Toward Jerusalem Council II (abgekürzt TJCII; deutsch: Auf dem Weg zu einem Zweiten Jerusalemer Konzil) ist ein 1996 gegründetes internationales neocharismatisches Netzwerk, das dem Spektrum des christlichen Zionismus zugerechnet wird. Nach eigener Darstellung strebt die Gruppierung eine theologische und institutionelle Anerkennung der messianisch-jüdischen Bewegung durch die etablierten christlichen Kirchen an. Von jüdischen Verbänden sowie großen Landeskirchen wird TJCII hingegen wegen verdeckter Judenmission und einer heilsgeschichtlichen Instrumentalisierung des Staates Israel scharf kritisiert.
In der theologischen Fachwelt, bei jüdischen Dachverbänden sowie großen Landeskirchen stößt die Initiative hingegen auf massive Ablehnung. Kritiker werfen TJCII vor, unter dem Deckmantel der Ökumene gezielt verdeckte Judenmission zu betreiben und den Staat Israel heilsgeschichtlich zu instrumentalisieren. Da das traditionelle Judentum in dieser Ideologie seiner religiösen Eigenständigkeit beraubt und zum bloßen Werkzeug eines christlichen Endzeitszenarios degradiert wird, stufen Weltanschauungsbeauftragte und Kirchenvertreter die Theologie der Bewegung vielfach als strukturell antisemitisch und zutiefst antijüdisch ein.
Das Ziel der Bewegung ist die Einberufung eines zweiten Apostelkonzils in Jerusalem. Beim ersten Konzil in der Antike (Apg 15 LUT) nahmen jüdische Apostel Heidenchristen auf, ohne von ihnen die Einhaltung des mosaischen Gesetzes zu fordern. Auf einem zweiten Konzil sollen nun die Kirchen der Völker ihrerseits um Vergebung für den christlichen Antijudaismus und die Substitutionstheologie bitten. Zudem sollen sie messianische Juden unter Wahrung ihrer jüdischen Praxis als vollgültigen Teil des Leibes Christi anerkennen.
Die Initiative entstand Mitte der 1990er-Jahre in den USA durch Kontakte zwischen Vertretern charismatischer Bewegungen und messianischen Leitern. Zu den Gründern gehörten der messianische Theologe Daniel C. Juster, Marty Waldman von der Union of Messianic Jewish Congregations (UMJC) sowie der katholische Prälat Peter Hocken und der anglikanische Geistliche Brian Cox. Das Vorhaben trug zunächst den Namen Jerusalem Council II. Auf Anraten Hockens wurde der Zusatz Toward („Auf dem Weg zu“) ergänzt, um den langfristigen Charakter ökumenischer Annäherungen zu betonen.
Geleitet wird die Bewegung von einem internationalen Führungsgremium (International Leadership Council, ILC). Dieses setzt sich paritätisch aus Vertretern traditioneller Kirchen (römisch-katholisch, orthodox, anglikanisch, evangelisch) und Vertretern des messianischen Judentums zusammen.
Im deutschsprachigen Raum firmiert die Bewegung als TJCII D-A-CH bzw. TJCII Schweiz mit Vereinssitz in Thun. Geleitet wird die Schweizer Sektion von einem Kreis um den ehemaligen reformierten Pfarrer Christoph Monsch und den messianischen Leiter Sascha Ivanenko. Die Gruppe organisiert Konsultationen, Gebetstage und Treffen, unter anderem in gemieteten Räumen von Ausbildungsstätten.
Die Theologie von TJCII verknüpft Ansätze der charismatischen Erneuerung mit heilsgeschichtlichen Konzepten.
Die Initiative sieht in der frühen Trennung der Kirche von ihren jüdischen Wurzeln die Ursache für spätere Kirchenspaltungen. Traditionelle Kirchen werden aufgerufen, die fortdauernde Gültigkeit des Bunds Gottes mit Israel anzuerkennen.
Unter Berufung auf Eph 2,15 („Der eine neue Mensch“) und das Gleichnis vom Ölbaum in Röm 11,15–24 versteht TJCII die Versöhnung von Judenchristen und Heidenchristen als heilsgeschichtlichen Schlüssel. Sie gilt innerhalb der Bewegung als Voraussetzung für die Wiederkunft Christi.
In ihren Grundsatzdokumenten lehnt die Initiative eine Sonderstellung ab, nach der der Bund am Sinai für Juden einen Heilsweg unabhängig von Jesus Christus biete. Das Heil ist nur durch den Glauben an Jesus bzw. Jeschua zu erlangen.
In ihren Gottesdiensten übernimmt die Bewegung Elemente aus alttestamentlichen Festen und vermischt das christliche Abendmahl mit traditionellen jüdischen Ritualen.
In der universitären Theologie, im jüdisch-christlichen Dialog, bei jüdischen Organisationen sowie bei Weltanschauungsbeauftragten der Landeskirchen stößt TJCII auf erhebliche Vorbehalte und Ablehnung. Kritisiert werden insbesondere die Ekklesiologie, die Haltung zum Judentum und die politischen Implikationen:
Vertreter des traditionellen und liberalen Judentums sowie Repräsentanten des christlich-jüdischen Gesprächs sehen in TJCII eine Camouflage für Judenmission. Aus jüdischer Sicht schließt die Anerkennung Jesu als göttlicher Messias das Jüdischsein religiös aus. Jüdische Religionsvertreter und Rabbiner werten missionarische Aktivitäten unter Juden als existenzielle Bedrohung und als Versuch, die jüdische Identität aufzulösen. Zudem torpediert die explizite Ablehnung der Zwei-Wege-Theologie durch TJCII den seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (Nostra aetate) und durch evangelische Synodalbeschlüsse mühsam erarbeiteten Konsens, auf eine Bekehrung von Juden institutionell zu verzichten.
Religionswissenschaftler und Friedensethiker ordnen TJCII dem Spektrum des christlichen Zionismus zu. Die Bewegung betrachtet die Rückkehr der Juden in das biblische Kernland und die Herrschaft über Jerusalem als heilige Mission. Sie macht beides zur Bedingung für die Wiederkunft Christi. Auf diese Weise nutzt sie den Glauben, um die staatliche Landnahme im Nahen Osten zu rechtfertigen. Diese Sichtweise ignoriert aber universale Menschenrechte und das Völkerrecht total, sowie die Situation und die berechtigten Klagen der einheimischen palästinensischen Christen ausblendet. Diese friedensethische Kritik wird von offiziellen landeskirchlichen Gremien geteilt: So distanzierte sich der Rat der EKS 2026 ausdrücklich von „jeglicher Form eines sogenannten christlichen Zionismus“, da dieser nicht nur den interreligiösen Dialog erschwere, sondern systematisch „die Rechte von Palästinenserinnen und Palästinensern“ missachte.
Von Weltanschauungsbeauftragten wird beanstandet, dass TJCII historische Schuld – insbesondere die Verbrechen der Shoah und Daten wie den 9. November – aus ihrem zeithistorischen und gesellschaftlichen Rahmen löst und in ein charismatisches Erweckungs- und Fluchnarrativ überführt. Anstatt aufklärerische Erinnerungsarbeit zu leisten, wird Nachkommen eine spirituelle Kollektivschuld („Vorfahrenschuld“) zugeschrieben, die durch rituelle Akte gelöst werden soll, um endzeitlichen Segen und Bekehrungserfolge freizusetzen. In der Selbstdarstellung der TJCII-Führung wird dieser Ansatz explizit der geistlichen Kriegsführung (Spiritual Warfare) zugeordnet: Ziel von Fürbitte-Gruppen sei es, „enorme dämonische Barrieren“ und „geistliche Festungen“, die mit der jüdischen Geschichte in den jeweiligen Nationen verbunden seien, im Gebet zu brechen.
Offizielle Kirchen kritisieren das Ziel eines „Zweiten Jerusalemer Konzils“ als ekklesiologisch illegitim und anmaßend. Ein privater Verein wie TJCII verfüge über keinerlei kanonische oder synodale Legitimation, um die weltweiten Kirchen dazu aufzufordern, ihre grundlegenden Bekenntnisse und Regeln zu ändern. Kirchenleitungen kritisieren zudem, dass Vertreter von TJCII persönliche Kontakte nutzen, um die Räume von landeskirchlichen oder diakonischen Bildungshäusern und sozialen Einrichtungen zu nutzen. Damit versucht die Bewegung, nach außen hin offiziell und kirchlich anerkannt zu wirken.
In direkter Reaktion auf die Unterwanderung kirchlicher Trägerschaften durch derartige Gruppierungen wies die EKS im Jahre 2026 darauf hin, dass „kirchliche Räume, Plattformen und Kooperationen nie neutral“ seien. Die Kirche trage eine „besondere Sorgfaltspflicht“ bei der Vermietung und dürfe Bewegungen, die einen christlichen Zionismus oder verdeckte Judenmission betreiben, keine Plattform bieten. Dieses Vorgehen deckt sich mit der offiziellen TJCII-Strategie, wonach eigene Theologen geschult werden, um die Ziele der Bewegung in die theologische Sprache der jeweiligen Konfession zu „übersetzen“. Ziel dieser „diplomatischen Arbeit“ sei es, Zugang zu kirchlichen Entscheidungsträgern zu erhalten und diese zur Mitarbeit zu bewegen.