Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten
Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten United Nations Relief and Works Agency for Palestine Refugees in the Near East
Organisationsart
Hilfsorganisation der Vereinten Nationen unter einem Mandat der UN-Generalversammlung
Das Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten (UNRWA, englischUnited Nations Relief and Works Agency for Palestine Refugees in the Near East) ist ein temporäres Hilfsprogramm der Vereinten Nationen (UN), das seit seiner Gründung 1949 regelmäßig um drei Jahre verlängert wurde (zuletzt im Dezember 2022). Die Hauptsitze des Hilfswerks sind in Gaza und Amman. Seit April 2026 wird UNRWA interimistisch durch den Briten Christian Saunders als Generalkommissar geleitet, zuvor von 2020 bis 2026 durch den Schweizer Philippe Lazzarini. Die Behörde hat etwa 30.000 Mitarbeiter, davon 13.000 im Gazastreifen.
Nachdem es immer wieder Vorwürfe gegen die UN-Organisation aufgrund zu großer Nähe zur Hamas gab und Israel im Januar 2024 behauptete, zwölf UNRWA-Mitarbeiter seien in den Terrorangriff auf Israel verwickelt gewesen, stellten zahlreiche Geldgeber, darunter die USA, Großbritannien, Japan, Deutschland, Österreich und die Schweiz, ihre Zusammenarbeit mit UNRWA in Gaza vorübergehend ein. Die UN entließ daraufhin neun Mitglieder der Behörde wegen einer möglichen Verwicklung in den Terrorangriff. Eine von Catherine Colonna geleitete Untersuchung kam im April 2024 zu dem Schluss, UNRWA habe eine Reihe „robuster“ Mechanismen etabliert, um die Wahrung des Neutralitätsgrundsatzes zu gewährleisten. Es gebe allerdings noch Verbesserungsbedarf; in dem Bericht hieß es außerdem, Israel habe seine Vorwürfe nicht ausreichend belegt. Mit Ausnahme der USA nahmen alle Länder die Zusammenarbeit mit UNRWA in Gaza wieder auf.
Am 22. Oktober 2025 veröffentlichte der Internationale Gerichtshof (IGH) sein Gutachten zu den Verpflichtungen Israels hinsichtlich der Präsenz und der Aktivitäten der Vereinten Nationen in den besetzten palästinensischen Gebieten, einschließlich Ostjerusalem. Darin wies der Gerichtshof die Vorwürfe Israels gegen UNRWA hinsichtlich der angeblichen Unparteilichkeit und/oder Nichtneutralität zurück und führte an, dass für die Behauptung, wonach das Hilfswerk „von der Hamas unterwandert“ sei, keine ausreichenden Beweise vorgelegt wurden. Darüber hinaus stellt der IGH fest, dass Israel verpflichtet ist, die derzeitigen Beschränkungen für die Tätigkeit der UNRWA aufzuheben und ihr die Arbeit nicht nur zu ermöglichen, sondern diese auch bestmöglich zu unterstützen. Am 29. Dezember 2025 hat das israelische Parlament, die Knesset, ein Gesetz verabschiedet, mit dem die Arbeit der UNRWA in Israel und den besetzten palästinensischen Gebieten faktisch verunmöglicht wird. Die Versorgung mit Strom, Wasser, Telekommunikations- sowie Finanz- und Bankdienstleistungen für die Organisation sollen damit künftig unterbunden werden.
Geschichte und Mandat
Zur Betreuung palästinensischer Flüchtlinge infolge des ersten Palästinakrieges wurde am 19. September 1948 der Sonderfonds United Nations Relief for Palestine Refugees (UNRPR, Hilfe der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge) eingerichtet. Das Ziel des Fonds bestand darin, Hilfsmaßnahmen zu koordinieren. Da dies jedoch nicht ausreichte, wurde UNRWA am 8. Dezember 1949 von der UN-Generalversammlung ins Leben gerufen und nahm am 1. Mai 1950 seine Arbeit auf. UNRWA hat den Auftrag, den ursprünglich rund 0,5 Millionen und inzwischen (Stand 2019) 5,5 Millionen registrierten Palästina-Flüchtlingen Unterstützung und Schutz zu gewähren. Die Tätigkeitsfelder der UNRWA umfassen Bildung, medizinische Versorgung, Hilfs- und Sozialdienste, Lagerinfrastruktur und -verbesserung, Kleinkredite, Schutz und humanitäre Hilfe. Das Mandat der UNRWA wird von der UN-Generalversammlung regelmäßig um drei Jahre verlängert.
Definition von Palästina-Flüchtling nach der UNRWA
Laut UNRWAs Definition gelten solche Personen als Palästina-Flüchtlinge, „deren ständiger Wohnsitz zwischen 1. Juni 1946 und 15. Mai 1948 in Palästina lag und die ihren Wohnsitz und ihre Lebensgrundlage durch den Arabisch-Israelischen Krieg von 1948 verloren haben“. Die UNRWA registriert auch die Nachkommen von Palästina-Flüchtlingen und adoptierte Personen. Andere Gruppen mit speziellem Status haben ebenfalls das Recht, sich registrieren zu lassen und Hilfsleistungen in Anspruch zu nehmen, solange sie sich in UNRWAs Einsatzgebieten aufhalten und die Bedürftigkeitskriterien der Organisation erfüllen. Israel zählte auch als Einsatzgebiet mit seinen etwa 100000 Palästina-Flüchtlingen (1948), davon 60000 bis 70000 Juden, wovon etwa 53000 als Binnenflüchtlinge bald an ihre Heimatorte zurückkonnten und wirtschaftlich wieder auf eigene Füße kamen, und 31000 Araber, so dass 48000 im Jahre 1949 gezählt wurden. Deren Integration verlief so erfolgreich, dass die UNWRA in Israel immer weniger Palästina-Flüchtlingen helfen musste, worauf die Regierung in Jerusalem ab 1952 die Betreuung der Flüchtlinge in Israel selbst übernahm.
Im Oktober 2023 betreute die UNRWA im Nahen Osten insgesamt rund sechs Millionen palästinensische Flüchtlinge und deren Nachkommen.
Organisation und Finanzierung
Die UNRWA unterhält Einrichtungen in Jordanien, Syrien, Libanon, dem Gazastreifen und dem Westjordanland. Das reguläre Budget belief sich im Jahr 2013 auf insgesamt etwa 587 Millionen US-Dollar. Hinzu kamen weitere 632 Millionen US-Dollar für Projekte. Das Gros der Finanzierung wird durch freiwillige Zahlungen der Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen sichergestellt.
Das Hilfswerk wurde als eine Organisation auf Zeit gegründet, die den Flüchtlingen/Vertriebenen bis zur Regelung der Palästinafrage beistehen sollte. Ihre Tätigkeit bestand zunächst in der Bereitstellung von Nothilfe, also Lebensmitteln, Unterkünften, Kleidung und der wichtigsten medizinischen Versorgung. Heute gehen mehr als die Hälfte des UNRWA-Jahreshaushaltes in die Bildung, 20% ins Gesundheitswesen und 10% in die Sozialhilfe; mit dem Rest werden die administrativen Kosten bestritten.
Der Hauptsitz des Hilfswerkes war zunächst Beirut, wurde 1978 aufgrund der Unruhen im Libanon nach Wien und 1996 weiter nach Gaza verlegt. Ein weiterer Hauptsitz existiert in Amman. An den Amtssitzen sind etwa 500 Personen beschäftigt. Der Großteil der 28.800 Bediensteten sind Palästinenser, nur 153 Dienstposten sind international besetzt.
Die Organisation sah sich durch die stetig steigende Zahl der Leistungsempfänger und mangelnde Finanzierung bereits mehrfach am Rande des Kollaps: So im November 2020, im November 2021 und in Folge des Terrorangriffs der Hamas auf Israel und der darauffolgenden Bombardierung des Gazastreifens durch die Israelische Luftwaffe im Oktober/November 2023.
2013 waren die USA mit 294 Millionen US-Dollar der größte nationale Geldgeber, gefolgt von Saudi-Arabien, das sich mit 151 Millionen US-Dollar beteiligte. Die Europäische Union beteiligte sich 2013 mit Zuwendungen in einer Gesamthöhe von 216 Millionen US-Dollar (Stand 31. Dezember 2013).
Nach Protesten u.a. der UNRWA gegen Donald Trumps Anerkennung von Jerusalem als Israels Hauptstadt kürzten die USA ihre Mittel für die UNRWA und sprachen von Plänen, Millionen Palästinensern den Flüchtlingsstatus abzuerkennen. Im August 2018 verkündeten sie das Ende ihrer Finanzierung für die UNRWA unter Hinweis auf interne Probleme der Organisation und die mangelnde Bereitschaft anderer Staaten, zur Finanzierung beizutragen. Der deutsche Bundesaußenminister Heiko Maas sprach sich daraufhin für ein höheres Engagement seitens Deutschland und der Europäischen Union aus, da ein Ausfall der Organisation eine „nicht kontrollierbare Kettenreaktion“ auslösen könne. Wenige Wochen später bot Trump laut Medienberichten den Palästinensern 5 Milliarden US-Dollar Hilfe an, damit sie an den Verhandlungstisch mit Israel zurückkehren. Die Medien berichteten auch von Kritik, Trump setze durch diese Handlungen die humanitäre Hilfe als Waffe ein. Die neue US-Regierung um Präsident Joe Biden hat 2021 die gestoppten Zahlungen wieder aufgenommen.
Deutschland beteiligte sich 2020 mit 91 Millionen Euro, die vor allem zur Ernährungssicherheit eingesetzt werden sollten. 20 Millionen Euro davon waren für die Eindämmung von Covid-19 und die Linderung der humanitären Folgen der Pandemie vorgesehen.
Liste der Generalkommissare
Howard Kennedy KanadaKanada, Mai 1950 bis Juni 1951
John Blandford Vereinigte StaatenVereinigte Staaten, Juli 1951 bis 20. März 1953
Henry Richardson Labouisse Vereinigte StaatenVereinigte Staaten 1954 bis 1958
John H. Davis Vereinigte StaatenVereinigte Staaten, Februar 1959 bis Dezember 1963
Laurence Michelmore Vereinigte StaatenVereinigte Staaten, Januar 1964 bis April 1971
John Shaw Rennie Vereinigtes KonigreichVereinigtes Königreich, April 1971 bis April 1977
Thomas McElhiney Vereinigte StaatenVereinigte Staaten, April 1977 bis April 1979
Olof Rydbeck SchwedenSchweden, Juni 1979 bis Oktober 1985
Gesamtzahl der palästinensischen Flüchtlinge und deren Nachkommen laut UNRWA (1950–2008).
Die Arbeit von UNRWA konzentriert sich auf die Bereiche:
Ausbildung
Medizinische Versorgung
Fürsorge und Sozialdienste
Lagerinfrastruktur und -verbesserung
Kleinkredite
Schutz
Humanitäre Hilfe (darunter Lebensmittelversorgung)
Bildung
Das Tätigkeitsfeld Bildung war in den ursprünglichen Plänen für UNRWA kaum vorgesehen. Als die Organisation 1949 ins Leben gerufen wurde, lag ihr Fokus primär auf kurzfristiger Nothilfe und groß angelegten Programmen zur Schaffung von Arbeitsplätzen in den Gastländern der Flüchtlinge. Die ersten Schulen wurden von Flüchtlingen selbst gegründet. Diese Schulen übernahm UNRWA und entwarf in den frühen 1950er-Jahren gemeinsam mit UNESCO die Grundprinzipien des UNRWA-Bildungsangebots. Diese beinhalteten eine Fokussierung auf primäre statt sekundäre Bildung, aus Kostengründen, und vor allem die Entscheidung, die Lehrpläne der Gastländer zu übernehmen. Dies entsprach auch den Interessen von USA und Großbritannien, damals den wichtigsten Geldgebern an UNRWA. Diese beeinflussten durch finanzielle Steuerung UNRWA dahingehend, dass es durch seine Bildungsprogramme die Integration von Flüchtlingen in ihre Gastländer erleichterte, um so ihren Wunsch nach Rückkehr in ihr Heimatland zu neutralisieren. 1954 wurde diese Praxis in einer Vereinbarung zwischen UNRWA, UNESCO und den Gastländern festgeschrieben. Auch das Büro des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen präferiert diese Praxis.
UNRWAs Bildungsprogramm wurde von den Palästinensern, die auf ihr Rückkehrrecht beharrten, deutlich besser angenommen als das Programm zur Integration in die lokalen Arbeitsmärkte. Nach einer entsprechenden Empfehlung der Generalversammlung der Vereinten Nationen wurde ab den 1960ern UNRWAs Bildungssektor unter Generalkommissar John Davis stark ausgebaut, während das ursprüngliche Arbeitsvermittlungsprogramm zurückgeschraubt wurde. Gleichzeitig wurden in diesem Zug Vocational Training Centres (VTCs) als postsekundäres Bildungsangebot eingerichtet, um stattdessen auf diesem Bildungsweg die Integration von Flüchtlingen in regionale Arbeitsmärkte (historisch besonders in den Golfstaaten) zu fördern.
1970 hatte sich der Bildungssektor zum größten finanziellen Posten UNRWAs entwickelt, Ende der 1970er floss mehr als die Hälfte von UNRWAs Finanzen in Bildung. Auf diesem Niveau blieb es in den Folgejahren; vor Ausbruch des Gazakriegs waren 53 Prozent von UNRWAs Finanzen für den Bildungssektor projiziert. In dessen Rahmen unterhielt UNRWA über 700 Schulen und beschäftigte knapp 20.000 Lehrkräfte für über 540.000 Schüler, außerdem acht VTCs zur Berufsbildung und zwei Fakultäten zur Lehrerbildung – eines der größten Schulsysteme im Nahen Osten in einem Kontext, in dem die Gastländer eine Integration palästinensischer Kinder in die inländischen Schulsysteme nicht stemmen könnten. Es ist zugleich eines der erfolgreichsten – laut einer UN-Analyse von 2025 lagen die Schulleistungen von UNRWA-Schülern konsistent über denen von Schülern mit Bürgerrechten in ihren Gastländern; die Alphabetisierungsrate in den palästinensischen Gebieten lag bei 98,2% – und kosteneffizienter als öffentliche Schulen.
Zusätzliche Bildungsangebote für Palästinenser in Gastländern in den 70ern
Die Politik, Gastland-Lehrpläne und Lehrwerke zu verwenden, ist kompliziert zu vereinbaren mit den Bedarfen der Palästinenser einerseits und dem Neutralitätsanspruch von UNRWA andererseits. Die libanesischen Lehrpläne etwa gehen nicht regelmäßig auf Geschichte und Kultur der Palästinenser ein und entsprechen oft nicht deren Lebensrealität, da sie in der libanesischen Gesellschaft keine Bürgerrechte besitzen. Nach heftigem Lobbyieren vonseiten palästinensischer Flüchtlinge im Libanon entwickelte UNRWA gemeinsam mit internationalen Wissenschaftlern wie Albert Hourani ein Zusatzangebot, das für einige Jahre zusätzlich gelehrt wurde, in den 90er-Jahren aber wieder aus dem Unterricht verschwand. Wenige weitere Jahre lang unterrichteten palästinensche Lehrkräfte dieselben Themen ersatzweise mit selbstgestalteten Materialien, bis UNRWA dies um die Jahrhundertwende im Zuge einer verschärften Neutralitätspolitik unterband. Hintergrund dieser Neutralitätspolitik waren neue palästinensische Lehrwerke.
Verwendete Lehrwerke in den palästinensischen Gebieten
In den palästinensischen Gebieten wurden bis 1967 die ägyptischen und jordanischen Lehrpläne und -werke verwendet. Nach der israelischen Besetzung 1967 behielt das israelische Militär die Kontrolle über die Bildung und zensierte nur diese ausländischen Lehrbücher. Nach Einleitung des Oslo-Prozesses ab 1994 gründete die Palästinensische Autoritätsbehörde in Partnerschaft mit der UNESCO ein Lehrplanzentrum, wo unter der Leitung von Ibrahim Abu-Lughod ein eigenes palästinensisches Curriculum entwickelt wurde. Die ersten daraus hervorgegangenen palästinensischen Lehrbücher wurden 1998 ad experimentum und dann schrittweise zwischen 2000 und 2006 an palästinensischen Schulen eingeführt.
(Pro-)israelische Kritik daran
Mit dem Start der Ausgabe der experimentellen Lehrbücher um 1998 wurde die NichtregierungsorganisationIMPACT-se gegründet, damals noch unter dem Namen Center for Monitoring the Impact of Peace. Im September 1998 lobbyierte diese das erste Mal vor dem US-amerikanischen Kongress gegen die Schulbücher. Dieser verlangte daraufhin von UNRWA, die Verwendung derselben einzustellen. UNRWA stellte klar, dass sie per Mandat verpflichtet war, die Lehrpläne der Gastländer zu nutzen, sagte aber zu, die Bücher zu prüfen, gegebenenfalls rassistischen Inhalten entgegenzuwirken und ergänzende Materialien zu produzieren.
IMPACT-se veröffentlichte in den folgenden Jahren weitere kritische Berichte über palästinensische Lehrwerke und blieb auch in den folgenden Jahrzehnten bestimmend für die Debatte um dieselben (→ IMPACT-se). Weitere frühe Kritiker waren beispielsweise die Gruppe Jews for Truth Now und die linkszionistische Organisation Israeli–Palestinian Centre for Research and Information; in späteren Jahren äußerten auch weitere pro-israelische Akteure ähnliche Kritik, etwa das Mideast Freedom Forum Berlin oder David BedeinsIsrael Resource News Agency. Kritische Autoren ordnen dies ein als Kampagne (pro-)israelischer Lobby- und Interessengruppen, bei der Berichte über palästinensische Lehrpläne und -werke genutzt würden, um Druck auf PA und UNRWA auszuüben und Finanzhilfen zu konditionieren.
Zu den gelegentlich auf einzelne Vorstöße folgenden Debatten in der politischen Arena äußerte der seit den frühen 2000ern am Diskurs beteiligte Politikwissenschaftler Nathan J. Brown 2018 die These, die tatsächlichen Inhalte der Bücher seien dabei grundsätzlich irrelevant: israelische Politiker erhöben Vorwürfe, ohne sie zu kennen, westliche Politiker erhöben sie, um ihrer Unterstützung für Israel Ausdruck zu verleihen, ausländische Diplomaten nähmen gleichfalls ohne Kenntnis der Inhalte regelmäßig nur israelische Behauptungen für bare Münze.
Neutralitätsmaßnahmen von UNRWA
UNRWA veröffentlichte unterdessen ab 1999 ein ergänzendes Programm für Menschenrechte, Konfliktlösung und Toleranz, das UN-Werte systematisch in den Unterricht integrieren soll. Laut UNRWA-Angestellten wurde dieses Ergänzungsprogramm in den folgenden Jahren noch ausgebaut.
Zusätzlich entwickelte UNRWA eine Methode, problematische Passagen in neu aufgelegten Lehrwerken möglichst schnell identifizieren zu können. Dieser sogenannte „Rapid Review“-Prozess wird jedes Semester durchgeführt, um sicherzustellen, dass die Lehrbücher mit UN-Werten und UNESCO-Standards übereinstimmen. Beispielsweise novellierte die PA 2016/2017 ihre Lehrpläne und überarbeitete auch palästinensische Lehrbücher. Während die jüngste wissenschaftliche Untersuchung dieser Lehrbücher, eine 2021 veröffentlichte und von der Europäischen Union beauftragte und finanzierte Studie des Georg-Eckert-Instituts, zum Schluss kam, diese neuen Lehrbücher genügten UN-Standards und legten einen starken Fokus auf Menschenrechte, identifizierte UNRWA zwischen 2015 und 2017 nach dieser Methode rund drei Prozent Inhalte, die nach ihrem Urteil UN-Standards nicht entsprachen (2025 berichtete Roland Friedrich, der UNRWA-Direktor im Westjordanland, bei der letzten aktuelleren Prüfung habe UNRWA etwa fünf Prozent der Inhalte als problematisch identifiziert). 2017 reagierte UNRWA auf solche Inhalte noch mit dem Entfernen oder Schwärzen von Seiten und dem Verteilen von Ersatzmaterial, was palästinensische Lehrkräfte jedoch mit Streiks beantworteten.
Ab 2022 setzte UNRWA daher verstärkt auf den „Critical Thinking Approach“. Dieser pädagogische Ansatz soll Lehrer befähigen, problematische Passagen durch UNRWAs Zusatzmaterialien und gezielte Diskussionen im Unterricht kritisch aufzuarbeiten. Der 2024 veröffentlichte Colonna-Bericht bestätigte, dass sämtliche von NGOs identifizierte kritische Stellen in von UNRWA verwendeten Lehrbüchern durch diesen Ansatz systematisch adressiert werden. Die beiden UNRWA-Forscherinnen Anne Irfan und Jo Kelcey urteilten, IMPACT-se ignoriere bei seiner Kritik bewusst diese Maßnahmen, mit denen UNRWA selbst gegen unneutrale Stellen in PA-Lehrbüchern vorgehe.
Palästinensische konkurrierende Bildungsangebote
Auch nach UNRWAs Wechsel zu einer verschärften Neutralitätspolitik entwickelten palästinensische Lehrkräfte bisweilen Eigenitiativen, um nationales Wissen durch clandestine Unterrichtseinheiten in den Unterricht zu integrieren. Dies barg für die Lehrer das Risiko beruflicher Suspendierungen, da UNRWA, die solche Aktivitäten nun als Verstoß gegen das strikte Neutralitätsgebot wertete, restriktiv auf derartige Initiativen reagierte. Yafa el-Masri berichtet von jüngeren Initiativen wie dem Al-Naqab Centre im libanesischen Flüchtlingslager von Burj el Barajneh, in dem diese Schwierigkeit durch zusätzliche Bildungsangebote durch Freiwillige abseits von UNRWA-Schulen ausgeglichen werden soll. Rosemary Sayigh sammelt einige weitere NGOs, die Kinderbücher oder -TV-Shows über palästinensische Geschichte als non-formale Bildungsangebote jenseits des Schulwesens produzieren.
Medizinische Versorgung
UNRWA stellt nach eigenen Angaben die grundlegende medizinische Versorgung für 3,5 Millionen Patienten durch ein Netzwerk medizinischer Zentren und mobiler Ambulanzen sicher. Im Nahen Osten betreibt die UNRWA mehr als 140 Gesundheitszentren. Jedes Jahr bewältigen die medizinischen Mitarbeiter der UNRWA mehr als 9 Millionen Patientenbesuche. Zudem bezuschusst das Hilfswerk den Zugang einkommensschwächerer Palästina-Flüchtlinge zur medizinischen Sekundär- und Tertiärversorgung. Flüchtlingen/Vertriebenen, die der stationären Behandlung bedürfen, stehen Betten in 42 öffentlichen und privaten Krankenhäusern zur Verfügung, die von UNRWA subventioniert werden.
Fürsorge- und Sozialdienste
Diese Unterstützung konzentriert sich auf die ärmsten Flüchtlinge. Dies schließt die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln, finanzielle Unterstützung wie auch wenn nötig die Unterbringung mit ein.
Die UNRWA betreute 2013 ca. 292.000 Fürsorgeempfänger (special hardship cases) in der Flüchtlings-/Vertriebenengemeinde. Weiterhin werden etwa 22.000 Familien im Gaza-Streifen und dem Westjordanland mit Nahrungsmitteln versorgt. Allein im Gaza-Streifen waren das 2009 etwa 750.000 Menschen. Die Zahl erhöhte sich stetig weiter, im November 2012 wurden rund 800.000, im Sommer 2014 rund 830.000 Menschen im Gaza-Streifen von der UNRWA mit Lebensmitteln versorgt. 2016 erhielten allein im Gaza-Gebiet 970.000 Personen zeitweise verschiedene Formen von UNRWA-Unterstützung. Im Mai 2019 erhielten mehr als eine Million Personen UNRWA-Lebensmittelhilfen.
Kleinkredite
Seit 1991 vergibt UNRWA Kredite an Einzelunternehmer und Kleinbetriebe. Über das Kleinkreditprogramm der UNRWA wurden Darlehen im Wert von über 420 Millionen Euro gewährt.
Lagerinfrastruktur und -verbesserung
UNRWA sorgt für die Renovierung von Unterkünften und die Verbesserung der Infrastruktur und der Lebensbedingungen in den 58 Lagern der Gastländer für Palästina-Flüchtlinge.
Humanitäre Hilfe
In Krisenzeiten leistet die UNRWA humanitäre Hilfe (Geld, Lebensmittel, Unterbringung), die an die Bedürfnisse der Flüchtlinge angepasst ist, vor allem in Syrien und in dem besetzten palästinensischen Gebiet. Wenn nötig setzt sie mobile Kliniken ein, eröffnet neue medizinische Versorgungsstellen und erhöht die Bezuschussung und Bereitstellung der Sekundär- und Tertiärversorgung.
Kritik
Flüchtlingsstatus
2009 kritisierte das Washington Institute for Near East Policy die Ausweitung der Definition der UNRWA für einen „Palästina“-Flüchtling. Während die Agentur anfangs die Enkelkinder von Flüchtlingen offenbar nicht als Flüchtlinge betrachtete, sind heute alle Nachkommen väterlicherseits registrierungsberechtigt – sogar Personen, deren Verbindung zum Flüchtlingsstatus recht vage sei. So hätten z. B. Frauen, die früher mit registrierten Flüchtlingen verheiratet waren und auch legal von Flüchtlingen adoptierte Kinder Anspruch auf UNRWA-Leistungen.
Die linke israelische Politikwissenschaftlerin Einat Wilf veröffentlichte 2020 gemeinsam mit Adi Schartz mit Der Kampf um Rückkehr. Wie die westliche Nachsicht für den palästinensischen Traum den Frieden behindert hat ein Buch, in dem sie das „Recht auf Rückkehr“ als Kern des israelisch-palästinensischen Konflikts benannte, da es das Ende jüdischer Selbstbestimmung und eines souveränen israelischen Staates implizieren würde.
Im Dokumentarfilm Unraveling UNRWA aus dem Jahr 2025 von Duki Dror wurden von Wilf und verschiedenen anderen Interviewpartnern ähnliche Vorwürfe erhoben. Der palästinensische Politikwissenschaftler und Friedensaktivist Mohammed Dajani Daoudi sagte in dem Film zum jahrzehntelangen Flüchtlingsstatus der Palästinenser: „Wer in ein Abhängigkeitsverhältnis hineinwächst, wird es nicht mehr los.“
Andererseits wird eingewandt, dass die Vererbung des Flüchtlingsstatus an die nächste Generation den immer noch staatenlosen Palästinensern bis zur Schaffung einer dauerhaften Lösung einen gewissen Schutz gewährleiste. Auch wurde das kritisierte „Recht auf Rückkehr“ nicht von der UNRWA festgelegt, sondern durch die Resolution 194 der UN-Generalversammlung. Birthe Tahmaz folgerte 2021 in einem Dossier für die Bundeszentrale für politische Bildung: „Behauptungen, UNRWA verstetige den Konflikt und mit der Auflösung der Organisation erübrige sich automatisch das Problem der Palästina-Flüchtlinge, sind kaum haltbar“.
Beziehung zur Hamas und anderen islamistischen Gruppen
2004 äußerte UNRWA-Generalkommissar Peter Hansen, dass gewiss auch Hamas-Mitglieder bei der UNRWA angestellt seien, dass ihm dies aber unproblematisch scheine, da es sich bei Hamas um eine politische Organisation handle, bei der „mitnichten jedes Mitglied militant“ sei. Von der Agentur Reuters zitierte UN-Offizielle sprachen davon, dass er nach einer „langen Kampagne“ vonseiten der USA und Israels gegen seine Person daraufhin gezwungen gewesen sei, seinen Posten zu verlassen. In den folgenden Jahren wurde der UNRWA wiederholt von Israel vorgeworfen, Hamas profitiere von ihrer Arbeit.
Im August 2023 protestierte die UNRWA gegen die Anwesenheit von bewaffneten Kämpfern islamistischer Gruppen in einigen ihrer Schulen und anderen Einrichtungen und drohte, ihre Arbeit im Libanon einzustellen.
Stand 2023 erreichen die für palästinensische Flüchtlinge vorgesehenen Hilfsgüter und finanziellen Mittel der UN, die über die UNRWA im Gazastreifen verteilt werden, auch die Terrororganisation Hamas. Nach Angaben des Washington Institute for Near East Policy ist die UNRWA relativ machtlos gegen Praktiken der Hamas, Einrichtungen der UNRWA für eigene Zwecke zu nutzen; Hamas überwache „jegliche Geschäftsbewegung und auch humanitäres Business im Gazastreifen.“ Die UNRWA verurteilte mehrfach die Nutzung von Räumen durch die Hamas. Nach eigenen Angaben entdeckte das israelische Militär unterhalb der UNRWA-Zentrale einen Tunnel mit einem Datenzentrum der Hamas. Die UNRWA gab an, nichts davon gewusst und das Gebäude ohnehin schon länger nicht mehr genutzt zu haben.
Waffenfunde 2014
Während des Gaza-Konflikts 2014 dienten 85 (wegen Schulferien seit Anfang Juni geschlossene) UNRWA-Schulen als „ausgewiesene Notunterkünfte“ („Designated Emergency Shelters“) und wurden daher regelmäßig von UNRWA-Angestellten inspiziert, um ihre Neutralität sicherzustellen. In zwei Fällen entdeckten die Inspekteure dabei Mörser, in einem dritten Fall war möglicherweise eine weitere Waffe in einer Schule gesehen worden. Nach dem ersten Fund erhöhten Inspekteure daraufhin ihre Inspektionsfrequenz, in zwei dieser Fälle verurteilte UNRWA öffentlich die Lagerung von „Raketen“ in UNRWA-Einrichtungen.
Nach dem ersten Waffenfund am 16. Juli beschossen die Israelischen Verteidigungskräfte (IDF) ab 17. Juli mehrere andere UNRWA-Schulen im Gaza-Streifen, in denen keine vergleichbaren Waffenfunde dokumentiert worden waren; darunter fünf, die als Notunterkünfte ausgewiesen worden waren (21-22. Juli: Maghazi Preparatory Girls School; 23. Juli: Deir El Balah Preparatory Girls School; 24. Juli: Beit Hanoun Elementary School; 28./29. Juli: Zaitoun Preparatory Girls School; 30. Juli: Jabalia Elementary Girls School).
Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch kritisierten das Lagern von Waffen in Schulen und das Bombardement ebensolcher. Vonseiten der UNRWA ging über die beiden oben genannten Pressemeldungen hinaus vor allem ein Videointerview zum Thema mit UNRWA-Sprecher Christopher Gunness viral, in dem dieser Israel unter Tränen vorwarf, Palästinensern und ihren Kindern grundlegende Rechte vorzuenthalten. Israels Botschafter Ron Prosor forderte daraufhin seinen Rücktritt.
Waffenfunde und das Bombardement von Schulen wurden im Sommer 2014 von einem Untersuchungsausschuss aufgearbeitet. Von UNRWA forderte dieser in seinem Abschlussbericht das Erlassen standardisierter Abläufe, wie UN-Personal im Falle von Waffenfunden vorzugehen habe. Stand 2024 sehen diese Abläufe vor, im Falle eines Waffenfunds öffentlich zu protestieren und umgehend die betroffene Nation, Spender und andere Stakeholder zu informieren.
Antisemitismus
2017 veröffentlichte die israelnahe NGO UN Watch einen Bericht über 40 Fälle, in denen Lehrer an UNRWA-Schulen in Gaza, Libanon, Jordanien und Syrien auf ihren Facebook-Seiten „zu jihadistischem Terrorismus und Antisemitismus aufgerufen“, den Holocaust geleugnet oder Hitler gefeiert hätten.
2018 gab die UNRWA Schülern im Gazastreifen für Proteste gegen die Anerkennung Jerusalems als Israels Hauptstadt durch die USA zwei Tage lang schulfrei, um ihnen und UNRWA-Mitarbeitern die Teilnahme an den Protesten an der Grenze zwischen dem Gazastreifen und Israel zu ermöglichen. Zudem hätten „UNRWA-Angestellte und -Schüler während der Sommerferien an Waffentrainings mit scharfer Munition teilgenommen“. Das jüdische Simon Wiesenthal Center platzierte diese Ereignisse auf Platz fünf der schlimmsten antisemitischen Vorfälle des Jahres.
Unzureichende Versorgung 2016
2016 musste die UNRWA wegen eines Haushaltslochs Kürzungen bei der medizinischen Fürsorge ankündigen. Als kurze Zeit später dem 23-jährigen Omar Kudeir die medizinische Behandlung seiner angeborenen Bluterkrankung aus Kostengründen verwehrt wurde und dieser sich daraufhin zum Protest anzündete und starb, brachen unter palästinensischen Flüchtlingen heftige Proteste gegen diese Kürzungen aus.
Fehlverhalten in der Leitungsebene 2019
Ein interner Bericht der UNRWA-Abteilung für Ethik vom Juli 2019 warf leitenden Angestellten aus einem inneren Zirkel um Generalkommissar Pierre Krähenbühl Machtmissbrauch, Vetternwirtschaft und die Unterdrückung von abweichenden Meinungen vor. Namentlich wurden in dem Bericht neben Krähenbühl auch dessen frühere Stellvertreterin Sandra Mitchell, der frühere Personalchef Hakam Shahwan und Krähenbühls Beraterin Maria Mohammedi genannt. Daraufhin setzten die Schweiz, Belgien, die Niederlande und Neuseeland ihre finanzielle Unterstützung aus.
Am 6. November 2019 trat der Generalkommissar Krähenbühl zurück.
Vorwurf der Verwicklung in den Terrorangriff auf Israel 2023
Ende Januar 2024 übermittelte Israel der UNRWA Informationen über eine Beteiligung von zwölf Mitarbeitern – die UNRWA hat insgesamt 32.000 Mitarbeiter – am Terrorangriff der Hamas im Oktober 2023. In den folgenden Monaten erhoben verschiedene israelische Stellen ähnliche noch umfassendere Anschuldigungen mit jeweils unterschiedlichen Zahlen dazu, wie viele UNRWA-Mitarbeiter Beziehungen zur Hamas hätten: Ebenfalls noch im Januar, 10% aller UNRWA-Mitarbeiter hätten direkte Verbindungen und 49% über Familienmitglieder indirekte Verbindungen zu Terrororganisationen; im Februar, 12% der 13.000 UNRWA-Mitarbeiter im Gazastreifen seien selbst Mitglieder bei Hamas oder anderen militanten Gruppen; im März, dasselbe gelte für 450 UNRWA-Mitarbeiter. Zuletzt veröffentlichte die israelische Botschaft in Deutschland am 11. Juli 2024 eine Pressemitteilung mit dem Titel „Pressemitteilung: Hunderte UNRWA-Mitarbeiter als Terroristen identifiziert“ und dem Untertitel „Israel hat 100 UNRWA-Mitarbeiter identifiziert, die gleichzeitig in der Hamas aktiv sind.“
Zudem waren nach israelischen Angaben drei getötete Geiseln in einem Tunnel unter einem UNRWA-Gebäude gefunden worden und die Mutter einer freigelassenen Geisel hatte ausgesagt, diese sei während ihrer Gefangenschaft im Gazastreifen für eine gewisse Zeit in Einrichtungen der UNRWA festgehalten worden. In beiden Fällen teilte UNRWA mit, sie habe zum betreffenden Zeitpunkt die jeweilige Region und Gebäude bereits verlassen müssen, und forderte eine unabhängige Untersuchung dieser möglichen Missbräuche von UN-Einrichtungen.
UN-Generalsekretär António Guterres zeigte sich nach dem ersten Vorwurf entsetzt über die Nachricht, dass mehrere UNRWA-Mitarbeiter in die Terroranschläge in Israel verwickelt sein könnten, und drohte den Betroffenen mit strafrechtlichen Konsequenzen, sollte die Untersuchung ihre Beteiligung an den Attacken ergeben. Die Beschuldigten wurden noch vor einer Prüfung der Vorwürfe umgehend entlassen. Nach einer mehrmonatigen Ermittlung durch die Office of Internal Oversight Services (OIOS), bei der noch sieben weitere Mitarbeiter mit-überprüft worden waren, ließ sich bei keinem Mitarbeiter eine Beteiligung nachweisen, aber der Vorwurf auch nicht bei jedem Mitarbeiter ausräumen. Bei neun Mitarbeitern, die „beteiligt gewesen sein könnten“, blieben die Kündigungen bestehen. Bei einer gleichzeitigen Überprüfung der Neutralitätsstrukturen von UNRWA beurteilte eine unabhängige Prüfgruppe unter der Leitung von Catherine Colonna im sog. „Colonna-Bericht“, Israel habe keine Belege für seine Sammel-Vorwürfe vorgelegt und die Strukturen von UNRWA zur Sicherstellung der Neutralität von Angestellten seien „robust“. Probleme hätten sich gezeigt bei (1) Mitgliedern, die ihre politischen Ansichten öffentlich äußerten, (2) Schulbüchern (s.o.) und (3) politisierten Gewerkschaften, die UNRWA-interne operationelle Abläufe störten. Für diese Probleme wurden mehrere Maßnahmen zur Nachbesserung der Strukturen empfohlen; UNRWA kündigte an, dass sie diese umsetzen werde.
In der Zwischenzeit hatten mehrere Staaten und Staatenverbünde ihre Zahlungen an UNRWA eingestellt – darunter die Hauptgeber USA, EU und Deutschland –, andere Länder ihre Beiträge dafür erhöht: 1 Million Euro im Fall von Portugal, 3,5 Millionen Euro im Fall von Spanien sowie 20 Millionen Euro im Fall von Irland. Spätestens nach Veröffentlichung des Colonna-Berichts waren auch von den meisten der erstgenannten Staaten(verbünde) die Zahlungen wieder aufgenommen worden, zuletzt von Großbritannien im Juli 2024. Bedeutende Ausnahmen sind die USA, die Zahlungen an UNRWA zunächst bis 2025 auf Eis gelegt hatten und dann ganz strichen, und die Schweiz, die nach zwischenzeitlicher Wiederaufnahme der Zahlungen dieselben für die Region Palästina im September 2024 erneut aussetzte.
Dagegen stufte die Knesset, das israelische Parlament, im Oktober 2024 UNRWA als „Terrororganisation“ ein und verbot ihr ab 2025 durch die Verabschiedung mehrerer Gesetze mit großer Mehrheit die Tätigkeit auf israelischem Staatsgebiet. Der UN-Sicherheitsrat forderte in einer einstimmigen Stellungnahme, das Arbeitsverbot für UNRWA rückgängig zu machen, und warnte vor schwerwiegenden humanitären Folgen für Millionen palästinensischer Flüchtlinge.
Im Oktober 2025 übernahm der Internationale Gerichtshof in einem Rechtsgutachten die Einschätzungen der UN-Untersuchungen, in keinem Fall der überprüften Einzel-Anschuldigungen durch Israel habe sich eine Beteiligung von UNRWA-Mitarbeitern am Angriff vom 7. Oktober 2023 nachweisen lassen; bei den Sammel-Anschuldigungen sei Israel Nachweise schuldig geblieben. Die umgehende Reaktion durch UNRWA auf die Vorwürfe und die Ergebnisse der beiden Untersuchungen erwiesen die israelischen Anschuldigungen als substanzlos; UNRWA könne weiterhin als „neutrale Organisation“ gelten und Israel sei verpflichtet, dem Hilfswerk, das sich als „unersetzbar“ erwiesen habe, weiterhin die Erfüllung seiner Aufgaben zu ermöglichen.
Vorwurf der Folter von UNRWA-Mitarbeitern durch Israel
Laut einem Bericht der UNRWA vom Februar 2024 haben israelische Beamte UN-Mitarbeiter festgenommen und gefoltert, um sie zu zwingen, fälschlicherweise zu behaupten, dass Mitarbeiter der Agentur an dem Angriff vom 7. Oktober beteiligt waren. Die Foltervorwürfe stammten von Mitarbeitern, die angaben, unter Folter und Misshandlung Geständnisse abgelegt zu haben, darunter „Schläge, Schlafentzug, sexueller Missbrauch und Drohungen mit sexueller Gewalt gegen Männer und Frauen“ in israelischer Haft. Gefangene berichteten, dass sie bis auf ihre Unterwäsche entkleidet und vollständig nackt gezwungen wurden.
Im März 2024 berichtete die UNRWA von „unzähligen“ dokumentierten Fällen von Folter in israelischen Gefängnissen, darunter Schläge und sexuelle Übergriffe. Die UN erklärten, dass Israel ihre Mitarbeiter gefoltert habe, um erzwungene Geständnisse zu erhalten. In einem Bericht vom April 2024 erklärte die UNRWA: „Männliche Opfer berichteten von Schlägen an ihre Genitalien, während ein Gefangener angab, gezwungen worden zu sein, auf eine elektrische Sonde zu sitzen.“
In einer Erklärung sagte der Kommunikationsdirektor der UNRWA: „Wenn der Krieg zu Ende ist, müssen eine Reihe von Untersuchungen eingeleitet werden, um alle Verstöße gegen die Menschenrechte zu untersuchen.“ Die Israelischen Verteidigungsstreitkräfte erklärten, sie untersuchten „Beschwerden über unangemessenes Verhalten“.
Als Reaktion auf den Bericht verurteilte die Weltorganisation gegen Folter Israel und erklärte: „Sowohl Folter als auch die Verwendung solcher Informationen verstoßen gegen die UN-Konvention gegen Folter“.
Dokumentarfilme
2025: Unraveling UNRWA Dokumentarfilm von Duki Dror (1 Stunde und 30 Minuten)
2025: UNRWA – eine Hilfsorganisation auf Zeit: Dokumentarfilm von Nicolas Wadimoff und Lyana Saleh (1 Stunde und 12 Minuten, Online bei ARTE und TV5 Monde)
Literatur
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↑Zu diesem Anliegen von USA und Großbritannien vergleiche auch Jalal Al Husseini:UNRWA and the Refugees: A Difficult but Lasting Marriage. In: Journal of Palestine Studies. Band40, Nr.1, 2010, S.6–26,hier13, doi:10.1525/jps.2010.xl.1.006. Anne Irfan:UNRWA Funding is Burdened with Conditionality. In: The Cairo Review. Spring 2024 (thecairoreview.com). Jo A. Kelcey:Discursive Legacies: The Politics of International Assistance to UNRWA's Education Program, 1950-2000. In: Mario Novelli (Hrsg.): The Geopolitics of Education in Conflict-Affected Contexts. Understanding International Assistance and Intervention. Palgrave Macmillan, Cham 2026, ISBN 978-3-032-18259-3, S.149f.
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↑Zur Gesamtsituation vergleiche ähnlich Monisha Bajaj, Jazzmin C. Gota, David A. Tow:UNRWA and the Education of Palestinian Refugees: An Interview with Anne Irfan. In: International Journal of Human Rights Education. Band8, Nr.1, 2024, S.1–29,hier10f. (usfca.edu). Rosemary Sayigh:What HIstory Books for Children in Palestinian Camps?In:Jadaliyya.7.Juli 2014,abgerufen am 1.Juli 2026.
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