Ute Nyssen

Ute Nyssen (* 2. April 1934 in Düsseldorf; † 25. Juni 2026 in Köln) war eine deutsche Germanistin, Verlagslektorin und Bühnenverlegerin. Gemeinsam mit Jürgen Bansemer hat sie 1981 den Kölner Theaterverlag Ute Nyssen & J. Bansemer gegründet und ihn bis 1999/2000 geführt.

Vita und Werk

1934 in Düsseldorf geboren, verbrachte Ute Nyssen ihre Kindheit während des Zweiten Weltkriegs ohne ihre Eltern auf dem Lande, bei Verwandten in Westfalen. In den 1950er Jahren studierte sie Schauspiel, zunächst in Düsseldorf, dann zwei Jahre am Max Reinhardt Seminar in Wien, brach dieses Studium jedoch ab, um 1957 als Schauspielerin an das Düsseldorfer Schauspielhaus, anschließend an das Landestheater Neuss zu gehen. Hierauf folgte ein Studium der Germanistik und Kunstgeschichte sowie ein Promotionsstudium, das sie 1961 mit ihrer Dissertation über Die Struktur von Raum und Zeit bei Brentano, besonders in dessen Rheinmärchen, an der FU Berlin abgeschlossen hat.

Lektorin bei Kiepenheuer & Witsch

Der Verleger Joseph Caspar Witsch stellte Ute Nyssen 1963 in der Theaterabteilung des Verlags Kiepenheuer & Witsch als Lektoratsassistentin von Rudolf Jürgen Bartsch ein. Sie sollte eine von Marianne Kesting und Tankred Dorst herauszugebende Theaterliteratur-Buchreihe betreuen. Als für sie maßgeblich anregende Lektoratskollegen hat sie Renate Matthaei und Dieter Wellershoff benannt. 1964 und 1965 zur Wahrnehmung eines Harkness-Fellowships an der Yale University in den USA beurlaubt, lernt sie dort die zeitgenössische Pop Art schätzen. Nach ihrer Rückkehr wird sie die Leiterin der Theaterabteilung von K&W.

Erste theaterverlegerische Erfolge erzielt sie seit Mitte der 1960er Jahre mit Anleihen aus dem „rebellischen englischen Theater“, so mit Was ist an Tolen so sexy von Ann Jellicoe, dem Fußballstück Zicke Zacke von Peter Terson und mit Ende der Vorstellung 24 Uhr von John McGrath. Ute Nyssens programmatische theaterästhetische Ausrichtung in den Jahren der Protestbewegung hat sie als „Radikales Theater“ bezeichnet. In den beiden unter diesem Titel 1969 und 1973 herausgegebenen Bänden mit Stücken wie Ficknam von Tuli Kupferberg oder Wechselstrom/Gleichstrom von Heathcote Williams strebt sie ein „unangepaßte[s] Theater [an], das unsere Gesellschaft – und das heißt deren Herrschaftsverhältnisse – nicht bloß bestätigt. Ein Postulat also […] offensiver und subversiver Irritation unserer Gesellschaft durch das Theater.“ Für dieses Programm steht als deutschsprachiger Autor zunächst vor allem Wolfgang Bauer mit seinem Drama Magic Afternoon ein. Nyssen vertritt Bauer nicht nur theaterverlegerisch, sondern bringt seine frühen Stücke 1969 auch in einem K&W-pocket-Band heraus, für das sie ein Nachwort verfasst.

Bemerkenswerte weitere von Nyssen in den Verlag geholte Autoren und Werke sind Elfriede Jelinek und Ernst Jandl. Ex post hat sie sich als „verlegerisches Verdienst“ zugutegehalten, diese Trias „herausragende[r] österreichische[r] DramatikerInnen“ – Bauer, Jelinek, Jandl – entdeckt und zum Theatererfolg gebracht zu haben. Ihre Beziehung zu Elfriede Jelinek datiert von 1976, sie betreut sie ab deren Debütstück, Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte (1977); später wird sie die frühen Theaterstücke der Autorin auch als Buch herausbringen und ihr zum Heinrich-Böll-Preis verhelfen. Die technisch anspruchsvolle Zusammenarbeit mit Ernst Jandl konzentriert sich auf dessen Aus der Fremde (1979).

Ute Nyssen wirkt 1971 an der von Alice Schwarzer initiierten Aktion Wir haben abgetrieben! mit.

Jürgen Bansemer

Anfang der 1970er Jahre tritt Ute Nyssens langjähriger Lebensgefährte Jürgen Bansemer (1933–2006) als Lektor und Übersetzer in die Theaterabteilung von Kiepenheuer & Witsch ein. Als sie sich Mitte der 1950er Jahre kennenlernten, war Bansemer Lektor und Übersetzer im Karl Rauch Verlag. Dort kündigte er 1964, um mit einem Stipendium der Studienstiftung an der FU Berlin Germanistik zu studieren. Er wurde Mitbegründer der im Wintersemester 1967/68 ausgerufenen „Kritischen Universität“, überdies 1968 AStA-Sprecher der FU.

Theaterverlag Ute Nyssen & J. Bansemer

1981 verlassen Ute Nyssen und Jürgen Bansemer Kiepenheuer & Witsch, um im September des Jahres einen eigenen Theaterverlag zu gründen. Der überwiegende Teil der Autoren folgt ihnen in den neuen Verlag, den sie als „eine der ersten bundesdeutschen Adressen in der Szene“ etablieren. Werke von Lina Wertmüller, Woody Allen, Eric Rohmer, Jérôme Savary, Elfriede Jelinek, Tankred Dorst, Heinar Kipphardt, Christoph Marthaler und vielen anderen prominenten Autoren gehören zum Theaterverlags-Katalog. – 1983 gerät der Verlag im Zusammenhang mit einer Aufführung von Heinar Kipphardts Bruder Eichmann in heftige polemische Diskussionen: Das Kölner Schauspielhaus bestand auf der Streichung einiger, etwa auf den Vietnamkrieg bezogener, sogenannter „Analogieszenen“ zu den im Stück behandelten NS-Verbrechen; wohingegen der Theaterverlag die vom Verfasser verlangte Werktreue zu wahren wusste. – Sehr erfolgreich waren Frank Günthers Shakespeare-Übersetzungen. Auch Jürgen Bansemer hat viele Übersetzungen beigesteuert; er hat u. a. an Elfriede Jelineks Übertragung von Eugène Labiches Die Affäre Rue de Lourcine (1988) mitgearbeitet.

Mit der Anthologie 15 Jahre Theaterverlag Ute Nyssen & J. Bansemer Köln repräsentieren sie 1996 ihre verlegerische Leistung. Aber 1999 erblindet Jürgen Bansemer und das „blühende Unternehmen“ muss aufgegeben werden.

Jürgen Bansemer & Ute Nyssen Dramatiker Preis

Nach Bansemers Tod 2006 stiftete Ute Nyssen 2007 den mit 15.000 € dotierten, seit 2008 jährlich vergebenen Jürgen Bansemer & Ute Nyssen Dramatiker Preis. Preisträger waren Juli Zeh (2008), Ivan Wyrypajew (2009), Marie N'Diaye (2010), Lina Majdalanie und Rabih Mroué (2011), Kevin Rittberger (2012), Thomas Arzt (2013), Rayhana (2014), Constanze Behrends (2015), Mpumelelo Paul Grootboom (2016), René Pollesch (2018), Caroline Guiela Nguyen (2019), Martin Crimp (2021), Wolfram Lotz (2022) – zuletzt 2024 Lolita Lax und Jean Peters für ihr Stück Geheimplan gegen Deutschland (über das Treffen von Rechtsextremisten in Potsdam 2023).

Ute Nyssen pflegte einen „gediegen-großbürgerlichen Lebensstil“; ihre letzten Lebensjahre verbrachte sie jeweils zur Hälfte in Köln-Marienburg und in Paris.

Werke (Auswahl)

Herausgaben mit Nachworten

Anthologie

Ute Nyssen, Jürgen Bansemer: 15 Jahre Theaterverlag Ute Nyssen & J. Bansemer Köln. Eine Anthologie. Theaterverlag Ute Nyssen & J. Bansemer, Köln 1996.

Autobiografie

Literatur

Einzelnachweise

  1. ↑ Traueranzeige der Familie.
  2. ↑ Meldung auf nachtkritik.de, 29. Juni 2026.
  3. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 Nyssen: Ist′s vorüber, lacht man drüber, 2025.
  4. 1 2 Möller: Dem Glücksrad in die Speichen greifen, 2015, S. 338.
  5. ↑ Nyssen: Nachwort. In: Radikales Theater, 1969, S. 134.
  6. ↑ Im Programmheft der Freien Volksbühne Berlin unter dem Titel „Resignation und Terror“ abgedruckt (Theater Freie Volksbühne 3-1969/70: Wolfgang Bauer | Magic Afternoon, unpag.).
  7. ↑ „Dramatikerpreis für das Stück Geheimplan gegen Deutschland.“ In: Theatergemeinde Köln, Montag, 6. Mai 2024.
  8. ↑ Schwering: Die große Dame des modernen Dramas, 2026.
  9. ↑ Vgl. auch Ute Nyssen: Zu den eisigen Höhen des Ruhms. Über den Vertrieb einiger Theaterstücke von Elfriede Jelinek. In: Sprache im technischen Zeitalter 44 (2006), S. 399–416.
Personendaten
NAME Nyssen, Ute
KURZBESCHREIBUNG deutsche Theaterverlegerin
GEBURTSDATUM 2. April 1934
GEBURTSORT Düsseldorf
STERBEDATUM 25. Juni 2026
STERBEORT Köln