Unterbrechergetriebe

Funktionsweise des Unterbrechergetriebes

Das Unterbrechergetriebe ist eine Koppelung zwischen Propellerwelle und Maschinengewehr (MG) eines Jagdflugzeuges, die dafür sorgt, dass der Feuerstoß des so synchronisierten Maschinengewehres unterbrochen wird, wenn ein Geschoss aus dem MG ein vor der Mündung vorbeiziehendes Propellerblatt treffen würde.

Aufgabenstellung

Um dem Piloten das Beheben von Ladehemmungen zu ermöglichen, die Schussrichtung des MGs parallel zur Visierlinie des Piloten auszurichten und das Gewicht von Waffe und Munition nah am Schwerpunkt zu konzentrieren, kam es bei den ersten Jagdflugzeugen darauf an, die Bewaffnung unmittelbar vor dem Cockpit zu platzieren. Da einmotorige Flugzeuge mit Zugpropeller die effektivste Bauform für Jagdflugzeuge waren, musste das Maschinengewehr den Propellerkreis durchschießen können, ohne den laufenden Propeller zu beschädigen.

Technische Lösungen vor dem Unterbrechergetriebe

Bei diesem italienischen Caproni-Bomber musste der Schütze im Flug auf den Benzintank steigen, um das MG zu bedienen.
Eine solche mit Geschossabweisern ausgerüstete Morane Parasol fiel den deutschen Truppen im April 1915 in die Hände

Da eine technische Lösung dafür nicht existierte, griffen im Ersten Weltkrieg Kampfflieger zu folgenden, zum Teil sehr waghalsigen oder ungewöhnlichen Verfahren:

Mit diesen Verfahren hatten die Alliierten Anfang 1915 die Luftherrschaft an der Front gewonnen; ihnen waren immer mehr unbewaffnete und damit wehrlose deutsche und österreichisch-ungarische Flugzeuge zum Opfer gefallen, so dass die taktische Luftaufklärung in der Tiefe des gegnerischen Luftraums nahezu unmöglich wurde. Trotzdem erwiesen sich alle genannten Verfahren als behelfsmäßig und wenig effizient. Um ein Durchschießen des Propellerkreises im frontalen Angriff auf ein Feindflugzeug zu ermöglichen, wurde ein Unterbrechergetriebe benötigt, das Motor und MG synchronisierte.

MG-Synchronisation

Funktionsweise eines Maschinengewehr-Abzugs an einem Propellerflugzeug, bei dem das Gewehr durch den Propellerkreis feuert
Fokker E.I mit Oberursel U.0 Sieben-Zylinder-Umlaufmotor und der Nocken-Stangen-Einheit des Synchronisationsgetriebes an der Bugwand
MG 08/15 mit Unterbrechergetriebe, ausgestellt im Deutschen Museum in München

Die gefährlichsten, zum Frontalangriff tauglichen Jagdflugzeuge mit starrem, vorwärts feuerndem MG waren französische Morane-Saulnier-Einsitzer, bei denen der Propeller mit Geschossabweisern aus Stahlblech gegen Treffer geschützt wurde. Seit Anfang 1915 machte u. a. die so ausgerüstete Staffel Escadrille M.S. 23 an der Westfront ungehindert Jagd auf deutsche Flugzeuge. Am 19. April 1915 geriet jedoch der bekannte französische Vorkriegs-Kunstflieger Roland Garros, der bereits fünf Abschüsse erzielt hatte, mit einer so ausgerüsteten Morane-Saulnier L über Courtrai in deutsches Abwehrfeuer. Garros musste bei Ingelmunster auf deutscher Seite notlanden, sein Flugzeug wurde umgehend nach Berlin geschafft. Eigene Versuche der deutschen Luftstreitkräfte, Ablenkbleche an einem deutschen Flugzeugpropeller anzubringen, erwiesen sich bei der Beschussprüfung wegen der Durchschlagskraft der deutschen Stahlmantelgeschosse als untauglich.

Anton Fokker und andere Konstrukteure wurden zur Untersuchung der Morane eingeladen und erhielten den Auftrag, die Maschine zu kopieren oder nachzubauen. Helmuth Förster, Hauptmann und Adjutant des Feldflugchefs, übergab Fokker ein Parabellum-MG und Munition. Fokkers Ingenieure Heinrich Lübbe, Curt Heber und Carl Leimberger griffen auf Patente von August Euler und des Ingenieurs Franz Schneider von der Luftverkehrsgesellschaft (LVG) zurück. Sie konstruierten eine mechanische Synchronisation, die über eine Nockenscheibe den Abzug des Parabellum-MGs mit der rotierenden Motorwelle und dem fest auf der Welle montierten Propeller verbindet und den MG-Abzug nur auslöst, wenn ein Propellerblatt die Feuerlinie gerade wieder freigegeben hat. Fokker rüstete umgehend einen der gerade in seinem Werk produzierten A.III-Einsitzer mit dem synchronisierten MG aus, hängte das Flugzeug an seinen Sportwagen, fuhr von Schwerin nach Döberitz und führte seine Erfindung am 19. oder 20. Mai 1915 dem Generalstab persönlich vor.

Kurz darauf lieferte Fokker bereits seine neuen Jagdeindecker an die Front, deren Einsatz nicht nur bis Anfang 1916 der deutschen Seite die Luftherrschaft erkämpfte („Fokker-Plage“), sondern auch die Jagdfliegerei revolutionierte.

Weiterentwicklung

Das mechanische Unterbrechergetriebe besaß den Nachteil, durch die Verzögerung zwischen Unterbrechung und Fortsetzung des Feuerstoßes die Kadenz der synchronisierten Bordwaffen spürbar zu verringern. Dieser Nachteil wurde erst in den späten 1930ern durch die Einführung von elektrisch gezündeten Patronen, die einen Zündimpuls von einem vom Triebwerk angetriebenen Zündmagneten erhielten, auf ein Minimum reduziert. Diese Technologie wurde im Zweiten Weltkrieg von den deutschen Jagdflugzeugen verwendet und diente zur Synchronisierung von Maschinengewehren und Bordkanonen.

Ab den 1930er Jahren war es im Flugzeugbau aufgrund tragfähigerer Metallkonstruktionen auch möglich, Bordgeschütze in den Tragflächen unterzubringen, wodurch hier die Notwendigkeit einer Synchronisation entfiel. Weiterhin wurden auch Konstruktionen verwendet, bei denen die Läufe großkalibriger Waffen durch die Propellernabe hindurch gelegt wurden (z. B. Messerschmitt Bf 109 ab Variante F, Jakowlew Jak-3, Bell P-39).

Mit der Einführung von Strahlflugzeugen entfiel mit den Propellern auch das Bedürfnis nach Synchronisation. Modernere militärische Flugzeugtypen mit Propellerantrieb weisen entweder zwei Triebwerke in den Flügeln auf (Rockwell OV-10, FMA IA 58) oder sind mit konvergierenden Bordwaffen bzw. Aufhängepunkten für Waffenbehälter außerhalb des Propellerkreises ausgerüstet (Douglas A-1, Soko J-20 Kraguj, Embraer EMB 312).

Literatur

Commons: Unterbrechergetriebe – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise und Anmerkungen

  1. ↑ Patent DE248601: Flugzeug mit Maschinengewehr. Angemeldet am 24. Juli 1910, Erfinder: August Euler.‌
  2. ↑ Die k.u.k. Luftfahrtruppen hatten im August 1914 bereits mit entsprechend im Beobachtercockpit angebrachten leichten MGs experimentiert, jedoch litten die Flugeigenschaften der zu leistungsschwachen Flugzeuge unter dem zusätzlichen Gewicht des MG so sehr, dass die Versuche abgebrochen wurden. Nachdem 1915 jedoch leistungsfähigere Motoren verfügbar waren, wurden die britischen B.E.2a oder der deutschen Aviatik C.I entsprechend ausgerüstet.
  3. ↑ vgl. die französischen SPAD A-Typen, die allerdings bei den Besatzungen sehr unbeliebt waren und vorwiegend von der wenig wählerischen russischen Fliegertruppe eingesetzt wurden
  4. ↑ z. B. die britischen Sopwith Tabloid oder Bristol Scout, die französische Nieuport 11 oder die russische Mosca MB
  5. ↑ z. B. die französischen Morane-Saulnier L und N oder in Einzelfällen die die britischen Sopwith Tabloid und S.E.2
  6. ↑ Fokkers Flugzeuge ähnelten der Morane: General Erich von Falkenhayn, Leiter der Obersten Heeresleitung, hatte Fokkers Flugvorführungen 1914 persönlich beobachten können
  7. ↑ Patent DE248601: Flugzeug mit Maschinengewehr. Angemeldet am 24. Juli 1910, Erfinder: August Euler.‌
  8. ↑ Patent DE276396C: Abfeuerungsvorrichtung für Schußwaffen auf Flugzeugen. Angemeldet am 15. Juli 1913, veröffentlicht am 10. Juli 1914, Erfinder: Franz Schneider.‌
  9. ↑ Flugsport, VI. Jahrg., Nr. 20/1914, S. 804 ff.
  10. ↑ Als Chefingenieur der LVG hatte Schneider bereits einige Monate vorher den zweisitzigen Eindecker LVG E.I mit durch ein Unterbrechergetriebe synchronisiertem MG gebaut, dieser war aber auf dem Weg zur Fronterprobung verloren gegangen. Dass Fokker das Getriebe innerhalb von 48 Stunden entwickelt habe, ist offensichtlich eine Legende, zumal er von Waffentechnik nach eigenem Bekunden keine Ahnung hatte. Daneben soll Fokker später erzählt haben, er habe in der französischen Morane ein ausgekoppeltes Synchronisationsgetriebe vorgefunden (vgl. Frank T. Courtney: Flight Path, London 1973). Diese Version kann nicht ausgeschlossen werden, denn neben den russischen Ingenieuren Poplawko und Smyslow-Dybowskij hatte auch Raymond Saulnier in Frankreich ein solches Getriebe für das Hotchkiss-MG gebaut, das Louis Peyret 1914 bereits den Militärbehörden vorgestellt hatte, seine Bemühungen waren jedoch daran gescheitert, dass die französische Munition zu ungleichmäßig zündete.
  11. ↑ Rudolf Sichelschmidt: Willy Stuckmann – Pilot im Ersten Weltkrieg: Ein Pionier der Luftfahrt. 1. Auflage. edition fischer, Bielefeld 2012, ISBN 978-3-86455-685-2, S. 35.