkt haben. Im französischen Originaltext lauten die beiden Adjektive sourd und terne. Eine bessere Übersetzung (vgl. sourd und terne bei pons.com) wäre möglicherweise gewesen: „stumpf und farblos“, also sinngemäß „ohne besondere Klangfarbe, schlicht, fade“.
  6. ↑ Andrea Gaugusch: Absolute Tonalität oder Das Absolute Gehör bei Nichtabsoluthörern. Diplomarbeit, Universität Wien 1999, S. 47
  7. ↑ Wolfgang Auhagen: Studien zur Tonartencharakteristik in theoretischen Schriften und Kompositionen vom späten 17. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Frankfurt am Main 1983, S. 478 f.
  8. ↑ Gaugusch 1999, S. 43