Transmisogynie ist die Schnittstelle von Transphobie und Misogynie, wie sie von transgeschlechtlichen Frauen und anderen transfemininen Menschen erlebt wird. Der Begriff wurde von Julia Serano in ihrem Buch Whipping Girl aus dem Jahr 2007 geprägt und beschreibt die einzigartige Diskriminierung, mit der trans Frauen konfrontiert sind, wegen „der Annahme, dass Weiblichkeit der Männlichkeit unterlegen ist und in erster Linie zum Wohle von Männlichkeit existiert“. Außerdem beschreibt der Begriff die Art und Weise, wie Transphobie die Misogynie gegen trans Frauen verstärkt (und umgekehrt). In einem Interview mit der New York Times aus dem Jahr 2017 untersucht Serano die Wurzeln der Transmisogynie als Kritik an femininen Geschlechtsausdrücken, die „im Vergleich zu männlichen Interessen und Geschlechtsausdrücken lächerlich gemacht werden“. Darüber hinaus erfahren viele trans Frauen eine zusätzliche Schicht von Misogynie in Form von sexueller Fetischisierung.
Die Transmisogynie ist ein zentrales Konzept des Transfeminismus und wird im intersektionalen Feminismus allgemein referenziert. In ihrer Definition von Transmisogynie beschränkt Serano die von Transmisogynie Betroffenen nicht auf transgeschlechtliche Personen, sondern bezieht auch andere ein, wie beispielsweise cisgeschlechtliche Personen und diejenigen, die sich als Drag Queens identifizieren.
Das Konzept der Transmisogynie stützt sich auf zwei weitere Konzepte, die erstmals von Julia Serano beschrieben wurden: den traditionellen Sexismus und den oppositionellen Sexismus. Ersteres ist die Vorstellung, dass „Männlichkeit und das Männliche der Weiblichkeit und dem Weiblichen überlegen sind“, während letzteres Männer und Frauen als „starre, sich gegenseitig ausschließende Kategorien“ betrachtet. Transmisogynie entspringt beiden Konzepten.
In Whipping Girl schreibt Julia Serano, dass die Existenz von trans Frauen als Bedrohung für eine „männlich-zentrierte Geschlechterhierarchie angesehen wird“. Die Genderforscherin Judith Butler schließt sich dieser Annahme an und erklärt, dass der Mord an trans Frauen durch Männer „die giftigste Form ist, die Männlichkeit annehmen kann“ – eine Möglichkeit für den Täter, in diesem Moment Macht über das Opfer auszuüben und so auf die Bedrohung seiner Vorstellung von unveränderlicher männlicher Macht zu reagieren. Butler stellt fest, dass trans Frauen die Männlichkeit aufgegeben haben und damit zeigen, dass dies möglich ist.
Aus einem transmisogynen Verständnis heraus, dass trans Frauen verborgene Männer wären, können diese als Bedrohung für die Heterosexualität von cisgeschlechtlichen Männern dargestellt werden. So wird beispielsweise die Weiblichkeit der Figur Dil, einer trans Frau aus dem Film The Crying Game von 1992, als Täuschung inszeniert, um Empörung und männliche Homophobie im Publikum hervorzurufen, wenn ihre „wahre“ Männlichkeit enthüllt wird.
Trans Panic ist eine gängige rechtliche und gesellschaftliche Verteidigungsstrategie, die dazu dient, Gewalt gegen trans Personen, insbesondere trans Frauen, zu rechtfertigen. Ähnlich wie bei der Gay Panic wird dabei suggeriert, dass der Angreifer durch die irreführende oder täuschende Geschlechtsdarstellung des Opfers zur Gewalt provoziert wurde. In A Short History of Trans Misogyny skizziert Jules Gill-Peterson mehrere Fälle von Gewalt im Zusammenhang mit Trans Panic, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreichen. Sie fügt hinzu: „Das Misgendern transfemininer Personen als männliche sexuelle Aggression ... ermöglicht es Menschen, mit so viel präventiver Gewalt auf transfeminine Personen zu reagieren, wie sie wollen.“
Trans Frauen sind mit einer härteren Diskriminierung konfrontiert als andere trans Personen. Eine Studie über die Erfahrungen am Arbeitsplatz nach einer Geschlechtsangleichung ergab, dass „das Durchschnittseinkommen von trans Männern nach ihrem Geschlechtswechsel leicht zunimmt, während das Durchschnittseinkommen von trans Frauen um fast ein Drittel sinkt. Darüber hinaus wurde festgestellt, dass die Geschlechtsangleichung zur Frau mit einem Autoritätsverlust und einer Zunahme der Belästigung einhergeht, während das Gegenteil oft Autorität und Respekt bringt.“
Eine Studie von Schilt und Wiswall zeigte, dass trans Männer in einer Arbeitsumgebung dabei unterstützt wurden, sich stärker in die Gesellschaft zu integrieren, während trans Frauen degradiert oder entlassen wurden. In der Studie wurden Mikroaggressionen von Arbeitgebern gegenüber trans Frauen festgestellt.
Laut Laura Kacere (2014) sind „Hassverbrechen gegen trans Personen überproportional und tragisch hoch, und der Großteil dieser Gewalt betrifft trans Frauen“. Die National Coalition of Anti-Violence Programs (2012) stellte fest, dass trans Menschen in den USA dreimal mehr Polizeigewalt erleben als cisgeschlechtliche Menschen. Tatsächlich wurden über die Hälfte aller Anti-LGBTQIA+-Morde an trans Frauen verübt. Laut Kacere (2014), „wird die Transmisogynie in der Gewalt gesehen – Studien zeigen, dass eine von fünf trans Frauen (21 %) irgendwann in ihrem Leben eingesperrt wurde. Das liegt weit über der allgemeinen Bevölkerung und noch höher (47 %) bei den schwarzen trans Personen.“
Eine Studie über die Diskriminierung von lesbischen, bisexuellen, trans- und intergeschlechtlichen Frauen in Ecuador ergab, dass trans Frauen „keinen Schutz vor Diskriminierung in Recht und Praxis haben“. Infolgedessen sind trans Frauen in Bildungs-, Gesundheits- und Arbeitnehmereinrichtungen Gewalt, sexuellem Missbrauch und Diskriminierung ausgesetzt.
Julia Serano hat festgestellt, dass viele trans Frauen eine zusätzliche Ebene von Misogynie in Form von Fetischisierung erleben. Sie weist darauf hin, dass trans Frauen – trotz der gesellschaftlichen Tendenz darauf, sie selbst nach der Geschlechtsangleichung als männlich zu bezeichnen – selten wie Männer sexualisiert werden. In der Pornobranche, deren Zielgruppe vor allem heterosexuelle Männer sind, werden trans Frauen weitgehend als sexuelle Objekte und nicht als „räuberisch“ dargestellt. Serano bemerkt, dass sie, wenn sie sich in einem sozialen Umfeld befindet, in dem sie als trans bekannt ist, wie an Orten, an denen sie Spoken Word Poesie aufführt, viel mehr unverhohlen sexuelle Kommentare erhält als in einem ähnlichen Umfeld, in dem sie als cis gelesen wird.
Laut Serano liegt die Sexualisierung von trans Frauen nicht nur daran, dass diese aufgrund ihrer relativen Seltenheit als „exotisch“ angesehen werden: „Es gibt viele Arten von Frauen, die relativ selten sind, aber sie sind nicht alle auf die gleiche Weise sexualisiert wie trans Frauen“. In Whipping Girl schreibt Serano über eine sogenannte „Raubtier-Beute-Dichotomie“, bei der „Männer immer als Raubtiere und Frauen als Beute angesehen werden“. Aufgrund dieser Sichtweise werden trans Frauen so wahrgenommen, als würden sie durch ihre Geschlechtsangleichung Männer anlocken und sich in „Sexobjekte verwandeln, denen kein heißblütiger Mann widerstehen kann“.
2017 veröffentlichte die transgeschlechtliche deutsche Singer-Song-Writerin FaulenzA ihre eigenen Erfahrungen mit Transmisogynie.
Die Transmisogynie unterscheidet sich von der Transphobie dadurch, dass sich die Transmisogynie vor allem auf trans Frauen konzentriert, während die Transphobie ein allgemeinerer Begriff ist, der ein breiteres Spektrum an Hass und Diskriminierung gegenüber trans Personen abdeckt. Julia Serano schreibt in Whipping Girl: „Wenn sich die meisten Witze, die auf Kosten der trans Personen gemacht werden, auf ‚Männer konzentrieren, die Kleider tragen‘ oder ‚Männer, die ihren Penis abschneiden lassen‘, ist das keine Transphobie – es ist Transmisogynie.“
In einem Interview mit der New York Times erklärt Serano, dass sich die Diskriminierung, der trans Frauen ausgesetzt sind, wie folgt von der unterscheidet, die trans Männer erleben:
„Einmal sah ich in San Francisco eine trans Frau, die wie eine ganz normale, feminine Frau gekleidet war und auf der Straße an einem heterosexuellen Paar vorbeiging. Der Mann wandte sich an die Frau und spottete: „Hast du den ganzen Mist gesehen, den er da trägt?“ Er bezog sich dabei auf ihr Kleid, ihren Schmuck, ihr Make-up und all das. Wäre ein trans Mann vorbeigegangen, hätten sie ihn vielleicht ebenfalls dafür verspottet, dass er transgeschlechtlich ist. Aber ich bezweifle sehr, dass sie sich über seine maskuline Kleidung lustig gemacht hätten.“
Das von Serano beschriebene Phänomen zeigt sich besonders deutlich in Online-Darstellungen von trans Frauen, vor allem in Internet-Memes, in denen trans Frauen oft abwertend als maskuline Männer in femininer Kleidung dargestellt werden. Dieselben transphoben Darstellungen versuchen zudem oft zu vermitteln, dass trans Frauen unter einer Opfermentalität leiden, überreagieren und fordernd sind oder „vorgeben“, Frauen zu sein, mit der Absicht, „echte“ Frauen und/oder Kinder sexuell zu belästigen. Solche Motive sind insbesondere in der Debatte um Gesetze zur Toilettenbenutzung durch trans Personen ausgeprägt (sog. Bathroom Bills).
Erwähnenswert in der Diskussion um Transmisogynie ist auch das Konzept der Autogynophilie, einer hypothetischen und empirisch unzureichend begründeten Paraphilie, die von Ray Blanchard vorgeschlagen und von ihm als „die Neigung eines Mannes, durch den Gedanken an sich selbst als Frau sexuell erregt zu werden“ definiert wurde. Obwohl moderne wissenschaftliche Erkenntnisse die Existenz von Autogynophilie als ein Phänomen, das in Einzelfällen auftreten kann, nicht vollständig ausschließen, widersprechen sie Blanchards These, dass sie die Grundlage für die Transgeschlechtlichkeit heterosexueller trans Frauen sei. Die vorherrschende wissenschaftliche Erklärung bleibt die Inkongruenz zwischen Geschlechtsidentität und zugewiesenem Geschlecht, die für die Geschlechtsdysphorie verantwortlich ist. Dennoch wird Autogynophilie oft von Anti-LGBTQ-Hassgruppen und transphoben Autoren propagiert, um die Transidentität zu pathologisieren.
Zum Thema Autogynophilie hat Julia Serano (ehemalige akademische Biologin) gesagt: „Wenn Befürworter der Autogynophilie darauf bestehen, dass jede Ausnahme von diesem Modell auf fehlerhaften Berichten zurückzuführen ist, dann muss die Autogynophilie-Theorie mit der Begründung abgelehnt werden, dass sie nicht falsifizierbar und daher unwissenschaftlich ist. Wenn wir hingegen akzeptieren, dass diese Ausnahmen legitim sind, dann ist klar, dass die Taxonomie der Autogynophilie-Theorie mit ihren zwei Subtypen nicht zutrifft.“