

Ulrich Bauche (* 19. April 1928 in Hamburg; † 23. Dezember 2020 in ebenda) war ein deutscher Kulturhistoriker und Volkskundler, Hauptkustos von 1966 bis 1992 am Museum für Hamburgische Geschichte, Honorarprofessor der Universität Hamburg, Lehrbeauftragter ab 1969 am Institut für Volkskunde. Veröffentlichungen zur Sozial- und Kulturgeschichte, zur Arbeiterbewegung und zu jüdischen Lebenswelten wurden von ihm herausgegeben.
Ulrich Bauche wurde in Hamburg-Hamm geboren, wuchs dort auf und besuchte ab 1935 die Schule Burgstraße. Er ist der Sohn des Graphikers und Widerstandskämpfers Wilhelm Bauche und von Gertrud Mendel, der Tochter des damaligen hamburgischen Senators und Vorstandsmitgliedes des Konsum-, Bau- und Sparvereins „Produktion“, Max Mendel. Wie der Großvater Max Mendel betätigte sich auch der Vater aktiv in der SPD. Doch mit dem zunehmenden Einfluss völkischer, nationalistischer Kräfte begannen sich im „roten“ Hamburg die Verhältnisse zu ändern. Auch der Rücktritt von Max Mendel nach vierjähriger Zugehörigkeit aus dem Senat am 20. Juni 1929 ließ dies erkennen.
Der mit der Zuständigkeit für die Finanzdeputation einflussreiche SPD-Senator war in den Monaten zuvor von verschiedenen Seiten wegen seiner gemeinwirtschaftlichen Aktivitäten im Vorstand des Konsum-, Bau- und Sparverein „Produktion“, aber auch wegen seiner jüdischen Herkunft, angegriffen worden. Mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten begann für die Familie von Ulrich Bauche ein Prozess zunehmender Entrechtung und Ausgrenzung. Dem wenige Jahre zuvor hoch angesehenen Großvater wurden schrittweise die Pensionen gekürzt und schließlich gestrichen. Er starb 1942 im Ghetto Theresienstadt. Dem nichtjüdischen Vater wurde 1935 aufgrund seiner Ehe mit einer Jüdin die Lehrbefugnis für Kunstgeschichte entzogen. Noch im November wurde er aufgrund seiner Mitgliedschaft in einem Widerstandskreis der SPD verhaftet und in das KZ Fuhlsbüttel eingewiesen. Da der Vater wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu zwei Jahren und neun Monaten Gefängnis verurteilt wurde, wuchs Ulrich Bauche die folgenden Jahre bis zu seinem 10. Lebensjahr ohne den Vater an seiner Seite und mit dem Stigma des sogenannten „Halbjuden“ auf. Die Wohnung der Familie in Hamburg-Hamm wurde 1943 durch Bomben zerstört. Im gleichen Jahr musste er auch die Realschule verlassen und arbeitete ungelernt als kaufmännische Hilfskraft.
Ab 1945 konnte Ulrich Bauche wieder die Schule besuchen und sein Abitur erreichen. Im November 1945 schloss er sich der Landesorganisation Hamburg der FDJ an. Ab 1950 besuchte er an den Universitäten in Leipzig, Münster und Hamburg Lehrveranstaltungen in Volkskunde, Kunstgeschichte, Philosophie, Wirtschafts- und Sozialgeschichte sowie Psychologie. 1964 promovierte er im Fach Volkskunde mit einer Doktorarbeit, die den Titel trug: „Landtischler, Tischlerwerk und Intarsienkunst in den Vierlanden unter der beiderstädtischen Herrschaft Lübecks und Hamburgs bis 1867“.
Das interdisziplinäre Herangehen und das umfassende Interesse an historischen Entwicklungen kam Ulrich Bauche auch in seiner Tätigkeit als Kustos und Oberkustor am Museum für Hamburgische Geschichte sehr zugute, die er 1966 nach einer Museumsassistentenzeit in Dortmund antrat. In den fast drei Jahrzehnten seines Schaffens im Museum trug er ganz wesentlich dazu bei, dass sich dessen Profil von einem vereinzelte Exponate vergangener Jahrhunderte präsentierenden Stadtgeschichtsmuseum hin zu einem kontextualisierenden gesellschaftliche Entwicklungen erklärenden und hinterfragenden Ort historisch-politischen Lernens entwickelte.
Es entstanden international beachtete sozialgeschichtliche Ausstellungen zur Geschichte und Kultur der Arbeiterbewegung, der Frauen und der Juden in Hamburg. Besondere Aufmerksamkeit fand die große Werkschau „Vorwärts und nicht vergessen - Arbeiterkultur in Hamburg um 1930“. Diese 1982 auf dem Kampnagel-Gelände gezeigte Ausstellung, an der Ulrich Bauche mitwirkte, machte kurze Zeit später bundesweit Furore und wurde zum Ausgangspunkt heftiger Auseinandersetzungen, als sie nach Interventionen des DGB nicht bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen ausgestellt werden durfte.
Seinerzeit herrschte ein erbitterter ideologischer Streit über die Frage, wer für das Versagen der Arbeiterbewegung angesichts der Gefahr des heraufziehenden Nationalsozialismus die Verantwortung trage. Ulrich Bauche war in jenen Jahren ein wichtiger Mittler zwischen den staatlichen Institutionen und der sich formierenden Bewegung der Geschichtswerkstätten. Er war Geburtshelfer und Gründer sowohl für das Museum der Arbeit als auch für die KZ-Gedenkstätte Neuengamme. Bis ins hohe Alter organisierte hat er die Museumsfahrten der Freunde des Museums der Arbeit. Engagiert begleitete er die Errichtung der Gedenkstätten Fuhlsbüttel und Plattenhaus Poppenbüttel.
Doch nicht nur die Inhalte öffneten sich mit ihm von der stadtgeschichtlichen Herrschaftsperspektive hin zur Geschichte der Stadt und ihrer Bewohner. Durch seine gewerkschaftliche Orientierung trug er in den 1980er Jahren mit der Schaffung der Museumsräte als Organe, die Leitung, Museumswissenschaftler und gewählte Vertreter aus der Gruppe der Restauratoren, des technischen und Verwaltungspersonals vereinte, wesentlich zur Demokratisierung der Museumslandschaft bei. Für Ulrich Bauche war der Museumsrat gelebte Demokratie und Teilhabe, berichtete sein früherer Mitarbeiter Wilfried Weinke in seiner Laudatio. Ulrich Bauche war seit dem 1. April 1965 Mitglied der Gewerkschaft, heute ver.di.

Trotz seiner beruflichen Belastungen setzte sich Ulrich Bauche zusammen mit seiner Frau Renate und seiner Mutter Gertrud Bauche für gesellschaftliche Belange ein – zum Beispiel im Rahmen der Friedensbewegung als aktiver Teilnehmer an den Ostermärschen.
Bauches publizistisches und wissenschaftliches Werk ist zahlreich. Die von ihm verfassten, herausgegebenen oder für das Museum vorgelegten 55 Schriften sind im Gemeinsamen Bibliotheksverbund (GBV) ausgewiesen.
2012 wurde er mit der Herbert-Weichmann-Medaille für sein wissenschaftliches Wirken zum Thema „Jüdische Lebenswelten in Hamburg“ ausgezeichnet.
Am 10. April 2019 wurde ihm vom Verein für Hamburgische Geschichte die renommierte Lappenberg-Medaille überreicht. Die Laudatio hielt Wilfried Weinke.
Ulrich Bauche war verwitwet und hatte drei Söhne. Er verstarb im Alter von 92 Jahren und wurde im Ehrenfeld der Geschwister-Scholl-Stiftung auf dem Friedhof Ohlsdorf beigesetzt.
Volkskunde: Tischlerhandwerk
Hamburger Bürgermilitär
Juden in Hamburg
Veränderung Hamburgs
Jüdische Mitstreiter in der Arbeiterbewegung
Arbeiterbewegung
Museum der Arbeit
Verfolgung und Widerstand – familiengeschichtliche Anknüpfungspunkte: Familie
Großvater Max Mendel
Vater
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Bauche, Ulrich |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Kulturhistoriker und Volkskundler |
| GEBURTSDATUM | 19. April 1928 |
| GEBURTSORT | Hamburg |
| STERBEDATUM | 23. Dezember 2020 |
| STERBEORT | Hamburg |