Urophilie, auch Urolagnie oder Undinismus genannt, ist eine Form der Paraphilie mit einer sexuellen Vorliebe für Urin. Dabei wird der Prozess des Urinierens oder der Urin selbst als erotisch und sexuell stimulierend erlebt. Auch Urophagie, der Lustgewinn durch orale Aufnahme von Urin (Harntrinken), kann damit verbunden sein. Eine Variante ist die Abgabe des Urins in die Vagina oder in den Anus (Rektum, Enddarm) der empfangenden Person.
Sprache
„Urophilie = Lust am Harnlassen.“ „Urolagnie [uron Harn, lagnos wollüstig] = Lustgewinn beim Zuschauen des Harnlassens des anderen Geschlechts.“ Die „Urolalie [ist das] Fluchen mit Wörtern aus dem Harnbereich“.
Wörtlich übersetzt bedeutet altgriechisch Urophagie das Essen von Urin. Das Trinken von Urin heißt Uropotie (lateinisch potare = trinken). Der Fachbegriff Urodipsie (altgriechisch δίψα dípsa = Durst) bedeutet „Urindurst“ oder „Verlangen nach Urin“.
In der Szene sind auch die Bezeichnungen Natursekt (oftmals auch mit „ns“ abgekürzt), Watersports, Pissing, Peeing, Golden Shower, Golden-Waterfalls und Wet-Games verbreitet.
Das Gegenwort ist Urophobie mit den Bedeutungen „krankhafte Angst vor dem Wasserlassen“ und „nervöse Angst, in ungeeigneten Momenten (oder in Gegenwart anderer Personen) Wasserlassen [sic: richtig wäre: Wasser lassen] zu müssen.“
Die Bezeichnung Undinismus ist nach der Undine, einem weiblichen Wassergeist, gebildet. Havelock Ellis wählte 1919 den Namen in Anspielung auf die Verbindung von Wasser (lateinisch unda = Welle) und Miktion.
Nach der medizinisch-psychologischen Definition kann die Urophilie unspezifisch als Störung der Sexualpräferenz in der ICD-10 unter der Schlüsselnummer F65.9, den Nicht näher bezeichneten Störungen der Sexualpräferenz, eingruppiert werden. Eine Verbindung kann mit Koprophilie oder Koprophagie bestehen, die sich auf den Umgang beziehungsweise die Aufnahme von Fäzes (sogenanntem „(Natur-)Kaviar“) beziehen.
Im Rahmen der sexualmedizinischenDiagnostik werden solche Störungen aber erst dann als pathologisch und behandlungsbedürftig verstanden, wenn der Fetisch als vollständiger Ersatz für die partnerschaftliche Sexualität dient, die sexuelle Befriedigung ohne Verwendung des Fetischs erschwert ist oder unmöglich erscheint und bei dem Betroffenen dadurch ein entsprechender Leidensdruck entsteht (Paraphile Störung).
„Die Urolagnie [ist] die sexuelle Lust am Harntrinken oder am Besudeltwerden mit dem Urin des Partners. Variante der Exkrementophilie.“
„Die Urophilie [ist] das pathologische Interesse an Harn und Harnen (auch im Sinne der Urolagnie). Urolagnie [ist eine] seltene, als Masochismus oder Fetischismus eingestufte sexuelle Perversion mit Lusterzeugung durch Zusehen beim Urinieren oder durch Trinken, Schmecken oder Berühren (auch als Guß) des Urins der geliebten oder einer anderen Person.“
Verbreitung
Die Praktiken können von allen Menschen ausgeübt werden. Wenige Menschen outen sich als urophil; verlässliche wissenschaftliche Quellen zur statistischen Verteilung fehlen. Neuere Untersuchungen zur Häufigkeit des Wunsches „unüblicher“ sexueller Spielarten ordnen die Praktik als unüblich (<15,9%), aber nicht selten (<2,3%) ein.
Aus medizinischer Sicht ist der Umgang mit frischem Urin von gesunden Menschen in der Regel unproblematisch. Die geringe Bakterienkonzentration im Urin rührt von in der Harnröhre lebenden Bakterien her; diese Bakterien sind für gesunde Menschen meist harmlos und nicht pathogen.
Vom Kontakt zu gelagertem Urin wird wegen der rasch einsetzenden Verkeimung der Flüssigkeit dringend abgeraten.
Es ist möglich, sich durch die Aufnahme von Urin eines kranken Menschen mit Krankheiten anzustecken. Ein besonderes Risiko bildet die Infektion mit Hepatitis A; dieses Virus wird bei der Aufnahme fremden Urins in höherer Konzentration übertragen.
Sexuelle Praktiken mit Urin sind laut der Deutschen AIDS-Hilfe „unbedenklich, was HIV angeht (solange kein Blut im Spiel ist)“. Das AIDS-auslösende HI-Virus (HIV) „wurde zwar auch in Urin, Kot, Speichel, Schweiß und Tränenflüssigkeit nachgewiesen, jedoch nur in sehr geringer Menge, die für eine Ansteckung nicht ausreicht“.
Bei einer Blasenentzündung (Zystitis) besteht bei diesen Praktiken akute Infektionsgefahr. Urin von kranken Menschen und solchen, die regelmäßig Medikamente einnehmen, sollte nicht konsumiert werden. Ein Gespräch mit einem Allgemeinarzt oder auch einem spezialisierten Urologen kann abklären, ob der Konsum des Urins eines Menschen, der bestimmte Krankheiten hat oder Medikamente nimmt, unbedenklich ist.
In der Kunst tritt die Beschreibung und Darstellung von urinierenden Personen über die Jahrhunderte und verschiedenen Stile hinweg auf. Rembrandt schuf beispielsweise die Zeichnung einer urinierenden Bauersfrau und auch Picasso verwendet entsprechende Motive in einigen seiner Bilder. In der erotischen Fotografie war dieses Sujet von Anfang an mit vertreten.
In der erotisch-belletristischen und pornographischen Literatur wird der Akt des Urinierens dargestellt. Unter anderem beschreibt Marquis de Sade in dem Werk Die 120 Tage von Sodom die Urophilie. Als demütigendes Element für Opfer erscheint das Urinieren auch in anderen Zusammenhängen. Ein Beispiel hierfür ist eine gewalttätige Szene aus dem Buch Die Jury von John Grisham, in der die Täter nach der Tat auf ihr Opfer urinieren. Frank Zappa beschreibt im Lied Bobby Brown (Goes Down), dass der Protagonist Bobby Brown eine Vorliebe für Golden Shower hat. Golden Shower ist auch der Name eines Titels auf dem Album Skills in Pills der Band Lindemann sowie der österreichischen Gruppe Ilsa Gold.
Urophilie und BDSM
Urophilie und Urophagie per se sind keine BDSM-Praktiken. Urin hat aber im Kontext des BDSM – sofern es als Praktik zum Einsatz kommt – eine mehrschichtige Bedeutung. Der Sexualwissenschaftler Raymond Denson unterscheidet beispielsweise als Untergruppen der Urophilie auch den Urosadismus und den Uromasochismus. Allen Bedeutungen ist die Demonstration der Überlegenheit und/oder Kontrolle des dominanten Partners (Top) gegenüber dem kontrollierten Partner (Bottom) gemein. Dies reicht vom gegenseitigen expliziten Einverständnis (consensual) bis hin zum Erzwingen der Umsetzung als Sexualpraktik durch den dominanten Partner.
Darüber hinaus bestehen verschiedene Zielsetzungen der Umsetzung von Sexualpraktiken mittels Urin:
Demütigung – die offensichtliche Demonstration der Unterlegenheit oder Hilflosigkeit des kontrollierten Partners.
Objektifizierung – der kontrollierte Partner wird auf die Funktion eines Gegenstandes (hier: das Urinal) reduziert.
Belohnung – im Sinne einer klassischen Belohnung, entweder weil der kontrollierte Partner dies als luststeigernde Praktik wahrnimmt oder weil der kontrollierte Partner die Möglichkeit erhält, etwas Persönliches (hier: den Urin) vom kontrollierenden Partner zu erhalten.
Kontrolle – die beim kontrollierten Partner herbeigeführte Harnverhaltung bzw. Kontrolle der Exkretion durch den kontrollierenden Partner.
Hanky Code
Im bei manchen Homosexuellen gebräuchlichen „Hanky Code“ steht ein gelbes Taschentuch (Stofftaschentuch; englisch: handkerchief, kurz: hanky) für Urophilie. Die Hosentasche, in der es getragen wird, gibt Aufschluss über die näheren Vorlieben hinsichtlich dieser Praktik, wobei die linke Gesäßtasche für den aktiven Urophilen steht („Urin spenden“), analog die rechte Gesäßtasche für den passiven Partner („Urin empfangen“).
↑Andreas Marneros: Enzyklopädie der eponymen Syndrome und Begriffe in Psychiatrie und Klinischer Psychologie.Springer-Verlag, Berlin / Heidelberg 2019, S. 263–265, DOI:10.1007/978-3-662-58624-2_21. Springer gibt bei Urophilie ausdrücklich an: „Synonym Urolagnie, seltener → Undinismus.“
↑Lutz Mackensen: Das moderne Fremdwörter-Lexikon. 3. Auflage, VMA-Verlag, Wiesbaden 1971, Nachdruck 1988, S. 516.
↑Andreas Marneros: Die forensische Bedeutung der progredienten Form der Perversion. Zitat: „Uropotie (sexueller Gewinn durch Trinken von Urin)“. In: Jörg-Martin Jehle, Dieter Rössner (Hrsg.): Kriminalität, Prävention und Kontrolle. Kriminalistik-Verlag, Heidelberg 1999. urn:nbn:de:bsz:21-dt-56865
↑Susanne Weismüller, Richard P. Baum, Andreas Ernst Zöller, Gustav Hör: Intestinale Anreicherung von 99mTc-HMDP: Ein ungewöhnlicher Befund bei der Skelettszintigraphie. In: Nuklearmedizin. Band 33, Nr. 2, 1994, S. 142–144. PMID 8177758. Zitat: „orale Urin-Inkorporation (»Uropotie«)“.
↑Peter Diederichs: Zur Psychosomatik der Miktion. In: Psychosomatische Gynäkologie und Geburtshilfe 1993/94. Springer, Berlin / Heidelberg 1994, ISBN 978-3-540-57685-3, S.49–58.
↑Richard W. Roukema:What Every Patient, Family, Friend, and Caregiver Needs to Know About Psychiatry. American Psychiatric Pub, Inc., 2003, ISBN 1-58562-110-2, S.133.
↑Nele de Neef, Violette Coppens, Wim Huys, Manuel Morrens:Bondage-Discipline, Dominance-Submission and Sadomasochism (BDSM). In: Sexual Medicine. Band7, Nr.2, Juni 2019, S.129–144, doi:10.1016/j.esxm.2019.02.002, PMID 30956128, PMC6525106(freier Volltext).
↑Christian C. Joyal, Amélie Cossette, Vanessa Lapierre:What Exactly Is an Unusual Sexual Fantasy? In: The Journal of Sexual Medicine. Band12, Nr.2, Februar 2015, ISSN1743-6095, S.328–340, doi:10.1111/jsm.12734.
↑Miyabi Inoue, Yuki Sekiguchi, Noriko Ninomiya, Tomoko Kobayashi, Motoo Araki: Enhanced visualization of female squirting. In: International Journal of Urology. Band 29, Nr. 11, 2022, S. 1368–1370. DOI:10.1111/iju.15004.
↑Maurizio Serati, Stefano Salvatore, Stefano Uccella, Antonella Cromi, Vik Khullar, Linda Cardozo, Pierfrancesco Bolis: Urinary Incontinence at Orgasm: Relation to Detrusor Overactivity and Treatment Efficacy. In: European Urology. Band 54, Nr. 4, 2008, S. 911–917. DOI:10.1016/j.eururo.2007.11.008.
↑Martin Krebs: Der menschliche Harn als Heilmittel. Verlag Marquardt & Cie, Stuttgart 1942, 109 Seiten. Zitiert nach: Carmen Thomas: Ein ganz besonderer Saft – Urin. vgs Verlagsgesellschaft, Bertelsmann Club, Köln 1993, S. 135.
↑Christian Franz Paullini: Neu-Vermehrte Heylsame Dreck-Apothecke, Wie nemlich mit Koth und Urin Fast alle, ja auch die schwerste, gifftigste Kranckheiten und bezauberte Schäden vom Haupt biß zu den Füssen, inn- und äusserlich, glücklich curirt worden. Friedrich Daniel Knoche, Frankfurt am Main 1697. Spätere, stark vermehrte Ausgaben erschienen mehrfach; seit 1714 auch zweibändig.
↑Wolfgang Schneider: Über Paullinis „Dreckapotheke“. In: Veröffentlichungen der Internationalen Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie. Neue Folge, Band 26, 1965, S. 131–138.
↑Anne-Christin Lux: Die Dreckapotheke des Christian Franz Paullini. In: Rainer Alsheimer, Roland Weibezahn (Hrsg.): Körperlichkeit und Kultur 2004. Interdisziplinäre Medikalkulturforschung. Dokumentation des 7. Arbeitstreffens des „Netzwerk Gesundheit und Kultur in der volkskundlichen Forschung“, Würzburg, 31. März bis 2. April 2004. Bremen 2005 (= Volkskunde & Historische Anthropologie, Band 10), S. 41–66.
↑Raymond Denson: Undinism: The Fetishization of Urine. In: The Canadian Journal of Psychiatry. Band 27, Nr. 4, Juni 1982, S. 336–338. DOI:10.1177/070674378202700414. PMID 7104947.
↑D. Richard Laws, William T. O’Donohue:Sexual Deviance: Theory, Assessment, and Treatment. Guilford Press, 1997, ISBN 1-57230-241-0, S.427–428.
↑Felice Newman:The Whole Lesbian Sex Book. Cleis Press Inc., 2004, ISBN 1-57344-199-6, S.258,sieheTabelle.
Dieser Artikel behandelt ein Gesundheitsthema. Er dient weder der Selbstdiagnose noch wird dadurch eine Diagnose durch einen Arzt ersetzt. Bitte hierzu den Hinweis zu Gesundheitsthemen beachten!